mini|hochkant|Otto Schmid, ca. 1935 Otto Schmid (* 27. Januar 1889 in Herisau; † 20. April 1974 in Trogen AR) war ein Schweizer Zeichner, Maler und Pädagoge.
Schmid arbeitete 34 Jahre an der Kantonsschule Trogen als Zeichenlehrer und wurde vor allem durch seine Aquarelle und Linolschnitte über das Appenzellerland bekannt. Künstlerisch vielseitig talentiert war er auch als Grafiker und Fotograf tätig und setzte sich für den Heimatschutz ein. Sein Nachlass stellte sich nach dem Tod seiner Gattin im Jahre 2000 als sehr umfangreich heraus.
Leben Kindheit mini|Wanderweg von Trogen zum Gäbris. Linolschnitt 1938 Otto Schmid wurde am 27. Januar 1889 in der ältesten Siedlung des Appenzellerlandes, Schwänberg-Herisau, im «Schwarzen Haus», unmittelbar neben dem sogenannten «Rathaus», geboren. Bereits ein Jahr später kam seine Schwester Louise auf die Welt. Der Vater Ulrich Schmid und die Mutter Louise Bodenmann arbeiteten, wie viele Teile der Herisauer Bevölkerung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als Sticker in Heimarbeit und lebten mit den beiden Kindern in bescheidenen Verhältnissen. Als Otto fünf Jahre alt war, liessen sich die Eltern scheiden. Der Vater verheiratete sich in der Folge noch zwei Mal, hatte vier weitere Kinder und starb schliesslich 1918. Die Mutter wohnte nach der Trennung weiterhin mit den beiden Kindern in Schwänberg. Otto war daraufhin mehrheitlich auf sich selbst gestellt, da die Mutter mit dem Unterhalt der Familie beschäftigt war, und musste früh mithelfen, sei es bei den anfallenden Hilfsarbeiten in der Heimstickerei oder bei bäuerlichen Arbeiten in der Verwandtschaft. Dabei verlor er eines Tages um ein Haar seinen Finger durch einen Axtschlag: Die Mutter behandelte den beinahe abgetrennten Finger der linken Hand mit einfachen Mitteln, Arnika, Honig, Spinnweben und kleinen Schindelspänen, und konnte so gerettet werden, auch wenn er zeitlebens gefühllos blieb. Otto Schmid erinnerte sich: «Ja, das war meine Mutter, sie war eine begnadete ‹Chrüterhäx›.»Isabelle Chappuis: Otto Schmid – Professor «Fadegrad». Museum für Lebensgeschichten, Eigenverlag Speicher 2016, S. 6. 1910 heiratete Louise Schmid-Bodenmann noch einmal, zog zu ihrem neuen Mann nach Oberhelfenschwil im Toggenburg und starb 1933.
Erstausbildung Da damals ein Grossteil der Ausserrhoder Bevölkerung an der Wende zum 20. Jahrhundert ihr Auskommen in der Textilindustrie suchte, drängte der Vater seinen Sohn nach der Primarschule zum Beruf des Stickereizeichners. Schmid ahnte «schon vom ersten Tag an, dass sein Beruf nicht mehr gefragt ist.»Isabelle Chappuis: Otto Schmid – Professor «Fadegrad». Museum für Lebensgeschichten, Eigenverlag Speicher 2016, S. 7. Trotzdem absolvierte er eine Lehre im Unternehmen J.G. Nef, eine der grössten Herisauer Textilfirmen, welche zuerst mit Plattstichgeweben und ab 1865 mit den in Heimarbeit gefertigten Massenartikeln der Maschinenstickerei erfolgreich war. Da der Direktor Johannes Georges Nef Otto Schmid schätzte und ihn unterstützen wollte, durfte dieser nach dem Lehrabschluss, um 1909, noch ein Jahr im Betrieb weiterarbeiten. Schmids Vermutung bezüglich der schlechten Berufsaussichten als Stickereizeichner sollte sich bewahrheiten und so verschaffte er sich durch Überzeit und Nachtarbeit die Mittel für eine Zweitausbildung, um einen Ausweg aus der Krise in der Stickerei- und Textilindustrie zu finden.
Zweitausbildung Primarlehrer mini|Trogen: Hinterdorf mit Blick Richtung Bahnhof, rechts «Alte Drogerie». Linolschnitt 1952 Auf Anraten des Firmenpatrons Nef wandte sich Otto Schmid nach der Rekrutenschule einem neuen Beruf zu und liess sich am Lehrerseminar in Hofwil im Kanton Bern, vermutlich von 1910 bis 1912, zum Primarlehrer ausbilden. Bereits in dieser Zeit begann Schmid, sich künstlerisch zu betätigen: So sandte er 1911 eine aquarellierte Postkarte an die zwei Jahre ältere Hedy Pfenninger, Tochter des damaligen Zeichenlehrers an der Kantonsschule Trogen Heinrich Pfenninger, mit den Worten: «Ich plage mich aquarellierend durchs Leben.»Isabelle Chappuis: Otto Schmid – Professor «Fadegrad». Museum für Lebensgeschichten, Eigenverlag Speicher 2016, S. 9. Nach der Zweitausbildung arbeitete Otto Schmid zunächst in Lauterbrunnen als Primarlehrer, zog danach zurück ins Appenzellerland und unterrichtete von 1913 bis 1916 in Wolfhalden 52 Kinder aus sechs Klassen. Während des Ersten Weltkrieges wurde er für längere Zeit in den Aktivdienst eingezogen. 1916 verlegte Schmid seinen Wohnsitz nach Trogen, wo er für den Rest seines Lebens blieb, und unterrichtete bis 1922 an der Primarschule, wie auch an der gewerblichen Fortbildungsschule. In dieser Zeit gab er unter anderem auch der Primarschülerin Elisabeth Pletscher Zeichnen; diese besuchte einige Jahre später als zweite Appenzeller Schülerin die Kantonsschule Trogen und hatte dort im gymnasialen Zeichenunterricht erneut Otto Schmid als Lehrer.
Zeichenlehrer Aufgrund seiner künstlerischen Begabung beschloss Schmid, sich zum Zeichnungslehrer weiterbilden zu lassen. Dazu besuchte er zu Beginn der 1920er-Jahre die Gewerbeschule der Stadt Bern. Danach folgten kurze Aufenthalte an den Kunstakademien der Städte München und Wien.
Kantonsschule Trogen Bewerbung mini|Rektor Ernst Wildi, umringt von der Lehrerschaft der Kantonsschule Trogen, 1931 (Otto Schmid, dritter von links) Als Otto Schmid im Frühjahr 1922 die Schlussprüfungen des Zeichenlehrer-Examens in Bern absolvierte, suchte die Kantonsschule Trogen (KST) einen neuen Lehrer für Zeichnen und Kalligrafie, da der vorherige Stelleninhaber Heinrich Pfenninger, an dessen Tochter der junge Schmid 1911 eine Postkarte gesandt hatte, im April verstorben war. Mit dem neu erworbenen Patent und seinen bisherigen Unterrichtserfahrungen in Trogen hatte Schmid die idealen Voraussetzungen für eine Wahl zum Lehrer an der Kantonsschule. Als einer der Gegenkandidaten im Bewerbungsverfahren stand ihm der spätere Nebelspalter-Redaktor Carl Böckli gegenüber; Schmid überrundete bei der Wahl seinen späteren Freund, wobei jeder dem anderen attestierte, es sei vermutlich so besser herausgekommen. Erfreut über die Wahl sandte Schmid am 6. Mai ein Telegramm an Regierungsrat Tanner nach Herisau: «Habe mein Examen gut bestanden und werde nächste Woche Unterricht an der Kantonsschule aufnehmen. Rektor Wildi ist benachrichtigt. Hochachtend - Schmid Otto - Bern.»Otto Schmid: Telegramm an Regierungsrat Tanner vom 6. Mai 1922. Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden, D.027-60-1-11 Die restlichen 34 Jahre seines Berufslebens bis zu seiner Pensionierung 1956 arbeitete Schmid engagiert als Zeichenlehrer an der KST. So hatte es der Junge aus ärmlichen Verhältnissen «durch Talent und Disziplin vom Stickereizeichner zum Professor an einer Kantonsschule und damit zu einer verhältnismässig sicheren beruflichen Stellung sowie zu entsprechend gesellschaftlichem Ansehen gebracht.»Isabelle Chappuis: Otto Schmid – Professor «Fadegrad». Museum für Lebensgeschichten, Eigenverlag Speicher 2016, S. 2.
Zeichenunterricht mini|Unterricht im neuen Zeichnungssaal des «Roten Schulhauses», 1935 Neben seiner Haupttätigkeit an der KST unterrichtete Schmid von 1922 bis 1932 parallel noch an der Gewerbeschule in Trogen, die damals im Fünfeck-Palast untergebracht war. Bereits 1926 wurde er von der Kantonsschulkommission definitiv zum «Lehrer für Zeichnen, darstellende Geometrie und Kalligraphie» gewählt und erhielt den damals üblichen Titel «Professor». Als 1931 der Erweiterungsbau des «Roten Schulhauses» fertiggestellt war, unterrichtete Schmid im neu erstellen Zeichensaal des obersten Stockwerks. In einem der beiden Nebenzimmer unter der Dachschräge richtete er sich eine Dunkelkammer ein, das andere benutzte er, um allerlei Gegenstände als Zeichenvorlagen für den Unterricht zu verstauen: Alltags- oder exotische Objekte, naturhistorische Präparate, Pflanzen und eine Sammlung von Blumenvasen. Von seinen Schülern wurde Otto Schmid «Fädeli», «Fade» oder «Fadegrad» genannt; dies, weil er den Ausdruck «fadegrad», auch im Bezug auf seine Erstausbildung in der Textilindustrie (Schussfaden), oft im Unterricht verwendete. Zudem gab sich Schmid nicht mit krummen Sachen zufrieden: Sein Unterricht zeichnete sich vorwiegend durch die Vermittlung eines pragmatischen, sauberen und technisch einwandfreien gestalterischen Vorgehens aus. Er legte viel Wert auf das exakte Erfassen und das Wiedergeben von konkreten Motiven wie Landschaft, Architektur, Porträts oder Stillleben, sowie auf die Beherrschung der künstlerischen Techniken, beispielsweise das Perspektivzeichnen.
Ein ehemaliger Gymnasiast beschrieb Schmids Unterricht rückblickend wie folgt: «Wir Schüler lernten bei ihm das genaue Beobachten, das Vergleichen von Formen und Farben, Licht und Schatten, das Zeichnen mit Bleistift und Kohle, den Linolschnitt, den Umgang mit Aquarell- und Deckfarben. Seltener liess er einzelne auch Einblicke tun in die Technik der Radierung, der Ölmalerei etc. Bewusst pflegte er mit seinen Schülern die Grundlagen des Zeichnens und Malens und wollte nicht für eine zu frühe Künstlereinbildung verantwortlich sein. Auch das reine Gestalten von Bildern ohne gegenständlichen Vorwurf lehnte er für seinen Unterricht ab, weil auf diesem Gebiet auch in der grossen Kunst das Echt-Gültige vom Hochstaplerischen oft nur schwer zu unterscheiden ist.»Unbekannter Autor: Professor Otto Schmid. In: KVT-Mitteilungen, Nr. 35. Eigenverlag, Trogen 1956, S. 28. Walter Schläpfer, der 1929 als Schüler nach Trogen kam und später selbst Lehrer und Prorektor an der Kantonsschule wurde, bemerkte dazu: «Von 1922 bis 1956 brachte er seinen mehr oder weniger gelehrigen Schülern das Zeichnen und Malen bei, wobei er sich als weiser und humaner Lehrer immer der Grenzen seiner Möglichkeiten in einem auf das Künstlerische ausgerichteten Fach bewusst blieb: Den Talentierten mochten wenige gute Ratschläge genügen, den Unbegabten aber lieh er jene Hilfe, deren sie bedurften, um im Maturitätsfach Zeichnen wenigstens eine genügende Note zu erreichen. Im Vordergrund stand das gegenständliche Gestalten; vor allem sollten die Schüler zuerst genau zeichnen lernen, bevor sie sich der ‹höheren Malerei› zuwandten. Dem Aufschwung der abstrakten Kunst, deren Spitzenleistungen er wohl anerkannte, stand er skeptisch gegenüber, und er konnte träfe Sprüche über gewisse Extravaganzen des modernen Kunstbetriebs äussern.»Walter Schläpfer: Prof. Otto Schmid, Trogen (1889–1974). In: Appenzellische Jahrbücher, Bd. 101, Herisau 1973, S. 44.
Otto Schmid war unter Schülern und Lehrerkollegen auch bekannt für seinen Humor und seine Wortspiele. Als 1930 das Kadettenkorps Trogen nach Lugano im Kanton Tessin reiste, wurde aus Zeitgründen das übliche Gefecht gestrichen und die Kadettenkommission entschied, den Ausflug ohne Gewehr durchzuführen. Gegen diesen Beschluss erhob sich aber in der Schülerschaft eine heftige Opposition, man erachtete das Ausrücken einer gewehrlosen Kompanie als unwürdig. Noch einmal Walter Schläpfer: «Die Lehrerschaft gab nach, anstelle eines Gefechts trat eine Gewehrsalve, die jedoch mangels Training so kläglich ausfiel, dass unser notorischer Wortverdreher Professor Otto Schmid meinte, diese Salve auf dem San Salvatore sei eine ‹Tore-Salve› gewesen.»Walter Schläpfer: Aus der Geschichte des Trogener Kadettenkorps. In: KVT-Mitteilungen Nr. 68, Eigenverlag, Trogen 1988, S. 73–74.
Berufliches Engagement mini|Schüler beim Skizzieren in der Steingasse, Trogen. Linolschnitt 1943