Anis Ben Othman Amri (; * 22. Dezember 1992 in Tataouine, Tunesien; † 23. Dezember 2016 in Sesto San Giovanni, Italien) war ein mehrfach verurteilter tunesischer Gewalttäter und islamistischer Attentäter. Beim Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche ermordete er am 19. Dezember 2016 den Fahrer eines Sattelzugs, brachte das Fahrzeug in seine Gewalt und steuerte es in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche. Infolge des Attentats starben insgesamt 13 Personen, 54 weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Während der europaweiten Fahndung wurde Amri am 23. Dezember 2016 bei einer Personenkontrolle in Sesto San Giovanni nördlich von Mailand erschossen.
Leben Tunesien Anis Amri wurde am 22. Dezember 1992 als jüngstes der neun Kinder von Mustafa Amri und Nour Amri (Nour al-Huda Hassani) in Tataouine geboren. Die Familie zog kurz nach seiner Geburt nach Oueslatia um. In der rund 9000 Einwohner zählenden Ortschaft, die als Hochburg des Salafismus galt, wuchs Amri mit seinen fünf Schwestern und drei Brüdern in großer Armut auf. Die Mutter arbeitete als Haushaltshilfe, der Vater, ursprünglich Landarbeiter und nach einem Unfall körperbehindert, belieferte Gemüsegeschäfte mit einem Eselskarren. Die Ehe der Eltern ging in die Brüche, seitdem lebten sie getrennt.
Nach eigenen Angaben waren seine Familie und auch er selbst nicht besonders religiös. „Für ihn war es egal, ob seine Schwestern Kopftuch tragen oder nicht, ob wir beten oder nicht“, sagte Amris Schwester Najwa über ihren Bruder. Über Religion habe sie mit ihm nie gesprochen. „Anis war nie religiös. Er hat getrunken, er hat gefeiert, er hat Popmusik gehört. Er war ein ganz normaler Junge.“Der verlorene Sohn aus Oueslatia. In: NZZ.ch. 22. Dezember 2016.Zwischen Blut und Scherben. In: Der Spiegel, Nr. 52/2016, 23. Dezember 2016, S. 27–29 (hier: S. 29).„Unser Junge war nie religiös“: Familie half Anis Amri bei der Ausreise. In: n-tv.de. 23. Dezember 2016.Anschlag auf Berliner Weihnachtsmarkt: Anis Amri, Terrorist und Bruder. In: Sueddeutsche.de. 28. Dezember 2016.
Mit 15 Jahren brach Amri die Schule ab, ging Gelegenheitsarbeiten nach, rutschte in die Kriminalität ab und beging mehrere Diebstähle und Drogendelikte. 2010 stahl er einen Lastwagen. 2011 setzte er sich mit Hilfe von Schleppern und mit finanzieller Unterstützung seiner Familie nach Italien ab, wo er Asyl beantragte. Ein Gericht in Kairouan verurteilte ihn in Abwesenheit zu fünf Jahren Haft wegen Raubes.Amris Vater: Mein Sohn hat sich in Europa radikalisiert. In: FAZ.NET. 21. Dezember 2016.Annette Steinich: Der verlorene Sohn aus Oueslatia. In: NZZ.ch. 22. Dezember 2016.Wo ist Anis Amri? In: Schwäbisches Tagblatt online. 22. Dezember 2016.
Italien Dem italienischen Justizministerium zufolge kam Amri während des Arabischen Frühlings im Jahr 2011 wie Zehntausende junger Tunesier per Boot nach Lampedusa. Am 5. April 2011 wurde seine illegale Einreise in die EU von der Polizei registriert.Landeskriminaldirektor NRW-Innenministerium, Piratenfraktion NRW: Der Berlin-Attentäter Anis Amri – Die Chronik. In: Die Welt, 14. Januar 2016, S. 5. Ende März 2011 erlaubte der damalige Ministerpräsident Silvio Berlusconi 6000 dort campierenden Flüchtlingen, nach Sizilien oder aufs italienische Festland zu kommen.
Amri gab fälschlich 1994 als sein Geburtsjahr an, so galt er als minderjähriger unbegleiteter Flüchtling. Er kam zunächst in die katholische Stiftung Instituto Giovanna Romeo Sava in Belpasso, wo er eine öffentliche Schule besuchte. Dort terrorisierte er laut La Stampa seine Mitschüler und war gewalttätig. Amri und vier weitere tunesische Flüchtlinge protestierten gegen angeblich schlechtes Essen, zu geringe Zuteilung von Zigaretten, Alkohol und Telefonkarten und die lange Dauer des Asylverfahrens. Am 22. Oktober 2011 legten die fünf in Räumen des Heims Feuer und verprügelten einen Erzieher. Es entstand ein Sachschaden von etwa 30.000 Euro. Der damals 19-jährige Amri wurde wegen Körperverletzung und Brandstiftung zu vier Jahren Haft verurteilt und in Catania inhaftiert.Christoph Sydow: Der Weg in den Terror. In: Spiegel Online. 22. Dezember 2016. Weil er andere Häftlinge bedrohte, schikanierte, sich mit ihnen prügelte, Wärter angriff und seine Zelle verwüstete, verlegte man ihn immer wieder in andere Gefängnisse. Im September 2014 brachte man ihn nach Palermo, zunächst ins Pagliarelli-Gefängnis, im Januar 2015 dann ins Ucciardone-Gefängnis, die letzte Station vor seiner Entlassung am 18. Mai 2015.Funktionstyp Akteur. In: Der Spiegel Nr. 1/2017 vom 30. Dezember 2016, S. 40–45.La procura di Palermo indaga sulla permanenza in Sicilia dell'attentatore di Berlino. In: La Repubblica, 22. Dezember 2016 (italienisch).Das kriminelle Leben von Anis Amri. Endstation Mailand. In: Spiegel Online, 23. Dezember 2016. Die Strafvollzugsbehörde im Justizministerium berichtete nach der Entlassung Amris aus der Haft dem Komitee für strategische Antiterrorismus-Analyse (Comitato di Analisi Strategica Antiterrorismo – C.A.S.A.), das dem Innenminister untersteht, über Einzelheiten seiner Haft. Dort habe Amri bereits Zeichen von Radikalisierung und Annäherung an die Ideen des islamistischen Terrorismus gezeigt. Einem christlichen Mithäftling soll er gedroht haben: „Ich schlage dir den Kopf ab.“Berlino. Anis Amri Sospetto Carnefice della Strage. In: Quotidiano, 23. Dezember 2016
Am 18. Mai 2015 endete seine Haft und er wurde ins Zentrum für Identifizierung und Ausweisung nach Caltanissetta verlegt. Die Abschiebung nach Tunesien scheiterte, weil – so die damalige Darstellung der italienischen Behörden – die tunesische Regierung erklärt habe, Amri sei kein Tunesier, und deshalb die Ausstellung von Ausweispapieren verweigerte. Tatsächlich hatte das tunesische Konsulat in Palermo die Geburtsurkunde Amris, ausgestellt am 24. Juni 2011, bereits offiziell an die italienischen Behörden übermittelt. Amris Identität war somit geklärt und seine Abschiebung nach Tunesien möglich, sie wurde jedoch nicht eingeleitet.Geburtsurkunde. Dieses Dokument beweist, dass Italien Amri ausweisen konnte. In: Welt Online. 22. Januar 2017.Italiens Behörden verschwiegen schwere Panne im Fall Amri. In: Welt Online. 22. Januar 2017. Am 17. Juni 2015 wurde Amri wieder auf freien Fuß gesetzt mit der Auflage, Italien binnen sieben Tagen zu verlassen.Der lange Weg des Anis Amri. In: Die Tageszeitung. 23. Dezember 2016, S. 3.Anis Amris Spur durch Europa. In: Spiegel Online. 22. Dezember 2016. Italienische Sicherheitskreise berichteten, dass der Inlandsgeheimdienst AISI (Agenzia Informazioni e Sicurezza Interna – dt.: „Behörde für Informationen und innere Sicherheit“) Amri nach seiner Entlassung überwachte mit dem Ziel, den bereits als radikalen Islamisten erkannten Tunesier auf seinem erwarteten Weg in die italienische Dschihadistenszene zu beobachten. Die Überwachung scheiterte jedoch, als man Amri wegen einer Panne aus den Augen verlor. Italienische Behörden übermittelten laut eigenen Angaben alle relevanten Informationen, etwa über Amris Verurteilung, sein Verhalten in Haft und die gescheiterte Abschiebung, in das Schengener Informationssystem (SIS).
Schweiz Amri blieb im Schengen-Raum. Er reiste zunächst illegal in die Schweiz ein und hielt sich dort bis zu seiner Ausreise nach Deutschland im Juli 2015 auf. Er versteckte sich im Untergrund und wurde von den Schweizer Behörden weder registriert noch erfasst. Wegen seiner Radikalisierung in den italienischen Gefängnissen ist anzunehmen, dass er in dieser Zeit Kontakt mit Salafisten der Schweiz aufnahm. Diese hatten Verbindungen mit Salafisten in Deutschland, unter anderem nach Hildesheim.Das Untertauchen von Asylbewerbern stoppen. (Interview mit Saïda Keller-Messahli). In: 20 Minuten, 27. Dezember 2016.Mehr IS-Sympathisanten – Polizei ist machtlos. In: 20 Minuten, 6. Januar 2017.Nach Razzien in Deutschland: Jetzt ermittelt auch die Schweiz gegen die Koran-Verteiler von „Lies!“ In: Aargauer Zeitung online. 15. November 2016.„Lies!“-Verbot: Nun kommen deutsche Salafisten in die Schweiz. In: Aargauer Zeitung online. 20. November 2016.Bundesanwaltschaft ermittelt. Hatte Anis Amri Komplizen in der Schweiz? In: 20 Minuten, 4. Januar 2017.Berliner Attentäter Amri war wohl länger in der Schweiz. In: Stuttgarter Zeitung online. 6. Januar 2017.Amris Mutter. „Anis war auch in der Schweiz“. In: 20 Minuten, 23. Dezember 2016. In der Schweiz soll Amri sich auch die Pistole beschafft haben, mit der er den polnischen Lkw-Fahrer erschoss und die er in Mailand mit sich führte.. In: heute.de. 3. Januar 2017. Ab Februar 2016 benutzte Amri ein Schweizer Handy und eine Schweizer Prepaid-SIM-Karte, die auf einen anderen Namen registriert waren.Handy des Attentäters Amri stammt aus der Schweiz. In: Welt Online. 27. Januar 2017. Auch Amris Komplize, der Tunesier Bilal Ben Ammar, hatte am 14. Oktober 2014 in der Schweiz um Asyl ersucht. Zehn Tage später zog er seinen Antrag wieder zurück. Danach verlor sich zunächst seine Spur (in der Schweiz). Erst am 17. Juli 2015, als auch er nach Deutschland einreiste, tauchte Ben Ammar wieder auf.Spuren von Amri-Freund führen in die Schweiz. In: 20 Minuten. 29. Januar 2017.
Die Schweizer Bundesanwaltschaft teilte mit, dass sie im Zusammenhang mit dem Anschlag in Berlin ein Strafverfahren gegen Unbekannt wegen Verdacht auf Unterstützung oder Beteiligung an einer kriminellen Organisation und Mitgliedschaft in einer Terrormiliz wie dem Islamischen Staat (IS) und verwandten Organisationen eröffnet habe.Bundesanwaltschaft ermittelt. Hatte Anis Amri Komplizen in der Schweiz? In: 20 Minuten. 4. Januar 2017.
Deutschland Aufenthalt in Deutschland Amri reiste mit dem Beginn der Flüchtlingskrise am 6. Juli 2015 illegal nach Deutschland ein. Er meldete sich auf dem Polizeirevier Freiburg-Nord, gab an, er komme aus Tunesien und wolle Asyl beantragen. Sein Name sei „Anis Amir“ und er sei am 23. Dezember 1993 geboren. Wie sich später herausstellte, war Amri im Besitz eines tunesischen Reisepasses, den er aber nicht vorlegte.Tagesspiegel 11. Juli 2017: Attentäter vom Breitscheidplatz. Anis Amri hatte doch einen ReisepassDie Zeit 11. Juli 2017: Berlin-Attentäter: Anis Amri ließ Pass möglicherweise vernichten
So wurde Amri unter dem Namen „Anis Amir“ in Freiburg registriert und erkennungsdienstlich behandelt.Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz: Durch den Buchstabendreher „Amir“ erhielten die Beamten, die in Folge unter diesem Namen im Schengener Informationssystem nachsahen, ob gegen ihn etwas vorlag, keine Warnung. Hätten sie Amris richtigen Namen eingegeben, wäre die von den italienischen Behörden zwei Wochen zuvor ins Informationssystem eingegebene Information erschienen, dass es sich bei Amri um einen Kriminellen handelte, der in Italien bereits inhaftiert war und nach Tunesien abgeschoben werden sollte und somit um einen Gewalttäter, „dem die Einreise in das Schengener Gebiet oder der Aufenthalt dort zu verweigern ist“.Der Spiegel (Print) Nr.27 (1. Juli 2017), S. 50–56: Ich bin ein Terrorist, haha! (Gesamtdarstellung); hier: S.50 Nun erhielt er am 28. Juli 2015 eine Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender (BüMA) und wurde nach Karlsruhe weiterverwiesen. Zugleich wurde ein Ermittlungsverfahren wegen unerlaubter Einreise ins Bundesgebiet nach AufenthG eingeleitet. Am 31. Juli 2015 wurde das Verfahren wegen unbekannten Aufenthalts gemäß StPO zunächst eingestellt und Amri zur Aufenthaltsermittlung ausgeschrieben. Amri befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits in Berlin, um sich dort erneut registrieren zu lassen.Prof. Dr. Bernhard Kretschmer: Wissenschaftliche Analyse und Bewertung im Fall Anis Amri. Gutachten i. Auftrag der Landesregierung NRW; Gießen 27. März 2017, S. 6 + Anlage (Chronologie) S. 2