Schabbaba, asch-schabbāba, auch shabbābah, şebbabe, schebāb, shbiba (arabisch), ist eine in der arabischen Volksmusik gespielte Längsflöte mit geradem Ende oder seltener eine Kerbflöte. Das schlanke Spielrohr aus Holz, verholztem Schilfrohr, Metall oder Kunststoff besitzt typischerweise sechs Fingerlöcher und ein Daumenloch. Die unterschiedlichen Varianten der schabbāba werden meist von jungen Amateuren, traditionell von Hirten, zur Unterhaltung geblasen und kommen in Jordanien, Syrien, Palästina, Ägypten, im Irak sowie bei Beduinen in Nordafrika vor. Der Tonumfang ist geringer als bei der in den klassischen Musikstilen der Region gespielten nāy, wobei nāy daneben als Oberbegriff für die orientalischen offenen Längsflöten gebraucht wird. Orientalische Kerbflöten werden auch māsūl genannt.

Die Jesiden verehren die schebāb als heiliges Musikinstrument, das zusammen mit der Rahmentrommel duff religiöse Zeremonien begleitet.

Herkunft und Verbreitung mini|Schräge Spielhaltung der arabischen Endkantenflöte nāy. Abbildung in: Edward William Lane: An Account of the Manners and Customs of the Modern Egyptians. London 1836 Abgesehen von altsteinzeitlichen Knochenflöten ist der älteste Flötenfund eine sumerische Silberflöte aus Ur in Mesopotamien, die auf 2450 v. Chr. datiert wird.Mohammad T. Al-Ghawanmeh, Rami N. Haddad, Fadi M. Al-Ghawanmeh: Appliance of Music Information Retrieval System for Arabian Woodwinds in E-Learning and Music Education. In: Proceedings of the International Computer Music Conference (ICMC 2009), Montreal, Kanada, 16.–21. August 2009 Flöten im Alten Ägypten sind seit prädynastischer Zeit (4. Jahrtausend v. Chr.) abgebildet. Von besonderer Bedeutung für die Herkunft der Längsflöte ist eine im Ashmolean Museum in Oxford aufbewahrte Prunkpalette aus Hierakonpolis, die um 3000 v. Chr. entstand und einen Flöte spielenden Fuchs oder Schakal zeigt.Two dog palette. Ashmolean Museum, Oxford Eine schräg gehaltene Längsflöte von etwa einem Meter Länge, die auf Reliefs aus dem Alten Reich (3. Jahrtausend v. Chr.) dargestellt ist, war offenbar ein Teil des Orchesters.Marcelle Duchesne-Guillemin: Music in Ancient Mesopotamia and Egypt. In: World Archaeology, Band 12, Nr. 3 (Archaeology and Musical Instruments) Februar 1981, S. 287–297, hier S. 291 Erhaltene Flöten ab dem Mittleren Reich sind zwischen unter 50 Zentimeter und etwa einem Meter lang.

Der am weitesten verbreitete Sammelbegriff für an beiden Enden offene Längsflöten im Nahen und Mittleren Osten ist arabisch-persisch nāy (nai, ney, „Rohr“), entsprechend türkisch ney. Namensverwandte Längsflöten, die stets aus einem langen, schlanken Rohr bestehen, kommen bis in den Süden Pakistans vor (narh und nel). Eine alte arabische Bezeichnung für eine längsgeblasene Flöte in frühislamischer Zeit lautet qasāba (al-qussāba); hierauf geht der heutige Name gasba für eine in Nordafrika gespielte Rohrflöte zurück. Die gasba ist eine im Maghreb verbreitete Längsflöte und in der Westsahara ausnahmsweise eine Querflöte. Weitere alte Flötennamen waren und sind as-suffāra und in späterer Zeit al-ghaba und an-naqīb. Verschiedene kleine Flöten hießen persisch pīscha und berberisch dschuwāq.Hans Hickmann: Die Musik des arabisch-islamischen Bereichs. In: Bertold Spuler (Hrsg.): Handbuch der Orientalistik. 1. Abt. Der Nahe und der Mittlere Osten. Ergänzungsband IV. Orientalische Musik. E.J. Brill, Leiden/Köln 1970, S. 71f In der arabischen Volksmusik werden allgemein kleine Flöten sibs genannt, wobei es primär auf die hohen Töne des Instruments ankommt und mit sibs in Ägypten im Orchester auch kleine, hoch tönende Rohrblattinstrumente gemeint sein können.Hans Hickmann, 1970, S. 59; Jürgen Elsner: Remarks on the Big Arġūl. In: Yearbook of the International Folk Music Council, Band 1, 1969, S. 234–239, hier S. 236 Der Name sibs steht also für den Verwendungszweck eines Musikinstruments und weniger für eine bestimmte Form.Hans Hickmann: The Antique Cross-Flute. In: Acta Musicologica, Band 24, Heft 3/4, Juli – Dezember 1952, S. 108–112, hier S. 111 Eine entsprechend auf die musikalische Verwendung gerichtete Namensgebung kommt auch bei anderen Instrumenten vor; im Fall von schabbāba und nāy wird im Wesentlichen eine Hirtenflöte von einer Konzertflöte unterschieden.

Zur Zeit der Abbasiden wurden unter anderem die Flöten nāy, schabbāba, qasaba und saffāra erwähnt, ferner die Panflöte armūnīqī, die Rohrblattinstrumente mizmar (zamr), surnā(y), zummara, zulāmī und mausūl sowie die Blechblasinstrumente būq und nafīr.Henry George Farmer: A History of Arabian Music to the XIIIth Century. Luzac & Co., London 1929, S. 210 Der persische Geograph Ibn Chordadhbeh (um 820 – um 912) führt die Musikinstrumente auf ihren (aus heutiger Sicht mythischen) Ursprung zurück, etwa die Trommel (tabl) und die Rahmentrommel (duff, hebräisch tof) auf die biblische Figur Lamech und die Flöte (saffāra) auf die Kurden. Später hätten Ibn Chordadhbeh zufolge die Perser das Schilfrohr zur Herstellung von Blasinstrumenten (allgemein nāy) entdeckt. Eine ägyptische Miniatur aus dem 14. Jahrhundert im Kitāb Kaschf al-humūm („Buch der bedeutenden Entdeckungen“) zeigt einen Flötenspieler mit der Rohrflöte schabbāba. Dort heißt es, die Flöte habe im Altertum minghāra geheißen und am Hof würden gelegentlich entsprechende Flöten aus Gold und Silber gespielt.Henry George Farmer: Musikgeschichte in Bildern. Band 3: Musik des Mittelalters und der Renaissance. Lieferung 2: Islam. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1966, S. 24, 104

Im 9. Jahrhundert ersetzten die Araber die qasaba durch die persische nāy, nur im Maghreb wurde sie weiterhin verwendet. Dort wird bis heute eine 60 bis 70 Zentimeter lange Endkantenflöte mit fünf bis sechs Löchern qasaba genannt. In Syrien heißt eine Schnabelflöte qasaba und im Jemen eine Längsflöte abgeleitet qasba.Qaṣaba. In: Laurence Libin (Hrsg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments. Band 4, Oxford University Press, Oxford/New York 2014, S. 190

Schabbāba ist vom Wort schabbāb, „Jugend“, „Jugendzeit“, abgeleitet und verbindet die Vorstellung von Jugendlichkeit mit einem Musikinstrument,W. H. Worrell: Notes on the Arabic Names of Certain Musical Instruments. In: Journal of the American Oriental Society, Band 68, Nr. 1, Januar – März 1948, S. 66–68, hier S. 67 das traditionell hauptsächlich von jungen Schäfern gespielt wurde. Darin ist die Vorstellung enthalten, dass Flötenklänge der menschlichen Stimme am nächsten kommen und mit dem Spiel der schabbāba die überschwänglichen Gefühle jugendlicher Liebhaber zum Ausdruck gebracht werden.

mini|hochkant|Drei Kerbflöten: links kaval aus der Türkei, Mitte māsūl aus Algerien, rechts flaüta aus Ibiza. Von asch-schabbāba stammt der Name der altspanischen Kerbflöte ajabeba ab, der im 14. Jahrhundert erwähnt wird und wohl zusammen mit der Flöte durch die arabische Eroberung nach al-Andalus gelangte. Eine ältere, erstmals 1294 erwähnte Schreibweise von ajabeba ist axabeba (oder exabeba).Sibyl Marcuse: Musical Instruments. A Comprehensive Dictionary. Country Life Limited, London 1964, S. 7 (Ajabeba), S. 27 (Axabeba) In einer Verszeile der 1348 verfassten Reimchronik Poema de Alfonso Onceno über König Alfons XI. wird die Flöte zur Umschreibung ihrer arabischen Herkunft als „la exabeba morisca“ erwähnt.Walter Mettmann: Zum Lexikon des älteren Spanischen. In: Romanische Forschungen, Band 74, Heft 1/2, 1962, S. 119–122, hier S. 120

Kerbflöten gab es vermutlich bereits im ägyptischen Neuen Reich (um 1550 – um 1070 v. Chr.) und mit großer Wahrscheinlichkeit in der Ptolemäerzeit. Ein Beleg hierfür ist eine in Deir el-Medina gefundene grifflochlose Bambusflöte, deren oberes Ende wie ein Blockflötenmundstück geformt ist.Hans Hickmann: Unbekannte ägyptische Klangwerkzeuge (Aërophone) (Schluß). In: Die Musikforschung, 8. Jahrgang, Heft 4, 1955, S. 398–403, hier S. 400 Arabische Reiseschriftsteller des 13. Jahrhunderts erwähnen Schnabelflöten (yarā), die sie in Nordafrika vorfanden. Der andalusische Gelehrte asch-Schakundi († 1231/32 in Córdoba) berichtet, dass Sevilla ein bedeutendes Zentrum für die Herstellung von Musikinstrumenten war und unter anderem Schnabelflöten (yarā) bis in den westlichen Sudan geliefert wurden.Henry George Farmer: Early References to Music in the Western Sūdān. In: Journal of the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland, Nr. 4, Oktober 1939, S. 569–579, hier S. 570 Aus dem 13. Jahrhundert stammt auch eine Byzantinische Buchmalerei mit einer der frühesten europäischen Abbildungen einer Kerbflöte, auf der sieben Fingerlöcher zu sehen sind. Ab dem 17. Jahrhundert sind Kerbflöten aus Anatolien bekannt, wo heutige Schäferflöten als kaval und bilûr (bei Kurden), im benachbarten Armenien als blul und im Osten Georgiens als salamuri vorkommen. Zur Hirtenkultur gehörende Kerbflöten sind ebenfalls auf dem Balkan (allgemein kaval, in Bulgarien auch swirka) und in Zentralasien (tulak) beliebt. Curt Sachs vermutet deshalb als Herkunftsregion der Kerbflöte Asien, von wo sie über Nordafrika als arabischer Kultureinfluss auf die Iberische Halbinsel und zugleich über den Balkan nach Westeuropa gelangt sein könnten.Curt Sachs: Handbuch der Musikinstrumentenkunde. (Leipzig 1930) Nachdruck: Georg Olms, Hildesheim 1967, S. 302

Einige Längsflöten werden auch südlich der arabischen Einflusssphäre in Afrika gespielt, etwa die Kerbflöte enderre in Buganda, die ein Instrument der Hirtenjungen und der Hofmusik ist. Die nai (oder semaa) der ostafrikanischen Swahili verweist namentlich auf einen türkischen oder persischen Einfluss.Gerhard Kubik: Musikgeschichte in Bildern. Band 1: Musikethnologie. Lieferung 10: Ostafrika. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1982, S. 23 In Madagaskar wird eine mit der schabbāba namensverwandte Flöte sobaba genannt.Shabbāba. In: Sibyl Marcuse: Musical Instruments. A Comprehensive Dictionary. Country Life Limited, London 1964, S. 470

Bauform und Spielweise Georg Hjersing Høst, der 1760 bis 1768 dänischer Konsul in der marokkanischen Hafenstadt Essaouira war, kommentiert in seinem Buch Nachrichten von Maroccos und Fes (Kopenhagen 1781) eine Bildtafel, auf der mehrere Musikinstrumente der Mauren dargestellt sind, darunter die kleine Flöte schabbāba:

„Schabéba ist eine kleine Flöte, die ihren Laut von oben ohne Pfropf, und auf die Art, wie eine Queerflöte, aber noch einmal so schwer erhält, sie lautet beynahe wie eine Queerpfeife, aber ein wenig tiefer und noch schärfer.“Georg Høst: Nachrichten von Marókos und Fes, im Lande selbst gesammelt, in den Jahren 1760 bis 1768. Aus dem Dänischen übersetzt. Christian Gottlob Prost, Kopenhagen 1781, S. 261f (bei Commons); vgl.: Paul Collaer, Jürgen Elsner: Musikgeschichte in Bildern. Band 1: Musikethnologie. Lieferung 8: Nordafrika. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1983, S. 168

Im Nahen Osten und in Afrika überwiegen beidseitig offene Längsflöten, dennoch kommen schabbāba oder māsūl genannte Kerbflöten (Innenspaltflöten) in Nordafrika und anderen Gebieten vor allem bei Beduinen vor. Sie werden von Hirtennomaden und gelegentlich auch solistisch von Frauen zur eigenen Unterhaltung gespielt. Bei Hochzeiten und anderen Familienfeiern begleiten Ensembles mit Kerbflöten eine Gesangsstimme oder einen Chor. Die Kerbflöten bestehen wie die anderen längs geblasenen Flöten meist aus Holz oder Bambus und sind an der Unterseite offen.Timkehet Teffera: Aerophone im Instrumentarium der Völker Ostafrikas. (Habilitationsschrift) Trafo Wissenschaftsverlag, Berlin 2009, S. 228