Der Vielgeliebte und die Vielgehaßte ist eine historische Doppelbiographie der deutschen Schriftstellerin Clara Viebig. Hauptfiguren der gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Berlin spielenden Handlung sind die historischen Figuren Wilhelmine Enke, spätere Gräfin Wilhelmine von Lichtenau und König Friedrich Wilhelm II. von Preußen. Viebig zeichnet in einer Epoche des deutschen Umbruchs die Beziehung zwischen dem König und einer von Volk und Adel verunglimpften Frau nach, die als "die preußische Pompadour" bezeichnet wurde.

Handlung Bei einem Gang durch den herbstlich-trüben Park von Sanssouci hängt Friedrich II. seinen Gedanken nach. Die wichtigste Sorge des ungeliebten, verbitterten preußischen Herrschers ist die Zukunft seines Staates. Er befürchtet, dass sein Nachfolger, Prinz Friedrich Wilhelm II., nur allzu leicht den Einflüsterungen von Höflingen und Mätressen erliegen könne und das in harten kriegerischen Auseinandersetzungen erkämpfte Staatsgebiet nicht konsolidieren werde. Der liederlich lebende Neffe und Erbe ist bereits zum zweiten Mal verheiratet und bekannt für außereheliche Beziehungen, während er sich in der Politik desinteressiert und linkisch verhält. Der Onkel sorgt sich:Plötzlich tritt Wilhelmine Enke an Friedrich heran. Der König kennt und verachtet diese Geliebte seines Neffen, die mit dem Prinzen einen Sohn hat. Wilhelmine bittet den König, dem Sohn Alexander einen Titel zu verleihen. Friedrich weist die Frau in harschem Ton ab:Rückblickend wird Wilhelmines Kindheit dargestellt: Vater Elias Enke, Waldhornist in der königlichen Kapelle, kann kaum die Familie über Wasser halten. Mutter Enke erhofft für ihre Töchter ein besseres Leben und hat deshalb nichts dagegen einzuwenden, dass die große Tochter Renate zahlreiche adelige Verehrer empfängt. Als Statistin beim Theater gelingt es ihr tatsächlich, den Grafen Matuschka zur Heirat zu bewegen, wobei die Ehe unglücklich enden wird. Gegen den Willen des aufgebrachten Vaters führt Renate die kleine Wilhelmine in ihr Haus ein, wo diese die Umgangsformen der höfischen Berliner Lebewelt aufnimmt und als Elfjährige den Prinzen kennenlernt. Friedrich Wilhelm II. ist von dem Kind angetan und versichert ihr, sie könne auf ihn zählen.

Die überaus wissbegierige Wilhelmine wird zunächst von dem Prinzen unterrichtet. Er lässt sie später bei den Eltern seines Kammerdieners Johann Friedrich Rietz einziehen, um ihr jederzeit nahe sein zu können. Wilhelmine genießt dieses Leben, aber in ihre Freude mischt sich die Trauer über die Trennung von der Familie und das Zerwürfnis mit dem Vater, der den Lebenswandel seiner Töchter scharf missbilligt. Später wird Wilhelmine schmerzlich erleben müssen, dass der Vater verstirbt, ohne ihr verziehen zu haben. Nach einem einsamen Tag Wilhelmines geschieht das, was Friedrich Wilhelm erwartet hat: Die Herangewachsene fällt dem Prinzen in die Arme und wird seine Geliebte. Friedrich Wilhelm wiederholt in Schriftform seinen Schwur: Die Liaison soll tatsächlich bis zum Tode des späteren Königs fortbestehen, auch wenn Friedrich Wilhelm II. zahlreiche weitere Beziehungen pflegt. – Der Prinz schenkt Wilhelmine ein Landhaus in Charlottenburg, wo er sie und die gemeinsamen Kinder, Alexander von der Mark und Marianne von der Mark, immer sehen kann. Dort findet er das Familienleben, das ihm weder seine Ehefrau noch andere Geliebte geben können, zumal er seinen Sohn Alexander zärtlich liebt. Indes wird die Enke im Volk verteufelt. Man munkelt, sie beute den Prinzen schamlos aus. Bei Hofe ist man froh, als der Prinz auf die Hofdame Julie von Voß aufmerksam wird, da man die bürgerliche Enke unbedingt verdrängen möchte.

Tatsächlich willigt der Prinz in eine Ehe ‚zur linken Hand‘ mit der Voß ein, außerdem verlangt seine Gattin, man solle die Enke dazu drängen, Berlin zu verlassen oder einen Bürgerlichen zu heiraten, damit ihr verhasster Name verschwinde. Wilhelmine sträubt sich zunächst. Schließlich willigt sie in eine Ehe mit dem ungeliebten, zum geheimen Stadtkämmerdiener beförderten Rietz ein, der als Intrigant eine bedrohliche Rolle spielt. Diese Ereignisse fallen zusammen mit dem Tod des alten Königs und der Thronbesteigung des Prinzen. Er heiratet tatsächlich Julie von Voß und erhebt sie zur Gräfin Ingenheim. Wilhelmine ist unglücklich, denn sie liebt unvermindert den ‚Dicken Willem‘, wie er nun vom Volk bezeichnet wird. Bei der Bestattung des alten Königs wird sie vom Pöbel bedrängt: Mit der Thronbesteigung erlangt Friedrich Wilhelm Beliebtheit beim Volk, da er großzügig Orden verleiht und vor allem die verhasste Kaffeesteuer und das Tabakmonopol abschafft: „‚Der Vielgeliebte‘, so hieß der König jetzt allgemein, aber – […] die Ersparnisse Friedrichs würden nicht lange vorhalten. Wer zahlte die Schulen? Und wozu dieses Schwänzeln um Rom?“Viebig, Clara: Der Vielgeliebte und die Vielgehaßte, Stuttgart: DVA 1935, S. 125. Den beiden spiritistisch-mystischen Spielereien zugeneigten Berater Hans Rudolf von Bischoffwerder und Johann Christoph von Woellner werden wichtige Positionen zugeschanzt, da der König ebenfalls eine spiritistische Geisterneigung hat. Politisch bewandert ist lediglich der Minister von Herzberg, den er vom alten Friedrich übernommen hat. Dieser erkennt die Gefahr, die von Frankreich ausgeht: Friedrich Wilhelm findet bei der Enke Beratung in politischen Angelegenheiten. Zwischen den Ministern und Beratern des Königs lavierend, rät sie ihm vorsichtig, sich gegen Josef von Österreich und gegen Russland zu wenden, um die deutsche Kaiserkrone zu erringen. Der Gräfin Ingenheim wird Friedrich Wilhelm bald überdrüssig und sucht sich am neu entstehenden Theater mit der Tänzerin Schulsky und der Schauspielerin Baranius Abwechslung, auch macht er der temperamentvollen Gräfin Sofie Dönhoff den Hof. Wilhelmine hängt trotz allem an ihrem König:Die Ingenheim erliegt nach ihrer Entbindung einem Fieber, woraufhin die Enke von den Berlinern als Giftmischerin verleumdet wird. Der König heiratet nunmehr ‚zur linken Hand‘ die Dönhoff. Wilhelmine wird erneut schwanger. Die Ungewissheit, ob das Kind vom König oder von dem verhassten Rietz stammt, mit dem sie aus Dankbarkeit eine Nacht verbracht hat, macht sie unsicher. Später soll sich herausstellen, dass der König der Vater des kleinen Wilhelm ist, aber bis dahin hält die Enke dem Kind gegenüber ambivalent.

Auf politischer Ebene verkompliziert Woellners Religionsedikt, das die Menschen „zur Abkehr von der vormaligen sogenannten ‚Aufklärung‘“Viebig, Clara: Der Vielgeliebte und die Vielgehaßte, Stuttgart: DVA 1935, S. 148. bringen soll. Der König sieht in ihm „den wahren Eifrer im frommen Glauben, den starken Streiter gegen die auch in die Kirchen eingedrungenen Aufklärungstendenzen“.Viebig, Clara: Der Vielgeliebte und die Vielgehaßte, Stuttgart: DVA 1935, S. 148. Der König vertraut ihm und dem Quacksalber Bischoffwerder, der ihm Pülverchen reicht, um seine psychischen Kräfte zu stärken. Dieser rät ihm, unter anderen von einer Kriegsführung ab, wobei wenig vorteilhafte Bündnisse geschlossen werden.

Der Tod des geliebten Sohnes Alexander von der Mark treibt den König von der vergnügungssüchtigen Gräfin Dönhoff endgültig zurück zur Enke. Hinzu kommt eine Séance bei Bischoffswerder, bei der eine Erscheinung des toten Sohnes Friedrich Wilhelm bewusstlos werden lässt. Der aus der Ohnmacht Erwachende verlangt ausschließlich nach der Enke, die ihn pflegt und ihm beisteht. Um sie hierfür zu ehren, will der König die Stellung Wilhelmines bei Hof festigen. Er setzt durch, dass sie zur Gräfin Wilhelmine von Lichtenau erhoben und gegen den Willen des Adels bei Hof eingeführt wird:Mit seiner defensiven Politik gegenüber anderen Staaten, insbesondere durch die Wirren der französischen Politik, gerät der König unter Handlungsdruck. Gegen die vorrückenden Franzosen unter General Adam-Philippe de Custine nimmt er Frankfurt ein. Bei ihrem gemeinsamen Aufenthalt in dieser Stadt wird Wilhelmine zum ersten Mal vom Volke angenommen und als Gefährtin des Königs verehrt. Beide genießen die Tage, die von einer Aufführung von Mozarts ‚Die Zauberflöte‘ gekrönt werden.

Die Rückkehr nach Berlin wird überschattet von politischen und sozialen Wirren. Der wachsende Einfluss von Immanuel Kant und dessen Vernunftreligion leert die Kirchen. In dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm III. und dessen junger Gemahlin Luise von Mecklenburg-Strelitz erwachsen der Lichtenau heftige Gegner. Von englischer Seite wird an sie ein Bestechungsversuch herangetragen, nämlich gegen Geld Wilhelm zur Kriegsführung zu bewegen, aber sie lehnt dies ab. Der König rechnet ihr dies hoch an.

Die Zuneigung des gutaussehenden englischen Lord Templeton hingegen lässt Wilhelmine Überlegungen anstellen, ob sie diesen Mann heiraten und das ungeliebte Land verlassen soll. Hierzu trägt auch eine ihr zugesandte Schmähschrift des französischen Grafen Mirabeau bei, in der sie einer Dirne gleichgestellt wird und in dem es heißt: „Welches Schicksal ist einem Lande zu prophezeien, worein sich Pfaffen, Schwärmer und Huren teilen?!“Viebig, Clara: Der Vielgeliebte und die Vielgehaßte, Stuttgart: DVA 1935, S. 239. Letztlich zieht Wilhelmine einer Heirat ins Ausland doch den konfliktiven Aufenthalt an der Seite ihres geliebten Königs vor.

Nach einer neuerlichen Schmähung durch den Kronprinzen und Prinzessin Luise flüchtet die Enke nach Italien. Abgesehen von anfänglicher Abweisung am neapolitanischen Hofe genießt sie diesen Aufenthalt sehr. Wie nur selten wird ihr große Bewunderung zuteil:Unvermittelt kehrt Wilhelmine nach Berlin zurück, als der todkranke König nach ihr verlangt. Neben seinen körperlichen Leiden macht ihm die Teilung Polens zwischen Preußen, Russland und Österreich zu schaffen. Obwohl sich in dieser Situation selbst die alte Königin Friederike mit ihr versöhnt, wird sie vom Kronprinzen weiterhin als Erbschleicherin betrachtet. Direkt nach dem Tod des Königs nehmen die Garden Friedrich Wilhelms III. sie fest und verbringen sie in Festungshaft nach Glogau. Man beschlagnahmt zunächst ihre Habe, allerdings lässt der neue König sie letztlich frei und belässt ihr zahlreiche Güter:Nach zweijähriger Festungshaft wird sie freigelassen und lässt sich in Breslau nieder. Es gelingt ihr, zu ihrem Sohn Wilhelm eine tiefe Bindung aufzubauen. Wilhelmine sorgt sich um die Gefahren durch Napoléon Bonaparte, die der neue junge König, nicht sieht. Größeren Schmerz fügen ihr allerdings die Schmähschriften über ihren Lebenswandel zu:Ein Trost in dieser Zeit ist die Erinnerung an das Band, das sie und Friedrich Wilhelm II. immer verbunden hat:

Stoffgeschichte Das Leben der Enke war schon immer dem Interesse der historischen Forschung sicher und hat zu zahlreichen Schriften angeregt, wozu hauptsächlich die von Viebig selbst genannten Schmähschriften zählen, nämlich das Pamphlet des Grafen Mirabeau, zudem Schriften über das Preußen der damaligen Epoche, in denen die Enke einen zentralen Platz einnimmt: die „Biographie moderne“, „Jahrbücher der preußischen Monarchie“, „Brandenburgische Denkwürdigkeiten“, „Die preußischen Staaten vor und nach dem 16. November 1797“, „Vertraute Briefe“, „Bekenntnisse der Gräfin Lichtenau, ehemaligen Madame Rietz“ und schließlich „Histoire des principaux événements du Règne de Fréd. Guillaume II., Roi de Prusse“ von Ségur, dem ehemaligen französischen Gesandten am preußischen Hof.Clara Viebig nennt diese Schriften, vgl. Viebig, Clara: Der Vielgeliebte und die Vielgehaßte, Stuttgart: DVA 1935, S. 286.