mini|Stuhlfauth (1. v. r.) bei seinem 19. Länderspieleinsatz gegen Italien
Heinrich „Heiner“ Stuhlfauth (* 11. Januar 1896 in Nürnberg; † 12. September 1966 in Nürnberg)Geburtsregister Standesamt Nürnberg Nr. 214/1896, Sterberegister Standesamt Nürnberg Nr. 13/1966 war ein deutscher Fußballtorwart. Von 1916 bis 1933 spielte er beim 1. FC Nürnberg, für den er insgesamt 606 Einsätze in der ersten Mannschaft bestritt. Stuhlfauth absolvierte 21 Länderspiele für die deutsche Fußballnationalmannschaft und war zeitweise deutscher Rekordnationalspieler.
Lebensweg Jugend Stuhlfauth wurde am 11. Januar 1896 als Sohn des Metallarbeiters Karl Stuhlfauth und dessen Frau Babette geboren. Das Paar hatte einen weiteren älteren Sohn und eine Tochter. Die Stuhlfauths lebten in der Nürnberger Südstadt. Der junge Heinrich besuchte die Volksschule und absolvierte danach eine Lehre zum Elektromonteur bei der Erle und Nestler AG, einem Nürnberger Motorradhersteller.Heinrich „Heiner“ Stuhlfauth, glubberer.de, abgerufen am 13. Januar 2021 Er wollte zunächst Radrennfahrer werden, was ihm seine Eltern aufgrund der Verletzungsgefahr jedoch verboten. Auch sein Wunsch, Fußball zu spielen, stieß bei ihnen zunächst auf Widerstand, so dass er heimlich trainieren musste.Claus Bernet: Heinrich „Heiner“ Stuhlfauth. In: Erich Schneider (Hrsg.): Fränkische Lebensbilder. 25. Band. Gesellschaft für Fränkische Geschichte, Würzburg 2018, S. 271.
Laufbahn als Spieler und Soldat Stuhlfauths erste Station als Spieler war ab 1910 der FC Franken Nürnberg, für den er im Sturm spielte.Erster deutscher Fußballstar und Torwartlegende, hall-of-fame-sport.de, abgerufen am 14. Januar 2021 Da dessen Stammkeeper zum FC Pfeil Nürnberg wechselte, wurde er ins Tor gestellt, weil er der größte Spieler war. 1911 wechselte Stuhlfauth ebenfalls zum FC Pfeil, damals die „dritte Kraft“ neben dem 1. FC Nürnberg und der SpVgg Fürth, für den er zunächst als Halblinker spielte. Nach der Einberufung des Stammkeepers Hoffmann zum Militär spielte der 1,84 m große Stuhlfauth 1914 dort zum ersten Mal im Tor. Mittlerweile hatten sich auch die Eltern aufgrund seiner Leistungen mit der Fußballerlaufbahn ihres Sohnes abgefunden.
Am 1. Oktober 1916 wechselte Stuhlfauth zum 1. FC Nürnberg, nachdem sich der FC Pfeil aufgelöst hatte und die Kluboberen Notiz von ihm nahmen. Dort debütierte er im Oktober 1916 als Nachfolger des im Weltkrieg gefallenen Torhüters Weschenfelder für die Mannschaft gegen Süd-Berlin. Am 15. Oktober 1916 wurde er jedoch seinerseits zum 3. Bayerischen Pionier-Ersatzbataillon in Ingolstadt einberufen. Auf Bestreben des FCN-Vorstands Neuburger, Hauptmann einer Nürnberger Garnison, wurde Stuhlfauth allerdings für Armee-Fußballspiele freigestellt. Am 14. August 1916 erfolgte seine Versetzung zur Kraftfahrzeug-Ersatz-Abteilung nach Nürnberg, an die Front musste Stuhlfauth aber nie. Ab Dezember 1916 arbeitete er bei der Fahrzeugfabrik Karl Schmidt, Nürnberg. Am 27. Mai 1917 stand Stuhlfauth im Zabo erstmals in der Auswahl Süddeutschlands. Das Spiel gegen Berlin/Brandenburg endete 1:0 und Stuhlfauth hatte erheblichen Anteil am Erfolg, ja er stellte ihn letztlich sicher, indem er einen Elfmeter des Nationalspielers Willi Worpitzky parierte.Christoph Bausenwein: Stuhlfauths Zeiten. Verlag Die Werkstatt. Göttingen 2017. ISBN 978-3-7307-0322-9. S. 45
Nach dem Ersten Weltkrieg war der Club eine der ersten deutschen Mannschaften, die wieder Einladungen aus anderen Nationen erhielten, so zum Beispiel aus Schweden. Geschuldet war dies auch dem Umstand, dass der Fußball allmählich zur Massenveranstaltung wurde, mithilfe derer die Leute versuchten, die Wirren des Krieges zu vergessen. Im Rahmen eines Spiels in Stockholm sollen er und einige Mannschaftskameraden in Kontakt mit einem lokalen Mäzen gekommen sein, der zudem Direktor eines Kaufhauses gewesen war. Die Kicker, gekleidet in Soldatenstrümpfe und Breecheshosen, sollen durch ihn mit allerlei feiner Kleidung ausgestattet worden sein, dem heimischen Zoll sollen sie erzählt haben, sie seien Leichtathleten und wären so um eine Gepäckkontrolle gekommen. In der Folge entwickelte sich Stuhlfauth zu einem der ersten großen Stars des deutschen Fußballs, auch begünstigt durch seine Tätigkeit als Wirt der Sebaldusklause, einer Begegnungsstätte der Prominenz aus Sport, Kultur oder Politik. Während seiner Zeit beim 1. FC Nürnberg wurde er deutscher Nationalspieler. Beim ersten Länderspiel nach Ende des Ersten Weltkriegs, am 27. Juni 1920 nach sechs Jahren Pause, debütierte der Clubtorhüter in Zürich beim Freundschaftsspiel gegen die Schweiz in der Nationalmannschaft. Bei der 1:4-Niederlage debütierten auch die weiteren Clubspieler Hans Kalb und Carl Riegel an der Seite von Spielführer Adolf Jäger.Karl-Heinz Heimann, Karl-Heinz Jens: Kicker-Almanach 1989. Copress-Verlag. München 1988. ISBN 3-7679-0245-1. S. 45
Der Tormann gewann mit dem Verein fünf deutsche Meistertitel (1920, 1921, 1924, 1925 und 1927) und nahm auch am „endlosen Meisterschaftsendspiel“ 1922 teil, das doppelt ausgetragen und auch jeweils abgebrochen werden musste. Darüber hinaus blieb „der Heiner“ in allen fünf siegreichen Endspielen ohne Gegentreffer.
Mit seinem 19. Länderspiel am 28. April 1929 löste er Eugen Kipp als Rekordnationalspieler des DFB ab. Als solcher durfte er sich aber nur bis zum 25. September 1932 bezeichnen, als Richard Hofmann sein 22. Länderspiel absolvierte. In sechs Spielen führte Stuhlfauth die Nationalmannschaft als Spielführer aufs Feld. Stuhlfauth stand auch im Tor der Nationalmannschaft als in den beiden Länderspielen am 13. Januar in Nürnberg gegen Österreich (4:3) beziehungsweise am 21. April in Amsterdam gegen die Niederlande (1:0) gespielt wurde und die DFB-Elf nur mit Spielern aus Fürth und Nürnberg aufgelaufen war.
Sein 21. und letztes Länderspiel fand im Frühjahr 1930 in Frankfurt am Main gegen Italien statt (0:2).
1933 beendete Stuhlfauth seine Spielerlaufbahn. Seine letzte Partie absolvierte er am 3. August 1930 unter Trainer Jenő Konrád mit dem FCN gegen Sparta Prag (Nürnberg gewann mit 3:1), nachdem er ursprünglich nur als Zuschauer gekommen war und der an diesem Tag noch einmal überragend dirigierende Hans Kalb das Clubspiel gelenkt hatte.Christoph Bausenwein: Stuhlfauths Zeiten. Verlag Die Werkstatt. Göttingen 2017. ISBN 978-3-7307-0322-9. S. 315 Die Fans hatten sich aber noch einmal einen Auftritt ihres „Heiner“ gewünscht und dessen Nachfolger Georg Köhl erklärte sich einverstanden, für den großen Vorgänger Platz zu machen. An gleicher Stelle ist aber auch nachzulesen, dass Stuhlfauth noch einmal in einem Pflichtspiel am 7. Dezember beim Derby (1:2) gegen Fürth in der Bezirksliga zwischen den Pfosten gestanden hatte.
Schon 1929 bis 1931 war er beim in der Kreisliga Oberpfalz-Niederbayern spielenden TSV 1861 Straubing geführt. 1932/33 trainierte er sowohl die Würzburger Kickers als auch wieder Straubing. Im Buch von Bausenwein über „Stuhlfauths Zeiten“ aus dem Jahr 2017 wird die Club-Legende zur Saison 1932/33 als Trainer von FC Thüringen Weida in Mitteldeutschland aufgeführt; ab April 1934 soll er den Trainerjob beim Deutschen Sportclub (DSC) Hagen in der Gauliga Westfalen übernommen haben.Christoph Bausenwein: Stuhlfauths Zeiten. Verlag Die Werkstatt. Göttingen 2017. ISBN 978-3-7307-0322-9. S. 319, 321 Des Weiteren ist bei Bausenwein noch notiert, dass Stuhlfauth als Spielertrainer mit dem FC Herzogenaurach der Aufstieg in die mittelfränkische Kreisliga glückte und er bei Spielen der Pokalmannschaft – der zweiten Mannschaft – er sich ab und an auch noch selbst für den 1. FCN ins Tor stellte. So etwa am 31. Juli 1932 vor vollem Haus in Schwäbisch Gmünd gegen den dortigen 1. FC Normannia, welches der Club mit 6:2 gewann und der alte Kämpe seine ungebrochene Popularität in vollen Zügen genießen konnte.Christoph Bausenwein: Stuhlfauths Zeiten. Verlag Die Werkstatt. Göttingen 2017. ISBN 978-3-7307-0322-9. S. 317
Leben nach der Karriere Ab Mitte der 1930er Jahre gehörte er dem Ältestenrat des 1. FCN an und entdeckte Anfang der 40er die spätere Vereinslegende Max Morlock.
Zu Beginn des 2. Weltkriegs wurde Stuhlfauth erneut eingezogen und nahm als Gefreiter am Überfall auf Polen teil. Zum 1. Mai 1937 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 4.856.731).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/43810023 Im Krieg wurde Stuhlfauths ehemaliges Lokal, die Sebaldusklause, im Rahmen der Luftangriffe auf Nürnberg zerstört.Christoph Bausenwein: „Stuhlfauths Zeiten. Die goldenen Jahre des Fußball“, Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2017, ISBN 978-3-7307-0322-9 Nach Kriegsende arbeitete er als Schulsportlehrer und führte für das Mineralölunternehmen Shell Fußball-Lehrfilme vor. Darüber hinaus warben die Fahrzeughersteller BMW und Victoria mit dem ehemaligen Sportler für ihre Autos und Motorräder.
1953 nahm er als 57-Jähriger auf Einladung des Deutsch-Amerikanischen Fußball-Bundes an einer USA-Tournee des 1. FC Nürnberg teil. Dabei wurde er begeistert empfangen und bezeichnete selbst die Tournee als „die Krönung meiner Laufbahn“.
1956 wurde Stuhlfauth in einer Umfrage des Kicker zum populärsten deutschen Fußballspieler gewählt. Am 12. September 1966 starb er, der sich seit gut sieben Jahren im Ruhestand befand und in Laufamholz lebte, an einem Herzschlag und wurde von seiner Ehefrau Liesel, mit der er 43 Jahre lang verheiratet gewesen war, überlebt.15. September 1966: Letztes Geleit für Heiner Stuhlfauth, nordbayern.de, abgerufen am 14. Januar 2021 Die Beisetzung fand auf dem Waldfriedhof in Schwaig statt.
Stärken Stuhlfauth galt neben dem Spanier Ricardo Zamora zu seiner Zeit als einer der besten Torhüter der Welt. Der Österreicher Karl Kanhäuser sagte einmal: „Stuhlfauth übertraf den Schaumann Zamora um eine Klasse. Ich habe gegen Zamora in einem Spiel drei Tore geschossen, bei Stuhlfauth war man froh, wenn man einen Treffer erzielte. Er wirkte auf die Gegenspieler und den Ball wie ein Hexenmeister.“
Vom 8. Juli 1918 bis zum 5. Februar 1922 verlor der Club mit ihm kein einziges von 104 Verbandsspielen. Das Torverhältnis betrug in diesen Spielen 480:47.
„Gott selbst stand im Tor!“, schrieb eine italienische Zeitung im Jahr 1929 über die Nürnberger Torwartlegende, als er mit fantastischen Paraden und Reflexen den 2:1-Sieg der deutschen Nationalmannschaft sicherte und die italienischen Stürmer zur Verzweiflung brachte. Stuhlfauth selbst schien laut dem Kicker „merkwürdige prophetische Gaben“ besessen zu haben, was sich in einem für damalige Tormänner außergewöhnlichen Stellungsspiel äußerte. Die meiste Zeit fing er so die Bälle, anstatt gewagte Hechtsprünge ausführen zu müssen, und meinte dazu auch „Ein guter Torwart wirft sich nicht! Wenn ich zu Sturzflügen und Panthersprüngen gezwungen war, fragte ich mich immer, was ich falsch gemacht hatte“.