Die Experimentelle Verhaltensanalyse (englisch Experimental Analysis of Behavior, EAB) ist eine von B. F. Skinner begründete naturwissenschaftliche Forschungstradition, ursprünglich innerhalb der Psychologie, inzwischen umfasst die Forschung auch Fragestellungen der Biologie, Medizin und den Wirtschaftswissenschaften. Basierend auf der Wissenschaftstheorie des Radikalen Behaviorismus untersucht die Experimentelle Verhaltensanalyse die funktionalen Zusammenhänge zwischen dem Verhalten von Tieren und Menschen und der Umwelt. Sie bildet den grundlagenwissenschaftlichen Aspekt der Verhaltensanalyse.

Grundlagen Geschichte Die Experimentelle Verhaltensanalyse wurde durch die wissenschaftliche Pionierarbeit von B. F. Skinner begründet. Als Meilenstein in der Entwicklung der Experimentellen Verhaltensweisen gilt die Veröffentlichung von Skinners Werk The Behavior of Organisms: An Experimental Analysis im Jahr 1938, in welchem er die Grundlagen des operanten Lernens und seine Auswirkungen auf Organismen schilderte. Ausgehend von Skinners Arbeiten wurden weltweit Laboratorien gegründet, um das Verhalten von Organismen zu untersuchen. Eines der bekanntesten war das „Harvard Pigeon Lab“ das Skinner 1948 an der Harvard University begründete. Ebenfalls 1948 fand die erste Konferenz über die Experimentelle Verhaltensanalyse in Bloomington statt. 1949 erschien Paul Fullers Artikel „Operant Conditioning of a Vegetative Human Organism“, der wohl erste Artikel, der sich mit operantem Konditionieren an menschlichen Probanden beschäftigte.

1958 wurde die Fachzeitschrift Journal of the Experimental Analysis of Behavior gegründet, die als das wichtigste Publikationsorgan im Bereich der Experimentellen Verhaltensanalyse gilt. 1968 folgte die Gründung des Journal of Applied Behavior Analysis, welches sich mit der Umsetzung der Erkenntnisse aus der Experimentellen Verhaltensanalyse in die Praxis als Angewandte Wissenschaft beschäftigt.

Heute sind die meisten Verhaltensanalytiker weltweit in der Association for Behavior Analysis International zusammengeschlossen, von der auch eine europäische Sektion (European Association for Behaviour Analysis) existiert.

Die im Rahmen der Experimentellen Verhaltensanalyse entwickelten Techniken und Erkenntnisse (z. B. Skinner-Box) werden auch in anderen wissenschaftlichen Bereichen wie Biologie oder Medizin eingesetzt.

Ziele Die Experimentelle Verhaltensanalyse beschäftigt sich mit den funktionalen Zusammenhängen zwischen dem Verhalten von Menschen und Tieren und der Umwelt. Ziel ist es, Verhalten zu beschreiben, zu erklären, vorherzusagen und zu kontrollieren. Ein Begriff, um dieses Ziel zu beschreiben, ist „funktionaler Kontextualismus“. Verhalten kann nur verstanden werden durch die Funktion des Verhaltens und in welchem Kontext das Verhalten auftritt.

Induktiver Ansatz Methodologisch verfolgt die Experimentelle Verhaltensanalyse einen datenbasierten induktiven Ansatz, d. h., Verhaltensanalytiker versuchen theoretische Prinzipien aus den per Experiment gewonnenen Daten zu ziehen. Dieses Vorgehen bedeutet nicht, dass der Verhaltensanalytiker vor dem Experiment keinerlei Vermutungen über den Ausgang des Experimentes hätte. Allerdings verzichtet die Experimentelle Verhaltensanalyse auf die deduktiv-mathematische Ableitung von formalen Theorien, wie sie etwa von Clark Hull vertreten wurde.

Unterschiede zu anderen experimentalpsychologischen Ansätzen Die Experimentelle Verhaltensanalyse nimmt unter den psychologischen Forschungstraditionen eine gewisse Sonderrolle ein. Diese Unterschiede zu vielen anderen psychologischen Ansätzen äußern sich sowohl im Untersuchungsgegenstand als auch in Methodologie.

Die meisten psychologischen Experimente haben hypothetische mentale Konstrukte (z. B. Willen, Einstellungen usw.) zum Gegenstand. In der Experimentellen Verhaltensanalyse spielen diese hypothetischen Konstrukte keine entscheidende Rolle. Verhalten soll ohne Rückgriff auf hypothetische Konstrukte erklärt werden. Dies wird manchmal missverstanden in dem Sinne, die Verhaltensanalyse leugne innerpsychische Prozesse. Dies ist unzutreffend. Auch innere Ereignisse wie Denken oder Problemlösen sind für die Verhaltensanalyse Beispiele für Verhalten. Diese werden als private Ereignisse bezeichnet, da sie prinzipiell nur von einer einzigen Person wahrnehmbar sind. Allerdings wird kritisiert, dass in der Verhaltensanalyse zwar die Validität privater Ereignisse bejaht wird, diese anderseits in der Praxis weitgehend ignoriert werden.

Wichtige Prinzipien Die Experimentelle Verhaltensanalyse hat in ihrer Geschichte einige fundamentale Prinzipien entdeckt, ohne die ein Verständnis der Forschungen im Rahmen der Experimentellen Verhaltensanalyse schwerfällt.

Funktion und Topografie von Verhalten Eine wichtige Unterscheidung in der Experimentellen Verhaltensanalyse betrifft die zwischen Topografie des Verhaltens und seiner Funktion.

Die Funktion des Verhaltens beschreibt den Zusammenhang zwischen Verhalten und einem Umweltereignis. Beispielsweise stellt das Hebeldrücken einer Ratte in einer Skinner-Box einen funktionalen Zusammenhang dar. Die Ratte drückt den Hebel (das konkrete Verhalten) und erhält eine Futterpille (das Umweltereignis). Man kann nun beobachten, dass die Ratte den Hebel öfter betätigen wird, wenn sie dafür jedes Mal eine Futterpille erhält, sie wird dafür verstärkt. Es besteht eine funktionale Relation zwischen dem Hebeldrücken und dem Auswerfen einer Futterpille. In der Verhaltensanalyse werden Verhaltensweisen, welche dieselbe Funktion haben, zu Funktionsklassen zusammengefasst.

Die Topografie des Verhaltens beschreibt das von außen beobachtbare Verhalten. Etwa ob die Ratte den Hebel mit einer Pfote oder mit beiden Pfoten betätigt.

Für die Experimentelle Verhaltensanalyse sind meistens die Funktionen von Verhalten und die daraus abgeleiteten Funktionsklassen von größerem Interesse als die Topografie des Verhaltens. Mit Hilfe der funktionalen Zusammenhänge lässt sich gegenwärtiges und zukünftiges Verhalten erklären, vorhersagen und kontrollieren.

Respondente und operante Konditionierung

Respondente Konditionierung

Respondente Konditionierung, auch klassisches Konditionieren genannt, bezeichnet Lernen, das auf einem relativ einfachen Reiz-Reaktion-Mechanismus beruht. Obwohl das Prinzip der respondenten Konditionierung seit über 100 Jahren bekannt ist, wird weiterhin rege Forschung in diesem Feld betrieben.

Operante Konditionierung

Das „Herzstück“ der Experimentellen Verhaltensanalyse ist das Operante Konditionieren, das Lernen durch Konsequenzen. Alle wesentlichen Prinzipien der operanten Konditionierung wie Verstärkung, Bestrafung oder Verstärkerpläne wurden im Rahmen der Experimentellen Verhaltensanalyse entdeckt.

Diskriminative Hinweisreize und Kontingenz Ein diskriminativer Hinweisreiz ist ein Reiz, der eine historische Verbindung zwischen einem Verhalten und einer verstärkenden oder bestrafenden Konsequenz signalisiert. Ein klassisches Beispiel aus der Experimentellen Verhaltensanalyse: Tauben werden darauf trainiert, nur dann nach einer Scheibe zu picken, um Futter zu erhalten, wenn ein grünes Licht leuchtet, aber nicht, wenn ein rotes Licht leuchtet. Das Licht dient hier als diskriminativer Hinweisreiz.

Als Kontingenz bezeichnet man eine direkte Verbindung zwischen einem Verhalten und einer Konsequenz. Eine bestimmte Konsequenz muss meistens kontingent auf ein Verhalten folgen, um eine Funktion ausüben zu können. Dies bedeutet, dass eine direkte Verbindung zwischen dem Verhalten und den Konsequenzen nötig ist. Damit diskriminative Hinweisreize und Konsequenzen dauerhaft ihre Funktion auf das Verhalten ausüben können, müssen sie in Kontiguität mit dem Verhalten auftreten.

Regelgeleitetes und kontingenzgeformtes Verhalten Ein wichtiger Unterschied besteht zwischen regelgeleitetem und kontingenzgeformtem Verhalten. Während Verhalten beim kontingenzgeformten Verhalten direkt durch die dem Verhalten folgenden Konsequenzen geformt wird, können insbesondere Menschen durch regelgleitetes Verhalten – dank verbaler Regeln – Verhalten erlernen, ohne dieses selbst ausgeführt haben zu müssen. Diese Fähigkeit erweitert das Verhaltensrepertoire von Menschen in einem entscheidenden Umfang und ist Verhaltensanalytikern zufolge die Quelle für viele menschliche kulturelle Errungenschaften.

Funktionsanalyse Aus den voran stehend genannten Prinzipien ist es nun möglich, eine Funktionsanalyse aufzustellen. Eine Funktionsanalyse ist ein Modell zur Beschreibung von operanten Abläufen. Die Funktionsanalyse ist auch unter dem Namen ABC-Modell bekannt. Die drei Buchstaben stehen für die drei verschiedenen Teile einer Funktionsanalyse:

A → B → C

A (antecedent): A bezeichnet die vorausgehenden (antezedenten) Funktionen des Verhaltens. Darunter werden alle Stimuli und Ereignisse verstanden, die dem Verhalten vorausgehen und dieses beeinflussen, z. B. diskriminative Stimuli oder verstärkende Konsequenzen aus vergangenen Handlungen.

B (behavior): B bezeichnet das Verhalten (behavior) und damit alles was ein Organismus tut. Sowohl öffentliche (für außenstehende sichtbar), als auch private Ereignisse wie Denken fallen darunter.

C (consequence): C bezeichnet alle Konsequenzen (consequences) des Verhaltens. Diese können verstärkende oder bestrafende Funktionen haben, d. h. sie können die Auftretenswahrscheinlichkeit des Verhaltens für die Zukunft erhöhen oder senken.

Methodologie

Single-subject research (Einzelfallanalyse) Die Experimentelle Verhaltensanalyse beschäftigt sich mit dem individuellen Verhalten von Organismen. Aus diesem Grund werden die von anderen psychologischen Forschungstraditionen angewandten statistischen Gruppenvergleiche mit Inferenzstatistischen Verfahren wie t-Tests nur selten angewandt. Für die Experimentelle Verhaltensanalyse sind Gruppenvergleiche mit einer großen Teilnehmerzahl für psychologische Fragestellungen ungünstig, da in Gruppenvergleichen die Einzigartigkeit der Individuen zugunsten statistischer Durchschnittswerte in den Hintergrund tritt. Da sich die meisten psychologischen Theorien mit Individuen beschäftigen, ist zudem unklar, inwiefern von der Ebene einer untersuchten Gruppe auf ein einzelnes Individuum geschlossen werden kann. Trotz der Skepsis gegenüber Gruppenvergleichen werden diese Methoden auch von Verhaltensanalytikern eingesetzt, besonders in angewandten Wissenschaftsbereichen.

Der Modus Operandi für die Experimentelle Verhaltensanalyse stellt die Single-subject research (oft auch Single-subject design oder Einzelfallanalyse genannt) dar. Damit sind verschiedene Verfahren gemeint, um Daten aus dem individuellen Verhalten von einem oder mehreren Probanden zu gewinnen. Bei der Single-subject research werden wiederholt Messungen des Verhaltens eines Probanden vor, während und nach einer experimentellen Manipulation durchgeführt. Ändert sich das Verhalten des Probanden nach der Einführung einer experimentelle Manipulation, so wird angenommen, dass die experimentelle Manipulation einen Effekt auf das Verhalten hat. Um diesen Effekt nachzuweisen, werden verschiedene experimentelle Designs verwendet.

Besonderen Wert wird in der Experimentellen Verhaltensanalyse auf die Replizierbarkeit der Experimente gelegt. Dies geschieht beispielsweise dadurch, dass jeder Versuchsteilnehmer als seine eigene Kontrollgruppe dient. Insgesamt orientiert sich das experimentelle Vorgehen der Verhaltensanalyse eher an dem Vorbild der Biologie und weniger an dem der Psychologie.

Grundprinzip Das übergeordnete Ziel der Experimentellen Verhaltensanalyse, wie generell bei wissenschaftlichen Untersuchungen, besteht darin, Zusammenhänge zwischen Variablen zu beschreiben und zu erklären. Zu diesem Zweck stehen verschiedene experimentelle Designs zur Verfügung. Experimentelle Designs sind durch zwei Kriterien gekennzeichnet: