mini|Gang mit in den Tuff gehauenen Nischengräbern, Domitilla-Katakombe mini|Gang mit Loculusgräbern in der Calixtus-Katakombe mini|Krypta der Päpste in der Calixtus-Katakombe Es gibt mehr als 60 Katakomben in Rom, von denen jedoch nur einige für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Die bekanntesten Katakomben Roms befinden sich an der Via Appia Antica, der Via Salaria und der antiken Via Labicana.
Geschichte Die Entstehung der Katakomben in Rom hängt mit der Entwicklung der Begräbniskultur zusammen. Seit dem Zwölftafelgesetz von 450 v. Chr. war zwingend geregelt, dass Bestattungen nur außerhalb der Stadtmauern stattfinden durften. In der römischen Antike gab es neben der Erdbestattung auch die aus dem Hellenismus übernommene Feuerbestattung in Urnen. Die ersten christlichen Gemeinden in Rom hielten an der Körperbestattung fest, weil sie das Grab als Stätte der künftigen Auferstehung ansahen. Im 1. Jahrhundert hatten die christlichen Gemeindemitglieder ihre Toten noch in den öffentlichen heidnischen Friedhöfen außerhalb der Aurelianischen Stadtmauer beerdigt. Im 2. Jahrhundert übernahmen die Christen den jüdischen Brauch, ihre Toten in Katakomben zu bestatten.Vincenzo Fiocchi Nicolai, Fabrizio Bisconti, Danilo Mazzoleni: Roms christliche Katakomben. Geschichte – Bilderwelt – Inschriften. Regensburg 2000, S. 13 ff. Bisher sind sechs Jüdische Katakomben (Catacombe Ebraiche) wiederentdeckt worden. Für die unterirdisch angelegten Begräbnisstätten war gesetzlich vorgeschrieben, dass sie die Grenzen des oberirdischen Areals nicht überschreiten durften; deshalb war man gezwungen, die mit Gräbern belegten Gänge in mehreren Etagen übereinander anzulegen, was durch die Beschaffenheit des Tuffgesteins erleichtert wurde.
mini|Pflanzen und Blumen in der Praetextatus-Katakombe mini|Deckenmalerei mit dem Guten Hirten im Zentrum, Coemeterium maius mini|Der Gute Hirte, Praetextatus-Katakombe mini|Der Gute Hirte, Coemeterium maius mini|Orantin, Coemeterium maius
Durch Edikt von 257 ließ Kaiser Valerian den Christen verbieten, ihren Kult in der Öffentlichkeit auszuüben und ihre oberirdischen Friedhöfe zu betreten, wodurch sich die Bestattungen auf Grabanlagen unter der Erde konzentrieren mussten.Hugo Brandenburg in: Lexikon für Theologie und Kirche. Band 2, Herder, Freiburg 2006, Sp. 1249 ff. Diese unterirdischen christlichen Friedhöfe wurden damals als cryptae bezeichnet (crypto = altgriechisch: verborgen; ). Der Name „Katakombe“ wird erstmals im 9. Jahrhundert allgemein benutzt. Dieser Ausdruck geht zurück auf den römischen Flurnamen ad catacumbas (von griechisch κατά κύμβας = „bei den Höhlungen“), der für die Sebastian-Katakombe an der Via Appia üblich geworden war, weil diese Katakombe bei den Mulden und Höhlungen einer Grube für Puzzolanerde lag; diese Bezeichnung wurde dann im 8. Jahrhundert auch als Zusatz in den Namen der dortigen Basilika als ‚San Sebastiano ad catacumbas‘ aufgenommen. Nach Auflassung der meisten Katakomben im 9. Jahrhundert blieb die Sebastian-Katakombe zugänglich und wurde auch weiterhin besucht, was zur Übernahme dieses Namens für alle Katakomben führte; seitdem ist ‚Katakombe‘ der archäologische Fachausdruck für unterirdische Begräbnisstätten.Hugo Brandenburg in: Lexikon für Theologie und Kirche. Band 5, Herder, Freiburg 2006, p. 1293.Vincenzo Fiocchi Nicolai, Fabrizio Bisconti, Danilo Mazzoleni: Roms christliche Katakomben. Geschichte – Bilderwelt – Inschriften. Regensburg 2000, S. 9 ff.
Bereits bei den ältesten Katakombenanlagen ist festgestellt worden, dass sie für eine große Ausdehnung und rationelle Nutzung in mehreren Geschossen geplant und dass die nach geometrischem Schema angelegten Gänge auf eine spätere Erweiterung ausgerichtet waren. In die Wandflächen der Gänge wurden nach einheitlichem Muster vertikal angeordnete Nischengräber (Loculusgrab, von loculus = kleiner Raum) eingearbeitet; weil sie ganz eng neben- und übereinander in die Wand gehauen waren, bezeichnete man sie auch als Kolumbarium (lateinisch Columbarium = Taubenschlag). Später kamen überwölbte Mauernischen (Arkosolium, von arcus = Bogen und solium = Grab) sowie in Abzweigungen von den Hauptgängen eingerichtete Grabkammern (Cubiculum = Schlafraum) hinzu, die mit aufwendigeren Gräbern (mit Sarkophagen und reicher Ausmalung) für privilegierte Bestattungen vorgesehen waren. Die übereinander angeordneten, einheitlich gestalteten Loculusgräber waren mit Marmor- oder Ziegelplatten verschlossen und wurden mehrfach belegt. Die Inschriften auf den Grabplatten und an den Wänden enthielten nur Namen und christliche Symbole, entsprechend den Gleichheitsvorstellungen der neuen Religion. Die Namen der ersten Katakomben gehen meistens auf die Grundstückseigentümer oder die Stifter der ersten unterirdischen Begräbnisstätten zurück (zum Beispiel Domitilla, Priscilla, Commodilla), die aus einigen früh zum Christentum übergetretenen Adelsfamilien stammten; andere Namen haben ihre Wurzel in Ortsbezeichnungen oder in den Eigennamen der dort beigesetzten Märtyrer.
Verwaltung und Kontrolle der Katakomben oblag schon sehr früh dem Bischof von Rom, vertreten durch den Diakon der jeweiligen kirchlichen Region. Die umfangreichen Grabungsarbeiten für die Katakomben sowie die Anlegung der Gräber und die Bestattungen wurden von den fossores (Totengräbern) durchgeführt; das waren Facharbeiter, die seit dem 4. Jahrhundert auch zur kirchlichen Hierarchie gehörten. Bis zum 5. Jahrhundert wurden die bestehenden Katakomben erweitert und vereinzelt auch noch neue unterirdische Friedhöfe angelegt.
Weil in den Katakomben auch Märtyrer, Bischöfe und Päpste beigesetzt waren, entstanden dort besondere Stätten der Heiligenverehrung mit Gottesdiensten und für Versammlungen zum Totengedächtnis mit dem traditionellen Totenmahl (Refrigerium, lateinisch „Abkühlung“ als Zwischenzustand des seligen Verweilens der Verstorbenen), ein ursprünglich heidnischer und auch jüdischer Brauch, der von der Kirche bis zum 5. Jahrhundert als karitative Einrichtung Agape (von griechisch ἀγάπη = Liebe, Liebesmahl) geduldet wurde.
Papst Damasus I. (366–384) ließ in den Katakomben vor allem die Märtyrergrüfte erweitern und mit architektonischen Mitteln hervorheben. Dabei entstanden größere Räume mit Marmorverkleidung, Bodenbelag und Lichtschächten, aber auch mit Brunnen, Sitzgelegenheiten und kleinen Tischen (mensae) für die Speiseopfer zugunsten der Verstorbenen und für die Essensvorräte der Teilnehmer beim Totenmahl. Damasus persönlich hat auch mehr als sechzig metrische Inschriften für die Märtyrer der Stadt verfasst, die in große Marmortafeln eingemeißelt und über den Gräbern angebracht wurden. Auf diese Weise sollte an das vorbildliche Leben der Märtyrer erinnert und die Verehrung der ältesten Glaubenszeugen der Christengemeinschaft gefördert werden; außerdem war Damasus daran gelegen, die Glaubenseinheit – nach den zurückliegenden Spaltungsgefahren (Arianismus) – wiederherzustellen.
Bei der Plünderung Roms (410) durch die Westgoten wurden viele Katakomben zerstört. Weil die Pilgerreisen und Wallfahrten zu den Katakomben mit ihren Märtyrer- und Heiligengräbern aber noch zugenommen hatten, wurden die im 4. Jahrhundert angelegten Rundgänge zu den bedeutendsten Grabstätten (itinera ad sanctos) restauriert. Zeichen für den intensiven Besuch der Märtyrergräber sind die Hunderte von Graffiti, die von den Gläubigen in den Räumen um die Gräber und in den Zugängen eingeritzt wurden. Zu Beginn des 6. Jahrhunderts erweiterte man einige unterirdische Räume, um den Altar für die Feier der Eucharistie direkt über ein Märtyrergrab (ad corpus) setzen zu können. In Fortentwicklung dieses Brauchtums wurden später auch sogenannte Katakombenbasiliken errichtet, deren Dächer aus dem Boden herausragten, zum Beispiel die Basilika Santi Nereo e Achilleo in der Domitilla-Katakombe.Hugo Brandenburg: Die frühchristlichen Kirchen in Rom vom 4. bis zum 7. Jahrhundert. 3. Auflage, Schnell & Steiner, Regensburg 2013, S. 259f. und 319.
Nach den Kriegen des 6. Jahrhunderts und vor allem nach den Überfällen der Langobarden (Mitte des 8. Jahrhunderts) begannen die Grabanlagen in den Katakomben zu verfallen, weil sie außerhalb der Stadtmauern nicht mehr gesichert werden konnten. Außerdem wurden durch neue Gesetze die Bestattungen innerhalb des Stadtgebietes erlaubt. Im 8. und 9. Jahrhundert ließen die Päpste die Reliquien der Märtyrer systematisch aus den Katakomben in die Kirchen innerhalb der Stadtmauern überführen. Im Mittelalter blieben nur die wenigen Katakomben zugänglich, die mit den Märtyrerbasiliken (S. Sebastiano, S. Agnese und S. Lorenzo) verbunden waren.Vincenzo Fiocchi Nicolai, Fabrizio Bisconti, Danilo Mazzoleni: Roms christliche Katakomben. Geschichte – Bilderwelt – Inschriften. Regensburg 2000, S. 60ff. Erst im 16. Jahrhundert begann die Wiederentdeckung und systematische Erforschung der römischen Katakomben, besonders durch den Katakombenforscher Antonio Bosio (1575–1629) und den Archäologen Giovanni Battista de Rossi (1822–1894).
Heute gehören die römischen Katakomben zu den am besten erhaltenen archäologischen Komplexen der antiken Welt. Die bisher erforschten mehr als sechzig Katakomben verbreiten sich mit ihren Gängen in einer Länge von mehreren hundert Kilometern im Untergrund der Metropole Rom. Davon sind etwa 170 km mit ca. 750.000 Gräbern freigelegt, darunter etwa 50 Märtyrergräber. Für die Erschließung, Erforschung, Sicherung und Unterhaltung der Katakomben ist die 1852 gegründete Päpstliche Kommission für Sakrale Archäologie verantwortlich.Homepage des Vatikan
mini|Bärtiger Christus mit Alpha und Omega, Commodilla-Katakombe, Ende 4. Jh. mini|Petrus und Paulus, Gravur aus der Hippolyt-Katakombe (4. Jh.), heute Vatikanische Museen
Dekoration der Katakomben Im 2. und 3. Jahrhundert gab es zunächst nur spärliche Grabdekorationen, wenige Inschriften und noch keine Ausmalungen. Viele Nischengräber waren mit den Lieblingsgegenständen der Verstorbenen verziert, zum Beispiel mit Schmuckstücken, Muscheln, Bronzemünzen, kleinen Terrakottafiguren, Glasampullen oder Goldglasböden, die in den Verschlussmörtel eingelassen worden waren. Sie dienten wahrscheinlich auch dazu, das Grab wieder aufzufinden. Die ersten Beschriftungen der Grabplatten enthielten nur Namen und manchmal auch ein Symbolzeichen, zunächst aber noch keine Daten.
Später wurden sowohl die Flächen zwischen den Nischengräbern in den langen Gängen und die Arkosolgräber als auch die Wände und Deckengewölbe der Grabkammern mit Wandmalerei geschmückt. Dabei benutzte man anfangs ein Dekorationssystem aus geometrischen Figuren und Ranken. Später wurden dann Wand- und Deckenflächen ganz mit Fresken bedeckt: in der untersten Zone mit Toren, Schranken, Gartenansichten oder Ausblicken auf ein neutrales Jenseits; in der Mittelzone Architektur-Imitationen oder Darstellungen mit den Tätigkeiten der dort Bestatteten; für Apsisrundung und Decke blieben biblischen Szenen oder Bilder der Theophanie vorbehalten. Die Themen der Ausmalung entwickelten sich von neutralen oder heidnischen Motiven schrittweise zu einem christlichen Repertoire. Entwicklung und Themen der römischen Katakombenmalerei hat Fabrizio Bisconti ausführlich beschrieben.Vincenzo Fiocchi Nicolai, Fabrizio Bisconti, Danilo Mazzoleni: Roms christliche Katakomben. Geschichte – Bilderwelt – Inschriften. Regensburg 2000, S. 71–145 (mit gut ausgewähltem Bildmaterial).
Christliche Inschriften mini|Schrifttafeln aus Katakomben, Giovanni Battista de Rossi, Rom 1864 mini|Steintafel mit lateinischer Inschrift, Alpha und Omega und Christusmonogramm Chi-Rho ☧, Domitilla-Katakomben, Rom mini|IXΘΥΣ als Apokryph auf dem Fisch mit dem eucharistischen Brot (Nachbildung) mini|Friedenstaube mit Ölzweig, Domitilla-Katakombe