Al-Achlātī (; geboren vor 1320; gestorben unsicher: Februar 1397 oder März 1397) war ein husainidischer Scherif, der verschiedene Werke zu Alchemie, Wahrsagekunst und anderen okkulten Wissenschaften verfasste und von einigen seiner Anhänger als Mahdi betrachtet wurde. Nach Aufenthalten in Täbris, Aleppo und Damaskus siedelte er auf Einladung des mamlukischen Sultans az-Zāhir Barqūq nach Ägypten über und stand den Rest seines Lebens in enger Beziehung zu diesem Herrscher. In timuridischen Intellektuellenkreisen galt al-Achlātī als der bedeutendste zeitgenössische Kenner der mystischen Bedeutung der arabischen Buchstaben.Bınbaş: Intellectual Networks in Timurid Iran. 2016, S. 121f. Auf dem Gebiet des Osmanischen Reichs war er vor allem als der spirituelle Lehrer von Scheich Bedr ed-Dīn bekannt.
Die wichtigsten Quellen für das Leben und Wirken von al-Achlātī sind die biographischen Einträge über ihn in den Werken der zeitgenössischen ägyptischen Gelehrten Ibn al-Furāt (gest. 1405), Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī (gest. 1449) und Badr ad-Dīn al-ʿAinī (gest. 1451). Darüber hinaus spielt er auch eine wichtige Rolle in den hagiographischen Werken über Scheich Bedr ed-Dīn. Während al-ʿAinī al-Achlātīs vollständigen Namen mit Ibrāhīm ibn ʿAbdallāh al-Achlātī angibt,al-ʿAinī: ʿIqd al-ǧumān. 2002, S. 420. wird er in den meisten anderen Quellen und auch in den Handschriften seiner Werke als Husain al-Achlātī bezeichnet.Bınbaş: Intellectual Networks in Timurid Iran. 2016, S. 114f. Da er sich mit der Herstellung von Lapislazuli (arab. lāzuward) beschäftigte, erscheint er in einigen arabischen Quellen auch mit der Nisba al-Lāzuwardī.So in Ibn al-Furāt: Taʾrīḫ. 1938, Band IX/2, S. 478.
Leben Abstammung und frühe Jahre Al-Achlātī stammt aus der Stadt Ahlat im Osten der heutigen Türkei. Nach Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī war er ein husainidischer Scharīf.Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: Inbāʾ al-ġumr. 1969, Band I, S. 531. Badr ad-Dīn al-ʿAinī tituliert ihn auch als Saiyid. Al-Achlātī wuchs auf iranischem Gebiet auf und erlernte die Herstellung von Lapislazuli. Auch beschäftigte er sich mit Alchemie und der „Wissenschaft der Geisterbeschwörung“ (ʿilm al-istiḫdām).al-ʿAinī: ʿIqd al-ǧumān. 2002, S. 420. In einem seiner Werke erzählt al-Achlātī, dass er sich in Täbris aufhielt, als dort die Pest ausbrach.Bınbaş: Intellectual Networks in Timurid Iran. 2016, S. 154. Da die Pest Täbris 1347 erreichte,Peter Christensen: The Decline of Iranshahr: Irrigation and Environments in the History of the Middle East 500 B.C. to A.D. 1500. Museum Tusculanum Press, Kopenhagen, 1993, S. 212. ist sein Besuch der Stadt wahrscheinlich auf dieses Jahr zu datieren.
Außerdem erwarb sich al-Achlātī einen Ruf als Kenner des Dschafr, des von den schiitischen Imamen überlieferten geheimen Buchs, in dem angeblich in kryptischer Form das Schicksal der Menschheit niedergeschrieben ist. Scharaf ad-Dīn Chān al-Bidlīsī berichtet in seinem 1597 abgefassten Scharafnāma, dass al-Achlātī mit ungefähr 12.000 Anhängern aus seiner Heimat auszog, weil er durch seine Kenntnis des Dschafr angeblich die Mongoleneinfälle vorausgesehen hatte.Bidlīsī: Šarafnāma. 1860, Band I, S. 351.
Aufenthalt in Syrien Eine Zeitlang hielt sich al-Achlātī in Damaskus auf.Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: Ad-Durar al-kāmina. 1930, Band II, S. 72. Hier hatte er Kontakt zu dem Hadith-Gelehrten Sibt Ibn al-ʿAdschamī (gest. 1438).Bınbaş: Intellectual Networks in Timurid Iran. 2016, S. 118. Außerdem schickte Schāh Nūr ad-Dīn Niʿmatullāh Walī (gest. 1431), der Begründer des Niʿmatullāhīya-Ordens, seine beiden Schüler Sā'in ad-Dīn ʿAlī Turka und Scharaf ad-Dīn ʿAlī al-Yazdī, zu al-Achlātī nach Damaskus, damit sie bei ihm die Auslegung der Buchstaben des Dschafr-Buches erlernten.Bınbaş: Intellectual Networks in Timurid Iran. 2016, S. 120. Al-Achlātī deutete auch Hadithe anhand der mystischen Bedeutung der einzelnen Buchstaben.Bınbaş: Intellectual Networks in Timurid Iran. 2016, S. 120. und betrachtete die Auslegung dieser Traditionen durch die Hadith-Gelehrten als unzureichend.Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: Ad-Durar al-kāmina. 1930, Band II, S. 72.
Eine weitere Station von al-Achlātī war Aleppo, wo er sich abgeschieden von den Menschen in der FreitagsmoscheeIbn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: Inbāʾ al-ġumr. 1969, Band I, S. 531. oder in einer Zāwiya niederließ.Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: Ad-Durar al-kāmina. 1930, Band I, S. 32. Nach anderen Berichten lebte er zurückgezogen an einem Ort namens BābillāVgl. Ibn Taġribirdī: al-Manhal aṣ-ṣāfī. 1988, Band V, S. 172. im Osten von Aleppo, der von Gärten und Weingärten durchzogen war und den Aleppinern zur Erholung diente. Dort besuchten ihn die großen Persönlichkeiten von Aleppo, darunter auch der mamlukische Statthalter der Stadt. Meist öffnete al-Achlātī seinen Besuchern nicht die Tür, sondern kommunizierte mit ihnen nur von dem Bogen aus, der sich oberhalb seiner Tür befand.al-ʿAinī: ʿIqd al-ǧumān. 2002, S. 420.
Umsiedlung nach Ägypten und Beziehung zu Barqūq Als der mamlukische Sultan Az-Zāhir Barqūq davon hörte, dass sich al-Achlātī gut mit Medizin und ärztlicher Behandlung auskannte, lud er ihn nach Kairo ein, damit er seinen Sohn Muhammad behandelte. Dieser war am Fuß erkrankt war, ohne dass die Ärzte ihn heilen konnten. Obwohl al-Achlātīs Behandlung ebenfalls keine Wirkung zeigte, war der Sultan ihm sehr gewogen. Er brachte ihm große Verehrung entgegen und wies ihm ein Haus in Fam al-Chaur am Nilufer zu.al-ʿAinī: ʿIqd al-ǧumān. 2002, S. 420. Ein Gehalt, das ihm der Sultan ebenfalls anbot, lehnte al-Achlātī ab, obwohl er hohe Ausgaben hatte.Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: Ad-Durar al-kāmina. 1930, Band II, S. 72. Barqūq verehrte al-Achlātī sehr. Wenn er mit ihm zusammentreffen wollte, sandte er entweder seinen Kämmerer oder seinen Statthalter Sūdūn zu ihm aus. Sie brachten ihn dann auf dem Pferd direkt zum Sultan.al-ʿAinī: ʿIqd al-ǧumān. 2002, S. 421. Al-Achlātī und der Sultan standen sich so nahe, dass letzterer, wenn er auf die Jagd ging, unter den Fenstern seines Hauses Halt machte und nach ihm rief. Al-Achlātī sprach dann von oben zu ihm, ohne zu seiner Begrüßung herunterzukommen. Auch viele Mamlukenemire machten al-Achlātī die Aufwartung.Ibn al-Furāt: Taʾrīḫ. 1938, Band IX/2, S. 478.
Lebensstil und Anhängerschaft Ansonsten lebte al-Achlātī zurückgezogen in seinem Haus am Nilufer und besuchte niemanden.Ibn al-Furāt: Taʾrīḫ. 1938, Band IX/2, S. 478. Nur wenigen ausgewählten Menschen gestattete er Zutritt zu seinem Haus.Ibn Taġribirdī: al-Manhal aṣ-ṣāfī. 1988, Band V, S. 172. Hinsichtlich Speise, Trank und Kleidung soll er in größtem Luxus gelebt haben. Man sagte ihm nach, dass er es sowohl hierin als auch bei der Einnahme verschiedener Elektuarien weiter getrieben habe als die meisten Könige.al-ʿAinī: ʿIqd al-ǧumān. 2002, S. 420. Die Menschen wussten nicht, wie er seinen Lebensunterhalt verdiente. Einige führten seinen Reichtum auf seine Beschäftigung mit Alchemie zurück, andere sagten, dass er im Besitz eines wertvollen Edelsteins sei.Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: Inbāʾ al-ġumr. 1969, Band I, S. 531. Am bekanntesten war die Auffassung, dass er sein Geld mit der Lapislazuli-Herstellung machte. Er soll sein Wissen über Lapislazuli geheim gehalten und niemandem mitgeteilt haben.Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: Ad-Durar al-kāmina. 1930, Band I, S. 32.
Auf religiöser Ebene fiel al-Achlātī dadurch auf, dass er weder das Freitagsgebet noch andere Gemeindegebete besuchte. Daraus schloss man, dass er ein Schiit sein musste. Einige von al-Achlātīs Anhängern behaupteten, dass er „der erwartete Mahdi am Ende der Zeiten“ (al-mahdī al-muntaẓar fī awāḫir az-zamān) sei.al-ʿAinī: ʿIqd al-ǧumān. 2002, S. 420. Sie titulierten ihn auch als Sultan und „Pol der Zeit“ (quṭb az-zamān).Bınbaş: Intellectual Networks in Timurid Iran. 2016, S. 120, 126. Einige Menschen glaubten auch, dass er ein Gottesfreund sei. Er wurde von zahlreichen Menschen aufgesucht, die teils Bittgebete und teils Heilmittel von ihm wünschten.Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: Ad-Durar al-kāmina. 1930, Band II, S. 73. Man erzählte auch, dass al-Achlātī zusammen mit einem gewissen Mīr Buchārī in Mekka gewesen sei.Ḫalīl ibn Ismāʿīl: Manāqıbnāme. 1943, S. 32.
Einer der wichtigsten Schüler von al-Husain al-Achlātī war Scheich Bedr ed-Dīn, der wie er anatolischer Herkunft war. Nach dem hagiographisch-biographischen Werk über Bedr ed-Dīn aus der Feder seines Enkels Chalīl ibn Ismāʿīl war al-Achlātī von entscheidender Bedeutung dafür, dass sich Bedr ed-Dīn von einem gewöhnlichen Rechtsgelehrten zu einem Freidenker und „revolutionären Mystiker“ entwickelte.Bınbaş: Intellectual Networks in Timurid Iran. 2016, S. 128. In dem Werk wird erzählt, dass Bedr ed-Dīn al-Achlātī kennenlernte, als er sich in Kairo aufhielt und zusammen mit ihm eines Abends bei Barqūq eingeladen war.Kißling: Das Menāqybnāme Scheich Bedr ed-Dīn’s. 1950, S. 149.
Tod und Hinterlassenschaften Al-Achlātī starb am 29. Dschumādā I 799Ibn al-Furāt: Taʾrīḫ. 1938, Band IX/2, S. 478. (= 28. Februar 1397) mit über 80 Jahren.al-ʿAinī: ʿIqd al-ǧumān. 2002, S. 420. Er wurde in dem Hof des Emirs Scharaf ad-Dīn Yūnus ad-Dawādār in der Nähe der Qubbat an-Nasr außerhalb des Bāb an-Nasr, einem der Stadttore von Kairo, begraben. An dem Trauerzug, mit dem seine Leiche von seinem Haus in Fam al-Chaur nach Kairo überführt wurde, nahmen zahlreiche Persönlichkeiten der mamlukischen Militär- und Verwaltungselite teil, darunter der Atabeg Saif ad-Dīn Etmisch al-Bidschāsī.Ibn al-Furāt: Taʾrīḫ. 1938, Band IX/2, S. 478.
Al-Achlātī hinterließ ein umfangreiches Vermögen, ohne darüber eine testamentarische Verfügung getroffen zu haben. Darunter befanden sich zahlreiche Textilien, viel Gold sowie Sklaven und Sklavinnen. Als der Sultan von seinem Tod erfuhr, beauftragte er den Kanzleibeamten (dawādār kabīr) Qalamtāy, sein Haus und seine Hinterlassenschaft zu schützen. Er fand darin unter anderem einen goldenen Pokal, Flaschen mit Wein, Gürtel für Mönchskutten, ein Exemplar des Evangeliums, Bücher zur Philosophie (ḥikma), Astrologie und Geomantie (raml) sowie einen Kasten mit kostbaren Gemmen und Beutel mit Gold, auf denen sich das Siegel der Herrscher der iranischen Gebiete befand. Da al-Achlātī keinen Erben eingesetzt hatte, zog der Sultan sein gesamtes Vermögen ein.al-ʿAinī: ʿIqd al-ǧumān. 2002, S. 420f.
Der gegen Ende des 16. Jahrhunderts schreibende Bidlīsī berichtet, dass noch zu seiner Zeit das Grab von Al-Achlātī in Kairo verehrt wurde und sich dort ein Stadtviertel befand, das „Stadtviertel der Achlātīer“ (maḥalla-yi Aḫlāṭīyān) genannt wurde.Bidlīsī: Šarafnāma. 1860, Band I, S. 352.
Werke Al-Achlātī hat eine größere Anzahl von Werken zu okkulten Wissenschaften verfasst. Zwei davon, Qawāʿīd al-ǧafr wa-ʿilm al-falak wa-zayāriǧ wa-ʿilm al-ḥurūf („Regeln der Wahrsagekunst, der Astronomie, der Wahrsagekarten und der Wissenschaft von den Buchstaben“) und das Sifr-i Ǧafr („Buch der Wahrsagekunst“), sind bereits im Druck veröffentlicht worden, ersteres 2002 in Beirut und letzteres 2007 in Teheran.
Daneben sind drei weitere kurze Werke zur Wahrsagekunst in der Süleymaniye-Bibliothek in Istanbul erhalten: