Der Laconia-Befehl (Triton Null) verbot U-Booten der deutschen Kriegsmarine jegliche Versuche, Schiffbrüchige versenkter gegnerischer Schiffe zu retten. Er wurde am 17. September 1942 vom Befehlshaber der U-Boote Admiral Karl Dönitz erteilt. Vorangegangen war die Torpedierung der Laconia vor der Küste Westafrikas durch ein deutsches U-Boot und die anschließende Rettungsaktion für Schiffbrüchige durch deutsche und italienische U-Boote, die dabei von Bombern der United States Army Air Forces angegriffen wurden.
Der Wortlaut des Laconia-Befehls Jeglicher Rettungsversuch von Angehörigen versenkter Schiffe, also auch Auffischen von Schwimmenden und Anbordgabe auf Rettungsboote, Aufrichten gekenterter Rettungsboote, Abgabe von Nahrungsmitteln und Wasser, haben zu unterbleiben. Rettung widerspricht den primitivsten Forderungen der Kriegführung nach Vernichtung feindlicher Schiffe und Besatzungen. Befehle über Mitbringung Kapitäne und Chefingenieure bleiben bestehen. Schiffbrüchige nur retten, falls Aussagen für Boot von Wichtigkeit. Hart sein. Daran denken, dass der Feind bei seinen Bombenangriffen auf deutsche Städte auf Frauen und Kinder keine Rücksicht nimmt.
Vorgeschichte Der Laconia-Befehl war die Reaktion der deutschen U-Bootführung auf die Erfahrungen, die im Verlauf der Versenkung des britischen Truppentransporters Laconia und im Zuge der anschließenden Bergung der alliierten Schiffbrüchigen und italienischen Kriegsgefangenen durch deutsche U-Boote im September 1942 gemacht wurden.
U-Bootgruppe Eisbär Im Sommer des Jahres 1942 war an der amerikanischen Küste das Geleitzugsystem weiträumig etabliert, sodass die Erfolgschancen der deutschen U-Boote sich in diesem Seegebiet verringerten. Gleichzeitig nahm der Umfang des Seeverkehrs entlang der afrikanischen Westküste zu, wobei sich die Schiffe jeweils vor Kapstadt sammelten. Daher leitete der BdU Karl Dönitz für den Herbst 1942 einen Angriff auf den Schiffsverkehr entlang der afrikanischen Küste ein. Die hierbei zum Einsatz kommenden großen U-Boote des Typs IX-C benötigten die Unterstützung durch ein Tank-U-Boot, eine sogenannte „Milchkuh“. Zwischen dem 16. und dem 20. August liefen mit U 68, U 156, U 159, U 172 und U 504 fünf IX-C Boote und ein Typs IX D2 von den Marinestützpunkten der nordfranzösischen Atlantikküste in Richtung Afrika aus. Vier dieser Boote wurden mit dem Codenamen U-Bootgruppe Eisbär bezeichnet.Clay Blair: Der U-Boot-Krieg. Band 2: Die Gejagten, 1942–1945. Heyne, München 1999, ISBN 3-453-16059-2, S. 93–97. Sie sollten in dem etwa 6000 sm entfernten Seegebiet um Kapstadt Angriffe gegen den alliierten Schiffsverkehr vornehmen. Am 18. August lief zudem das Versorgungs-U-Boot U 459 von Saint-Nazaire aus, um sich 500 sm südöstlich von St. Helena zu positionieren und dort die Boote der U-Bootgruppe Eisbär zu versorgen. Auf dem Weg zum Treffpunkt war den U-Booten der Angriff auf lohnende Ziele bis zur Küste von Gabun gestattet. Danach hatten Attacken zu unterbleiben, um die Unternehmung als Ganzes nicht zu gefährden.
Versenkung der Laconia mini|Die Laconia
Am Morgen des 12. September 1942 befand sich U 156 vor der westafrikanischen Küste zwischen Liberia und Ascension auf dem Weg in Richtung Kapstadt. Der Kommandant, Korvettenkapitän Werner Hartenstein, entdeckte das große britische Passagierschiff Laconia, das als Truppentransporter verwendet wurde, aber auch Passagiere und Kriegsgefangene an Bord hatte. Das Schiff war nach dem den Deutschen vorliegenden Handbuch der bewaffneten britischen Schiffe mit 14 Geschützen ausgestattet. Spätere Angaben des Artillerieoffiziers der Laconia offenbarten, dass das Schiff tatsächlich mit acht Geschützen, darunter 15-cm-Kanonen zum Einsatz gegen gegnerische Schiffe, sowie Flugabwehr-Geschützen armiert war. Zudem verfügte die Laconia über Wasserbombenwerfer und ASDIC-Geräte zur Bekämpfung von U-Booten. Hartenstein verfolgte die Laconia für einige Stunden in großem Abstand bis zum Anbruch der Dunkelheit, erst dann ließ er U 156 zum Überwasserangriff aufschließen. Um 22:07 Uhr griff Hartenstein die Laconia erfolgreich mit Torpedos an.Rainer Busch, Hans-Joachim Röll: Der U-Boot-Krieg 1939–1945. Band 3: Deutsche U-Boot-Erfolge von September 1939 bis Mai 1945. E. S. Mittler und Sohn, Hamburg u. a. 2001, ISBN 3-8132-0513-4, S. 120. Einer der beiden Torpedos traf den Dampfer am Bug, der andere detonierte mittschiffs.
Die Laconia übermittelte die folgende Nachricht:
Vier Minuten später setzte die Laconia eine weitere Meldung ab, aber keine der beiden wurde von den Alliierten empfangen.
Als das Schiff zu sinken begann, ließ Hartenstein sein Boot an die Laconia heranfahren, da er hoffte, die leitenden Schiffsoffiziere gefangen nehmen zu können. Dabei sah er mehr als 2000 Menschen im Wasser um ihr Leben kämpfen. Die 19.680 Tonnen große Laconia hatte nicht nur die reguläre Besatzung von 136 Mann – wobei der Kapitän Rudolph Sharp mit dem Schiff unterging – sondern auch 268 britische Soldaten sowie 1809 italienische Kriegsgefangene und als deren Bewachung 103 polnische Soldaten an Bord gehabt. Zudem waren über 300 Passagiere an Bord, unter diesen 80 Frauen und Kinder. Das Schiff hatte zwar genug Rettungsboote zur Sicherung aller Personen an Bord, sie konnten aber wegen der Neigung des Schiffes infolge des Sinkens nicht alle zu Wasser gelassen werden. Infolge der chaotischen Zustände auf den Decks fielen zudem einige Rettungsboote ungesichert ins Wasser und liefen voll. Mehr als eine Stunde nach den beiden Treffern sank die Laconia um 23:23 Uhr. Mit der Versenkung des Truppentransporters hatte Hartenstein während seiner Feindfahrten insgesamt 100.000 BRT an gegnerischem Schiffsraum versenkt, was für U-Bootoffiziere als Verleihkriterium des Ritterkreuzes des Eisernen Kreuzes galt.
Bergung der Schiffbrüchigen Hartenstein, der Hilferufe auf Italienisch gehört hatte, begann sofort mit Rettungsmaßnahmen. So sehr die stark armierte, abgedunkelte und einen Zickzackkurs fahrende Laconia für Hartenstein ein legitimes Ziel war, so wenig war er zu Rettungsmaßnahmen verpflichtet. Nach zwei Stunden hatte U 156 neunzig Italiener an Bord genommen. Von den Überlebenden erfuhr er, dass sich verbündete Kriegsgefangene an Bord befunden hätten, von denen bereits Hunderte durch die Torpedos getötet worden waren, die das Schiff auf Höhe der Laderäume getroffen hatten. In den Laderäumen wurden die Italiener durch polnische Wachmannschaften bewacht und gewaltsam am Verlassen der Zellen gehindert, als das Schiff zu sinken begann. In der Folge gingen weitere mehrere hundert Italiener mit der Laconia unter, während sich einige durch Gewalt an Deck und ins Wasser retten konnten, wobei viele durch Bajonette von den Polen verwundet wurden.
Nach dem Untergang des Schiffes sendete Hartenstein einen verschlüsselten Funkspruch an den Befehlshaber der Unterseeboote, in dem er über die Situation informierte, insbesondere über die italienischen Kriegsgefangenen. Die Nachricht lautete:
Drei Stunden später schlug Hartenstein in einem weiteren Funkspruch der Seekriegsleitung die Neutralisierung der Unglücksstelle vor, was einen zeitlich und örtlich begrenzten Waffenstillstand bedeutet hätte. Als Hitler davon erfuhr, lehnte er dies brüsk ab; jedoch unterließ es Dönitz, Hartenstein davon in Kenntnis zu setzen, so dass dieser vermuten konnte, seinem Vorschlag sei stattgegeben worden.mini|Im Vordergrund U 156, im Hintergrund U 507 bei der Rettung der Schiffbrüchigen Der BdU Dönitz beorderte umgehend zwei andere U-Boote zur Untergangsstelle. Bald befanden sich auf und unter Deck von U 156 fast 200 Überlebende, einschließlich fünf Frauen, weitere 200 Personen waren an Bord von vier Rettungsbooten im Schlepp. Um 6 Uhr sandte Hartenstein eine unverschlüsselte Nachricht auf Englisch an alle, die sich in der Gegend auf See befanden, in der er seine Position angab und Hilfe anforderte und versprach, nicht anzugreifen. Die Nachricht lautete:
U 156 wurde aus der U-Bootgruppe Eisbär, die ihren Weg nach Kapstadt fortsetzte, herausgezogen und blieb während der nächsten zweieinhalb Tage an derselben Stelle an der Wasseroberfläche. Um 11.30 Uhr am 15. September stießen U 506, Kapitänleutnant Erich Würdemann, und einige Stunden später U 507, Korvettenkapitän Harro Schacht, sowie das italienische U-Boot Comandante Cappellini dazu. Die vier U-Boote mit Rettungsbooten in Schlepp und hunderten Überlebenden an Deck fuhren in Richtung der afrikanischen Küste zu einem Treffen mit Kriegsschiffen der französischen Vichy-Flotte, die von Senegal und Dahomey gestartet waren. Beide eingetroffenen deutschen Boote nahmen sowohl Schiffbrüchige an Bord, als auch Rettungsboote in Schlepp und meldeten dann den Vollzug der Rettungsmaßnahmen an Dönitz. Während Würdemann nur die Anzahl der bei ihm an Bord und in seinem Schlepp befindlichen Schiffbrüchigen meldete und darauf verzichtete, deren Nationalitäten zu nennen, berichtete Schacht seinem Befehlshaber, dass er Boote mit 95 Briten und Polen im Schlepp habe. Dönitz befahl ihm daraufhin, die jeweiligen Taue zu kappen, während Würdemann keinen derartigen Befehl bekam.
Angriff auf die U-Boote mini|Consolidated B-24D der USAAF Am Morgen des 16. September wurden die vier U-Boote mit Rot-Kreuz-Flaggen an Deck um 11:25 Uhr von einem US-amerikanischen Bomber des Typs Consolidated B-24 entdeckt. Hartenstein signalisierte dem Piloten, dass er Hilfe benötige. Lieutenant James D. Harden (United States Army Air Forces) drehte ab und teilte seinem Luftwaffenstützpunkt Wideawake Field auf der Insel Ascension die Situation mit. Nach den Regeln der damals gültigen Haager Konventionen waren Lazarettschiffe nur dann vor feindlichen Angriffen geschützt, wenn ihre Namen den Kriegsführenden bekannt gemacht worden waren, ihre Bordwände weiß mit einem Rotkreuz-Emblem gestrichen waren und sie nicht für andere Zwecke verwendet wurden. Voll einsatzfähige Kriegsschiffe mit aufgesteckten Rotkreuz-Fahnen fielen indessen nicht unter diesen Schutz. Der diensthabende Offizier, Captain Robert C. Richardson III, antwortete, da es den deutschen U-Booten seiner Vermutung nach in erster Linie um die Bergung der italienischen Kriegsgefangenen ging und die U-Boote darüber hinaus in den strategisch wichtigen Gewässern nahe Ascension operierten, mit dem Befehl „Sink sub“ (U-Boot versenken).Maurer Maurer, Lawrence J. Paszek: Origin of the Laconia Order. In: Air University Review, März/April 1964, Band 16, S. 26–37; .
Harden flog zurück zur Szene der Rettungsversuche und griff um 12:32 Uhr mit Bomben an. Eins der Rettungsboote in Schlepp hinter U 156 wurde getroffen, eine andere Bombe beschädigte das U-Boot. Hartenstein kappte die Leinen zu den Rettungsbooten und wies die Überlebenden an Deck an, ins Wasser zu springen. Nachdem die Wassereinbrüche gestoppt waren, lief U 156 ab, um die Schäden zu reparieren. Mit FT (Funktelegramm) 0019/17 vom 17. September um 1:40 Uhr entließ der BdU Hartenstein aus der Rettungsaktion. Schacht und Würdemann meldeten die Lage und bekamen Befehl, ihre Boote alarmtauchklar zu halten. Während Dönitz mit seinem Stab noch über den Umfang und die Möglichkeiten notwendiger Rettungsmaßnahmen der U-Boote diskutierte, berichtete ein FT von Würdemann, dass auch er von einem Flugzeug angegriffen worden sei und nur dank guten Ausgucks mit 142 Schiffbrüchigen an Bord rechtzeitig alarmtauchen konnte. Erst nach Erreichen von 60 Metern Tiefe fielen die ersten Bomben.
Um 18 Uhr desselben Tages sendete die Führung ein FT an Schacht und Würdemann:
Am Abend des 17. September ging das Laconia-FT heraus an die U-Boote (s. o.).
Weiteres Schicksal von Opfern und Rettern Die drei Boote und ihre Mannschaften überlebten den Krieg nicht: U 507 (Schacht) sank am 13. Januar 1943 in der Karibik durch Fliegerangriff. U 156 (Hartenstein) sank am 8. März 1943 bei Trinidad durch Fliegerangriff. U 506 (Würdemann) sank am 12. Juli 1943 westlich von Spanien durch Fliegerangriff.