Die Belagerung von Godesberg vom 18. November bis 17. Dezember 1583 war die erste größere Belagerung im Truchsessischen Krieg (1583–1589). Im Bestreben, die Kontrolle über eine bedeutende Festung an sich zu reißen, umzingelten bayerische Truppen und Söldner den Godesberg und das an seinem Fuße gelegene Dorf, das heutige Bad Godesberg. An der Spitze des Berges befand sich eine beeindruckende Festungsanlage, die Godesburg, die im frühen 13. Jahrhundert vom Kurfürstentum Köln errichtet worden war.
Hochaufragend über dem Rheintal kontrollierte der Herr der Godesburg durch ihre strategisch bedeutsame Lage die Straßen von und nach Köln, dem Wirtschaftszentrum der Region, und Bonn, der Hauptstadt von Kurköln. Später hatten die Kurfürsten die Mauern der Burg verstärkt und die Türme erhöht. Im 14. Jahrhundert wurde eine kleine Wohnstätte und ein Donjon angefügt, wodurch sich die Festung zu einem Bollwerk für die kurfürstlichen Archive und Wertsachen entwickelte. Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts galt die Godesburg als nahezu uneinnehmbar. Sie hatte sich zu einem Machtsymbol des Doppelamtes aus Kurfürst und Erzbischof von Köln, eines der wohlhabendsten kirchlichen Territorien im Heiligen Römischen Reich, entwickelt. Der Truchsessische Krieg, eine Fehde zwischen dem protestantischen Kurfürsten Gebhard, Truchsess von Waldburg und dem katholischen Kurfürsten Ernst von Bayern, war ein weiteres schismatisches Kapitel in der kurfürstlichen und erzbistümlichen Geschichte.
Im November 1583 wurde die Godesburg von bayerischen Streitkräften angegriffen. Sie hielt jedoch auch einer langen Kanonade der Angreifer stand; schließlich gruben Sappeure einen Tunnel in den Basaltuntergrund des Berges, platzierten 680 Kilogramm Schwarzpulver im Tunnel und sprengten einen erheblichen Teil der Befestigungsanlagen in die Luft. Durch die Explosion wurde ein Großteil der Verteidiger getötet. Die verbleibenden Verteidiger leisteten jedoch weiterhin erbitterten Widerstand und das durch die Sprengung entstandene Geröll behinderte das Fortkommen der Angreifer. Erst als einige der Angreifer über das Latrinensystem in den Innenhof der Anlage gelangten, konnten die Bayern die Überhand gewinnen. Der Kommandeur der Godesburg und einige weitere überlebende Verteidiger suchten Schutz im Bergfried; indem er im Kerker gefangene Gegner als Geiseln benutzte, erhandelte der Kommandeur freies Geleit für sich, seine Frau und seinen Leutnant. Die anderen, die im Bergfried Zuflucht gesucht hatten – Männer, Frauen und Kinder – wurden getötet. Das nahegelegene Bonn fiel den Bayern im darauffolgenden Monat in die Hände.
Hintergrund mini|Die weltlichen Besitzungen der Erzbischöfe von Köln erstreckten sich über 60 km entlang des Rheins. Die grauen Linien entsprechen den Grenzen der heutigen Staaten Deutschland, Belgien und Niederlande, die Flüsse werden ebenfalls in ihrem heutigen Lauf dargestellt. Die Reichsstadt Köln zählte nicht zum Kurfürstentum, obwohl sie Teil der Erzdiözese war. Venlo, Duisburg, Dortmund und Nijmegen gehörten ebenfalls nicht zu Kurköln, obwohl sie im Truchsessischen Krieg eine wichtige Rolle spielten. Der Truchsessische Krieg (1583–1589) wurde durch die Konvertierung von Kurfürst-Erzbischof Gebhard von Waldburg 1582 zum Calvinismus und seine nachfolgende Hochzeit mit Agnes von Mansfeld-Eisleben 1583 ausgelöst. Als er sich weigerte, auf seine Ämter zu verzichten, wählte eine Gruppe Geistlicher im Kölner Domkapitel einen anderen Erzbischof, Ernst von Bayern aus dem Haus Wittelsbach.Johann Heinrich Hennes: Der Kampf um das Erzstift Köln zur Zeit der Kurfürsten. DuMont-Schauberg, Köln 1878, S. 5–10.
Zu Beginn kämpften nur Truppen der beiden konkurrierenden Erzbischöfe um die Kontrolle im Kurfürstentum; innerhalb weniger Monate hatte sich der Kampf von einer lokalen Fehde zu einem Krieg entwickelt, in dem zur Unterstützung der Protestanten auch Truppen aus der Kurpfalz und auf Seiten der Katholiken Truppen aus dem Herzogtum Bayern teilnahmen. Italienische Söldner, die mit päpstlichem Gold angeheuert worden waren, vermehrten die katholischen Streitkräfte. 1586 eskalierte der Konflikt noch weiter, als sich Truppen aus den spanischen Niederlanden direkt den Katholiken anschlossen, was wiederum eine tertiäre Beteiligung von Heinrich III. von Frankreich und Elisabeth I. von England auf protestantischer Seite provozierte.Hajo Holborn: A History of Modern Germany, The Reformation. Princeton University Press, Princeton NJ 1959.
Im Prinzip war die Auseinandersetzung nur eine lokale Fehde zwischen den beiden konkurrierenden dynastischen Häusern, den Seneschallen oder Truchsessen von Waldburg und den Herzögen aus dem Haus Wittelbach, die einen religiösen Beiklang erhalten hatte. Der Disput hatte weitreichende Auswirkungen auf die politische, soziale und dynastische Balance im Heiligen Römischen Reich. Er stellte das Prinzip der Reservatum ecclesiasticum, das im Augsburger Reichs- und Religionsfrieden 1555 etabliert worden war, auf eine harte Probe. Der Friede von 1555 regelte religiöse Probleme durch das Prinzip Cuius regio, eius religio: die Untertanen eines weltlichen Herrschers mussten der Religion ihres Souveräns folgen. Das Reservatum ecclesiasticum nahm die Territorien von Prälaten innerhalb des Reiches (Bischöfe, Erzbischöfe, Äbte/Äbtissinnen) von dieser Regel aus. In einem kirchlichen Gebiet mussten die Einwohner nicht mit ihrem Herrscher die Religion wechseln, wenn dieser konvertierte. Stattdessen hatte der Prälat seine Ämter niederzulegen. Problematischerweise regelte der Frieden von 1555 diesen Prozess nicht im Detail.
Umstrittene Konvertierung
Agnes von Mansfeld-Eisleben war eine Kanonissin in einem Konvent in Gerresheim. Nach 1579 unterhielt sie eine längere Liaison mit Gebhard von Waldburg-Trauchburg, dem Truchsess von Waldburg. Zur Wahrung ihrer Ehre überzeugten zwei ihrer Brüder Gebhard davon, sie zu heiraten und in Erwägung zu ziehen, für sie zum Calvinismus zu konvertieren.Hennes, S. 6–7. Gerüchte über seine mögliche Konvertierung und die mögliche Niederlegung seiner Ämter verbreiteten sich im Kurfürstentum. Schon früher hatte das Kurfürstentum ähnliche Probleme überwunden. Hermann von Wied war 1547 zum Protestantismus konvertiert und zurückgetreten. Salentin von Isenburg, Gebhards unmittelbarer Vorgänger, war wegen seiner Hochzeit zurückgetreten. Im Dezember 1582 verkündete Gebhard seine Konvertierung und weitete die religiöse Gleichberechtigung von Protestanten im Kurfürstentum aus. Im Februar 1583 heiratete er Agnes. Ende März 1583 wurde er vom Papst exkommuniziert. Das Domkapitel wählte umgehend einen neuen Erzbischof, Ernst von Bayern.N.M. Sutherland: Origins of the Thirty Years War and the Structure of European Politics. In: The English Historical Review, Vol. 107, Nr. 424 (Juli 1992), S. 587–625, 606.
Beide widerstreitende Erzbischöfe beanspruchten sowohl den Bischofsstuhl als auch die Kurfürstenwürde und so scharten sie und ihre Unterstützer Truppen um sich. Zahlenmäßig lag der Vorteil bei Ernst. Der Papst engagierte 5.000 Söldner vom Haus Farnese und sandte diese zur Unterstützung des neugekürten Bayern. Ernsts Bruder Wilhelm, der Herzog von Bayern, stellte seine Armee zur Verfügung und Ernst brachte seinen anderen Bruder Ferdinand dazu, mit seiner Armee das sogenannte Oberstift, die südlichen Gebiete des Kurfürstentums, einzunehmen; dessen Truppen plünderten dort viele Städte und Dörfer.Hennes, S. 118–121; F. Schmidtz: Heisterbach. In: A. Minon, C. Koenen: Rheinische Geschichtsblätter. 3. Auflage. Hansteins Verlag, Bonn 1897, S. 128–224; Alfred Wiedemann: Geschichte Godesbergs und seiner Umgebung. Mohnkopf, Frankfurt am Main 1920 [Nachdruck 1979], ISBN 978-3-8128-0025-9, S. 393.
Mit Unterstützung von Adolf von Neuenahr und dem Grafen Solms konnte Gebhard im Norden und Osten von Kurköln, wo er durch die geographische Nähe zu den rebellischen niederländischen Provinzen Vorteile hatte, einige Gebiete halten. Im Süden jedoch jagten Ferdinands Truppen die Soldaten, die Gebhard im Oberstift zum Schutz von Städten wie Ahrweiler und Linz zurückgelassen hatte; Gebhards Truppen wurden aus ihren Festungen vertrieben, über das Gelände gejagt und schließlich gefangen genommen. Bis Herbst 1583 waren die meisten Gebiete des Oberstifts an Ferdinands Armee gefallen und viele von Gebhards einstigen Verbündeten, darunter sein eigener Bruder, waren von ihm abgefallen. In einigen Fällen hielten sie die Entlassungsvereinbarungen ein, die nach ihrer Gefangennahme getroffen worden waren. Ein starker Unterstützer, Johann Kasimir von Pfalz-Simmern, der Bruder von Kurfürst Ludwig VI. von der Pfalz, kehrte in die Pfalz zurück, als sein Bruder starb. Andere Unterstützer waren durch Gebhards Unfähigkeit, seine Truppen zu bezahlen, frustriert oder durch Drohungen von Kaiser Rudolf II. eingeschüchtert. Ende Oktober hielt Gebhard im Oberstift quasi nur noch die Godesburg bei den Dörfern Godesberg und Friesdorf, die Festung in Bonn und das befestigte Dorf Poppelsdorf.
Festung
Der Grundstein der Godesburg war am 15. Oktober 1210 auf Geheiß von Dietrich I. von Hengebach, dem Erzbischof von Köln, gelegt worden, dessen Herrschaft über das Kurfürstentum selbst umstritten war und der seine Position daher verteidigen musste.Tanja Potthoff: Die Godesburg – Archäologie und Baugeschichte einer kurkölnischen Burg. Inaugural-Dissertation, Universität München, 2009, S. 10; Matthias Untermann: „primus lapis in fundamentum deponitur“. Kunsthistorische Überlegungen zur Funktion der Grundsteinlegung im Mittelalter. Archiv der Universität Heidelberg, S. 6. Erstveröffentlichung in: Cistercienser. Brandenburgische Zeitschrift rund um das cisterciensische Erbe 6, 2003, Punkt 23. Potthoff gibt als Datum den 5. Oktober an, Untermann, Glaser (1980) und andere Autoren den 15. Oktober. Obwohl seine Feinde Dietrich 1212 absetzten, vollendeten und erweiterten seine Nachfolger die Festung;Potthoff 2009, S. 11. sie zeichnete sich in den Chroniken der nachfolgenden Jahrhunderte sowohl als symbolische als auch reale Verkörperung der Macht des Erzbischofs von Köln in seinen zahlreichen Kämpfen um Durchsetzung derselben in säkularen und kirchlichen Belangen aus. Außerdem wurde die Festung im späten 14. Jahrhundert zum Aufbewahrungsort für die Wertsachen und Archive des Kurfürsten. Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts wurde das Schloss in der Bevölkerung unter allen möglichen Residenzen als Lieblingssitz des Kurfürsten bezeichnet.Weyden, S. 42.
mini|Die Godesburg vor ihrer Zerstörung, abgebildet auf einem bemalten Kirchenfenster um 1500. Von diesem Gemälde wird angenommen, dass es die einzige detaillierte Abbildung der Godesburg vor ihrer Zerstörung ist. Das Bild zeigt das Gebäude von Norden; rechts im Vordergrund sieht man die Michaelskapelle.