Die Regenpfeifer (Charadriidae) sind eine Familie der Vögel aus der Ordnung der Regenpfeiferartigen (Charadriiformes). Die Mitglieder der weltweit verbreiteten Familie sind kleine bis mittelgroße Watvögel, deren Beine meist relativ kurz oder höchstens mittellang sind. Charakteristisch für diese Familie sind ein kurzer Schnabel und bei vielen Arten ein kompakter, rundlich wirkender Körper. Die meisten Arten leben in offenen Landschaften in der Nähe von Gewässern und ernähren sich von Wirbellosen. Von den etwa 70 Arten führt die IUCN sieben als „gefährdet“, „stark gefährdet“ oder „vom Aussterben bedroht“.
Merkmale Körperbau Obwohl die Regenpfeifer eine artenreiche Familie sind, ist ihr Körperbau recht einheitlich. Die größten Arten sind nur etwa doppelt so groß wie die kleinsten Arten: Der kleinste Regenpfeifer ist der Azararegenpfeifer mit einer Kopf-Rumpf-Länge von 15 Zentimetern und einem Gewicht von 30 Gramm, der schwerste Vertreter der Familie ist der Maskenkiebitz, der eine Kopf-Rumpf-Länge von 35 Zentimetern und ein Gewicht von 370 Gramm erreicht. mini|Flussregenpfeifer im Flug
Charakteristisch für alle Regenpfeifer sind die relativ großen Augen, deren Iris bei vielen Arten leuchtend gefärbt ist. Eine hohe Zahl von Sehstäbchen auf der Netzhaut ermöglicht Regenpfeifern das Sehen auch unter schwachen Lichtbedingungen. Der Kopf erscheint rundlich und sitzt auf einem recht kurzen Hals. Die Vögel tragen den Hals oft eingezogen, weshalb der Körper vieler Arten insgesamt kugelig erscheint. Die dünnen Beine sind bis auf wenige Ausnahmen im Verhältnis zum Körper kurz oder maximal mittellang, die Hinterzehe ist sehr kurz und bei vielen Arten nur noch rudimentär vorhanden. Die Zehen sind wie bei allen Taxa der Unterordnung Charadrii nicht durch Schwimmhäute verbunden.
Der Schnabel ist gerade, in der Regel relativ kurz und hat eine stumpfe Spitze. Er ist niemals länger als die Distanz zwischen der Schnabelbasis und dem Hinterrand des Auges. Eine Besonderheit stellt der Schnabel des neuseeländischen Schiefschnabels dar, dessen Spitze nach rechts gebogen ist. Bei den meisten Arten ist der Schnabel an der Spitze etwas dicker als in der Mitte und trägt zahlreiche druckempfindliche Rezeptoren, die sogenannten Herbst’schen Korpuskel. Diese dienen dem Aufspüren und Untersuchen von möglichen Beutetieren im Substrat.
Zwischen den Augen sitzen Salzdrüsen, die durch Nahrung aufgenommenes Salz aus dem Blutplasma direkt in die Nasenhöhle absondern.
Die Arten der Gattung Vanellus unterscheiden sich durch einige morphologische Besonderheiten von den anderen Regenpfeifern: Sie tragen Federhauben, haben Hautlappen im Gesicht oder tragen hornige Dornen am Handwurzelknochen. Auch eine Kombination dieser Merkmale kommt vor. Meist sind die Merkmale bei Männchen stärker ausgebildet als bei den Weibchen. Charakteristisch für viele dieser Arten sind ihre breiten, abgerundeten Flügel. Die meisten anderen Regenpfeifer haben lange, eher schmale Flügel, die ihnen einen schnellen Flug ermöglichen.
Färbung und Gefieder mini|Porträt eines Rotlappenkiebitzes Das Federkleid der Regenpfeifer ist meist in einer Kombination aus Grau- und Brauntönen sowie Schwarz und Weiß gefärbt. Viele Arten haben an der Brust und auf dem Kopf eine gebänderte Zeichnung. Vor allem kleinere Arten zeigen häufig ein Tarnmuster aus Flecken und Streifen, größere Arten sind oftmals deutlich auffälliger gefärbt, vor allem die Hautlappen im Gesicht einiger Vertreter der Gattung Vanellus sind auffällig gefärbt. Bei vielen Arten sind die Männchen etwas intensiver gefärbt als die Weibchen. In dieser Hinsicht bildet nur der Mornellregenpfeifer eine Ausnahme: Bei dieser Art ist das Weibchen während der Brutzeit deutlich intensiver gefärbt als das Männchen. Arten, die in kälteren Gebieten leben und überwintern haben als Anpassung an die kalten Temperaturen in ihrem Lebensraum deutlich mehr Daunen und Deckfedern.
Viele Regenpfeifer sind während der Brutzeit intensiver gefärbt als während des restlichen Jahres, der Unterschied zwischen Schlichtkleid und Prachtkleid ist in der Regel jedoch relativ gering. Bereits kurz vor der Brutzeit erneuern Regenpfeifer das Deckgefieder an Brust und Stirn, sodass dieses Gefieder während der Balz am intensivsten gefärbt ist. Diese Federn verblassen innerhalb weniger Wochen, sodass die Vögel während des Brutgeschäfts bereits wieder deutlich besser getarnt sind. Das restliche Kopfgefieder wird gemausert, wenn das Gelege bebrütet wird. Die Hauptmauser, bei der sämtliche anderen Federn ausgetauscht werden, findet nach der Brutzeit statt. Die Flugfähigkeit bleibt dabei erhalten, da nie alle Federn zugleich erneuert werden. Die gesamte Mauser nimmt einen Zeitraum von drei bis fünf Monaten in Anspruch.
Stimme Die verschiedenen Gattungen der Regenpfeifer unterscheiden sich mitunter sehr deutlich hinsichtlich ihrer Lautäußerungen. Die meisten kleineren Arten, etwa die der Gattung Charadrius, rufen eher leise und fast ausschließlich im Brutgebiet, bei Gefahr äußern sie ebenfalls leise, hohe Rufe. Größere Regenpfeifer wie Kiebitze hingegen rufen meist häufiger, lauter und durchdringender als ihre kleineren Verwandten. Bekannt ist, dass die meisten Arten eine Vielzahl verschiedene Rufe unterschiedlicher Lautstärke, Modulation und Länge beherrschen. Außer den verschiedenen, sehr exakt über die Art der potenziellen Gefahr Auskunft gebenden Warnrufen sind die Lautäußerungen von Regenpfeifern jedoch nur wenig erforscht. Einige Arten nutzen spektakuläre Singflüge zur Balz, während denen sie teils lange, melodiöse Strophen pfeifen, verschiedene kurze Laute werden zur Kommunikation mit Artgenossen und Jungvögeln eingesetzt.
Verbreitung und Lebensraum mini|hochkant=2|Verbreitung der Regenpfeifer Regenpfeifer sind auf allen Kontinenten und in allen Klimazonen der Erde anzutreffen. Sie besiedeln üblicherweise offene Habitate in der Nähe von Wasserflächen, besonders häufig Marschland, Grasland und Tundra in Küstennähe, aber auch im Inland bis in Gebirge. Wenige Arten leben in extrem trockenen Gebieten. Ziehende Arten wechseln im Zuge ihrer Wanderung teilweise mehrmals jährlich das Habitat. Die größte Artenzahl erreichen die Regenpfeifer in den niederen Breiten der südlichen Hemisphäre.
Lebensweise Zugverhalten Es gibt innerhalb der Regenpfeifer sowohl Langstreckenzieher und Kurzstreckenzieher als auch standorttreue Arten. Die meisten ziehenden Arten gehören zur Unterfamilie Charadriinae, während es innerhalb der Unterfamilie Vanellinae nur wenige Zugvögel gibt. Die meisten der ziehenden Arten finden sich vor Beginn des Zugs zu Gruppen von bis zu einigen hundert Individuen zusammen, nur wenige Arten ziehen alleine. Es kommt auch häufig vor, dass ziehende Regenpfeifer sich mit anderen ziehenden Watvogelarten zusammenschließen und mit diesen gemeinsam in einer Gruppe fliegen. Das Zugverhalten ist oft stark synchronisiert, ein Großteil einer lokalen Population zieht zur selben Zeit ins Winterquartier und zurück. Während längerer Flüge sind die Gruppen strukturiert und fliegen häufig in Formationen.
Wie alle Zugvögel nehmen vor allem die Langstreckenzieher unter den Regenpfeifern vor Beginn des Zuges besonders viel Nahrung auf, wodurch sie ihre Körpermasse um bis zu 50 Prozent vergrößern. Das angefressene Fett wird am gesamten Körper unter der Haut gespeichert. Zudem vergrößern sich in der Phase der Vorbereitung auf den Zug die Verdauungsorgane und die Flugmuskulatur zeigt unmittelbar vor dem Abflug eine Hypertrophie. Die weitesten Distanzen legen einige Arten der Gattung Charadrius zurück, die zwischen Überwinterungsplätzen im tropischen Afrika und Brutplätzen in der borealen und arktischen Klimazone wechseln und dabei einige tausend Kilometer zurücklegen. Einige Arten, die ganzjährig in den Tropen und Subtropen leben, ziehen mit Beginn der Trockenzeit kurze Strecken zu den nächsten größeren Wasseransammlungen.
Aktivität und Komfortverhalten Viele Arten wandern im Tagesverlauf kurze Strecken zwischen ihren Schlafplätzen und den Nahrungsplätzen an Gewässern. Arten, die an Küsten leben, wandern zudem mit steigender beziehungsweise fallender Tide mit der Wasserlinie, um dort Nahrung zu suchen. In den Tropen und Subtropen verbreitete Arten ziehen sich in den heißen Mittagsstunden oftmals in den Schatten höherer Vegetation zurück.
Neben dem Aufplustern des Gefieders und gelegentlichem Baden zeigen Regenpfeifer das für viele Vögel typische Komfortverhalten des Flügel- und Beinstreckens. Dabei werden ein Flügel und das Bein derselben Körperseite gleichzeitig vom Körper abgespreizt und gedehnt. Arten mit Verbreitungsgebieten in kühleren Klimazonen nehmen bei Sonnenschein Sonnenbäder, indem sie die Flügel leicht abspreizen und sich zur Sonne hinwenden.
Soziales und antagonistisches Verhalten Regenpfeifer verteidigen zur Brutzeit ein Territorium, auch wenn sie in lockeren Kolonien brüten. Viele Arten finden sich jedoch sowohl während als auch außerhalb der Brutzeit zur Nahrungssuche in teils größeren, lockeren Trupps zusammen.
Das Brutrevier wird vor allem von den Männchen verteidigt. Kommt es zu Auseinandersetzungen an der Territoriumsgrenze, drohen die beiden Kontrahenten sich, indem sie sich leicht aufgeplustert voreinander stellen und sich ihr meist stark gefärbtes Brust- und Gesichtsgefieder zeigen. Auch die bei einigen Arten leuchtend gefärbte Iris spielt bei diesen Drohritualen eine Rolle. Das Auge wird weit geöffnet, während die Pupille verengt wird, sodass die Iris größer erscheint.
Außerhalb der Brutzeit verteidigen einige Arten kleine Nahrungsreviere, die allerdings nicht so scharf abgegrenzt sind wie die Brutreviere. Die Verteidigung dieser Reviere erfolgt mittels ritualisierter Drohgebärden, die sich von denen zur Verteidigung eines Brutreviers unterscheiden. Die Kontrahenten rennen mit gesenktem Kopf und aufgefächerten Schwanzfedern aufeinander zu und laufen dann mit leicht abgespreizten Flügeln nebeneinanderher. Dabei wird das Gefieder am Rücken leicht aufgeplustert, das Schwanzgefieder bleibt aufgefächert. Gelegentlich wird dieses Verhalten unterbrochen, indem die beiden Vögel sich aufrecht voreinander stellen und den dem Gegenüber zugewandten Flügel nach unten abspreizen.
Fühlen sich Regenpfeifer bedroht, versuchen sie meist, sich laufend in Sicherheit zu bringen. Durch ihr Gefieder getarnte Arten drücken sich oft auch flach auf den Boden. Sobald sie sich gestellt fühlen, fliegen Regenpfeifer auf und versuchen die nächstgelegene Deckung zu erreichen. Im Schwarm auftretende Regenpfeifer fliegen eher auf als einzelne Vögel, die ohne den Schutz des Schwarms leichter zur Beute eines Räubers werden können.
Während der Brutzeit verleiten viele Arten potenzielle Nest- und Bruträuber, indem sie eine Verletzung simulieren und so versuchen, den Räuber vom Nest wegzulocken. Sobald die Jungvögel geschlüpft sind, versuchen Regenpfeifer zudem, den Räuber zu verscheuchen, indem sie laut rufend vor ihm herumflattern und aus der Luft auf ihn herabstoßen.
Dank ihres guten Sehvermögens können Regenpfeifer Gefahren schon auf größere Entfernungen erkennen. Die meisten Arten haben Warnlaute für verschiedene Gefahren entwickelt. Vor Raubvögeln warnen sie mit einem anderen Ruf als vor bodenlebenden Räubern. Auch unterscheiden sie zwischen Nesträubern und in dieser Hinsicht ungefährlichen Arten.
Ernährung mini|Wüstenregenpfeifer mit erbeuteter Krabbe Alle Regenpfeifer ernähren sich hauptsächlich von Wirbellosen, daneben werden in sehr geringen Mengen auch Samen und Früchte aufgenommen, wenn diese verfügbar sind.