Florian Geyer ist ein historisches Revolutionsdrama in fünf Akten des deutschen Nobelpreisträgers für Literatur Gerhart Hauptmann, das vom 24. Mai 1894 bis ins Jahr 1895 hinein entstand – der Autor hat in einem reichlichen Jahr über tausend Seiten beschriebenSprengel anno 2012, S. 272 oben – und das am 4. Januar 1896 im Deutschen Theater Berlin uraufgeführt wurde.Sprengel anno 2012, S. 271, 6. Z.v.o.

Das Drama „thematisiert … die freiheitlichen Tendenzen des Reformation­szeitalters und war vom Verfasser offenkundig als Beitrag zur Liberalisierung des ‚deutschen Geisteslebens‘ geplant.“Sprengel anno 2012, S. 274, 10. Z.v.o.

mini|Rudolf Rittner in der Titelrolle des Florian Geyer, Gemälde von Lovis Corinth, 1906

Einstieg Akt Ort der Handlung Seite in der verwendeten Ausgabe Vorspiel Schloss Unserer Frauen Berg bei Würzburg 543 1 Neu-Münster Würzburg 562 2 Gasthaus Kratzer Rothenburg 594 3 Rathaus Schweinfurt 622 4 Herberge Kratzer Rothenburg 643 5 Schloss Rimpar 664 Die Handlung des Schauspiels beginnt Anfang Mai 1525 und endet mit dem Tod des Titelhelden am 10. Juni 1525. Zunächst lässt sich das Personal im Vorspiel ziemlich mühelos auseinanderhalten. Die adligen Herrschaften gehören hauptsächlich der Gegenpartei Florian Geyers an. Darauf wird das Eindringen in die spätmittelalterliche Welt durch die unübersichtliche Figurenvielfalt erschwert. Einen überschaubaren Einstiegspunkt bietet ein Blick auf die erbitterte Gegnerschaft Geyers am Ende des BauernkriegsdramasSprengel anno 2012, S. 68, 3. Z.v.u.: Florian Geyer – auf der Flucht – wird von seinem Schwager Wilhelm von Grumbach auf dessen Schloss versteckt. Einige seiner Feinde, als da sind Lorenz von Hutten, Graf Wolf von Kastell, Kunz von der Mühlen, Thomas von Hartheim, Thomas Schertlin und der Schäferhans, folgen dem Ermatteten. Gerhart Hauptmann lässt die meisten der genannten Gegner zuvor – über das Schauspiel verstreut – auftreten.

Inhalt Vorspiel Der Schreiber Gilgenessig verliest die Zwölf Artikel der Bauern. Immer einmal wird er von den in ihrer Wortwahl nicht feinfühligen anwesenden Rittern unterbrochen. Der Aufruhr wird von den anwesenden Adligen nicht einhellig verteufelt. Zum Beispiel Wolf von Hanstein erinnert an die vom Truchseß gemeuchelten Bauern und ihren Anführer, den frommen Prediger Jakob Wehe zu Leipheim.Verwendete Ausgabe, S. 548 unten Den Höhepunkt markiert der Auftritt des Bischofs Konrad von Würzburg und dessen Hofmeister Sebastian von Rotenhahn. Der Bischof resümiert vor seinen Getreuen das Geschehene, also die Erhebung der Bauern im März 1525 im Hochstift; erwähnt die Verhandlung der Fürsten mit Markgraf Kasimir in Neuenstadt und klagt: „Von all meinem Fürstentum und Landen ist mir nichts überblieben als dies einige Schloß, und davon muß ich itzt auch ziehen.“Verwendete Ausgabe, S. 556, 6. Z.v.u. Das sei alles halb so schlimm, meint von Rotenhahn. Einer Belagerung des Schlosses durch die Bauern könne die Besatzung sich mindestens „zween Monat erwehren“. Kunz von der Mühlen möchte „den Florian Geyer in ein Mauseloch prügeln“. Wolf von Hanstein lässt das nicht gelten: „Der Florian Geyer ist ein so ehrlicher Ritter und Reuter von Adel als irgendeiner im Lande zu Franken.“ Der Festungskommandant Markgraf Friedrich beendigt das Hin und Her der Meinungen mit einem Machtwort: Wer gehen will, soll jetzt gehen. Er wolle nun „die Burg zutun und zur Verteidigung beschicken“. 1 Bauernführer Wendel Hippler verhandelt mit den Repräsentanten des Bischofs von Würzburg. Wenn der Zuschauer nun glaubt, es gehe in dem Stück um die vierwöchige Belagerung der Veste Würzburg, der irrt. Zwar spielt der nächste Akt am Fuße des Schlosses in dem Würzburger Neumünster. Zwar ermahnt Florian Geyer die Anführer der angriffslustigen Heerhaufen im Würzburger „Versammlungsrat aller Haufen gemeiner Bauernschaft“ zur Besonnenheit: Es muss mit dem Sturm auf die Festung unbedingt abgewartet werden, bis „mauerbrechend Geschütz“ angekarrt worden ist. Doch im nächsten Akt findet der Zuschauer den Titelhelden in Rothenburg. 2 Florian Geyer, mehr Militärberater der kämpfenden Bauerntruppe als deren mitkämpfender Anführer, geht als Verhandlungsführer des Würzburger „bäurischen Kriegsrates“ nach Rothenburg. Dort wartet er auf Abgesandte des oben genannten Markgrafen Kasimir. Er wartet vergeblich. Während des Wartens wird über Gott und die Welt gesprochen. Karlstatt tauscht sich zum Beispiel mit Florian Geyer über Luther aus. Der „wütige Stier zu Wittenberg“ wird bei Gerhart Hauptmann zumeist als bornierter Kritiker des Werte schaffenden Bauernstandes gebrandmarkt.Verwendete Ausgabe, S. 611–612

Der Schäferhans nennt die aufständischen Bauern seine Brüder, gegen die er sich nicht stellen will. Wie sich schließlich ergibt, ist das geheuchelt. Der Schäferhans erschießt Florian Geyer am Ende des Stücks mit der Armbrust, weil er auf das vom Truchseß versprochene Kopfgeld von hundert Floren aus ist.

Schlechte Nachricht kommt aus Böblingen. Und in Würzburg wurden die Bauern beim Angriff auf das Würzburger Schloss geschlagen. Florian Geyer geht gen Ansbach. 3 Bis zur Ankunft Florian Geyers geben sich die Bauernführer in Schweinfurt gegenseitig die Schuld an der Niederlage in Würzburg. So behauptet zum Beispiel der Bauernführer Pfarrer Bubenleben, er habe Florian Geyer nicht nach Rothenburg geschickt.

Florian Geyer erscheint und geht mit seinen Anführern, die er in Würzburg zurückgelassen hatte und nun in Schweinfurt vorfindet, hart ins Gericht. Schimpfworte hat er für die Verlierer übrig, die nicht auf die Geschütze warten konnten. Der Widerspruch der Gescholtenen wird allmählich schwächer, bis der Bauernführer Jacob Kohl kleinlaut einwirft, er wolle „ehrlich werden. Mit dir [mit Florian Geyer] reiten, fechten und sterben.“ 4 Rothenburger Bürger reden am Pfingstabend, dem Vernehmen nach sammle Florian Geyer in Brettheim überlebende Kämpfer um sich. Mit einer Wunde am Bein konnte Karlstatt dem Würzburger Gemetzel entrinnen, hat sich nach Rothenburg geschleppt und bittet die Bürger um Wasser und Brot. Er will dieses „arme, gottverfluchte Land“ verlassen und in die Schweiz gehen. Der Wirt bringt dem Verwundeten Essen und Trinken.

Florian Geyer erscheint. Er habe „einer göttlichen Sache gedient“ und wolle im Land bleiben. Zwar warteten Frau und Kind in Rimpar auf ihn, zwar habe ihm seine Frau geschrieben, er solle sich um sein kleines Kind kümmern, doch er will kämpfen und muntert seine Leute auf: „Lustig, Brüder! Warum sollen wir nit lustig sein?“

Die Heerhaufen der Bauern haben ihre vorletzte Schlacht gegen den Truchseß bei Königshofen verloren. Florian Geyer zieht in die letzte Schlacht; kämpft im „Schlößlein zu Ingolstadt“. 5 Der Ritter Wilhelm von Grumbach würde heute ein Wendehals geschimpft werden. Noch im 2. Akt hatte er von Lorenz Löffelholz, dem Feldschreiber Florian Geyers, einen Schutz- und Sicherheitsbrief erbettelt. Löffelholz hatte kommentiert, die Adligen suchten „ihren Vorteil, wie die Raben nach Aas fliegen“. Der Ritter hatte „das bäurische Kreuz am Arm“ gehabt und nun geht er den angerückten Verfolgern des Schwagers um den Bart. Immerhin versteckt er Florian Geyer in seiner Burg und gibt dem Suchtrupp auf ihre insistierenden Fragen tapfer ausweichende Antworten. Von noch viel mangelhafteren Charakters als Wilhelm von Grumbach ist dessen Ehefrau. Diese verrät den Verfolgern das Versteck des Schwagers und spricht somit gleichsam sein Todesurteil.

Form Die Semantik von Gerhart Hauptmanns spätmittelalterlichem fränkischen Deutsch kann stellenweise nur der Muttersprachler erraten. Das erschwert zwar das Verständnis, ist jedoch eigentlich Nebensache. Hauptsächlich muss hervorgehoben werden: Gerhart Hauptmann ist kein Schwarzweißmaler. Sowohl die Adligen als auch die Bauern sind sich uneins. Die Meinungsverschiedenheiten des Adels wurden bereits oben unter Vorspiel angesprochen. Auf der Gegenseite artikuliert der Bauernführer Pfarrer Bubenleben: „Man soll keinem Ritter … trauen … Ein Habicht wird niemals zur Taube.“ Und Bauernführer Flammenbecker wendet sich gegen Florian Geyer: „Brüder, wir brauchen keinen Hauptmann über uns alle.“Verwendete Ausgabe, S. 588, 14. Z.v.o.

Leichtverständlich sind die Dialoge allerdings keinesfalls. Da existiert nicht nur die genannte Sprachbarriere, sondern hinter unzähligen Anspielungen verstecken sich historische Begebenheiten – Götz von Berlichingen erinnert zum Beispiel Florian Geyer: Denk an Möckmühlen, als du noch bestallter Hauptmann des Schwäbischen Bundes warst!

Da sich der Bauernkrieg beim besten Willen nicht auf die Bühne zwingen lässt – bei jeder der Entscheidungsschlachten metzelten die ihr Handwerk perfekt beherrschenden Landsknechte mehrere tausend schlecht bewaffnete Bauern – dominiert im Stück der Botenbericht: Feldschreiber Lorenz Löffelholz: „Da sehet den Florian Geyer an, der schonet des Seinen in keinem Weg. Haben ihm itzt die Stammburg mit Feuer niedergelegt, hat aber nit mit der Wimper gezuckt.“Verwendete Ausgabe, S. 568, 18. Z.v.o. Rektor Besenmeyer: „Der Truchseß von Waldburg hat eine Schlacht gewonnen … Bei Böblingen. Zwanzigtausend bäurische Brüder erschlagen.“Verwendete Ausgabe, S. 617, 14. Z.v.u. Des Weiteren berichtet Rektor Besenmeyer ganz genau, wie Pfeifer Melchior Nonnenmacher von Adligen hingerichtet wurde.Verwendete Ausgabe, S. 617, 4. Z.v.u. bis S. 618, 11. Z.v.u. Rektor Besenmeyer: „Es ist ein Sturmangriff beschehen wider das Würzburger Schloss … Die Haufen der Bauern haben den Sturm erzwungen.“Verwendete Ausgabe, S. 618, 14. Z.v.u. sowie S. 619, 10. Z.v.o. Jöslein, ein alter Jude: „Was ein grausamer Herr ist der Truchseß. Behenket die Bäume mit Bauernleichen. Meh denn sechstausend Mann hätt er bis diese Stund richten lassen von des Schwäbischen Bundes Profoß.“Verwendete Ausgabe, S. 622, 14. Z.v.u. Link, ein Würzburger: „… die Bündischen hätten Weinsberg in Grund verbrannt mit allem Gut, …“Verwendete Ausgabe, S. 623, 19. Z.v.o. Feldschreiber Lorenz Löffelholz nach der Würzburger Niederlage zu den gescheiterten Bauernführern: „So habt ihr denn tausende bäurische Brüder wider das Schloß in den Tod und Verderben geführet und uf die Schlachtbank geben. Hernacher freilich, als der mehre Teil darniederlag und nichts meh sprach, der andere Teil uf den Tod verwund’t, von Pech und Schwefel verbrannt, blutig und vom Pulver geblendet, mit Ächzen und Schreien umkroche in den Gräben von Unserer Frauen Berg, bis sie elend verziefen, da riefet ihr nach dem Florian Geyer.“Verwendete Ausgabe, S. 629, 5. Z.v.u. Die alte Frau: „Der Markgraf hat meh dann fünfzig Bürgern von Kitzingen die Augen aus dem Kopf lassen brennen, mit glühenden Eisen …“Verwendete Ausgabe, S. 637, 4. Z.v.u. Kratzer, Rothenburger Gastwirt: „So ist es bei Frankenhausen beschehen. Haben die armen Leute gesungen: ‚Nun bitten wir den Heiligen Geist‘ und also singende hat man sie lassen treten unter die Hufe der Gäule, sie darniedergestochen, geschlagen und keinen geschonet.“Verwendete Ausgabe, S. 648, 2. Z.v.u. Karlstatt über die „Hölle zu Würzburg“: „Vor meinen sehenden Augen haben sie einen in Stücke gehauen und einander geworfen mit dem blutigen Fleisch. Sie haben ihn geschlachtet, wie man ein Kalb metzget, und er hat laut schreiende sich gewehret, daß ich mir hab beede Ohren verstopfet und dannoch Grausens bin worden …“Verwendete Ausgabe, S. 651, 1. Z.v.u. Karlstatt über Thomas Münzer: „… er sei gefangen, uf die Folter gespannt, darnach aber uf ein’n Wagen geschmiedet, dem Grafen von Mansfeld überschicket …“Verwendete Ausgabe, S. 657, Mitte

Aufführungen Bühne UA am 4. Januar 1896, Deutsches Theater Berlin. Regie: Emil Lessing, Dramaturgie: Otto Brahm. Mit Emanuel Reicher in der Titelrolle, Max Reinhardt als Rektor Besenmeyer und Rudolf Rittner als Schäferhans. 22. Oktober 1904, Lessingtheater. Regie: Emil Lessing mit Rudolf Rittner in der Titelrolle. August 1917: Frankfurt am Main (Debüt Karl Zeiss´ als Intendant an den Städtischen Bühnen Frankfurt)Sprengel anno 2012, S. 506