mini|Einschulung im Krieg (1940)mit Schultüten Als Kriegskind wird in Deutschland eine Person bezeichnet, deren Kindheit durch den Zweiten Weltkrieg und die damit verbundenen Erlebnisse direkt oder indirekt geprägt wurde. Dazu gehören auch Kriegstraumata. Der Begriff hat sich in Deutschland durch eine inzwischen große Zahl wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Veröffentlichungen etabliert, die insbesondere seit den 1990er Jahren erschienen. Sie beschreiben aus verschiedenen Perspektiven, sich je anderer Methoden bedienend und mit unterschiedlichen Stilmitteln, dieselben Phänomene. Bisher hat die Literatur zu diesem Thema keine allgemeingültige und verbindliche Definition hervorbringen können. Einigkeit besteht allerdings in der Überzeugung, dass die Folgen der Kriegskindheit über viele Jahrzehnte spürbar bleiben, zum Teil mit zunehmendem Alter wieder anwachsen und oft „stumm“ an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden.

Begriff Kriegskind „Krieg hört nicht auf, wenn die Waffen schweigen.“ Auf diese einfache Formel brachte Sabine Bode die Kriegsfolgen für die Gesundheit der Menschen, als sie im Jahr 2015 aus Anlass des siebzigsten Jahrestages der Befreiung von dem Fernsehsender Phoenix eingeladen war, am Beispiel der Kriegsenkel über die Frage zu sprechen, „wie wir den Krieg bis heute spüren“. In dieser Gesprächsrunde – neben Bode nahmen Katrin Himmler, Randi Crott und Jens Orback teil –, gab keiner der Beteiligten eine Definition der beiden im Vordergrund stehenden Begriffe Kriegskinder und -enkel. Katrin Himmler benannte jedoch ein wichtiges Charakteristikum der „allermeisten“ Kriegskinder in Deutschland, als sie erwähnte, dass sie „nicht allein durch den Krieg“, sondern „auch durch die nationalsozialistische Erziehung“ geprägt wurden. An einer Definition versucht hatte sich Matthias Lohre bereits im Jahr 2014: „Für die zwischen 1930 und 1945 Geborenen hat sich der Begriff ‚Kriegskinder‘ etabliert: zu jung für den direkten Fronteinsatz, aber alt genug, um Hunger, Vertreibung und Bombenangriffe zu erleiden, den Verlust von Angehörigen, Trennungen und Todesangst.“

mini|Berliner Kinder spielen in Ruinen (1948)

Unstrittig zielt der Begriff auf eine Generation, die einen Teil ihrer Kindheit in Deutschland während des Zweiten Weltkrieges verbracht hat, „für die – ohne von organisierter Vernichtung bedroht zu sein – Erfahrungen von Gewalt, Trennung und Verlust zum Teil lebenslang prägend waren“. Nicht einig sind sich die verschiedenen Autoren über die betroffenen Geburtsjahrgänge. Manche Autoren wollen auch die kurz nach dem Krieg geborenen Kinder einschließen, denn noch 1950, schreibt die Publizistin Sabine Bode, „wohnten in Westdeutschland neun Millionen Kinder ‚unzulänglich, oft menschenunwürdig‘“ und noch Jahre später haben die Kriegskinder und ihre jüngeren Geschwister vielerorts in Kriegsruinen gespielt. Aber auch am anderen Ende der Skala der zu berücksichtigenden Geburtenjahrgänge gibt es keine Einigkeit. Während Matthias Lohre und andere die bereits im Jahr 1930 geborenen Kinder einbeziehen, fasst Michael Ermann den Begriff für seine Studien enger und bezieht ihn auf das „Schicksal der Generation von nichtjüdischen Deutschen […], die im Zweiten Weltkrieg geboren wurden.“ Jüdische Kinder, die weder deportiert noch ermordet worden waren, werden gemeinhin nicht unter diesem Begriff gefasst – für sie wird in der Regel der Begriff Überlebende verwendet –, weil sie durch die Notwendigkeit, unter zusätzlicher Lebensgefahr versteckt leben zu müssen, weiteren und sehr spezifischen Belastungen ausgesetzt waren. Darüber berichtete Anne Frank in ihrem Tagebuch, das 1950 in Deutscher Übersetzung veröffentlicht worden war.

Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass der Begriff in den Landessprachen anderer europäischer Länder mit vergleichbaren Inhalten gefüllt ist. So fassen beispielsweise das englische war children ebenso wie das französische enfant de la guerre den Begriff enger und verwenden ihn als Synonym für Besatzungskind. Im Fokus der Betrachtung steht dabei die Tatsache, Kind einer einheimischen Mutter und eines Besatzungssoldaten zu sein und die damit verbundenen Implikationen.

Auch in Deutschland haben sich neben dem Besatzungskind weitere Begriffe für die Kriegskindgeneration entwickelt, die ihren Schwerpunkt auf je andere Teilaspekte des Erlebens richten. Dazu gehören beispielsweise die Kinder des Lebensborn, die Kinder der Zwangsarbeiterinnen oder auch die sogenannten Wolfskinder, die, elternlos geworden, im Baltikum aufwuchsen und dort ihre Herkunft verbergen mussten. Andere Schwerpunkte werden gesetzt, wenn speziell Kriegswaisen oder Kinder betrachtet werden, die aus kriegsbedingten Vergewaltigungen ihrer Mütter entstanden sind. Die überdurchschnittlich oft vaterlos aufgewachsenen Kriegskinder von verheirateten Eltern, die ihren Vater im Krieg verloren und ihn zum Teil nie kennen gelernt hatten, stellen eine weitere Gruppe dar, die spezifische Merkmale aufweist, ebenso wie jene Kinder, die ihre Väter erst nach Kriegsende oder nach Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft kennen lernen konnten.

Eine inzwischen umfangreiche Literatur befasst sich mit der Holocaust-Nachfolgegeneration, im Einzelnen mit den Kindertransporten nach Großbritannien, der Rettung jüdischer Kinder durch die Kinder- und Jugend-Alijah oder ihrer Betreuung durch das Schweizer Hilfswerk für Emigrantenkinder. Die Psychologin Sandra Konrad hat in ihrem Buch Jeder hat seinen eigenen Holocaust die Folgen der Traumatisierungen jüdischer Frauen speziell für deren Töchter und Enkelinnen beschrieben.

Zu erwähnen ist schließlich eine weitere Gruppe von Kriegskindern, die wegen ihrer speziellen Zugehörigkeit zu den Heimatvertriebenen in der Regel nicht als Kriegskinder bezeichnet werden. Denn die Vertriebenen insgesamt waren – im Gegensatz zu den Kriegskindern im Allgemeinen – in der Nachkriegszeit „im Westen des geteilten Landes ein unüberhörbares öffentliches Thema“. Darüber hinaus werden die Kriegskinder des Ersten Weltkrieges in der einschlägigen Literatur regelmäßig nicht unter diesen Begriff subsumiert, obwohl auch sie im eigentlichen Wortsinn als solche zu bezeichnen wären.

Nach jahrelangen Bemühungen, für die Kriegskinder Gemeinsamkeiten zusammenzutragen, kommt der Psychoanalytiker Michael Ermann in seiner Abschiedsvorlesung anlässlich seiner Emeritierung im März 2009 zu folgendem Schluss: „‚Die‘ deutschen Kriegskinder gibt es nicht. Die Schicksale sind viel zu unterschiedlich. […] All das erfordert eine individuelle Betrachtung und fügt sich kaum einer Verallgemeinerung.“ Wenn es aber etwas gibt, was „die verschiedenen Schicksale mit einander verbindet – die im Osten und die im Westen, die im Norden und die im Süden, die Bombennachtskinder und die Flüchtlingskinder“, dann wäre es ein eklatanter „Mangel an Erschrecken und Betroffenheit über das eigene Schicksal!“

Im Januar 2021 äußerte sich Barbara Stambolis, Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Paderborn, über die „Kinder des Krieges“. Sie hätten – wie ihre Eltern und geplagt von Scham und Schuldgefühlen – lange Jahre nicht über das Erlebte sprechen können. Mit den Enkeln sei das leichter. In einer vom MDR beauftragten Studie habe sich gezeigt, dass die Generation der Kriegskinder deutlich häufiger als nachfolgende Generationen mit ihrem Leben zufrieden ist.

Geschichte Ermann, der sich selbst als „typisches Kriegskind“ bezeichnet, brachte im Jahr 2003, also fast 60 Jahre nach Kriegsende, an der Münchener Universität das – durch einen international und prominent besetzten wissenschaftlichen Beirat begleitete – Projekt Kriegskindheit auf den Weg, das 2009 mit einer Reihe wissenschaftlicher Veröffentlichungen abgeschlossen wurde.

Breite öffentliche Aufmerksamkeit fanden die Folgen des Kriegserlebens bei Deutschen in dem von Alexander und Margarete Mitscherlich 1967 veröffentlichten Buch Die Unfähigkeit zu trauern. Auch wenn sie in erster Linie Erwachsene im Blick hatten, waren sie doch Impulsgeber für spätere Forschungen über Kriegskinder, bei denen sich die von den Mitscherlichs benannten Symptome wiederfanden. Die Unfähigkeit zu trauern, so schrieben sie, habe ein Verhalten hervorgebracht, das von „Verleugnungen bestimmt“ gewesen wäre, wodurch sich das „Selbstvertrauen unsicherer, als es sein könnte“ entwickelt habe.

Weitere 20 Jahre vergingen, ehe die Kriegskindheit Ende der 1980er Jahre als Thema in den öffentlichen Diskurs geriet. Warum so viel Zeit ins Land gehen musste, wird verschiedenen Faktoren zugeschrieben. Ermann erinnert an „Schuldgefühle […] als Folge des Holocaust“ und an die „Verweigerung der Erinnerung während der Jahre des Wirtschaftswunders“. Schließlich sei die „traumaspezifische Abwehr zu berücksichtigen“. Die Journalistin Hilke Lorenz sprach davon, die Kriegskinder wären in eine „Geschichtslücke gefallen“. Und die Autorin Alexandra Senfft, Enkelin des Kriegsverbrechers Hanns Ludin, erinnerte an die Tabus: „Sich mit den Verbrechen der eigenen Verwandten auseinander zu setzen tut weh, es macht Angst und traurig.“ Das „Schlimmste zu denken war in meiner Familie ein Tabu.“

„Politisch brisanter“ dürfte der gefürchtete „Vorwurf von Shoa-Überlebenden“ gewesen sein, „der Blick auf die Kriegskinder“ könnte dazu führen, „den Mord an den Juden zu relativieren“. Gegen ein solches Vorhaben „verwahrte sich“ der Vertreter der Jüdischen Gemeinde im Jahr 2005 auf dem ersten interdisziplinären Kongress in Frankfurt, der sich den Kriegskindern gewidmet hatte. In der Antwort wurde klargestellt, dass es „nicht darum ging, eine ‚Opferkonkurrenz‘ aufzumachen, sondern im Gegenteil die eigenen Erfahrungen differenziert in das europäische Gedächtnis einzuordnen sowie das Leiden an dem Verschweigen der ‚Taten‘ durch die Elterngeneration zu benennen.“ So befasste sich Sabine Bode später in ihrem Buch über die Kriegsenkel auch nicht zufällig in einem gesonderten Abschnitt mit der Frage, „Wie aus Tätern Opfer wurden“.

Für die Abstinenz der Psychodiagnostik wurde darauf verwiesen, dass die Diagnose der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) erst 1980 in das Diagnosemanual DSM III aufgenommen wurde. Mit zeitlicher Verzögerung von weiteren knapp 10 Jahren begannen die Veröffentlichungen über die psychischen Folgen einer Kriegskindheit zuzunehmen. Seitdem haben zahlreiche Autoren sehr persönlich über ihre eigene Kriegskindheit berichtet, sich allgemeiner dieses Themas angenommen oder auch begonnen, wissenschaftliche Studien zu veröffentlichen.

70 Jahre nach Kriegsende stellte Bode aber fest, dass zwar inzwischen eine „akademische Aufarbeitung“ stattgefunden habe – durch Vertreter verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen –, doch jetzt erst beginne eine „emotionale Aufarbeitung“. Auch Katrin Himmler ist überzeugt, dass „wir das in den Familien noch nicht verarbeitet haben“. Wer sich darum bemüht, wird früher oder später mit der Frage nach der eigenen Identität konfrontiert. Christa Müller machte darauf aufmerksam, dass der „Weg zu einer reifen nationalen wie individuellen Identität […] eine selbstkritische Auseinandersetzung mit den weitreichenden Einflüssen der Geschehnisse im nationalsozialistischen Deutschland, im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit“ voraussetze. Für Raed Saleh kreisen die Diskussionen über den Begriff um eine Frage, „die ungeklärt geblieben“ sei: „Wie definiert Deutschland seine nationale Identität“? Wir müssten sie, schlug er vor, „neu definieren“: