Die Seerose Potsdam ist ein Uferpavillon in Potsdam. Das achtfach geschwungene Dachtragwerk in Gestalt einer Blattrosette ist ein Hyparschalenbau und wurde von Bauingenieur Ulrich Müther entworfen. Das Gebäude wurde am 21. Dezember 2004 vom Brandenburgischen Landesdenkmalamt unter Denkmalschutz gestellt.Sabine Ambrosius, Tanja Seeböck: Potsdam, Café Seerose. Ein Schalenbau von Dieter Ahting und Ulrich Müther. In: Brandenburgische Denkmalpflege, 2016, (PDF; 1,26 MB). Der Baustil der Seerose wird der organischen Architektur zugeordnet.Pressemappe: Architektur-Ikonen von Ulrich Müther auf Rügen. In: Wüstenrot Stiftung / Artefakt Kulturkonzepte, 25. April 2018, (PDF; 727 kB); Tanja Seeböck: „Diese Leichtigkeit und die utopische, organische Formensprache konnten bei den Kleinarchitekturen wesentlich freier realisiert werden als bei Müthers Großbauten, die immer auf einen konkreten Funktionsbedarf zugeschnitten waren ...“ (S. 12). Müthers Bauvorbild Los Manantiales wird ebenso als organische Architektur bezeichnet, vgl. Allison Lee Palmer, The A to Z of Architecture, 2009, ISBN 978-0-8108-6895-3, S. 81, .

Geschichte Das frühere Café und heutige Restaurant Seerose wurde von 1982 bis 1983 in der Breiten Straße 24 am Ufer der Neustädter Havelbucht errichtet.Seeböck, Schwünge in Beton, S. 371. Das Wohnungsbaukombinat Potsdam (WBK) platzierte den Uferpavillon bewusst in die Nachbarschaft des historischen und baulich „exotischen“ Dampfmaschinenhauses in Gestalt einer Moschee,Luftbild (André Stiebitz): . In: donautouristik.com, Potsdam, 2024. vgl. Gesamtansicht der Seerose in: deinpotsdam.de, aus: Top 5 – Zeugnisse der Ostmoderne in Potsdam, 2023. das zur Bewässerung der Teichfontänen von Schloss Sanssouci durch Ludwig Persius von 1841–43 erbaut worden war. Zur weiteren Aufwertung der Wohngegend war auch die Installation einer 30 m hohen Wasserfontäne in der Havelbucht geplant, was jedoch eingestellt wurde, da sich damals in der Nähe der Einlauf einer Mischwasseranlage (ungeklärtes Schmutzwasser) befand.

Die Innenarchitektur der Seerose stammte vom Potsdamer Architekten Dieter Ahting. „Der Innenraum war ehemals ein im Rahmen der damaligen Möglichkeiten individuell gestalteter Gastraum, wie er in Potsdam nur an wenigen Stellen errichtet wurde.“ Der Potsdamer KunstschmiedNadine Fabian: . In: Märkische Allgemeine, 8. April 2013. Christian Roehl (1940–2013)Biografie. In: christianroehl-zeichen.de, aufgerufen am 20. Mai 2020. entwarf viele bauliche Details für das Café. Dieser Innenausbau wurde zum großen Teil vom Eigentümer der Sandbar Catering GmbH um 2013 entfernt. Zum 30-jährigen Bestehen baute er das Restaurant innen um und sanierte es ohne Genehmigung des Denkmalamtes.Ildiko Röd: Streit um Potsdamer Traditionsrestaurant. Seerosen-Krieg in der Havelbucht. In: Märkische Allgemeine, 24. Mai 2015. Daraufhin folgte eine Reihe von Auseinandersetzungen zwischen beiden Parteien.Henri Kramer: „Seerose“ in der Havelbucht. Richterin rügt Schwarzbauten. In: Potsdamer Neueste Nachrichten (PNN), 6. Juni 2015.Christine Fratzke: Verhandlungen statt Gerichtstermin. Vertrauliche Gespräche zu „Seerose“-Schwarzbauten. In: PNN, 12. September 2015. Seit der Eröffnung 1983 befanden sich verschiedene Gaststätten, Restaurants und Bars in dem Gebäude,dpa/PNN: Ein luftiges und leichtes Gebäude. Ausstellung über den Architekten der „Seerose“. In: PNN, 21. Juli 2014, (leider gelöscht). das zwischenzeitig auch leer stand (1994–96, 2006–08).

Im Juni 2006 bot der damalige Eigentümer TLG Immobilien AG das Gebäude zum Verkauf an, da man nicht bereit war, für den aufgelaufenen Sanierungsbedarf zu bezahlen. Bei einem Vortrag des Bundes Deutscher Baumeister (BDB) im Oktober 2006 mahnte daher der beteiligte Architekt Ahting vor einem Verfall der Seerose.Günter Schenke: „Seerose“ droht der Verfall. In: PNN, 9. Oktober 2006.

Bauwerk Das Dachwerk des Restaurants besteht aus acht doppelt gekrümmten, sechs Zentimeter dünnen Hyparschalen, „leicht und fließend wie Stoff lässt es die schwere Masse wirken.“Sophia Grützmann: Strandflair an der Havel: Café Seerose in Potsdam. In: reiseland-brandenburg.de, 17. September 2014. Müthers architektonisches Vorbild und Inspiration der Seerose war für ihn Félix Candelas Restaurant Los Manantiales [= die Quellen] in Xochimilco, Mexiko-Stadt (1958).Michelle Miller: AD Classics: Los Manantiales / Felix Candela. In: ArchDaily.com, , 14. April 2014, (englisch). Candelas Gebäude hat eine Spannweite von 32,47 m, Müthers Seerose erstreckt sich über einen Durchmesser von 23 m.Seeböck, Schwünge in Beton, S. 183. Im Unterschied zu Candelas Bauwerk hat Müther in der Dachmitte einen Lichtschacht offengelassen. Der Innenraum ist zur Hälfte in einen Gaststättenbereich und einen Versorgungstrakt aufgeteilt entsprechend der HO-Gaststättenverordnung.

An den Tiefpunkten liegen die einzelnen Schalen auf acht Betonfundamenten auf. Unterhalb des Gebäudes halten sich die Schalen an diesen Sockeln durch Zuganker und Stahlzugbänder („Bündelspannglieder“) gegenseitig stabil. Die unteren Dachkehlen wurden mit Stahlrippen verstärkt, um das Gewicht der überkragenden Dachränder besser abzustützen. Die Innenwände haben keine stützende Funktion, da die Hyparschalen selbsttragend sind. Wegen des weichen Baugrundes in Ufernähe verdichtete man das Baufundament mit 104 Betonpfählen, die zwischen 16 und 18 m lang sind. Damit entfiel auch die Möglichkeit eines Kellergeschosses für musikalische Veranstaltungen.

Die Terrasse am Havel­buchtufer ist rund 200 m² groß. Eine hauseigene Bootsanlegestelle. In: reiseland-brandenburg.de, 2016. bietet Passagierschiffen die Möglichkeit zum Anlegen.Luftbild: Die Neustädter Havelbucht in Potsdam bei Brandenburg. In: foto.aero / Peter Schubert, 14. April 2014.

Galerie

Würdigung Im Oktober 2020 stellte der Potsdamer Bürgerverein „Freies Tor“ im Beisein von Dieter Ahting eine Info-Tafel neben der Seerose auf im Rahmen eines „historischen Parcours“ in Potsdam.Jennifer Bongards: Potsdams Seerose: Verein ehrt Gastronomie-Denkmal und Bauingenieur mit Infotafel. In: Märkische Allgemeine, 14. Oktober 2020, nur Artikelanfang frei. Der Verein „Freies Tor“ möchte mit dem Parcours über die historisch bedeutsamen Baudenkmale seiner Stadt informieren und damit diese Bauwerke würdigen.. In: freiestor.de, 2013.

Verschiedenes Candelas Bauwerk inspirierte auch den westdeutschen Bauingenieur Jörg Schlaich zu einem Forschungsprojekt an der Universität Stuttgart. Auf der Bundesgartenschau 1977 in Stuttgart präsentierte er einen achtschaligen Ausstellungspavillon, dessen Dach aus dem damals neuen Baustoff Glasfaserbeton bestand. Die Dachdicke konnte er damit auf 10 bis 12 mm reduzierenFritz Leonhardt, Eduard Mönnig: Vorlesungen über Massivbau. Teil 1: Grundlagen zur Bemessung im Stahlbetonbau. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg 2013, ISBN 978-3-642-61739-3, S. 66, . und ebenso erheblich an Gewicht. Nach fünf Jahren waren „merkliche Kriechverformungen“ zu erkennen. Die Glasfasern waren noch nicht ausreichend alkali­beständig, sodass der Beton versprödete und der Gärtnerpavillon 1982 abgerissen werden musste.Baubeschreibung: Schalendach für einen Ausstellungspavillon – BUGA 1977. In: schlaich bergermann partner (sbp), mit Fotos, aufgerufen am 5. November 2020.

Literatur Dieter Ahting: Café Seerose in Potsdam. In: Architektur der DDR, 25. Jg., 1986, , S. 552f.

Tanja Seeböck: Schwünge in Beton. Die Schalenbauten von Ulrich Müther. Thomas Helms Verlag, Schwerin 2016, ISBN 978-3-944033-02-0, S. 183; 190; 371 [Datenblatt 60]. Sabine Ambrosius, Tanja Seeböck: Potsdam, Café Seerose. Ein Schalenbau von Dieter Ahting und Ulrich Müther. In: Brandenburgische Denkmalpflege, BLDAM (Hrsg.), 2016, 2. Jg., N. F., , Heft 2, S. 58–68, Volltext im Internet, (PDF; 1,26 MB).

Weblinks

Seerose Potsdam – Offizielle Internetpräsenz

Einzelnachweise

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