mini|Das Gemälde der Germania, unter dem die Abgeordneten in der Frankfurter Paulskirche tagten, heute im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg.

Germania nennt man ein Gemälde,Online-Objektkatalog des Germanischen Nationalmuseums: Germania, Inv. Gm608. das vermutlich im März 1848 geschaffen wurde. Es hing in der Frankfurter Paulskirche. Damals tagte dort zunächst das sogenannte Vorparlament und dann die Frankfurter Nationalversammlung, das erste gesamtdeutsche Parlament. Die Nationalversammlung war ein beliebtes Motiv der damaligen Zeit, so dass auch das Germania-Gemälde sehr bekannt wurde. Nach der gewaltsamen Beendigung der Nationalversammlung im Mai 1849 wurde das Bild abgehängt. Im Jahr 1867 kam es ins Germanische Nationalmuseum in Nürnberg.

Das Bild gehört zu den bekanntesten Darstellungen der Germania, einer Frau, die für Deutschland steht. Eine solche Nationalallegorie gibt es auch in anderen Ländern. Das Motiv wurde in der damaligen Zeit des entstehenden Deutschen Reichs oftmals aufgegriffen.

Bildinhalt Der frühe Zeitpunkt der Fertigstellung, Ende März 1848, könnte die verwendete Bildsprache erklären. Damals gab es noch wenige Vorstellungen über die Zukunft Deutschlands und seine Staatsform. Dementsprechend politisch zurückhaltend ist das Gemälde und verweist weder auf die Volksbewegung noch auf eine Krone (eines deutschen Kaisers). Es ist deutlich weniger kämpferisch als vergleichbare Bilder der Revolutionszeit, eher konservativ-mäßigend und an die Einheit der Nation appellierend.Rainer Schoch: Streit um Germania. Bemerkungen zur ‚Germania‘ aus der Paulskirche. In: Germanisches Nationalmuseum (Hrsg.): 1848: Das Europa der Bilder. Band II: Michels März. Nürnberg: Germanisches Nationalmuseum, 1998, S. 89–102, hier S. 91/92.

mini|Detail: die gesprengte Fessel zu Füßen der Germania

Urheber mini|Die Germania von Philipp Veit aus dem Jahr 1836 Normalerweise schreibt man das Bild Philipp Veit zu. Er hatte bereits im Jahr 1836 eine Germania-Darstellung fertiggestellt. Diese frühere Germania steht aber nicht, sondern sitzt und wirkt melancholisch. Sie ist als rückblickender Verweis auf das Mittelalter zu sehen, weniger als kämpferisches Symbol für die Gegenwart. Dem Typus und der allegorischen Sprache nach, so Rainer Schoch, basiert das Paulskirchenbild „offensichtlich“ auf Veits Gemälde von 1836.Rainer Schoch: Streit um Germania. Bemerkungen zur ‚Germania‘ aus der Paulskirche. In: Germanisches Nationalmuseum (Hrsg.): 1848: Das Europa der Bilder. Band II: Michels März. Nürnberg: Germanisches Nationalmuseum, 1998, S. 89–102, hier S. 94.

Um das Jahr 1900 hielten verschiedene Personen in ihren Lebenserinnerungen fest, dass das Bild aus der Paulskirche nach einer Zeichnung von Veit angefertigt worden sei. Laut dem Sohn von Eduard von Steinle, einem Malerfreund Veits aus dem Kreis der Nazarener, habe sein Vater das Bild in wenigen Tagen für die Paulskirche geschaffen. Das sei kurz nach der Wahl des Reichsverwesers (29. Juni 1848) geschehen.

Friedrich Siegmund Jucho war der „Nachlassverwalter“ der Nationalversammlung und Retter der Verfassungsurkunde. Ihm zufolge sei das Bild „von hiesigen Künstern gemalt“ worden. Schon das Vorparlament habe es für die Paulskirche gestiftet. In der Tat ist das Bild bereits auf einer Lithografie über das Vorparlament (um den 1. April) zu sehen.Zitiert nach Rainer Schoch: Streit um Germania. Bemerkungen zur ‚Germania‘ aus der Paulskirche. In: Germanisches Nationalmuseum (Hrsg.): 1848: Das Europa der Bilder. Band II: Michels März. Nürnberg: Germanisches Nationalmuseum, 1998, S. 89–102, hier S. 91. Die Nationalversammlung trat hingegen erstmals am 18. Mai zusammen.

Eduard von Steinle und seine Freunde im Künstlerkreis Deutsches Haus haben 1848 mehrere Germania-Bilder gemalt. Vielleicht basiert die Paulskirchen-Germania auf einem als verschollen geltenden Entwurf Steinles. Rainer Schoch hält eine Gemeinschaftsproduktion für möglich, an der Veit, Steinle und weitere Künstler des Deutschen Hauses beteiligt waren. Dazu kann auch Karl Ballenberger gehört haben, von dem ebenfalls eine Germania bekannt ist.Rainer Schoch: Streit um Germania. Bemerkungen zur ‚Germania‘ aus der Paulskirche. In: Germanisches Nationalmuseum (Hrsg.): 1848: Das Europa der Bilder. Band II: Michels März. Nürnberg: Germanisches Nationalmuseum, 1998, S. 89–102, hier S. 99.

Kontext der Präsentation mini|Zeitgenössische Abbildung des Innenraums der Paulskirche mit der Germania oberhalb des Parlamentspräsidiums miniatur|Das Innere der Paulskirche, als dort die Nationalversammlung tagte

Die Paulskirche wurde in der Revolutionszeit zu einem Parlamentssaal umfunktioniert. Das Rednerpult des Präsidiums ersetzte die Kanzel. Eine Wand hinter dem Rednerpult war mit einem Doppeladler bemalt, dazu kamen schwarz-rot-goldene Flaggen.Siehe dazu Rainer Schoch: Streit um Germania. Bemerkungen zur ‚Germania‘ aus der Paulskirche. In: Germanisches Nationalmuseum (Hrsg.): 1848: Das Europa der Bilder. Band II: Michels März. Nürnberg: Germanisches Nationalmuseum, 1998, S. 89–102, hier S. 89.

Das Bild der Germania hing über dem Rednerpult und verdeckte dadurch die Orgel der Kirche. Es war fünf Meter hoch und auf ein dünnes Baumwollgewebe gemalt worden. Perspektivisch ausgerichtet war es auf einen Betrachter, der auf der Besucherempore Platz genommen hat. An den Seiten des Bildes sah man zwei gemalte Eichenkränze, in die geschrieben war: Walle hin du Opferbrand Hin über Land und Meer! Und schling ein einzig Liebesband Um alle Völker her! sowie: Des Vaterlands Größe, des Vaterlands Glück O schafft sie, o bringt sie dem Volke zurück! Die Verse waren sinnentstellt einem Gedicht von Georg Herwegh entnommen: „Der letzte Krieg“ von 1841. Herwegh bezog sich auf den Aufstand der Polen, der einen heiligen Krieg der europäischen Völker anstacheln sollte.Rainer Schoch: Streit um Germania. Bemerkungen zur ‚Germania‘ aus der Paulskirche. In: Germanisches Nationalmuseum (Hrsg.): 1848: Das Europa der Bilder. Band II: Michels März. Nürnberg: Germanisches Nationalmuseum, 1998, S. 89–102, hier S. 89 und S. 92/93.

Die Abgeordneten in der Paulskirche sahen nun bei jeder Sitzung das Gemälde der Germania. Am 28. Juni 1848 setzten sie eine deutsche Reichsregierung ein, die Provisorische Zentralgewalt. Am 28. März 1849 verabschiedeten sie eine Reichsverfassung, die sogenannte Paulskirchenverfassung.

Verbleib mini|Heutige Aufstellung im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, ehemaliger Eingangsbereich Nach Niederschlagung der Revolution wurde die Paulskirche wieder für Gottesdienste genutzt. Für das Inventar des Parlaments, wie die Reichsbibliothek, schien zunächst keine Institution zuständig zu sein. Im Jahr 1866 wurde der Deutsche Bund aufgelöst. Die Bundesliquidationskommission übergab das Gemälde der Germania sowie weitere Gegenstände 1867 dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Im Museum spannte man das Gemälde noch einmal im September 1870 auf, anlässlich der Siege der deutschen Truppen im Deutsch-Französischen Krieg.Rainer Schoch: Streit um Germania. Bemerkungen zur ‚Germania‘ aus der Paulskirche. In: Germanisches Nationalmuseum (Hrsg.): 1848: Das Europa der Bilder. Band II: Michels März. Nürnberg: Germanisches Nationalmuseum, 1998, S. 89–102, hier S. 100.

Kopien mini|Kopie im Haus der Geschichte, Bonn Kopien der Germania aus der Paulskirche befinden sich heute in mehreren Museen. Dazu gehören das Haus der Geschichte in Bonn und die Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte in Rastatt.

Literatur Oliver Mack: Beobachtungen bei der Restaurierung der ‚Germania’ des Philipp Veit aus der Frankfurter Paulskirche. Zur Materialität einer politischen Ikone. In: Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums. Nürnberg 1999, S. 291–295.

Siehe auch Erwachende Germania, 1848/1849 von Christian Köhler Germania auf der Wacht am Rhein, 1860 von Lorenz Clasen

Einzelnachweise

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