mini|Ursprünglich sechssaitige tanbūra aus Oman, Museum Bait Al Baranda, Maskat. Tanbura (), auch sudanarabisch tanbūr, tanbūra, ferner tambūra, tumbura, ist eine fünf- oder sechssaitige Schalenleier, deren Heimat vermutlich bei den Nubiern in Oberägypten und im Sudan liegt, wo eine kleine, fünfsaitige Variante der Leier in den nubischen Sprachen kisir genannt wird. Von dort verbreitete sich die tanbūra, die nicht zu einer bestimmten Ethnie gehört, entlang des Roten Meeres in Dschibuti und im Jemen sowie an der Küste des Persischen Golfs im Süden des Irak und in den Golfstaaten. Sie wird zur Liedbegleitung in der Unterhaltungsmusik und bevorzugt in allen genannten Ländern im zār-Kult der Frauen verwendet, einem im afrikanischen Volksislam verankerten Heilungsritual. Die in Nubien kultisch verwendete Leier tambura ist größer als die kisir und besitzt sechs Saiten.

Das Dialektwort tanbūra ist vom hocharabischen tunbūr abgeleitet, das seit dem Mittelalter in erster Linie für Langhalslauten steht. Speziell im Sudan ist heute auch der alte arabische Name für die Leier, rababa, gebräuchlich. Eine Leier war bereits altägyptischen Musikern um 2000 v. Chr. bekannt und gelangte von Ägypten über Nubien weiter nach Süden, wo sie in unterschiedlichen Formen in Ostafrika vorkommt. In Spielweise und Bauform sind mit der tanbūra unter anderem die hauptsächlich auf der Sinai-Halbinsel und in Saudi-Arabien gespielte simsimiyya und die krar in Äthiopien verwandt.

Herkunft und Etymologie mini|Nubischer tanbūra-Spieler in Kairo. Aquarellmalerei von Carl Haag, 1858 Die ältesten Abbildungen von Leiern in Mesopotamien stammen von den Sumerern aus den Königsgräbern von Ur und werden in die erste Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. datiert. Es handelte sich um große Standleiern und kleine tragbare Leiern mit vier Saiten. Um die Mitte des 3. Jahrtausends (Ur-I-Zeit) besaßen die Leiern fünf Saiten.Wilhelm Stauder: Die Musik der Sumer, Babylonier und Assyrer. In: Bertold Spuler (Hrsg.): Handbuch der Orientalistik. 1. Abt. Der Nahe und der Mittlere Osten. Ergänzungsband IV. Orientalische Musik. E.J. Brill, Leiden/Köln 1970, S. 178f Die ersten altägyptischen Leiern waren den sumerischen entsprechend asymmetrisch, später besaßen sie wie die Leiern der griechischen Antike symmetrische, also gleich gestaltete Jocharme. Die altgriechische lyra war eine Schalenleier mit einem Schildkrötenpanzer als Korpus, und mit der häufig im Alten Testament erwähnten kinnor war wahrscheinlich eine kastenförmige Flachbodenleier gemeint.Joachim Braun: Biblische Musikinstrumente. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Sachteil Band 1, Bärenreiter, Kassel und Metzler, Stuttgart 1994, Sp. 1517 Vermutlich gelangte die Leier mit Einwanderern (zunächst als Hyksos bekannt) aus dem vorderasiatischen Raum ab der Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. bis zur Zeitenwende nach Ägypten und weiter nach Süden. Heute kommen Leiern in Afrika nur am Roten Meer und in Ostafrika vor.

Nubien dürfte eine Vermittlerrolle bei der Ausbreitung der Leier gespielt haben. Das nubische Wort für Leier, kisir oder kissar, wird auf kithara zurückgeführt, wie eine Form der Leier in der griechischen Antike hieß. Dies macht eine Ausbreitung der Leier in Ägypten ab der Herrschaft der als Vermittler auftretenden Ptolemäer (ab 332 v. Chr.) möglich. Kithara führt über arabisch qīṯāra (Umschrift nach DMG) und spanisch guitarra sowohl zu „Gitarre“ als auch unmittelbar vom griechischen Urbegriff über lateinisch „cithara“ zu „Zither“. Fresken aus dem nubischen Reich von Meroe (4. Jahrhundert v. Chr. bis 4. Jahrhundert n. Chr.) zeigen Leiern. Von dort gelangten wohl Leiern nach Äthiopien, wo sie seit etwa dem 15. Jahrhundert in Manuskripten erwähnt werden. Um diese Zeit nach Süden wandernde Niloten brachten die Leier vom Südsudan – etwa die Schalenleier tom der Schilluk – oder von Äthiopien nach Kenia und Uganda in die Gegend des Victoriasees. Damit erstreckt sich die Verbreitung der Leier von Ägypten (simsimiyya) über den Sudan (tanbūra), Südsudan (tom), Äthiopien (krar, beganna), Somalia, Nordwestkenia (pagan), Südwestkenia (nyatiti), Uganda (endongo), Nordtansania bis in den Nordosten des Kongo.Ulrich Wegner, 1984, S. 99f

Tanbūra geht auf persisch tanbūr und arabisch tunbūr zurück. In der frühislamisch-arabischen Literatur wird mit dem aus der sassanidischen Zeit übernommenen Wort tunbūr erstmals im 7. Jahrhundert ein Musikinstrument bezeichnet.J.-C. Chabrier: Ṭunbūr. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Band 10, Brill, Leiden 2000, S. 625 Tunbūr steht mit dem sumerischen Wort pan-tur („kleiner Bogen“) in Beziehung; dieses ist aus pan, dem Namen der alten westasiatischen Bogenharfe und tur, „klein“ zusammengesetzt, um die so bezeichneten tragbaren Langhalslauten von den größeren Harfen zu unterscheiden.Francis W. Galpin: The Music of the Sumerians and their Immediate Successors, the Babylonians and Assyrians. Cambridge University Press, Cambridge 1937, S. 35 Ableitungen von pan-tur finden sich in den Namen des altgriechischen Saiteninstruments pandura (im europäischen Mittelalter pandora) und noch der heutigen Langhalslauten pondur und panduri. Außer der arabischen Leier standen alle Aussprachevarianten um tunbūr für Lauteninstrumente: vom Balkan (tambura) über die Türkei (tanbur), die kurdischen Provinzen im Iran (tembur), Nordafghanistan (dambura), Südpakistan (damburag und tanburo) bis nach Indien (tanpura und tandura). Letztere Bezeichnungen für indische Langhalslauten gelangten zwar erst nach dem Mittelalter nach Indien, vom altindischen Sanskritwort damaru für eine kleine Sanduhrtrommel könnte jedoch die Doppelbedeutung des Wortumfeldes tunbūr für Saiteninstrumente und Trommeln zurückzuführen sein, die sich bis zu tamburin für eine Rahmentrommel erhalten hat.Vgl. Michael Knüppel: Noch einmal zur möglichen Herkunft von osm. tambur(a)~dambur(a)~damur(a) etc. In: Marek Stachowski (Hrsg.): Studia Etymologica Cracoviensia. Bd. 14. Krakau 2003, S. 221–223 Nach einer weiteren Vermutung gehen tunbūr, tambūra und ähnlich auf tumba zurück, das in nordindischen Sprachen „Kürbis“ und „Kalebasse“ bedeutet und beispielsweise dem einsaitigen indischen Zupfinstrument tumbi den Namen gab.Bigamudre Chaitanya Deva: Musical Instruments of India. Their History and Development. Firma KLM Private Limited, Kalkutta 1978, S. 155

Später, in osmanischer Zeit, verbreitete sich das Wort tanbūr mit Langhalslauten erneut in Ägypten. Europäische Forschungsreisende erwähnten als erste tanbūra genannte Leiern. Carsten Niebuhr (1733–1815) berichtete in Reisebeschreibung nach Arabien und andern umliegenden Ländern (1774–1778) von „einer Art Harfe“, die er im nubischen Dunqula sah und die von den Nubiern kussir und von den Arabern tambura genannt wurde. Der Schweizer Orientreisende Jean Louis Burckhardt (1784–1817, Travels in Nubia, London 1819Jean Louis Burckhardt: Travels in Nubia. London 1819, S. 146 (bei Internet Archive)) stellte fest, dass die Nubier außer einer fünfsaitigen, mit Gazellenhaut bespannten tamboura, einer Flöte und einer Kesseltrommel keine weiteren Musikinstrumente besaßen. Die Strichzeichnung am Rand des Textes zeigt eine fünfsaitige Leier mit rundem Korpus, wie sie noch heute vorkommt. Der Name der Schilluk-Leier, tom oder thum, ist vermutlich eine Kurzform von tambūra.Christian Poché, 2014, S. 707

Das arabische Wort rabāb basiert auf der Konsonantenwurzel r-b-b. Davon abgeleitet sind die Namen zahlreicher gestrichener Spießlauten und einiger gezupfter Langhalslauten von Marokko (ribab) über die arabischen Länder des Nahen Ostens (rebāb), Zentralasien (rawap) bis nach Südostasien (rebab). Laut Ibn Chordadhbeh (um 820 – um 912) war die Leier im 10. Jahrhundert ein byzantinisches Musikinstrument, das er arabisch al-lura nennt und mit einem arabischen Instrument namens rabāb gleichsetzt. Damit hätte Nubien eine alte arabische Bezeichnung für die Leier beibehalten, die ansonsten mehrheitlich auf spätere Streichlauten übergegangen ist, denn rabāb(a) ist heute im Sudan die gegenüber tambūra geläufigere Bezeichnung für die Leier.Christian Poché: Beiheft der CD: Sudan. Osman, Gubara & Co. In the Kingdom of the Lyre, 2001, S. 1

Bauform und Spielweise mini|Fünfsaitige nubische kisir. Zeichnung von François-Joseph Fétis in Histoire générale de la musique, 1869. mini|hochkant|links|Fünfsaitige kisir des arabischen Schaigiya-Stammes in Nubien. Zeichnung in einem britischen Reisebericht von 1835.George Alexander Hoskins: Travels in Ethiopia, above the second cataract of the Nile; exhibiting the state of that country, and its various inhabitants, under the dominion of Mohammed Ali ; and illustrating the antiquities, arts, and history of the ancient kingdom of Meroe. Longman, Rees, Orme, Brown, Green & Longman, London 1835 Die Form der tanbūra ist überall ähnlich; je nach Region kommen beträchtliche Größenunterschiede vor, die von 70 Zentimetern Länge im Sudan bis zu 140 Zentimetern im Jemen reichen. Die in Nubien zur Liedbegleitung gespielte kisir gehört zu den kleineren Leiern und besitzt stets fünf Saiten. Im zār-Kult wird generell eine größere Leier (in Nubien tambura genannt) mit sechs Saiten verwendet.