Victor Manheimer (* 7. Dezember 1877 in Berlin; † 10. Dezember 1942 in Amsterdam) war ein deutsch-jüdischer Germanist, Bibliophiler und prominentes Mitglied der Schwabinger Künstler- und Intellektuellenszene des frühen 20. Jahrhunderts. mini|„Der siebzigste Geburtstag des Kommerzienrates Valentin Manheimer.“ Gemälde von Anton von Werner, 1887.

Leben Jugend und Studium Victor Manheimer war das älteste von vier Kindern des jüdischen Kaufmanns Ferdinand Manheimer und dessen Frau Betty geb. Jacoby. Ferdinand Manheimers Vater Valentin (1815–1889) hatte in Berlin das Konfektionshaus V. Manheimer gegründet. Nach seinem Tod leiteten es seine drei Söhne, von 1904 bis zu seinem Tod 1905 leitete es Ferdinand Manheimer allein.Hans Jaeger: Manheimer, Valentin. In: Neue Deutsche Biographie Band 16, S. 34–35. Ferdinand und Betty Manheimer pflegten vielseitige kulturelle Interessen. Der Philosoph Max Dessoir, der in ihrem Haus Bellevuestraße 7 ein und aus ging, schreibt von Ferdinands stattlicher Wohnung: Sie „unterstand der Führung seiner Gattin Betty, die eine gehobene Geselligkeit pflegte und insbesondere Musiker wie Musikfreunde bei sich sah; drei Söhne und eine Tochter wuchsen dort auf.“Dessoir 1946, S. 144. Ein Gemälde Anton von Werners 1887 zeigt die Feiergesellschaft in der Bellevuestraße anlässlich von Valentin Manheimers siebzigstem Geburtstag – exemplarisch einerseits für das Leben der Berliner Oberschicht der Gründerzeit, andererseits für die Assimilation der jüdischen Bürger. Alle Enkel Valentin Manheimers sind dargestellt, doch ist unklar, wer der zehnjährige Victor ist.Das Bild befindet sich heute im Deutschen Historischen Museum in Berlin.

Victor besuchte das Berliner Königliche Wilhelms-Gymnasium, wo er 1895 die Reifeprüfung ablegte. Er studierte dann an den Philosophischen Fakultäten der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, der Ludwig-Maximilians-Universität München und wieder der Berliner Universität. Er besuchte hauptsächlich „Veranstaltungen bei Professoren, die mit ihren Lehrschwerpunkten bereits etablierte Forschungsgebiete der Germanistik abdeckten. Insbesondere die Schüler Wilhelm Scherers, allen voran Erich Schmidt, [...] dürften bei ihm ein tendenziell konservatives Verständnis seines Fachs evoziert haben.“Kötz 2013, S. 75. Er schrieb auch selber Gedichte.Kötz 2013, S. 282.

Promotion und Habilitationsversuch Ab Wintersemester 1898/1899 studierte Manheimer fünf Semester lang an der Georg-August-Universität Göttingen. Sein wichtigster Lehrer dort war Gustav Roethe. Er wurde sein Doktorvater. Er schrieb über Manheimers Dissertation „Die Lyrik des Andreas Gryphius. Studien und Materialien“:Kötz 2013, S. 42. „Der Cand. hat das Glück gehabt, verloren geglaubte, vor allem die sehr wichtige erste Ausgabe der Sonette, zu entdecken; er hat das Geschick gehabt, diese Funde ohne Überschätzung angemessen zu verwerten. <...> Er hat den gesamten Werdegang des Lyrikers Gryphius überzeugend geschildert, wie er umgekehrt für die Interpretation schwieriger Stellen Gutes getan hat. Eine nach allen Seiten hin selbständig und geistvoll und fördernde Studie.“ Bei der Erstausgabe von Andreas Gryphius’ Sonetten handelt es sich um die Lissaer Sonette. 1903 wurde Manheimer zum Dr. phil promoviert, 1904 die Dissertation gedruckt.Manheimer 1904.

Zu Manheimers Bekanntschaften während der Studien- und Promotionszeit gehörten der Dichter Richard Dehmel, dem er „ein paar Gedichte“ vorlegte,Kötz 2013, S. 40. der Musikwissenschaftler Werner Wolffheim, der Kunsthistoriker und Bibliophile Otto Deneke, der Schriftsteller Rudolf Borchardt und der Germanist Walther Brecht (1876–1950),Brecht, Walther. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 Band 1, 1954, S. 109–110. der ebenfalls Doktorand bei Roethe in Göttingen war und 1902 promoviert wurde. Gleiche Begeisterung für deutsche Literatur machte Manheimer und Brecht zu Freunden. Später wurden beide Bibliophile; in Göttingen kamen sie, so Manheimer, bei der Betrachtung der „herrlichen Renaissance-Drucke“, die Brecht für seine Dissertation brauchte, noch nicht auf den Gedanken, „daß man so etwas besitzen müsse, um es richtig auszukosten. Die Pergament- und Schweinslederbände deutscher Barockdichter, die ich mir damals in Göttingen für billiges Geld zulegte, sollten lediglich eine Art Handwerkszeug bedeuten.“Manheimer 1924, S. III–IV.

Manheimer strebte die Habilitation an und begab sich dazu an die Kaiser-Wilhelm-Universität Straßburg. Sein Thema sollte „Das Verhältnis FrauenlobsBeiname des Dichters Heinrich von Meißen. zu seinen Vorgängern“ lauten. Es blieb aber beim Versuch, sei es, dass er bei den Straßburger Professoren nicht genügend Unterstützung fand, sei es, dass persönliche Schwierigkeiten überwogen; der Vater starb am 17. März 1905, ob durch Selbstmord, blieb unklar; die Mutter heiratete zwei Jahre später Werner Wolffheim, der achtzehn Jahre jünger war als sie.Dessoir 1946, S. 144. 1906 zog Manheimer nach München. Damit begann für ihn ein neues Leben. Die Professorenlaufbahn gab er auf. „Stattdessen trat er als Gastgeber, als Lebemann, Bibliophiler und Protagonist der Münchener Kultur- und Theaterszene in Erscheinung.“Kötz 2013, S. 72.

Bohème Manheimer wohnte in Schwabing, zunächst in der Ainmillerstraße, ab 1909 in der Werneckstraße 5 (seit 1955: Nr. 18), im sogenannten „Stubenrauchschlößl“.Heisserer 1993, S. 168. Sein Wohnsitz gehörte zu den „Inseln in der Stadt“, wo sich die Bohème traf. Der Schriftsteller Hermann Sinsheimer schildert das Ambiente:Sinsheimer 1953, S. 168. Zitiert nach der Auflage von 1953 im Pflaum-Verlag. Der Name dort ist durchweg ‚Mannheimer‘. Die Neuauflage von 2013 im Verlag für Berlin-Brandenburg hat die korrekte Orthographie.

Ab 1909 wurden bei Manheimer privat Schattenspiele aufgeführt, zuweilen mit Manheimer selbst als Regisseur. An einer Vorstellung von Justinus Kerners Trauerspiel „Der Totengräber vom Feldberg“Der Totengräber vom Feldberg; Trauerspiel von Justinus Kerner. In: Deutsche Digitale Bibliothek. nahm am 25. Juli 1920 Thomas Mann teil, für Sinsheimers Ironie wohl eine „Rosine“:Thomas Mann: Tagebücher 1918–1921, S. 454–455. „Gartenfest bei Dr. Mannheimer, wobei Kerners ‚Totengräber‘ im Freien aufgeführt wurde. Bewundernswürdige kleine Dichtung, gut dargestellt.“ Gäste im Stubenrauchschlößl waren auch der Schriftsteller Max Halbe, der ein Freund bis in die Zeit der Emigration wurde, und der Bildhauer Fritz Behn.

1907 wurde Manheimers Sammelleidenschaft manifest. Seit ihrer Gründung 1907 war er Mitglied der „Gesellschaft der Münchener Bibliophilen“, zu der unter anderen der Illustrator und Schriftsteller Rolf von Hoerschelmann, der Antimilitarist und Schriftsteller Erich Mühsam und der Schriftsteller Karl Wolfskehl gehörten. Wolfskehl wurde wie Max Halbe ein Freund bis in die Zeit der Emigration. In der Bibliophilen-Gesellschaft wurde Manheimer „als Intellektueller und als Lebemann gleichermaßen angesprochen, hier fand er außerdem Unterhaltung und Austausch mit Schriftstellern, bildenden Künstlern, Verlegern, Buchhändlern und anderen Gelehrten.“Kötz 2013, S. 82. War seine eigene Sammlung 1907 noch klein, so wuchs sie nun. Zum Beispiel nahm Manheimer als Käufer an der Münchener Versteigerung aus der „Bibliothek Prof. Dr. Oscar Piloty“ im Mai 1918 teil.Antiquariat Emil Hirsch: Bibliothek Prof. Dr. Oscar Piloty. Versteigerung am 28. und 29. Mai 1918. So kam es, was er in Göttingen noch nicht gedacht hätte, dass er nämlich „eines Morgens als Besitzer einer beinahe berühmten Sammlung deutscher Barockliteratur aufwachen würde. <...> Ich war aber schon längst, bevor ich es wahr haben wollte, ein Sammler geworden.“Manheimer 1924, S. IV.

Ab 1910 engagierte er sich auch im Münchener „Neuen Verein“. So kam er in Kontakt mit Arthur Schnitzler und Frank Wedekind. 1918 legte er Schnitzler – Zeichen, dass er sich weiter selbst poetisch versuchte – ein eigenes Stück „Die Ebbe“ zur Bewertung vor. Schnitzler urteilte vernichtend.Kötz 2013, S. 90. Eigener literarisch-künstlerischer Ruhm blieb Manheimer versagt. Er agierte „als Privatgelehrter und Person des (halb-) öffentlichen Lebens zumindest im Hintergrund der literarischen Szene zwischen 1907 und 1922“Kötz 2013, S. 93. – möglicherweise zu selbstgewiss, nach Dessoir „ein Schöngeist, der mit seinem Geld sorglos und ungeschickt umging. <...> Da seine Beziehungen auch nach andern Ländern reichten und sein Selbstbewußtsein ständig wuchs, wähnte er sich im Mittelpunkt des geistigen Europa.“Dessoir 1946, S. 145.

1917 heiratete Manheimer die gut 18 Jahre jüngere Hedwig Salomon. 1919 wurde ihnen die Tochter Ruth geboren.Kötz 2013, S. 80–81. Die Ehe wurde nach 1922 geschieden.Kötz 2013, S. 102–103. In den 1920er Jahren trat Manheimer aus der jüdischen Gemeinde aus.Kötz 2013, S. 137–138.

Unstete und Emigration Am 10. Oktober 1922 meldete sich Manheimer in München ab und zog mit seiner Familie nach Berlin, behielt aber die Wohnung in der Münchener Werneckstraße bei. Vielleicht zwischen den beiden Städten pendelnd, zunehmend auch im Ausland, vor allem Italien, führte er ein unstetes Wanderleben. Politische Repression kommt für die zwanziger Jahre nicht in Betracht – die Beweggründe bleiben unklar. Seine Bibliothek löste er zwischen 1924 und 1931 auf. 1924 versteigerte er in Berlin unter dem Titel „Von Gottsched bis Hauptmann“ seine Sammlung neuerer Autoren.Paul Graupe und Emil Hirsch (Hrsg.): Aus der Bibliothek Victor Manheimer. Von Gottsched bis Hauptmann. Auktion XXXVII. Versteigerung am 10. und 11. November 1924. „Wenn ein Sammler seine Sammlung ganz oder teilweise abstößt, erhebt sich bei uns, anders als beispielsweise in Paris, eine Wolke von Klatsch über seine pekuniären Beweggründe.“ Bei ihm sei es anders. „Il y a une chose, que j’aime plus que la beauté, c’est le changement.“Manheimer 1924, S. XI. 1927 folgte in München die Versteigerung seiner Sammlung deutscher Barockliteratur.Sammlung Victor Manheimer. Deutsche Barockliteratur von Opitz bis Brockes. Versteigerung am 12. Mai 1927. Im Oktober 1931 schließlich verkaufte Manheimer den Rest, germanistische Fachliteratur, an die Universität Köln. Kötz sieht darin den Beginn der Emigration. Mit der Veräußerung des letzten Teils seiner Bibliothek habe Manheimer sich zusätzliche Mittel für das Leben in der Emigration verschafft. Die Reihenfolge der Verkäufe lasse auch auf sein Selbstverständnis schließen. Das Festhalten an seiner Arbeitsbibliothek zeige, dass er sich immer noch als Germanist und Philologe verstanden habe.