Oswald Schwemmer (* 10. Juni 1941 in Hilden; † 1. März 2026Traueranzeige im Tagesspiegel vom 28. März 2026, abgerufen am 28. März 2026) war ein deutscher Philosoph. Er war Professor für Philosophische Anthropologie und Kulturphilosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Leben
Oswald Schwemmer wurde am 10. Juni 1941 als Sohn von Karl und Margarete Schwemmer geboren. Er studierte an der Universität Bonn Mathematik und Katholische Theologie und in Pullach Philosophie. Dort erwarb er 1966 an der jesuitischen Philosophischen Hochschule Berchmanskolleg, der Vorgängerinstitution der seit 1971 in München ansässigen Hochschule für Philosophie S.J., das kirchenrechtliche Abschlussdiplom eines Lizenziats für Philosophie.
An der Universität München studierte er Philosophie, Soziologie und Psychologie, bevor er 1967 in Erlangen sein Studium bei Paul Lorenzen und Wilhelm Kamlah fortsetzte. 1970 promovierte Schwemmer bei Paul Lorenzen, einem der Begründer des Erlanger Konstruktivismus. In seiner Habilitationsschrift, die ebenfalls Lorenzen abnahm, führte Schwemmer erstmals den Beweis, dass in den Kulturwissenschaften zirkelfreie Erklärungen möglich sind.
Nach mehrjähriger Lehre in Marburg (1982–1987) und Düsseldorf folgte 1993 der Ruf auf den „Lehrstuhl für Philosophie unter besonderer Berücksichtigung der philosophischen Anthropologie und der Kulturphilosophie einschließlich der Wissenschaftstheorie der Kulturwissenschaften“ am Institut für Philosophie der Humboldt-Universität zu Berlin, den er bis 2009 innehatte.
Als Seniorprofessor leitete er von 2009 bis 2011 das Drittmittelprojekt „Ernst-Cassirer-Nachlassedition“ des Instituts für Philosophie der Humboldt-Universität zu Berlin. auf der Seite des Instituts für Philosophie der HU Berlin.
Werk
Philosophische Anthropologie
Verhältnis zu den Humanwissenschaften
Aufgabe der philosophischen Anthropologie ist es, die Sonderstellung des Menschen gegenüber anderen Lebewesen herauszustellen. Dies hat für Schwemmer stets unter Berücksichtigung der Ergebnisse aus Natur- und Sozialwissenschaften zu geschehen. Die Antwort der Philosophie auf die Frage „Was ist der Mensch?“ fällt jedoch anders aus als die verschiedenen Antworten der Einzelwissenschaften. So zieht die Philosophie zusätzlich die terminologischen und methodischen Einschränkungen dieser einzelnen Disziplinen in Betracht und erarbeitet im gesamten Fragefeld rund um den Menschen eine perspektivische Orientierung.Vgl. Oswald Schwemmer: Die kulturelle Existenz des Menschen, Berlin 1997, S. 46.
Die symbolische Existenz des Geistes
Da sich in Bezug auf den Menschen unterschiedliche Diskurstraditionen sowohl wissenschaftlicher als auch philosophischer Tradition überschneiden, besteht die Aufgabe einer modernen philosophischen Anthropologie zunächst vor allem darin, begriffliche Klarheit zu schaffen. Daher unterscheidet Schwemmer zwischen den unterschiedlichen kognitiven Leistungen des Menschen, die sich je nach Perspektive als neuronale, psychisch-bewusste oder geistige Phänomene darstellen lassen. Die für die philosophische Anthropologie besonders interessante Schnittstelle befindet sich in diesem Fall zwischen dem Bewusstsein, das uns im Gefühl und Gegenwärtigsein greifbar ist, und der geistigen Welt kultureller Symbolismen, die in unseren Bewusstseinsinhalt hineinwirken. Ohne diese kulturellen Symbolismen wären Geist und Bewusstsein schlicht identisch. Der Geist kann aber als Interaktionsgeschehen zwischen dem Bewusstsein und (bewusstseinstranszendenten) Symbolismen definiert werden.Vgl. Oswald Schwemmer: Die kulturelle Existenz des Menschen, Berlin 1997, S. 68. Für die philosophische Anthropologie ist dieses Ergebnis bedeutend, insofern mit ihm die Einseitigkeit einer rein neuronal-organischen Auffassung des Menschen ebenso überwunden wird wie die einer rein idealistischen.
Nicht nur dem Begriff des Geistes kommt somit wieder eine Funktion zu, Schwemmer aktualisiert auch den Begriff der Subjektivität im Rahmen seiner Anthropologie. Schwemmer begreift Subjektivität als ungegenständliche Gegenstandsfähigkeit. Damit soll gesagt werden, dass die Fähigkeit zur symbolischen Vergegenständlichung der Welt selbst nicht wieder durch einen einzelnen – etwa neurowissenschaftlichen – Diskurs beschrieben werden kann, sondern als Verknüpfung von autonomer Produktivität und dinglich-interindividuellen Symbolen angesehen werden muss.Vgl. Oswald Schwemmer: Die kulturelle Existenz des Menschen, Berlin 1997, S. 96.
Erweitertes Emergenz-Schema
Gehirn, Bewusstsein und Geist zeigen auf phänomenologischer Ebene unterschiedliche Binnenstrukturen, die sich nicht aufeinander reduzieren lassen. Geistes- und Bewusstseinsleistungen müssen daher als Emergenzphänomene angesehen werden.Vgl. Oswald Schwemmer: Die kulturelle Existenz des Menschen, Berlin 1997, S. 101. Ihr jeweiliger Gehalt und der wechselseitige Bezug ihrer Inhalte kann nicht ausschließlich durch neuronale Strukturen beschrieben werden – obwohl allen Bewusstseinsvorgängen natürlich parallel neuronale Vorgänge zugeordnet sind.
Dieses grundlegende Emergenzschema ist zudem gegenüber den öffentlichen Symbolismen zu öffnen, deren Summe die tradierte menschliche Kultur bilden. Der kulturelle und historische Gehalt geistiger Welten kann weder aus neuronalen Konfigurationen heraus erklärt werden, noch ist er allein Bestandteil des Bewusstseins. Der Geist zeigt sich vielmehr offen gegenüber dieser öffentlichen Dimension, die selbst eigenständig ist. Die Zuordnung von einzelnen Symbolen und neuronalen Konfigurationen ist daher nur in eine Richtung möglich: nur ausgehend vom geistigen Gehalt kann diesem eine spezifische neuronale Konfiguration zugeordnet werden.Vgl. Oswald Schwemmer: Die kulturelle Existenz des Menschen, Berlin 1997, S. 116.
Kulturphilosophie
Grundlagen
Mit seiner Kulturphilosophie schloss Schwemmer an das Werk Ernst Cassirers an, dem er jedoch durch eine medientheoretische Grundlegung ein neues Fundament verlieh.Vgl. Oswald Schwemmer: Kulturphilosophie. Eine medientheoretische Grundlegung, München 2005, S. 54 ff. So ist die Rede von der Form zwar ein Schlüsselbegriff von Cassirers kulturphilosophischen Analysen, jedoch unter weitgehender Missachtung der darin einbegriffenen Materialität und Medialität symbolischer Zusammenhänge.
Im Unterschied zur bloßen Widerständigkeit materieller Eigenschaften waren Medien für Schwemmer dynamische Systeme, in welchen unsere Artikulationsprozesse eine Selbststrukturierung in Gang setzen oder nutzen.Vgl. Oswald Schwemmer: Kulturphilosophie. Eine medientheoretische Grundlegung, München 2005, S. 55. Exemplarisch hierfür ist die Sprache als ein Medium, das uns gegeben ist und in seiner je unterschiedlichen kulturellen Ausprägung unsere Möglichkeiten des Denkens und der Artikulation entscheidend mitbestimmt. Gleichwohl können wir in bestimmtem Umfang gestaltend und kreativ in die Sprache eingreifen, so dass uns im freien Verhältnis zu ihr ein individueller Ausdruck gelingt.
Eine wesentliche Aufgabe der Kulturphilosophie besteht damit darin, die unterschiedliche Binnenstrukturiertheit der einzelnen Medien zu untersuchen. Überlegungen zur Auswirkung der Schriftlichkeit (Literalität) auf Kulturen gehören für Schwemmer ebenso dazu wie bildtheoretische Untersuchungen und detaillierte Analysen der Grammatik unserer Sinne.
Folgerungen
Aus kulturphilosophischer Sicht nimmt Schwemmer ebenfalls Stellung zum Problem der Willensfreiheit des Menschen sowie zur Frage nach der Rolle der Kunst in unserer heutigen Zeit.
Problem der Willensfreiheit Bei der Debatte um die Willensfreiheit muss zunächst unterschieden werden, auf welcher Ebene des Handelns von bewusst-willentlichen Entscheidungen gesprochen werden kann. Diese sind für Schwemmer nicht in Formen einzelner Körperbewegungen zu suchen, wie etwa der Fingerbewegung im Libet-Experiment, insofern diese routinemäßig ausgeführt werden. Allgemein sind wir nämlich für eine erfolgreiche Lebensführung darauf angewiesen, nicht über jeden einzelnen Schritt, den wir tun, nachdenken zu müssen. Vielmehr verlassen wir uns auf die öffentlichen Organisationsmuster, die unser Handeln in Form einer kollektiven Gedankenlosigkeit vorstrukturieren.Vgl. Oswald Schwemmer: Kulturphilosophie. Eine medientheoretische Grundlegung, München 2005, S. 230. Für einen angemessenen Begriff der menschlichen Freiheit scheint die Einschränkung auf ein momentanes Wollen und belanglose Bewegungen, wie sie das Libet-Experiment vornimmt, unverhältnismäßig. Vielmehr vollzieht sich Freiheit für Schwemmer in einem komplexen Handlungsfeld, innerhalb dessen wir für unsere Absichten und Pläne unterschiedliche Motive gegeneinander abwägen. Natürlich können auch diese Motive im Nachhinein rekonstruiert werden. Hieraus darf jedoch nicht geschlossen werden, dass freies Handeln nur in Abwesenheit jeglicher Motive möglich sei – es wäre geradezu absurd anzunehmen, dass Handlungen nur dann frei sind, wenn sie sich aus keinem Folgezusammenhang ergeben.Vgl. Oswald Schwemmer: Kulturphilosophie. Eine medientheoretische Grundlegung, München 2005, S. 234.
Um sich ein klares Bild vom Problem der Willensfreiheit zu machen, ist es für Schwemmer erforderlich, dass man zwischen den verschiedenen Beschreibungsformen der Freiheit unterscheidet. So gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen den vorbewusst ablaufenden Prozessen des Bewusstseins (dem Wahrnehmen, Denken und empraktischen Handeln) und ihrer Repräsentation (dem Wahrgenommenen und Gedachten), also dem Teil, der uns davon zugänglich ist. Die beiden Ebenen von Prozess und Repräsentation korrespondieren mit der Beschreibungsebene der Ersten-Person-Perspektive bzw. der Dritten-Person-Perspektive. Indem die neurobiologische Argumentation beide Perspektiven schlicht gleichsetzt oder gar behauptet, dass die Erste-Person-Perspektive vernachlässigbar sei, reduziert sie beide Ebenen auf ein von ihr kausal beschreibbares Modell. So entsteht eine Abfolge von verketteten Bewusstseinsrepräsentationen, die bestimmten neuronalen Konfigurationen korreliert werden. Von diesen letzteren kann nun Kausalität behauptet werden. Zusätzlich neigt eine neurobiologische Betrachtung häufig dazu, einzelne Momente der Repräsentation zu isolieren. Sie tut dies in der Annahme, diese aus dem Gesamtgeschehen herausgelösten Momente (das Beugen eines Fingers) könnten nun einzeln auf ihre Freiheitseigenschaften geprüft werden. Dabei muss vielmehr davon ausgegangen werden, dass sich menschliche Freiheit nur in dem gesamten Feld von Gedanken, Gefühlen, Erlebnissen und Vorstellungen konstituieren kann, wie sie eine Person mit eigener Biografie im Kontext einer Kultur und der damit verbundenen Arbeit ausmachen. Damit schließt Schwemmers Argumentation wieder an die kulturphilosophische und medientheoretische Perspektive an: Freiheit besteht darin, die sich selbst gegenwärtige Repräsentationen und öffentliche Symbolismen im kreativen Umgang miteinander zu verknüpfen. Freiheit bedeutet, sich auf die figurative Dynamik einzulassen, welche unterschiedliche Medien ihrem Sinn und ihrer Form nach bereithalten, sich dieser Dynamik zu bedienen, sich an sie zu überlassen oder bewusst mit ihr zu brechen.Vgl. Oswald Schwemmer: Kulturphilosophie. Eine medientheoretische Grundlegung, München 2005, S. 238 ff., hier vor allem das Kleist-Beispiel.
Aufgabe der Kunst