rechts|300px|Die Lage des Kastells an der Donau Das Kastell Oberstimm war ein römisches Kohortenkastell bei Oberstimm, einem Ortsteil des Marktes Manching im Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm, Bayern. Die Anlage wurde zunächst zur Sicherung des Donaulimes errichtet und nach der Vorverlegung der Grenzanlagen verstärkt als Nachschub- und Versorgungsbasis genutzt.
Lage Die Besiedlung des Oberstimmer Raumes lässt sich mit zeitlichen Unterbrechungen bis zur steinzeitlichen Kultur der Glockenbecher während des Endneolithikums zurückverfolgen.Karl-Heinz Rieder: Ein Bestattungsplatz der Glockenbecherzeit aus Oberstimm, Gemeinde Manching, Landkreis Pfaffenhofen, Oberbayern. In: Das Archäologische Jahr in Bayern 1982 (1983), S. 40 ff; derselbe: Ein weiterer Bestattungsplatz der Glockenbecherkultur aus Oberstimm, Gemeinde Manching, Landkreis Pfaffenhofen, Oberbayern. In: Das Archäologische Jahr in Bayern 1986 (1987), S. 47–50. Die Römer nutzten bei der Errichtung des Kastells die bereits von den Kelten angelegte wegetechnische Infrastruktur und errichteten die Anlage an der Kreuzung zweier wichtiger Verkehrsverbindungen. Eine Trasse verlief auf der südlichen Niederterrasse der Donau von Westen nach Osten, die andere querte als Furt den Fluss von Norden nach Süden. Die Garnison lag mit ihrer Westfront fast unmittelbar am südlichsten Donauarm des zu dieser Zeit stark verästelten Stroms. Bis heute umschreibt die Manchinger Straße im historischen Ortszentrum die Ost- und Südfront des Kastells, während die Barthelmarktstraße den ungefähren Verlauf der nördlichen Umwehrung der Garnison widerspiegelt.
Forschungsgeschichte Erste Hinweise auf eine römische Siedlungsstelle lieferte ein Gräberfeld, das 1866/1867 während des Eisenbahnbaus von München nach Ingolstadt angeschnitten wurde. Bereits 1906 mutmaßte der Ingolstädter Bezirksarzt und Medizinalrat Karl Vierling, dass auf einer kleinen Erhebung über dem Barthelmarkt in Oberstimm, die den Flurnamen „Auf der Wiege“ trug, ein Militärstandort existiert haben könnte. Vierlings Schlussfolgerungen dazu nahmen auch den in Oberstimm jährlich abgehaltenen Barthelmarkt ein,
Vierling konnte noch deutliche topographische Senken und Höhen rund um das gemutmaßte Kastellareal ausmachenVierling: Oberstimm. In: Sammelblatt des Historischen Vereins Ingolstadt, 1906, 30, S. 11–14; hier: S. 12. und nahm aufgrund dieser Untersuchungen an, dass die Fortifikation rund 126 × 103/110 Meter umfasst haben müsste. Kleine Nachgrabungen, bei denen sich unter anderem Keramik und Ziegelplatten mit eingeritztem Rautenmuster fanden, bestätigten die Vermutung. Aus der gemutmaßten Flur kam noch im 19. Jahrhundert reichhaltiges ausgeackertes Kalksteinmaterial hervor. Damit war es möglich, einen Schweinestall zu errichten.Vierling: Oberstimm. In: Sammelblatt des Historischen Vereins Ingolstadt 30 (1906), S. 11–14; hier: S. 13.
Doch erst dem Major und Archäologiepionier Hermann Witz (1868–1936) gelang es mit Unterstützung des Historischen Vereins Ingolstadt im Jahr 1909, in der Flur „Auf der Wiege“ erste Mauerzüge der Garnison freizulegen. Da das Gebiet des Oberstimmer Kastells bereits vor seiner ersten archäologischen Erfassung teilweise überbaut war, gelang es nur schrittweise, einen Gesamteindruck zu gewinnen.Rembert Antonius Watermann: Mensch und Medizin zwischen Macht und Militär der römischen Kaiserzeit. Michler, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-922089-10-0, S. 21. Danach kam es zu einem jahrzehntelangen Stillstand der Forschungen.
Im Jahr 1955 beschäftigte sich der Archäologe Günter Ulbert mit dem Datierungsansatz des Kastells. Fundstücke im damaligen Schloss-Museum Ingolstadt, heute das Stadtmuseum, wiesen eindeutig auf eine claudische Zeitstellung hin.Wolfgang Czysz (Hrsg.): Provinzialrömische Forschungen. Festschrift für Günther Ulbert zum 65. Geburtstag. Marie Leidorf, Espelkamp 1995, ISBN 3-89646-000-5, S. 95. In Oberstimm selber war der dortige Volksschulrektor und Hobbyarchäologe Josef Kneitinger in den Nachkriegsjahren tätig. Er beobachtete Tiefbauarbeiten und barg dabei zahlreiche Fundstücke. Es gelang ihm bei seiner Tätigkeit auch, den ungefähren Verlauf der Grabenanlage des Kastells festzustellen und diesen 1961 zu kartieren.Hans Schönberger u. a.: Kastell Oberstimm. Die Grabungen von 1968 bis 1971. Mann, Berlin 1978, S. 14 (= Limesforschungen, Band 18).
Auf Basis dieser Forschungen begannen unter Einbeziehung des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege im September 1968 die wissenschaftlichen Ausgrabungen auf dem Kastellgelände. Als örtlicher Grabungsleiter zeichnete der Grabungstechniker Heinz-Jürgen Köhler verantwortlich. Wissenschaftlich begleitete ihn der Archäologe Hans Schönberger.Nils Müller-Scheeßel, Knut Rassmann, Siegmar von Schnurbein: Die Ausgrabungen und Geländeforschungen der Römisch-Germanischen Kommission. In: Bericht der römisch-germanischen Kommission 82 (2001); S. 291–362; hier: S. 344. Die Grabungen wurden im Auftrag und mit Mitteln der Römisch-Germanischen Kommission und der Deutschen Forschungsgemeinschaft durchgeführt. Die vier Grabungskampagnen endeten im Juni 1971. Dabei wurden rund 4500 Quadratmeter des Kastells aufgedeckt. Im Jahr 1982 wurden nordöstlich der Fortifikation durch den Archäologen Karl Heinz Rieder zwei große Hallenbauten aufgedeckt, die als Horrea (Speicherbauten) interpretiert werden konnten.
In den Jahren 1984 und 1985 fanden erneut Grabungen statt. Sie konzentrierten sich auf dem von einer Hofstelle eingenommenen Grundstück an der Manchinger Straße 19, das 1300 Quadratmeter umfasste. Dort war das Kastellareal durch die für 1985 geplante Errichtung eines Bank- und Wohngebäudes an seiner östlichen Umwehrung von einer endgültigen Zerstörung bedroht. Von Amts wegen wurde daher in diesem Bereich, der den Südteil der bisher unbekannten Porta praetoria (Lagerhaupttor) einnahm, eine Rettungsgrabung eingeleitet.Heinz-Jürgen Köhler, Petra Summerer: Neue Befunde an der östlichen Umwehrung des Kastells Oberstimm, Landkreis Pfaffenhofen a.d. Ilm, Oberbayern. In: Das archäologische Jahr in Bayern 1985 (1986), ISBN 3-8062-0471-3, S. 99–101. Die im Spätherbst 1984 aufgenommenen Notbergungen durch die Grabungstechnikerin Petra Summererheute: Petra Zirngibl vom Grabungsbüro Ingolstadt des Bayerischen Landesdenkmalamtes lieferten wichtige Ergebnisse.Hans Schönberger, Heinz-Jürgen Köhler, Olaf Höckmann: Die Ostumwehrung des Kastells Oberstimm – Schiffe mediterraner Bauart auf seiner Westseite. In: Germania. Band 66, Nummer 1, 1988, S. 170–175, hier S. 170. Nach Abbruch des landwirtschaftlichen Anwesens und dem Beginn der Grabungen mussten die Arbeiten durch das Einsetzen eines strengen Winters abgebrochen werden, so dass anschließend unter hohem Zeitdruck erst von April bis August 1985 weitergearbeitet werden konnte, um den Zeitplan für den Bau des Bankgebäudes nicht zu gefährden. Die Grabungen fanden in Zusammenarbeit mit Köhler statt.
Als die komplexen Bauverhältnisse und Grabenstrukturen nach einer ersten Auswertung der Befunde von der Porta praetoria vorlagen, sollten noch einmal die Verhältnisse an der Westseite des Kastells überprüft werden. Möglicherweise war 1968 der jetzt am Osttor beobachteten Doppelgraben übersehen worden. Köhler legte daher vom 27. Oktober bis 7. November 1986 gegenüber dem bekannten einfachen Graben an der Porta decumana (rückwärtiges Lagertor) einen 43 Meter langen Suchschnitt an, der letztendlich die Beobachtungen von 1968 bestätigte. Jedoch stieß Köhler bei dieser Suche unverhofft auf eine verlandete römerzeitliche Schifflände.Hans Schönberger, Heinz-Jürgen Köhler, Olaf Höckmann: Die östliche Umwehrung des Kastells Oberstimm und Schiffe mediterraner Bauart auf seiner Westseite, Gemeinde Manching, Landkreis Pfaffenhofen a.d. Ilm, Oberbayern. In: Das archäologische Jahr in Bayern 1987 (1988), ISBN 3-8062-0562-0, S. 106–108. Es gelang dort, zwei rund 17 Meter lange Militärschiffe zu bergen, die heute zu den Glanzpunkten des Kelten-Römer-Museums in Manching gehören. In der Folge fanden von 1990 bis 1992 weitere Untersuchungen auf dem Kastellgelände statt.Christina Wawrzinek: In portum navigare. Römische Häfen an Flüssen und Seen. De Gruyter, Berlin/Boston 2014, ISBN 978-3-05-009467-0, S. 326.
Nördlich des Kohortenkastells bestand zu einem unbestimmten frührömischen Zeitpunkt auch ein in Holz-Erde-Technik errichtetes Kleinkastell.Andreas Schwarcz: Das Werden der römischen Donaugrenze. In: Andreas Schwarcz, Peter Soustal, Antoaneta Tcholakova (Hrsg.): Der Donaulimes in der Spätantike und im Frühmittelalter (= Miscellanea Bulgarica 22), Lit, Wien 2016, ISBN 978-3-643-50689-4, S. 3–22; hier: S. 9. Kleinkastell Oberstimm bei
Archäologische Befunde mini|Modell des Kastells mit der rückwärtigen Porta decumana von Westen in seiner zweiten Bauphase der ersten Periode (Kelten-Römer-Museum Manching) Offensichtlich war das spätere Kastellareal in vorrömischer Zeit nur geringfügig besiedelt. Während der Grabungen unter Köhler fanden sich lediglich vier spätlatènezeitliche Keramikscherben und fünf weitere, die sich nicht datieren ließen.Hans Schönberger u. a.: Kastell Oberstimm. Die Grabungen von 1968 bis 1971. Mann, Berlin 1978, S. 136 (= Limesforschungen, Band 18). Aufgrund eines einzelnen Ziegelstempels, der im Kastell Oberstimm gefunden wurde, könnte die in flavischer Zeit (69–96) dort stationierte Truppe die Cohors III Thracum civium Romanorum equitata bis torquata gewesen sein, bevor sie anschließend in das Kastell Künzing (Castra Quintana) verlegt wurde,Thomas Fischer, Erika Riedmeier-Fischer: Der römische Limes in Bayern. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2008, ISBN 978-3-7917-2120-0, S. 180.Nicole Lambert, Jörg Scheuerbrandt: Das Militärdiplom. Quelle zur römischen Armee und zum Urkundenwesen (= Schriften des Limesmuseums Aalen 55). Theiss, Stuttgart 2002, ISBN 3-8062-1726-2, S. 54. wo sie erneut Ziegelstempel hinterließ, die der Zeit zwischen 90 und 135 zugeordnet werden.. Ziegelstempel der Cohors III Thracum civium Romanorum equitata aus früh- und mittelflavischer Zeit wurden allerdings auch im Kastell Moos-Burgstall entdeckt, so kann auch an eine Stationierung in diesem Lager denkbar sein. Vielleicht war jeweils nur eine Vexillation der Truppe an verschiedenen Orten tätig.Wolfgang Czysz, Andrea Faber, Christof Flügel, C. Sebastian Sommer: Fundplätze am Donaulimes in Bayern/Sites on the Danube Limes in Bavaria. 2006, S. 17; limes-oesterreich.at (PDF; 7,4 MB). Der Archäologe Hans Schönberger (1916–2005) hegte den Verdacht, dass der Stempel der Thrakerkohorte in neuerer Zeit nach Oberstimm verschleppt worden war, da er 1929, just in dem gleichen Jahr, in dem die ersten Künzinger Stempel gefunden wurden, auftauchte.Hans Schönberger: Moos-Burgstall. Ein neues Römerkastell In: Hans Schönberger, Hans-Jörg Kellner, Ulrich Steger, Uta von Freeden u. a.: Moos-Burgstall. Ein neues Römerkastell. Besiedlung der frühen Urnenfelder- und späten Latènezeit. Gräberfeld des 7. Jahrhunderts n. Chr. und mittelalterliche Anlage. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission, 63, 1982, S. 179–279; hier: S. 214.
Periode 1