Earl Hines and His Orchestra war eine US-amerikanische Bigband der Swingära, geleitet von dem Pianisten Earl Hines. Aus seinen „epochemachenden Big Bands“ sind Martin Kunzler zufolge bedeutende Musikerpersönlichkeiten wie Trummy Young und Ray Nance hervorgegangen;Martin Kunzler: Jazzlexikon. 2. Auflage. Rowohlt, Reinbek 2002, ISBN 3-499-16512-0 Band 1, ISBN 3-499-16317-9 Band 2. der Hines-Band von 1943, nach Ansicht von Siegfried Schmidt-Joos „damals die interessanteste, fortschrittlichste und experimentellste Big Band“, gehörten die bald darauf führenden Bebop-Pioniere an, darunter Dizzy Gillespie, Charlie Parker, Billy Eckstine oder Sarah Vaughan.Siegfried Schmidt-Joos: My back pages: Idole und Freaks, Tod und Legende in der Popmusik. 2004, S. 68.

Bandgeschichte Besetzung 1929 Klavier: Earl Hines Saxophone, Klarinette: Lester Boone (cl, as, bar), Toby Turner (cl, as), Cecil Irwin (ts, cl, arr) Kornett: Shirley Clay, George Mitchell Posaune, Gesang: William Franklin Banjo, Gitarre: Claude Roberts Tuba, Gesang: Hayes AlvisSchlagzeug, Vibraphon Benny Washington Arrangement Alex Hill

Die Anfänge in Chicago – Grand Terrace Ballroom Das Jahr 1928 gilt als Wendepunkt in der Karriere des Pianisten Earl Hines; er arbeitete mit Jimmie Noone im Apex Club in Chicagos South Side, nahm im Studio erste Pianosolos auf (No Papa No und Basin Street Blues) und hatte erfolgreiche Auftritte mit Louis Armstrong („Skip the Gutter“). Das Earl Hines Orchestra entstand als Probenband, während Hines abends mit Jimmie Noone im Apex Club spielte. „Die Gruppe suchte eine Synthese aus dem arrangierten, zwölfköpfigen Orchesterklang und dem heißen, aggressiven Chicago-Beat.“William Howland Kenney: Chicago-Jazz: A Cultural History, 1904–1930. 1994, S. 145. Zum Ende des Jahres erhielt der Pianist von dem Theatermanager Ed Fox das Angebot, ein Orchester für ein Engagement im Grand Terrace Ballroom am South Parkway zusammenzustellen.Earl Hines, Jeffrey Taylor: Selected piano solos: 1928–1941. Band 56, 2006, S. XIX. „Das Grand Terrace war ein elegantes Cabaret, das zu den geschäftlichen Planungen der Bande um Al Capone gehörte, in allernächster Zeit an der South Side eröffnet werden sollte und streng der weißen Kundschaft vorbehalten war. Gesucht wurde ein Orchester von zehn Mann, und Hines war in der Lage, eines bereitzustellen, das schon einsatzfähig war. So zog er mit der Band am 28. Dezember 1928 in dieses Lokal ein [...]“, an seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag.

„Für die nächsten elf Jahre gehörten Hines und seine Band zum festen Inventar des Grand Terrace Ballroom, zuerst am Originalstandort (3955 South Parkway, dem heutigen King DriveJune Skinner Sawyers, Rick Kogan: Chicago Portraits: New Edition. 2012, S. 155) und schließlich, ab Juni 1937, an seinem neuen Quartier am South Calumet, in einem Gebäude, das ein Jahrzehnt später das Sunset Cafe beherbergen sollte“. Das Grand Terrace wurde von Joe Glaser, dem Manager Louis Armstrongs, geführt und galt als Chicagos angesehenste Veranstaltungsstätte der Zeit.Marc Myers: In: Jazzwax. 2013. „Hines und seine Band arbeiteten sieben Tage die Woche, spielten drei Shows die Nacht und tourten schließlich pro Jahr zwei bis drei Monate“. mini|Offizielles Polizeifoto Capones vom 17. Juni 1931

Als die Mobster die Herrschaft über den Grand Terrace Ballroom übernommen hatten, zwangen sie Earl Hines eine lebenslängliche Vertragsbindung mit dem Club auf, die ihm im Gegenzug ein wöchentliches Honarar von 150 Dollar sicherte. Als drei Musiker seine Band verließen, um zu Don Redman nach Detroit zu wechseln, wurden aus der Zentrale von Al Capone Telefonanrufe mit Owney Madden, dem Mobsterchef in New York geführt, um die „Übernahme“ der Musiker durch die Detroiter Purple Gang in die Wege zu leiten.Adam Green: Selling the Race: Culture, Community, and Black Chicago, 1940–1955. 2007, S. 59. Andererseits machte der Pianist kein Geheimnis daraus, dass seine Karriere bedeutend von der Patronage und Protektion Al Capones und anderer berüchtigter Chicagoer Gangster abhing.Alan Shipton: Groovin' High: The Life of dizzy Gillespie. 2001, S. 108. Zu seinem Verhältnis zur Chicagoer Mafia befragt, meinte Hines: „It was the case of the three monkeys: see no evil, hear no evil, speak no evil.“ „Das war der Fall der Drei Affen: nichts Böses sehen, nichts Böses hören, nichts Böses sprechen.“ mini|links|Earl Hines (links) mit Pvt. Charles Carpenter, einem früheren Manager des Earl Hines Orchestra.

Daneben fungierte Hines im Grand Terrace auch noch als EmCee und stellte gastierende Künstler wie Buck and Bubbles, Ethel Waters, Bill „Bojangles“ Robinson vor.Robert Bone, Richard A. Courage: The Muse in Bronzeville: African American Creative Expression in Chicago. 2006, S. 106.

Am 13. Februar 1929 entstanden für Victor Records erste Aufnahmen der Gruppe (Sweet Ella May, Everbody Loves My Baby), die noch inkonsistentes Ensemblespiel zeigte, doch „Hines verfeinerte und erweiterte seine Band.“ 1929 hatte der Pianist junge Chicagoer Musiker wie den Holzbläser Cecil Irwin und den Tubisten Hayes Alvis in seine Band geholt; „diese ambitionierten Jazzmänner konnten vom Blatt spielen, reibungslos Solos spielen und hatten Arrangement studiert.“

Als im Sommer 1931 die Chicagoer Nachtclubs eine Weile schlossen, tourte Hines mit seiner Band in den Südstaaten der USA; so wurde das Hines-Orchester die erste afroamerikanische Band, die dies tat. Mit dem Aufstieg des Kansas City Jazz in den frühen 30ern stellte sich auch Hines’ Band auf diese musikalischen Veränderungen ein, doch hatte sie eine mehr urbane Intensität, so Marc Myers. „Während die Kansas-City-Arrangeure einen Weg gefunden hatten, zu vereinfachen, [...] war Hines viel mehr ein kosmopolitischer Künstler, auf eine forsche, zündende Weise.“

1932 ging Earl Hines mit seinem Orchester in New York City für Brunswick Records ins Studio. Seine Band war inzwischen auf zwölf Musiker erweitert worden, dies waren Charlie Allen (Trompete), George Dixon (Trompete, Arrangement) Walter Fuller (Trompete, Gesang), Louis Taylor (Posaune, Arrangement), William Franklin (Posaune, Gesang), Darnell Howard (Klarinette, Altsaxophon, Geige), Omer Simeon (Klarinette, Alt- und Baritonsaxophon), Cecil Irwin (Tenorsax, Klarinette, Arrangement), Lawrence Dixon (Gitarre, Arr.), Quinn Wilson (Bass, Tuba, Arr.) und Wallace Bishop (Schlagzeug); als weitere Arrangeure fungierten Henry Woodip und Reginald Foresythe.Tom Lord: Jazz discography (online) Im New Yorker Studio entstanden u. a. die Titel Deep Forest, Blue Drag und Oh! You Sweet Thing. Im Februar 1933 nahm man für Columbia Records eine Reihe von Gesangsnummern wie Rosetta mit der Vokalistin Valaida Snow auf, der Arrangeur dieser Session war Jimmy Mundy.

Ab 1933 begann der Rundfunksender NBC, die Auftritte der Hines-Band aus dem Grand Terrace Ballroom in den USA und Kanada zu übertragen. Bei der nächsten Session im Oktober 1933 stieß der Posaunist Trummy Young hinzu; es entstanden für Brunswick in Chicago die Titel Take It Easy, Harlem Lament, Bubbling Over und I Want a Lot of Love. Im März 1934 spielte das Hines-Orchester in New York neben Instrumentaltiteln (Madhouse) Gesangsnummern mit Herb Jeffries (Just to Be in Carolina/Blue) ein. 1934 war auch das Jahr, in dem Hines die Geige aus seinem Orchester nahm; damit einher ging „ein neuer, modernerer Klang, nicht zuletzt dank des Arrangierstils von Jimmy Mundy“, zu hören etwa in Cavernism, Fat Babes oder Madhouse vom März 1934.Richard Cook, Brian Morton: The Penguin Guide to Jazz. 6. Auflage. 2003, S. 720 f. Arrangements wie Madhouse oder Swingtime in the Rockies führten schließlich dazu, dass Benny Goodman 1936 Jimmy Mundy dem Hines-Orchester abwarb.Martin Williams: Jazz Changes. 1993, S. 5. Quinn Wilson steuerte Arrangements älterer Titel wie Maple Leaf Rag und Wolverine Blues bei. im September 1934 (That’s a Plenty) und Februar 1935 folgten noch drei Plattensessions für Decca Records.

Besetzung 1937 Klavier: Earl Hines Saxophone, Klarinette: Darnell Howard, Omer Simeon (cl, as) Willie Randall (cl, ts) Budd Johnson (ts) Trompete: Milton Fletcher, Charles Allen, Walter Fuller Posaune: Louis Taylor, Trummy Young, Kenneth Stuart Gitarre: Lawrence Dixon Bass: Quinn WilsonSchlagzeug Wallace Bishop

Dem Pianisten Hines ging nicht so sehr darum, für das Orchester zu arrangieren oder zu komponieren; Hines sah es als Plattform und Rahmen für sein virtuoses Klavierspiel. „Sein voller, üppiger, treibender, beidhändiger Stil klang mehr wie eine Band denn wie ein Solist am Klavier.“George T. Simon: Die goldene Ära der Bigbands. Hannibal, Höfen 2004, ISBN 3-85445-243-8, S. 234 ff.

Obwohl Earl Hines oft bedrängt wurde, Musiker anzuheuern, die bereits berühmt waren, „folgte er Duke Ellingtons Rat, seine eigenen Stars zu schaffen, und so kam es, dass um 1935 seine Gruppe so talentierte Solisten enthielt wie den Trompeter Walter Fuller, den Posaunisten Trummy Young, und – vielleicht am bedeutendsten – den Holzbläser Budd Johnson,“ der hervorgehobener Solist in Titeln wie Grand Terrace Shuffle oder G.T. Stomp war. Hines arbeitete außerdem mit einer Reihe von talentierten Arrangeuren zusammen, neben Budd Johnson, der auch ab 1938 als musikalischer Leiter des Orchesters fungierte, waren dies Jimmy Mundy und Quinn Wilson, die der Band einen klar erkennbaren Klang verliehen und ein ungewöhnlich reichhaltiges Repertoire gaben, so der Hines-Biograf Jeffrey Taylor. Durch die wöchentliche Radiosendung aus dem Grand Terrace Ballroom und zahlreicher Tourneen gelangte die Gruppe schon bald zu nationaler Bekanntheit, auch wenn diese in den 30ern nicht an die Popularität des Duke Ellington Orchestra oder Count Basie Orchestra heranreichte. Tatsächlich schaffte es das Orchester 1939 lediglich auf Position 79 im Ranking der Branchenzeitschrift Metronome in der Kategorie Best of All Bands.

Musikalisch ging man 1937 einen Schritt weiter; die Tuba wurde herausgenommen, und damit wurde erkennbar der Swingstil der Zeit präsent. Dies war auch den Arrangements von Cecil Irwin (Rhythm Sundae) zu verdanken, der zwei Jahre später an den Folgen eines Autounfalls starb. Mundys Arrangementstil machte auf ausgeklügelte Weise Gebrauch von Riffs einzelner Bläsergruppen und einem modernen Idiom; so waren seine Arrangements von Inspiration und Solid Mama von 1937 ihrer Zeit voraus. Nach Ansicht von Marc Myers trifft dies auch auf Budd Johnson zu, dessen Father Steps In und Riff Medley von 1939 bereits den Bebop ahnen lassen. Zu den Höhepunkten von Budd Johnsons Arrangements zählt Skylark von 1942, mit Billy Eckstines Gesang und einem Solo Johnsons. Nach Ansicht von Gunther Schuller gelang es hingegen dem Earl Hines Orchestra nicht, einen identifizierbaren Sound zu entwickeln, weil sie zu viele Arrangeure beschäftigten und die Plattenaufnahmen der Band oft zu wenig geprobt klängen. Earl Hines meinte dazu: „Es ist niemals eine Band mit besonderen Charakteristiken gewesen, weil ich nicht wollte, daß es eine solche würde. Aus diesem Grund habe ich verschiedene Arrangeure aus allen Teilen des Landes eingesetzt, so konnte es keinen bestimmten Stil geben. Und ich tauschte Arrangements mit Fred Waring, Tommy Dorsey und Jimmy Dorsey aus. Der einzige Augenblick, in dem die Zuhörer mein Orchester wiedererkannten, war, wenn sie mein Klavier hörten.“Arrigo Polillo: Jazz. Piper, München 1981, S. 344 f.

Die frühen 1940er-Jahre