Die Kaiserlich Japanische Marine (KJM; jap. Shinjitai: oder ), wörtlich Marine des Kaiserreichs Großjapan, war die Seestreitmacht des Kaiserreichs Großjapan. Ihr Aufbau begann 1869 und sie stieg bis zum Pazifikkrieg 1937, neben der United States Navy und der Royal Navy, zu einer der stärksten Seemächte der Welt auf. Sie unterstand einem Admiralstab und wurde vom Marineministerium verwaltet. Neben der Kaiserlich Japanischen Armee war sie einer von zwei Teilen der Streitkräfte im Japanischen Kaiserreich, die in Kriegszeiten zusammen vom Daihon’ei kommandiert wurden.
Geschichte
Bereits zum Ende des 16. Jahrhunderts hatte es unter dem Reichseiniger Toyotomi Hideyoshi eine erste gesamtjapanische Flotte gegeben, die aber im Imjin-Krieg von der koreanischen Kriegsmarine geschlagen wurde. Bis in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts bauten die Japaner Hochseeschiffe, die sich am westlichen Standard orientierten. Doch nachdem die Regierung (Tokugawa-Shōgunat) sich mit der Abschließung Japans für eine Isolationspolitik entschieden hatte, wurde die Produktion von hochseetauglichen Schiffen für fast zweieinhalb Jahrhunderte nicht weiter verfolgt. Die maritime Tradition wurde jedoch vom Satsuma-Clan aufrechterhalten, der ab Ende des 19. Jahrhunderts eine Schlüsselrolle in der neuentstandenen Kaiserlichen Marine spielte.
Japanische Flotten des Mittelalters und der frühen Neuzeit mini|Angriffe japanischer Wokou-Piraten auf China und Korea bis 1563 mini|Japanische Invasionsflotte 1592 mini|Seeschlacht zwischen Japanern und Koreanern im Imjin-Krieg mini|Satsuma-Schiffe vor Okinawa
Die Insellage Japans hat Fischerei und Küstenschifffahrt schon früh aufblühen lassen. Bei den Ainu-Ureinwohnern hatten sich bis ins 20. Jahrhundert der Einbaum, Schilfbündelflöße und Rindenboote erhalten. Die von Koreanern und Chinesen übernommene Schiffsbaukunst machte auch die Japaner zu einem Seevolk und ermöglichte einen Seeverkehr nicht nur nach China und Korea, sondern über Formosa (Taiwan) hinaus bis nach Hinterindien und den Philippinen. Vorherrschender Fahrzeugtypus war zunächst das spantenlose Plankenboot und die aus ihm hervorgegangene Dschunke. Wie bei koreanischen Dschunken waren die Planken des Bodens der Länge nach gelegt (bei chinesischen Dschunken lagen sie quer), während Heck und Ruder chinesischen Dschunken glichen. Der Bug japanischer Dschunken lief demgegenüber spitzer und in einem Klüverbaum mit Stagsegel aus, zur Erleichterung des Wendens und Kreuzens wurden seit dem 19. Jahrhundert nach europäischem Vorbild oft Gaffel- und Sprietsegel eingeführt.Hans Nevermann: Die Schiffahrt exotischer Völker. Wigankow, Berlin 1949, S. 15 f.
Zu ersten Seegefechten zwischen den um die Macht kämpfenden Feudalfamilien kam es bereits im 12. Jahrhundert. Während des Gempei-Krieges blieben die Minamoto 1185 in den Seeschlachten von Yashima und von Dan-no-ura siegreich und beherrschten fortan als Shōgune das gesamte Land. Ihre Seemacht war jedoch bescheiden und angesichts stets neu aufbrechender Bürgerkriege kaum in der Lage, gegen die aufkommende Piraterie vorzugehen. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts begann eine neue Phase intensiver maritimer Wechselwirkungen zwischen Japan, Korea und China. Während China und Korea (Goryeo) zu Lande mit der Ausbreitung der Mongolen beschäftigt waren und gigantische Tributzahlungen aufbringen mussten, verfiel deren Küstenverteidigung und die zum Schutz des Handels notwendige Seestreitmacht. Dies machten sich japanische Piraten, die Wokou, zunutze und plünderten ab 1223 vor allem koreanische Küstenstädte und Handelsschiffe. Nach der Unterwerfung Chinas und Koreas forderten die Mongolen von Japan die Bekämpfung der Piraterie. Die japanische Ablehnung war letztlich ein Auslöser der vor allem von koreanischen Schiffen unterstützten Mongoleninvasionen in Japan 1274 und 1281. Die erfolgreiche Abwehr der Invasionen verdankten die Japaner zwar nicht ihren Kriegsschiffen, sondern ihrem Landheer und „göttlichen Stürmen“; nach der Niederlage der Mongolen und dem Verfall ihrer Macht aber begannen japanische Piraten militärisch organisierte Angriffe ab 1302 auch auf das mongolisch beherrschte China.
Die nach der Vertreibung der Mongolen 1368 in China an die Macht gelangte Ming-Dynastie und die 1392 in Korea an die Macht gelangte Joseon-Dynastie verstärkten die Küstenverteidigungen und schufen starke Kriegsflotten zum Schutz der Handelsschifffahrt sowie zur Bekämpfung der japanischen Piraten. Nach einem koreanischen Flottenangriff auf die Piratenbasis Tsushima fanden die japanischen Piratenüberfalle ab 1419 ein vorläufiges Ende. Ab Mitte des 15. Jahrhunderts jedoch verringerte China sein Marine-Engagement, auch die Küstenverteidigung verfiel. Chinesische Schmuggler schlossen sich den japanischen Piraten an. Das zeitgleiche Fehlen einer japanischen Zentralgewalt (Sengoko-Periode), die fähig oder doch zumindest willens gewesen wäre, die organisierte Piraterie zu bekämpfen, begünstigte deren Wiedererstarken. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts erreichten die entlang der schiffbaren Flüsse bis ins chinesische Hinterland reichenden Angriffe einen erneuten Höhepunkt. Erst 1563 konnten die Chinesen (Qi Jiguang) den Piraten einen vernichtenden Schlag zufügen.Hermann Kinder, Werner Hilgemann: dtv-Atlas zur Weltgeschichte. Band 1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1990, S. 227.
In Japan war erst Reichseiniger Oda Nobunaga in der Lage, die Piraterie zu beenden. Für den Kampf gegen rivalisierende Fürsten und Piraten hatte er 1576 große, möglicherweise eisenbewehrte Küstenschutzschiffe (Atakebune) bauen lassen, für die er die letzten Piraten rekrutierte. Sein Nachfolger, der Regent Toyotomi Hideyoshi wollte die nach der Reichseinigung nun arbeitslosen Samurai und Berufskrieger mit einem Feldzug gegen China ablenken. Da Korea den Japanern den Durchmarsch nach China verweigerte, begann Hideyoshi 1592 den Imjin-Krieg gegen Korea. Von Kyūshū aus setzte Hideyoshi mit hunderten Transportschiffen über. Den bis zu 200.000 gelandeten kriegserfahrenen Japanern hatte die koreanische Heeresmacht nichts entgegenzusetzen, die koreanische Kriegsmarine war der Flotte Hideyoshis jedoch überlegen und schlug sie bereits 1592 in der Seeschlacht von Okpo. Die koreanische Flotte war zwar kleiner als die japanische, die koreanischen Seeleute aber waren erfahrener und kampferprobt, ihre Schildkrötenschiffe waren stärker als die zahlenmäßig überlegenen japanischen Transportschiffe. Daran änderte auch 1597 der vorübergehende japanische Seesieg von Chilcheonryang nichts. Während der koreanische Admiral Yi Sun-sin 1598 die japanische Transportflotte bei Myongnyang schlug und so den Nachschub unterband, gelang es den Koreanern mit Hilfe chinesischer Truppen, die Japaner auch an Land zurückzuschlagen.Mathias Haydt: Ostasien-Ploetz – Geschichte Chinas, Japans und Koreas zum Nachschlagen. Verlag Ploetz, Freiburg / Würzburg 1986, S. 39, 116 f. und 148.
Die nach Japan zurückkehrenden Schiffe schlug Yi Sun-sin Ende 1598 in der Seeschlacht von Noryang erneut, doch auch nach dieser Niederlage und Hideyoshis Tod blieb Japan zunächst weiterhin eine Seefahrernation. Hunderte vom Tokugawa-Shōgunat ausgesandte Rotsiegel-Schiffe trieben zu Beginn des 17. Jahrhunderts Überseehandel bis zu den Philippinen, Indonesien und Hinterindien. Dort trafen sie auf europäische Schiffe, es kam zu ersten europäischen Einflüssen auf die japanische Schiffsbaukunst. Aus Angst vor überhandnehmenden europäischen Einflüssen (z. B. Christliche Missionierung) verfügte das Shogunat jedoch 1636 die Abschottung Japans, die Überseeschifffahrt wurde eingestellt, der Bau hochseetüchtiger Schiffe ebenso wie das Christentum verboten. Eine gewisse maritime Tradition hielt fortan nur noch der Shimazu-Clan aufrecht, der 1609 von Satsuma (Kigoshima) aus die Insel Okinawa und das gesamte Königreich Ryūkyū unterworfen hatte und die Seeverbindungen zu den Inseln beherrschte. Eben jene, später meist als Satsuma-Clan bekannten Abkömmlinge der Feudalherren der Region sollten in der Meiji-Epoche ab Ende des 19. Jahrhunderts eine Schlüsselrolle auch in der neuen Kaiserlichen Marine spielen.Hermann Kinder, Werner Hilgemann: dtv-Atlas zur Weltgeschichte. Band 2: Von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1990, S. 115.Golo Mann (Hrsg.): Propyläen Weltgeschichte. Band 9: Das zwanzigste Jahrhundert. Propyläen Verlag, Berlin / Frankfurt 1986, S. 238 f.
Zeit der Öffnung mini|Seeschlacht von Hakodate (1869): im Vordergrund die Kampfschiffe Kasuga und Kōtetsu (Japans erstes Panzerschiff) mini|Die Kōtetsu (ehemals CSS Stonewall)
Erst nach der erzwungenen Öffnung des japanischen Reiches durch die USA nach 1854 (Konvention von Kanagawa) sowie dem Bombardement von Shimonoseki und Kagoshima sah die herrschende Schicht wieder die Notwendigkeit, die maritime Verteidigung zu modernisieren und auf den neuesten Stand zu bringen.
Mit der Meiji-Restauration ab 1868 wurde der Aufbau der Marine vorangetrieben. So wurde im Jahre 1869 in Nagasaki eine Marineschule eröffnet, und zukünftige Führungsoffiziere wurden zum Studium in westliche Länder geschickt. Der Anfangsbestand an veralteten Schiffen wurde von der Shōgunat-Marine übernommen. In der Regierungszeit von Kaiser Mutsuhito erwarben die Japaner 1869 ihr erstes stahlgepanzertes Schiff von den Franzosen, die Kōtetsu, vormals Stonewall, und andere Schiffe aus Frankreich und Großbritannien. Ihre erste Feuertaufe bestand die Kaiserliche Marine im Mai 1869 in der Seeschlacht von Hakodate gegen aufständische Reste der alten Shogunat-Marine. Nach der Beendigung dieses (ersten) Bürgerkrieges verfügte die Kaiserliche Marine 1873 über 17 Kriegsschiffe mit 70 Kanonen und 2.300 Mann, darunter eine Panzerkorvette mit 12 Kanonen, eine hölzerne Korvette mit 10 Kanonen und sechs Kanonenboote mit insgesamt 23 Kanonen.Japan. In: Meyers Konversations-Lexikon. 9. Band. 3. Auflage. Leipzig 1876, S. 495. Ihr erster Einsatz gegen Nachbarstaaten, eine japanische Landung auf Taiwan, scheiterte 1874 noch an chinesischer Gegenwehr. Der nächste Einsatz war erfolgreicher: In Korea erzwangen japanische Kriegsschiffe bzw. japanische Kanonenbootpolitik 1876 die Öffnung dreier Vertragshäfen für den japanischen Handel. Nach einem zweiten Bürgerkrieg bzw. der Niederwerfung auch der Satsuma-Rebellion 1877 und der damit verbundenen Annexion der Ryūkyū-Inseln 1879 begann der Satsuma-Clan eine dominierende Rolle in der Kaiserlichen Marine zu spielen, zahlreiche Admirale und Marineminister entstammten dieser alten Samurai-Familie und ihren Nebenlinien (z. B. Saigō Tsugumichi, Yamamoto Gonnohyōe). Ihre Rivalität mit dem die Armee dominierenden Chōshū-Clan beeinflusste fortan die Politik der Regierung.
Zu Anfang des Jahres 1887 verfügte die Kaiserliche Marine über ein Kasemattschiff, zwei im Gürtel gepanzerte Kreuzer, zwei gepanzerte Rammschiffe, vier Rammkreuzer, acht Kreuzer (davon drei im Bau), drei Kreuzer zweiter Klasse, zwei Rad-Avisos (davon eins als Torpedoschulschiff verwendet), sieben Kanonenboote (davon eins im Bau), drei als Schulschiffe benutzte Schraubendampfer, eine Schraubenjacht, ein Hochseetorpedoboot, 19 Torpedoboote und zwei Torpedobarkassen.Brockhaus’ Conversations-Lexikon, Supplementband, Seite 452f. Leipzig 1887 Von 1886 bis 1890 entwickelte der französische Kriegsschiffskonstrukteur Louis-Émile Bertin die Grundzüge des japanischen Flottenplans, bildete japanische Konstrukteure aus, entwarf moderne Kriegsschiffe und Stützpunkte.
1894, am Vorabend des Ersten Japanisch-Chinesischen Krieges, verfügte die japanische Flotte über 58 Kriegsschiffe mit 497 Geschützen, davon ein Panzerschiff und 26 Torpedofahrzeuge.Japan. In: Meyers Konversations-Lexikon. 9. Band. 5. Auflage. Leipzig / Wien 1897, S. 496. Die Masse der kampfstarken Einheiten, die Japan in seiner Flotte hatte, war im Ausland angekauft worden: