Ernst Bulova, auch Bulowa, (* 24. Juni 1902 in Wien; † 11. Januar 2001 in New Milford (Connecticut)) war ein deutschamerikanischer Pädagoge. Er war Pionier der Montessoripädagogik im Berlin der Weimarer Zeit, blieb diesem pädagogischen Konzept während seiner ersten Emigrationsjahre in Großbritannien treu und baute, von dessen Ideen weiterhin inspiriert, ein Jugendcamp in den USA auf, das eng mit progressiven amerikanischen Privatschulen kooperierte. Die Beltane School in Wimbledon, an der Ernst Bulova von 1934 bis 1940 arbeitete, ist eine der zwanzig von Hildegard Feidel-Mertz erstmals wissenschaftlich untersuchten Schulen im Exil.

Privatleben

Seine Frau Ilse wurde als Ilse Simachowitz am 7. Januar 1903 im heutigen Hynčice (Heinzendorf) im Okres Náchod (Bezirk Nachod) in Tschechien geboren, das damals noch zu Österreich-Ungarn gehörte, weshalb sie auch, wie ihr späterer Ehemann, die österreichische Staatsbürgerschaft besaß. Als Ilse Bulova ist sie am 16. Oktober 1987 ebenfalls in New Milford gestorben. Über ihre Jugend und Ausbildung ist nichts bekannt, doch wurde unter ihrer Leitung am 2. Mai 1924 in Berlin-Wedding das zweite Berliner Montessori-Kinderhaus eröffnet.Manfred Berger: "Hilf mir, es allein zu tun!" - Vor 50 Jahren starb Maria Montessori Immerhin gibt es über dieses „Volkskinderhaus am Leopoldplatz“, das 1933 geschlossen werden musste, eine kurze Darstellung, in der auch auf das Wirken von Ilse Simachowitz eingegangen wird.Diana Stiller: Clara Grunwald und Maria Montessori. Die Entwicklung der Montessori-Pädagogik in Berlin. Diplomica Verlag, Hamburg, 2008, ISBN 978-3-8366-6522-3, S. 66 1990 spricht Feidel-Mertz von ihr und ihrem späteren Ehemann als „von den ehemaligen Leitern der Montessori Schule in Berlin-Dahlem“Hildegard Feidel-Mertz: Pädagogik im Exil nach 1933, S. 55 & S. 140, was falsch war, da dies nur auf Ernst Bulova zutraf. Hermann Schnorbach revidierte das 2012 insofern, als er Ernst Bulova zum Leiter der „Montessori-Versuchsschule in Berlin-Dahlem“ erklärte, während seine Frau „für die Berliner Montessori-Kinderhäuser zuständig“ gewesen sei.Hildegard Feidel-Mertz (aktualisierte Fassung: Hermann Schnorbach): Die Pädagogik der Landerziehungsheime im Exil, S. 193 Eine Quelle für all diese Aussagen wird nicht genannt.

Wann Ilse Simachowitz und Ernst Bulova geheiratet haben, ist nicht bekannt, jedoch, dass sie 1933 gemeinsam nach Großbritannien emigriert sind.

Ernst Bulovas Leben vor der Emigration nach Großbritannien Ernst Bulovas Vater war ein AnwaltSoweit nachfolgend keine anderen Quellen benannt werden, stammen alle Angaben aus dem Nachruf in der New York Times: DOUGLAS MARTIN: Ernst Bulova, 98, Founder Of Camp With a Free Spirit, Jan. 28, 2001 in Wien und verwandt mit der Familie Bulova, aus der der Gründer des Bulova-Uhrenimperiums hervorgegangen ist. Diese verwandtschaftlichen Beziehungen waren auch für Ernst Bulova nützlich, wie unten noch zu zeigen sein wird.

Ernst Bulova studierte Verhaltenswissenschaft („behavioral sciences“) in Wien, wechselte an eine Lehrerausbildungseinrichtung in Hamburg und legte eine erste akademische Abschlussprüfung („finished his undergraduate work“) in Berlin ab. Während seiner Zeit in Berlin besuchte er einen Kurs über die Montessori-Methode an einem eigenen Institut („at a separate institute“). Vermutlich handelte es sich dabei um einen der von Clara Grunwald initiierten „Montessori-Lehrgänge“ unter dem Dach der Deutschen Montessori-Gesellschaft. 1928 wurde Ernst Bulova Direktor der Montessori-Versuchsschule in Berlin-Dahlem.Hildegard Feidel-Mertz (aktualisierte Fassung: Hermann Schnorbach): Die Pädagogik der Landerziehungsheime im Exil, S. 193 Das blieb er bis 1933, dem Jahr seiner Emigration nach Großbritannien.

In seiner Berliner Zeit schrieb Ernst Bulova auch Hörspiele, von denen 25 ausgestrahlt worden sein sollen. Außerdem veröffentlichte er Bücher unter dem Pseudonym Dr. Überall oder Dr. Everywhere.DOUGLAS MARTIN: Ernst Bulova, 98, Founder Of Camp With a Free Spirit, Jan. 28, 2001 Eines heißt Reisen mit Dr. Überall und wurde in mehrere Sprachen übersetzt (siehe Werke). Feidel-Mertz, die auf das Buch von einem ehemaligen Schüler Ernst Bulovas an der Dahlemer Versuchsschule aufmerksam gemacht wurde, vermutet, dass es auf den Rundfunkvorträgen Bulovas basiere.

1933 wurde Ernst Bulova wegen früherer politischer Betätigungen im linken politischen Spektrum von der Gestapo verhaftet. Aufgrund seiner österreichischen Staatsbürgerschaft wurde er nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt freigelassen. Er floh nach England und wurde Co-Direktor der Beltane School in Wimbledon, wo er einige seiner ehemaligen Studenten aus Berlin wiedergetroffen haben soll.

Beltane School, Wimbledon Es gibt keine belastbaren Quellen darüber, wie und weshalb Ernst Bulova an die Beltane School gekommen ist. Feidel-Mertz spricht davon, dass diese Schule von „Ernst und Ilse Bulova […] mit Prof. Tomlinson von der University of Southampton 1934 ins Leben gerufen“ worden sei. Quellen hierfür benennt sie nicht, wodurch auch unklar bleibt, wie der Kontakt zwischen Bulova und Tomlinson zustande kam. Auch zur Person Tomlinson macht sie keine weiteren Angaben, und alle Versuche, ihn im Internet ausfindig zu machen, landen fast ausnahmslos bei einer einzigen Veröffentlichung: Andrew Tomlinson und seine Frau Joan waren 1929 die Übersetzer eines Buchs von Jean Piaget: The child's conception of the world.Autor: Jean Piaget: The child's conception of the world; Translator: Joan Tomlinson & Andrew Tomlinson, Harcourt, Brace and Company, London and New York, 1929. Deutscher Titel: Das Weltbild des Kindes

Die Quellenlage zur Beltane School ist, sieht man von Feidel-Mertzs eigenem kurzen Text ab, sehr dürftig. Ihre einzige Quelle scheint ein Brief von Ulrich K. Goldsmith vom Mai 1983 gewesen zu sein. Hildegard Feidel-Mertz (Hg.): Schulen im Exil, S. 67–68 Goldsmith, der bereits seit 1932 als Austauschstudent in London lebte, war von 1934 an als Sprachlehrer für Latein, Deutsch und Englisch an der Beltane School in Wimbledon tätig. Er wurde im Juni 1940 als Enemy Alien interniert und einen Monat später nach Kanada deportiert. Aus diesem Brief von Goldsmith zitierend, schreibt Feidel-Mertz, die Bulovas hätten „30 deutsche und österreichische Emigrantenkinder verschiedensten Alters nach England [gebracht] und mit einer gleichen Anzahl englischer Kinder zweisprachig und ‚ziemlich permissiv‘ erzogen und unterrichtet“. Woher ihre weiteren Aussagen über die Schule stammen, muss offenbleiben.

Des Weiteren erwähnt Feidel-Mertz das großzügige Schulgelände in ländlicher Umgebung. Das mutet aus heutiger Sicht reichlich grotesk an, denn in der direkten Umgebung des ehemaligen Schulgeländes befand sich schon seit 1922 das für 14.000 Zuschauer ausgelegte „Mekka des Tennissports“. Nach Feidel-Mertz aber bot die ländliche und dennoch verkehrsgünstige Lage nahe London die Möglichkeit, die Schule hauptsächlich als Tagesschule zu führen. Sie habe aber auch Raum geboten für 60 Internatsschüler.

Ernst Bulova, dessen Rolle an der Schule aus all dem nicht richtig klar wird, hat während dieser Zeit in Wimbledon seine eigene akademische Ausbildung vollendet. An der Universität Wien, an die er von England aus regelmäßig zu Konferenzen und Forschungsaufenthalten zurückkehrte, wurde er 1936 in Psychologie und Erziehungswissenschaft promoviert.

Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden Ernst Bulova und seine Frau Ilse, obwohl sie beide österreichischer Nationalität waren, in einem Lager interniert. Dies war offenbar der Auslöser für beide, 1940 England zu verlassen und in die USA zu übersiedeln. Unterstützt wurden sie dabei von ihren amerikanischen Verwandten, den Eigentümern der „Bulova Watch Company“.

Von der Montessori-Schule zum Verhörzentrum Die Gründe für die Übersiedelung der Bulovas in die USA sind nicht bekannt, und ebenso wenig die Gründe für die Schließung der Schule. Für Feidel-Mertz waren sie „kriegsbedingt“, doch fehlt jegliche Erläuterung hierzu. Möglicherweise waren die Gründe auch finanzieller Natur, denn an der Queensmere Road in Wimbledon war ein ziemlich großes Gebäude auf einem großzügigen Anwesen zu unterhalten. Hinweise darauf gibt es, dass bereits 1936 mit Mitteln aus einem externen Darlehensfond gearbeitet wurde, an dem unter anderem George Bernhard Shaw, Sir Walter Layton und Cecil Lewis beteiligt waren. Dokumente, die dies nahelegen, befinden sich im Bestand der British Library of Political and Economic Science.SHAW – Shaw; George Bernard (1856-1950); author and playwright: Business Papers; 21 – Register of investments and correspondence about investments.

In einem Artikel im The Independent vom 30. Oktober 2003 über Nicholas Hammer, einen aus Ungarn stammenden Zeugen der NS-Barbarei und Holocaust-Überlebenden, wird berichtet, wie dieser nach seiner Befreiung aus dem KZ Dachau mit falscher Identität nach England kam. Nachdem seine wahre Identität geklärt war, wurde er als ausländischer Internierter unter Schutz gestellt und in der Beltane School untergebracht. Allerdings waren unter seinen dortigen Mitinsassen auch eine Anzahl internierter Nazis, darunter Otto Dietrich, Hitlers ehemaliger Pressechef.Nicholas Hammer - Witness to the barbarity of the Nazi concentration camps

Den eigentlichen Zweck dieser Nazi-Internierungen beleuchtet ein Artikel im Newsletter der „The Wimbledon Society“ vom Juni 2012. Nach diesem Bericht waren in der Beltane School bis zu 250 deutsche Wissenschaftler und Technologieexperten interniert, die 1945 und 1946 aus Deutschland nach England gebracht worden waren.Sehr ausführlich wird dieser Teil der Beltane-School-Geschichte 1990 in einem Aufsatz von John Gimbel in der Zeitschrift VIERTELJAHRSHEFTE FÜR Zeitgeschichte behandelt (siehe unter Literatur). Die Idee dahinter war, von ihnen Informationen und Fachwissen abzuschöpfen über Bereiche, in denen Deutschland gegenüber Großbritannien führend war. Über die Ergebnisse der Befragungen wurden Berichte veröffentlicht, durch die die britische Industrie mit Informationen versorgt werden konnte. Das Lager hatte bis zu 44 Mitarbeiter. Es wurde 1947 nach Hampstead verlegt, weil das Haus für ein College zur Lehrerausbildung benötigt wurde. Nachdem dieses College geschlossen worden war, wurde das Anwesen 1998 als „Royal Close“ ausgewiesen.Siehe ebenso: Andrew Nahum: ‚I believe the Americans have not yet taken them all!‘. The exploitation of German aeronautical science in postwar Britain. S. 113. Im Internet (Stand: 31. Dezember 2016) sind unter dem Suchbegriff „Royal Close, Wimbledon, SW19“ zahlreiche Immobilienangebote abrufbar, in denen luxuriöse Wohneinheiten innerhalb der ehemaligen Schule angepriesen werden.

Die Anzahl von 44 Mitarbeitern wird auch in einer Antwort auf eine Anfrage eines Unterhausabgeordneten vom 17. Dezember 1946 bestätigt. Die Anfrage des Abgeordneten offenbart allerdings auch, dass das Internierungslager Beltane School ein sehr offenes Haus gewesen sein muss, eher Pension als Lager: Es ist von Gästen die Rede, die zudem, von einigen Ausnahmen abgesehen, die Möglichkeit hatten, sich tagsüber frei in London zu bewegen. Dass hinter dieser offenen Atmosphäre vermutlich aber eine ausgefeilte Strategie des britischen Geheimdienstes gestanden hat, um die Internierten in Sorglosigkeit zu wiegen, macht ein Radio-Feature des Hessischen Rundfunks deutlich, das sich mit der vergleichbaren Situation in Trent Park befasste, wo deutsche Generäle interniert waren.HR2: ''Abgehört. Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft.'' Ein Feature von Uwe Westphal, gesendet am 12. März 2017.

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