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Der SelbstmörderDer deutsche Titel Der Selbstmörder wird übereinstimmend in verschiedenen Publikationen verwandt. Siehe beispielsweise Ina Conzen: Edouard Manet und die Impressionisten, S. 238. ()Der französische Titel findet sich im Werkverzeichnis von Denis Rouart, Daniel Wildenstein: Edouard Manet: Catalogue raisonné, Paris und Lausanne 1975 Band 1, Nr. 258. ist der Titel eines Gemäldes von Édouard Manet. Das 38 cm hohe und 46 cm breite Bild schuf der Künstler zwischen 1877 und 1881 in Öl auf Leinwand. Die Interieurszene zeigt einen toten Mann, der nach seinem Suizid mit blutverschmiertem Hemd und Revolver in der Hand auf einem Bett liegt. Das Gemälde gehört der Stiftung Sammlung E. G. Bührle und befindet sich als Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich. Bekanntheit erlangte das Bild 2016 durch den Spielfilm Frantz von François Ozon, wo es als Teil der Sammlung des Pariser Louvre zu sehen ist, obschon es dort nie ausgestellt war.

Bildbeschreibung Das Gemälde zeigt einen Innenraum. Zu sehen ist die Ecke eines Schlafzimmers mit einem Bett, auf dem der titelgebende Selbstmörder liegt. Das vor einer Rückwand stehende Bett reicht vom linken bis zum rechten Bildrand. Das Kopfteil mit seinen senkrechten Metallstäben und dem geschwungenen oberen Abschluss grenzt an die links zu sehende Seitenwand. Die vordere linke Bettecke wird vom Bildrand abgeschnitten. Vor dem Bett steht links ein ebenfalls vom Seitenrand beschnittener Nachttisch aus braunem Holz. Die Metallstäbe am Fußende des Bettes sind nur durch wenige flüchtige Pinselstriche angedeutet. Am Kopfende des Bettes ist weiße Bettwäsche zu sehen, am Fußende liegt eine braunrote Decke. Über dem Bett hängt an der Rückwand ein büstenhaftes Bildnis, das vom oberen Gemälderand abgeschnitten wird. Hierbei könnte es sich um das Porträt eines Mönchs mit Kapuze handeln, wie der Autor George Mauner vermutet,George L. Mauner: Manet, peintre-philosophe, S. 142. aber auch andere Personendarstellungen sind möglich.

Der Selbstmörder liegt quer in der Bettmitte auf dem Rücken, während seine Beine nach vorn aus dem Bett herab hängen und die schwarzen Lackschuhe den Holzfußboden berühren.Als Lackschuhe bezeichnet in Ina Conzen: Edouard Manet und die Impressionisten, S. 101–102. Sein zur Rückwand reichender Oberkörper ist leicht zum Kopfende gedreht. Während die linke Hand dicht am Körper liegt, befindet sich die rechte Hand etwas entfernt an der Bettkante. In der leicht nach unten geneigten Hand liegt ein Revolver, dessen langer Lauf zum Fußboden zeigt. Durch die verkürzte Darstellung des nach hinten gefallenen Kopfes ist sein Gesicht nur vage zu erahnen. Eine helle Haut und bräunliche Haare sind zu erkennen, eine spitz wirkende Nase und möglicherweise ein Schnurrbart könnten angedeutet oder dem Blickwinkel geschuldet sein. Der Mann trägt eine elegante Garderobe, zu der nur die Jacke fehlt. Zu seiner Kleidung gehören eine graue Hose, ein weißes langärmliges Hemd und ein schwarzer Querbinder. Das weiße Hemd ist im Brustbereich mit Blut befleckt, das aus einer Einschussstelle herauszutreten scheint. Auffallend ist der Gegensatz zwischen der eleganten Kleidung des Dargestellten und dem „schäbigen Innenraum“.Ina Conzen: Edouard Manet und die Impressionisten, S. 101. Für den Kunsthistoriker Gotthard Jedlicka weist diese „trostlose Umgebung“ auf ein „chambre meublée“ – ein möbliertes Zimmer – hin.Gotthard Jedlicka: Edouard Manet, S. 192.

Das Gemälde zeichnet sich durch eine geringe Farbigkeit aus. Neben Weiß und Schwarz finden sich überwiegend Grau- und Brauntöne, aus denen das Rot des Blutes besonders hervor sticht. Rote Tupfer finden sich zudem auf der Decke am Fußende des Bettes und auf dem Fußboden. Das Licht fällt von oben auf die Szenerie, möglicherweise durch ein Fenster außerhalb des Bildes.Ina Conzen vermutet ein seitliches Fenster. Ina Conzen: Edouard Manet und die Impressionisten, S. 101–102. Die Malweise wird von Gotthard Jedlicka als „fiebriges Stakkato“Gotthard Jedlicka: Edouard Manet, S. 192. bezeichnet, Ina Conzen sieht eine „hastige Pinselschrift“.Ina Conzen: Edouard Manet und die Impressionisten, S. 101–102. Das Bild ist nicht datiert. Unten rechts in der Ecke findet sich die Signatur „Manet“.

Zur Entstehung des Bildes Die genauen Hintergründe zur Entstehung des Gemäldes sind nicht bekannt. Manet stiftete das Bild 1881 zu einer Benefizversteigerung zugunsten des schwer erkrankten Freundes Ernest Cabaner. Ob Manet das Bild zu diesem Anlass schuf, oder es bereits zuvor gemalt hatte, ist unbekannt. Einige Kunsthistoriker datieren das Bild auf das Jahr der Versteigerung 1881. Daneben findet sich bei anderen Manet-Experten das Entstehungsjahr 1877, möglicherweise aus stilistischen Gründen.Im Werkverzeichnis von Rouart/Wildenstein wird das Bild auf 1877 datiert. Siehe Denis Rouart, Daniel Wildenstein: Edouard Manet: Catalogue raisonné, Bd. I, S. 208. Eine Datierung auf 1877 findet sich ebenso bei Theodore Reff: Manet’s Incident in a Bullfight, S. 34. Hingegen vermutet Gotthard Jedlicka eine Entstehung „um 1881“, siehe Gotthard Jedlicka: Edouard Manet, S. 192. 1881 findet sich zudem in Akiya Takahashi: Manet et le Paris moderne, S. 184. Im Katalog zur Sammlung Bührle finden sich alternativ beide Daten 1877 und 1881, siehe Eduard Hüttinger: Katalog der Bilder in Kunsthaus Zürich (Hrsg.): Sammlung Emil G. Bührle. Festschrift zu Ehren von Emil G. Bührle zur Eröffnung des Kunsthaus-Neubaus und Katalog der Sammlung Emil G. Bührle, S. 101. Andere Autoren grenzen die Datierung auf die Zeitspanne „1877–1881“ ein, siehe beispielsweise Ina Conzen: Edouard Manet und die Impressionisten, S. 132 oder Maria Teresa Benedetti: Manet, S. 278.

Verschiedene Autoren wiesen im Zusammenhang mit Manets Gemälde Der Selbstmörder auf zwei reale Suizide im Umfeld des Malers hin, die sich jedoch bereits viele Jahre früher ereignet hatten. So fand Manet 1859 oder 1860Der Suizid des Gehilfen Alexandre wird von verschiedenen Autoren auf 1859 datiert. Siehe Françoise Cachin, Charles S. Moffett, Juliet Wilson-Bareau: Manet: 1832–1883, S. 61. Er kann sich jedoch auch erst 1860 ereignet haben. Siehe Ed Lilley: Two Notes on Manet, S. 267. seinen jugendlichen Gehilfen Alexandre erhängt im Atelier. Vorher hatte es eine Auseinandersetzung zwischen den beiden gegeben. Manet bezog nach dem Suizid seines Gehilfen ein neues Atelier. Charles Baudelaire thematisierte diesen Freitod in seinem Gedicht La Corde, das er Manet widmete.Françoise Cachin, Charles S. Moffett, Juliet Wilson-Bareau: Manet: 1832–1883, S. 61. Die Unterschiede zwischen diesem Suizid und der Darstellung im Bild Der Selbstmörder sind offensichtlich: Im realen Leben erhängte sich ein Junge im Atelier, im Gemälde ist ein durch eine Schusswaffe getöteter Mann in einem Schlafzimmer zu sehen. mini|Édouard Manet: Der tote Torero, 1866 Der zweite Suizid ist der des Malers Jules Holzapffel. Er hatte sich am 12. April 1866 in seiner Wohnung erschossen, nachdem seine Werke beim jährlichen Salon de Paris abgelehnt worden waren. Sein Tod bewegte die Öffentlichkeit und in der Zeitschrift L’Evinement nahm hierzu Émile Zola Stellung. In seinem Artikel Un Suicide beschrieb er den Tod des Malers und griff das Jury-System des Salons an.Der Artikel Un Suicide erschien am 19. April 1866 in der Zeitschrift L’Evinement. Siehe hierzu Ed Lilley: Two Notes on Manet, S. 267. Manet, der mit Zola befreundet war, hatte selbst wiederholt Ablehnungen durch die Salon-Jury erfahren. Der Autor Beth Archer Brombert hält daher eine zeitliche Nähe zwischen Holzapffels Suizid und der Entstehung der Gemäldes Der Selbstmörder für wahrscheinlich.„it seems more likely that Manet would have painted it close to the event, when everybody was talking about Holtzapfel’s [sic] tragic end“ Beth Archer Brombert: Edouard Manet, rebel in a frock coat, S. 187. Diese zeitliche Einordnung wird jedoch von anderen Autoren nicht geteilt. Vor allem stilistische Unterschiede zu weiteren um 1866 gemalten Bildern verdeutlichen dies. Beispielsweise fehlt im thematisch verwandten Gemälde Der tote Torero (National Gallery of Art, Washington, D.C.) von 1866 eine lebhafte Pinselführung, wie sie im Bild Der Selbstmörder zu sehen ist. Der Kunsthistoriker Theodore Reff wies darauf hin, dass, im Gegensatz zu den Beschreibungen in Zolas Artikel, in Manets Gemälde Der Selbstmörder weder ein Atelier dargestellt ist, noch der Mann auf dem Bett als Maler erkennbar sei.Theodore Reff: Manet’s Incident in a Bullfight, S. 53.

Der Bildtitel gibt über die Identität des Selbstmörders keine Auskunft und aus der gezeigten Szenerie erfährt der Betrachter wenig über die möglichen Hintergründe, die zum Suizid geführt haben. Eugenia Querci nimmt an, ein kürzliches tragisches Ereignis habe Manet als Inspiration für das Gemälde gedient.Eugenia Querci: Il suicida in Maria Teresa Benedetti: Manet, S. 278. Zwar gibt es für diese Annahme keinen Beleg, aber auch auf Gotthard Jedlicka wirkt das Bild „wie eine geniale Illustration zu einer Zeitungsnotiz“.Gotthard Jedlicka: Edouard Manet, S. 192. Theodore Reff vermutet hinter dem Suizid ein persönliches Motiv des Dargestellten, wie etwa emotionale oder finanzielle Probleme.Theodore Reff: Manet’s Incident in a Bullfight, S. 34. Linda Nochlin nimmt Spielschulden als Grund an. Die Kleidung des Selbstmörders wäre für ein Spielcasino angemessen gewesen und solche Ehrenschulden und möglicherweise damit verbundener finanzieller Ruin könnten ein nachvollziehbares Motiv gewesen sein.Linda Nochlin: Realism, S. 75. Für Ina Conzen thematisiert Manet in diesem Bild „das Zugrundegehen in der Großstadt“Ina Conzen: Edouard Manet und die Impressionisten, S. 101. und für Georges Bataille stellt dieses Werk noch abstrakter den „Wunsch nach Verneinung“ dar.Georges Bataille: Manet, S. 104.

mini|Henry Wallis: Der Tod von Thomas Chatterton, 1856

Schon vor Manet beschäftigten sich Schriftsteller und Maler in vielfacher Weise mit dem Suizid. Bereits 1774 erschien der Roman Die Leiden des jungen Werthers von Johann Wolfgang von Goethe, und 1873 wurde der Roman Die Dämonen von Fjodor Michailowitsch Dostojewski veröffentlicht. Auch bei Manets Freund Baudelaire findet sich das Thema mehrfach. In der Malerei ist das 1856 entstandene Bild Der Tod von Thomas Chatterton (Tate Britain, London) von Henry Wallis eines der bekanntesten Selbstmordmotive. Der hierin dargestellte junge Dichter Chatterton ist zwar durch Gift ums Leben gekommen, aber die auf dem Bett ausgestreckte Leiche und der nach vorn herabhängende Arm zeigen eine gewisse Ähnlichkeit zu Manets Gemälde Der Selbstmörder. Es ist jedoch nicht klar, ob Manet das Bild kannte.Eugenia Querci: Il suicida in Maria Teresa Benedetti: Manet, S. 278.

In seinen eigenen Werken hatte sich Manet vor allem in den 1860er Jahren wiederholt mit dem Thema Tod auseinandergesetzt. Neben Der tote Torero von 1866 gehören hierzu zwei Christusdarstellungen von 1864–1866 (Metropolitan Museum of Art, New York und Art Institute of Chicago) und die verschiedenen Versionen des Motivs Die Erschießung Kaiser Maximilians von Mexiko (Hauptfassung Kunsthalle Mannheim) von 1868–69. Zudem schuf Manet in den letzten Lebensjahren eine Reihe von Stillleben, bei denen das Motiv Toter Uhu (Stiftung Sammlung E. G. Bührle, Zürich) von 1881 die Todesthematik besonders deutlich verkörpert.

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