Max Nivelli (* 1. Januar 1878 in Kuźnica, Russisches Kaiserreich; † 27. Februar 1926 in Berlin-Charlottenburg) war ein Berliner Filmproduzent zur Zeit der Weimarer Republik. Er zählte zu den ersten, die sich in ihren Kinostücken mit den Themen Antisemitismus und Vorurteile auseinandersetzten. Trotz seines frühen Todes im Alter von 48 und obwohl er nur knapp zehn Jahre in der Filmindustrie tätig war, produzierte er in dieser Zeit 19 Filme, der Großteil davon abendfüllende Spielfilme. Bis heute konnte nur sein letzter Film "Einigkeit und Recht und Freiheit" gefunden, restauriert und digitalisiert werden.

Frühe Jahre Max Nivelli wurde als Menachem (Mendel) Lewin in Kuźnica geboren,Landesarchive Berlin – Rep. 805, Nr. 517 – Trauschein von Mendel Lewin & Helena Kaufmann einer Kleinstadt an der Ostgrenze Polens, damals Teil des Russischen Kaiserreiches. Seine Eltern, Samuel und Zipa Lewin, waren Süßwarenfabrikanten. Als junger Mann emigrierte er nach Berlin, wo er zwischen 1903 und 1911 Besitzer und Teilhaber einer Reihe von Unternehmen wurde, die Marmeladen, Bonbons und Schokolade herstellen.Zentral- und Landesbibliothek, Berliner Adreßbuch, 1904–1911

1904 heiratete er Helene Kaufmann aus Rozdzień, heute eine Vorstadt von Kattowitz, Polen. Sie hatten zwei Töchter – Dorothea und Regina.General Register Office, England – Trauschein von Regina Lewin & Friedrich Wolfgang Schwarz, District of St. Martin, County of London – Band 1a, S. 982

1912 nahm Mendel Lewin den Namen Max Nivelli an (fast ein Anagramm seines Familiennamens Lewin).Zentral- und Landesbibliothek, Berliner Adreßbuch 1915, Teil I, S. 1828 Er studierte Operngesang am renommierten Stern’sches Konservatorium in Berlin,Stern’sches Konservatorium der Musik, Berlin; als Student gelistet von 1909–1910, 1910–1911 trat in vielen Opernproduktionen europaweit aufDeutsches Bühne-Jahrbuch, 1914 (Band 25, S.851); 1915 (Band 26, S.732); 1916 (Band 27, S.754); 1917 (Band 28, S.753); 1918 (Band 29, S.759) und unterrichtete Solo-Gesang (auf Deutsch und Russisch) an Das Ochs-Eichelberg Konservatorium in Berlin.Dr. Richard Stern, Das Ochs-Eichelberg-Konservatorium – Was muss der Musikstudierende von Berlin wissen, Berlin, 1913–1914

Filmproduktion Am 31. August 1918 gründete Nivelli mit Partner Erwin Kompf seine erste Filmproduktionsfirma, die Nivelli-Film-Fabrikation GmbH.Handelsregister Berlin HRB Nr. 11839, vgl. Berliner Börsen-Zeitung, Abend-Ausgabe, Nr. 462, 2. Oktober 1918, S. 9 Noch im selben Jahr produzierte das Unternehmen vier abendfüllende Spielfilme. Nivelli selbst verfasste das Drehbuch des ersten davon Lebensbahnen – Ein Sängerleben und übernahm darin sogar die Rolle des Opernsängers (Darstellung und Gesang).Der Film, Zeitschrift für die Gesamtinteressen der Kinematographie – Nr. 19, 1918, Hrsg.: Max Matthison, Kühne Verlag, Berlin.

Im Jahr darauf kündigte er die Partnerschaft auf und gründete eine neue Produktionsfirma, die Nivo-Film & Co., die am 30. August 1919 in die Nivo-Film & Co. GmbH umgewandelt wurdeHandelsregister Berlin HRB Nr. 16788, vgl. Berliner Börsen-Zeitung, Abend-Ausgabe, Nr. 450, 3. Oktober 1919, S. 8. Er schloss sich mit dem österreichischen Regisseur Joseph Delmont zusammen, um die Filme Die Geächteten (auch bekannt als Der Ritualmord) und Die entfesselte Menschheit zu produzieren. Diese Werke waren sozialer und politischer Natur und wurden die erfolgreichsten und bekanntesten seiner Karriere.

Im Februar 1920 gründete er mit der Britisch-American Film Comp. GmbH ein weiteres Unternehmen, das ab April 1923 als Britisch American Film Corporation GmbH firmierte.Handelsregister Berlin HRB Nr. 18642

Nivelli bevorzugte es, mit demselben Regisseur an mehr als einem Projekt zu arbeiten. Abgesehen von Delmont unterhielt er eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Carl Boese, mit dem er vier Filme drehte, darunter Nocturno der Liebe, das auf der Lebensgeschichte des polnischen Komponisten Frédéric Chopin basierte. Weiter produzierte Nivelli zwei Filme mit Arthur Ullmann als Regisseur und im Anschluss daran die „Albani-Serie“ – drei aufeinander folgende Kinoromanzen unter der Regie von Guido Schamberg (Parisch) mit der italienischen Schauspielerin Marcella Albani.Reichsfilmblatt, Offizielles Organ des Reichsverbandes deutscher Lichtspieltheaterbesitzer – Nr. 20, 1923, Hrsg.: Deutsches Druck- und Verlagshaus (Hackebeil-Konzern), Berlin

Patentverwertung Max Nivelli betätigte sich auch außerhalb der Filmbranche als Unternehmer. Im April 1919 gründete er in Berlin die Sowa-Bewässerungsgesellschaft m.b.H., die im Dezember ihren Sitz nach Danzig verlegte.Handelsregister Berlin HRB 16290, Handelsregister Danzig HRB Nr. 557 Zweck des Unternehmens war laut Handelsregistereintrag Professor Dr. Mehners patentierte „Erfindung zur Ausnutzung natürlicher Temperaturdifferenzen durch hochgespannte Dämpfe niedrig siedender Flüssigkeiten zu erwerben, zu entwickeln und zu verwerten, an dieser Erfindung Verbesserungen und patentfähige Neuerungen anzustreben und gegebenenfalls zu erwerben und andere Schutzrechte auf die Erfindung im In- und Auslande zu verwerten, die erforderlichen Maschinen zu bauen und zu vertreiben, (…) überhaupt jede mit der Erfindung in Beziehung stehende Unternehmung zu betreiben“.

Spätere Jahre Zusammen mit seinem Partner Arthur Gregor bildete er den Vorstand der auf internationalen Handel ausgerichteten Aktiengesellschaften Foreign Film Corporation AGHandelsregister Berlin HRB Nr. 30663, vgl. Berliner Börsen-Zeitung, Abend-Ausgabe, Nr. 275, 16. Juni 1923, S. 9 (später in die Foreign Metro Films AG und dann in die British American Films AG Bafag umbenannt) und Russische Foreign Metro Film AG, Ruffag genanntHandelsregister Berlin HRB Nr. 31991, vgl. Berliner Börsen-Zeitung, Abend-Ausgabe, Nr. 463, 5. Oktober 1923, S. 9. Darüber hinaus leitete er das Berliner Kino Lichtspiel Palmenhaus und war Mitglied des Verwaltungsrats der Paw-Film, einer polnischen Produktions- und Vertriebsfirma mit Sitz in Warschau.Polnische Industrie- und Handelskammer – Przewodnik Przemysłu i Handlu Polskiego, 1926, Warschau, Polen 1924, gegen Ende dieser Epoche, nahm Nivelli seine Tätigkeit als Produzent wieder auf und drehte vier kurze Dokumentarfilme, die vorwiegend staatliche Gedenkzeremonien und Festveranstaltungen zeigten.Bundesarchiv-Filmarchiv, Berlin – Zensurkarte B.8810DIF – Deutsches Filminstitut, Frankfurt am Main, Zensorentscheidungen, 11. August 1924 und 4. September 1924.

Am 28. August 1924 erfolgte eine Umwandlung der Nivo-Film & Co. GmbH in die Nivo-Film Comp. GmbHEintrag im Berliner Handelsregister am 16. September 1924, vgl. Berliner Börsen-Zeitung, Abend-Ausgabe, Nr. 442, 19. September 1924, S. 4. Max Nivelli betätigte sich nun als Filmverleiher und kündigte in seinem Verleihprogramm für die Saison 1924/25 6 Spielfilme an. Neben der Zentrale in Berlin SW68, Friedrichstraße 37, gab es Filialen in Breslau, Dresden, Düsseldorf, Hamburg, Königsberg und München.

Im Juni 1925 gründete er mit Partner Sander Kaisermann eine neue Produktionsfirma, die Nivelli Film Max Nivelli & Co.Berliner Börsenzeitung, Deutsche Tageszeitung, 25. Juli 1925, s. 3; Hrsg.: Berliner Börsen-Zeitung Druck und Verlag Ges.m.b.h.Industrie und Handelskammer Zu Berlin – Zulassung: I-Nr. St. 17510/25 – Firmennummer 69145 Unverzüglich stürzte er sich auf sein nächstes Projekt, einen weiteren sozial orientierten Film mit dem Titel Einigkeit und Recht und Freiheit. Dies war sein drittes gemeinsames Projekt mit dem Regisseur Joseph Delmont, welches teilweise auf seinem früheren Film Die entfesselte Menschheit basierte, aus dem er zuvor gedrehte Szenen verwendete. Nur wenige Tage vor Abschluss der DreharbeitenDer Film, 14. März 1926; Berlin erlag Max Nivelli einem plötzlichen Herzinfarkt.Film-Kurier, 2. März 1926; Hrsg.: W. Haas/Berlin „Filmkurier“The Bridgeport Telegram 2. März 1926; Daily Newspaper, Bridgeport, Connecticut, USA

Die Fachpresse bezeichnete ihn als brillanten, kreativen und dynamischen Filmemacher, bei seinen Kollegen aus der Berliner Filmindustrie galt er als beliebte Persönlichkeit.Der Montag, 1. März 1926; BerlinThe Film, Nr. 10, 7. März 1926; Berlin

Die Tochter Regina Lewin (1906–1953) trat 1929/30 unter dem Namen Gina Nivelli als Drehbuchautorin und Geschäftsführerin der Wladimir Gaidarow Film GmbH in die Fußstapfen des Vaters.Handelsregister Berlin HRB Nr. 43185

Bedeutendste Filme

Der Ritualmord / Die Geächteten Dieses 1919 produzierte, als „Aufklärungsfilm“ vermarktete Kinostück sollte das Publikum auf die Gefahren antisemitischer Propaganda im Allgemeinen und der Blutlegende im Besonderen aufmerksam machen. Nach Ende des Ersten Weltkriegs wurde Westeuropa von einer Welle jüdischer Einwanderer überschwemmt und ein Anstieg des Antisemitismus und der Xenophobie war in ganz Deutschland zu verzeichnen. Der Begriff „die Judenfrage“ wurde in der deutschen Gesellschaft zu einem beliebten Thema, ebenso wie die Frage intimer Beziehungen zwischen Deutschen und Juden, die bis dato als Tabu galten und nun debattiert wurden.

Schauplatz der Handlung ist ein Dorf im zaristischen Russland, wo ein grausames Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung stattfindet. Dem Pogrom zuvor standen Gerüchte über einen verübten Ritualmord, die nach dem Verschwinden eines jungen Mädchens verbreitet worden waren. Den Gerüchten zufolge wurde das Mädchen vom Führer der Jüdischen Gemeinde ermordet. Ein russischer Student, der in die Tochter des Gemeindeführers verliebt ist, eilt ihm zu Hilfe und hindert den Mob gerade noch rechtzeitig daran, ihn zu steinigen. Als das vermisste Mädchen unversehrt und in Sicherheit gefunden wird, wird die Verschwörung, die Juden des Ritualmords zu beschuldigen, aufgedeckt, aber es kommt zu spät für die Tochter des Gemeindeführers, die tödlich verwundet wird während einer der Überfälle. Ihr Vater und der Student geloben gemeinsam gegen die Vorurteile anzukämpfen, die zu dieser Tragödie geführt haben.Filmprogramm „Ritualmordet“, von der norwegischen Nationalbibliothek – Nasjonalbiblioteket.

Die Filmpremiere war eine grandiose Veranstaltung, zu der auch die Kritiker sämtlicher namhaften Zeitungen eingeladen waren, ebenso wie Berühmtheiten aus der Berliner Kunst- und Literaturszene.Der Kinematograph, Fachzeitung für die gesamte Projektionskunst, Nr. 665, 1919; Hrsg.: E. Lintz, Düsseldorf. Nach der Vorführung gab es lauten Applaus.BZ am Mittag, 1919; Hrsg.: Ullstein Verlag, Berlin Die Presse bezeichnete den Film als „Meisterstück“,Berliner Börsenzeitung, 1919; Hrsg.: Berliner Börsen-Zeitung Druck und Verlag Ges.m.b.h. „einen der besten Filme, die bisher produziert worden sind“Neue Berliner 12-Uhr Zeitung, Berlin; Der Film, Berlin; Erste Internationale Filmzeitung, Zentralorgan für die gesamte Kinematographie, Hrsg.: R. Falk, Berlin 1919. und „einen Film, dessen Held keine Einzelperson ist, sondern vielmehr eine ganze Nation“.Berliner Mittagszeitung, 1919; Berlin Max Nivelli galt als treibende Kraft hinter diesem Projekt, „in dem es ihm gelungen ist, seine Vision von der Aufklärung und der Notwendigkeit der Bekämpfung von Vorurteilen zu verbreiten“.Neue Berliner 12-Uhr Zeitung, 1919; Berlin. Er dürfe daher zu „den monumentalsten Filmproduzenten seiner Zeit gezählt werden“.Filmkunst, Filmzeitschrift, 1919; Berlin Innerhalb von sechs Wochen nach der Premiere – damals eine absolute Rekordzeit – wurde der Film weltweit verkauft und auch die Vorbestellungen für Nivellis nächstes geplantes Projekt mit Delmont strömten bereits herein – den Film Die entfesselte Menschheit.Kinematograph, Nr. 679/80, 1919.

Die entfesselte Menschheit