mini|Titelblatt und die Verlagsangabe am Ende des Buches.
Als Lissaer Sonette bezeichnet man die Sonette des ersten Gedichtbandes, den Andreas Gryphius veröffentlicht hat und der 1637 im polnischen Lissa gedruckt wurde. Unter den 31 Sonetten sind die ursprünglichen Fassungen einiger von Gryphius’ berühmtesten Gedichten, „die ich dem lyrischen Gedächtnis eingeprägt haben“,Borgstedt 2012, S. 216. etwa „VANITAS, VANITATUM, ET OMNIA VANITAS. Es ist alles gãtz eytel. Eccl. 1. v. 2.“ später betitelt „Es ist alles eitell.“
Entstehung Gryphius ging ab 1621, als er fünf Jahre alt war, in seiner Geburtsstadt Glogau im damals zu Habsburg gehörenden Niederschlesien zur Schule. Spätestens 1628 musste er diesen Schulbesuch abbrechen, weil er bei der Zwangsrekatholisierung Glogaus mit seiner lutherischen Familie die Stadt verließ und mit vielen Glaubensgefährten ins konfessionell tolerantere Polen floh. 1631 wurde sein Stiefvater Michael Eder († 1648)Borgstedt 2012, S. 172. – der Vater Paul war 1621 gestorben – im polnischen Fraustadt lutherischer Pastor, und ab 1632 konnte Gryphius dort das evangelische Gymnasium besuchen.Borgstedt 2012, S. 202. Am 16. Mai 1634 endete die Fraustadter Schulzeit mit einer feierlichen Abschlussfeier, und am 26. Juli 1634 schrieb sich Gryphius in das hochangesehene, semiuniversitäre Akademische Gymnasium Danzig ein.Bogner 2016, S. 8.
In Fraustadt entstand Gryphius’ erste bekannte Dichtung, das lateinische Epos Herodis Furiæ & Rahelis lachrymæ – Die Wut des Herodes und die Tränen der Rachel, das in 1071 VersenCzapla 2016, S. 69. die Geschichte des Matthäusevangeliums von Herodes und dem bethlehemitischen Kindermord ausspinnt. Etwa zur Weihnachtszeit 1633 abgeschlossen,Szyrocki 1959, S. 47. wurde es 1634 bei Wigand Funck in Glogau gedruckt. Gryphius widmete es seinem Stiefvater, seinem Halbbruder Paul (1601–1640)Borgstedt 2012, S. 203. und dem Konrektor der Glogauer und Direktor der Fraustadter Schule Jakob Rolle,Szyrocki 1959, S. 37. die vermutlich für die Druckkosten aufkamen. Ebenfalls wohl noch in Fraustadt entstand die Fortsetzung des ersten Herodes-Epos, 1204 Verse, Dei Vindicis Impetus et Herodis Interitus – Gottes Rachesturm und Herodes’ Untergang, das 1635 bei Rethe in Danzig gedruckt wurde und das Gryphius den Danziger Ratsherren widmete.Szyrocki 1959, S. 82.
War Gryphius’ Ausbildung wie eigene Dichtung bisher auf das Lateinische konzentriert, so kam er in Danzig mit deutschsprachiger Literatur in Berührung, vor allem mit dem „Buch von der Deutschen Poeterey“ des Martin Opitz, das 1634 in Danzig nachgedruckt wurde. Johann Mochinger, der in Danzig Rhetorik lehrte, stand mit Opitz in Kontakt. In Danzig traf Gryphius auch den wohlhabenden Juristen und Schriftsteller Georg Schönborner (1579–1637).Szyrocki 1963, S. 247. Schönborner förderte ihn, und Gryphius dankte mit einem lateinischen Lobgedicht von 420 Hexametern „Parnassus renovatus“ – „Erneuerter Parnass“, 1636 bei Rethe in Danzig gedruckt. Ab 1636 wirkte Gryphius etwa eineinhalb Jahre als Hauslehrer von Schönborners zwei Söhnen auf dessen Gut in der Nähe des niederschlesischen Freystadt. Am 30. November 1637 krönte Schönborner Gryphius feierlich zum Poeta laureatus.Bogner 2016, S. 10. Als Schönborner kurz darauf starb, begleitete Gryphius die Söhne – mitten im Dreißigjährigen Krieg – auf die Universität Leiden. Er blieb dort sechs Jahre, um anschließend eine große Bildungs- und Studienreise anzutreten, die ihn unter anderem nach Italien und 1646 nach Straßburg führte.
1637, im Jahr seiner Dichterkrönung, erschienen in Lissa die „Lissaer Sonette“, im Original „ANDREAE GRYPHII SONNETE“. Gryphius hat sie in Danzig und auf Schönborners Gut geschrieben.Szyrocki 1959, S. 108. Drucker war wieder Wigand Funck, der sich inzwischen ebenfalls gezwungen gesehen hatte, nach Polen auszuweichen. Parallel zu den „Lissaer Sonetten“ und später in Leiden verfasste Gryphius 100 Sonn- und Feiertags-Sonette (65 Sonntags-Sonette und 35 Feiertags-Sonette), gedruckt 1639 als „Son- undt Feyrtags Sonnete“ bei Elsevier in Leiden.Szyrocki 1963, S. IX.
Überlieferung Die Lissaer Auflage muss klein gewesen sein, denn als Victor ManheimerZu Manheimer siehe Sebastian Kötz: Die vergessene Bibliothek. Spurensuche zu Biographie und Büchersammlung von Victor Manheimer. Universitäts- und Stadtbibliothek Köln, Köln 2013. ISBN 978-3-931596-75-0. 1904 einen Neudruck besorgte, besaß nur noch die Stadtbibliothek Breslau ein Exemplar.Manheimer schreibt S. 253: „Das Buch, das im folgenden zum ersten Mal neugedruckt wird (=N), ist erhalten in einem einzigen Exemplar, das seit mehreren Jahren die Breslauer Stadtbibliothek besitzt (E 1710n)“. Es befindet sich heute in der Universitätsbibliothek Breslau. Die Lissaer Ausgabe wird in der Forschungsliteratur Ausgabe Li abgekürzt.
Die „Son- undt Feyrtags Sonnete“ von 1639 werden in der Forschungsliteratur als Ausgabe A bezeichnet.
Gryphius hat an den Sonetten sein Leben lang weiter gearbeitet. Zunächst ordnete er 29 der 31 Lissaer Sonette um, überarbeitete sie stark, fügte 21 neue hinzu und ließ die Sammlung von 50 Sonetten 1643 in Leiden unter dem Titel „ANDREAE GRYPHII SONNETE. Das erste Buch.“ drucken (Ausgabe B).
1646 bereitete er in Straßburg eine erste Gesamtausgabe seiner Werke vor, die zwei Bücher zu je 50 Sonetten und die 100 Sonn- und Feiertags-Sonette enthalten sollte, aber unvollständig blieb und 1650 bei Johann Hüttner in Frankfurt am Main unautorisiert gedruckt wurde. Sie ist gegliedert in 50 – den „Lissaer Sonetten“ und der Ausgabe B entsprechende – Sonette in einem „Ersten Buch“, 50 neue Sonette in einem „Anderen Buch“, 58 Sonntags-Sonette in einem „Dritten Buch“ und bricht dann ab (Ausgabe C).
Die erste autorisierte Gesamtausgabe mit allen vier Sonettbüchern brachte 1657 Johann Lischke in Breslau heraus. Das „Erste Buch“ und das „Andere Buch“ entsprechen der Ausgabe C. Es folgen 64 Sonntags-Sonette in einem „Dritten Buch“ und 36 Feiertags-Sonette in einem „Vierten Buch“ (Ausgabe D).
1663 erschien 1663 bei Johann Erich Hahn in Leipzig eine Ausgabe letzter Hand, gegliedert wie D (Ausgabe E).
Als schließlich 1698, 34 Jahre nach des Dichters Tod, sein Sohn Christian (1649–1706) im Verlag Fellgiebel in Breslau und Leipzig eine Neuausgabe der Werke veranstaltete, schloss er 71 Sonette aus dem Nachlass ein (Ausgabe F).
Die „Lissaer Sonette“ hat zuerst Victor Manheimer neu drucken lassen.Manheimer 1904. Die Varianten sämtlicher späterer Ausgaben fügte er in Fußnoten hinzu. Einen neueren Druck hat Marian Szyrocki im Rahmen einer Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke veranlasst.Szyrocki 1963. Szyrocki druckt auch die Ausgabe B sowie das „Andere Buch“ der Ausgabe C komplett und in Fußnoten dazu spätere Varianten, ferner die Sonn- und Feiertags- und die Nachlass-Sonette. Thomas Borgstedt dagegen druckt jeweils die jüngste Ausgabe, nämlich das „Erste“ und das „Andere Buch“ komplett sowie die Sonn- und Feiertags-Sonette in Auswahl gemäß der Ausgabe letzter Hand (E) und die Nachlass-Sonette in Auswahl gemäß F.Borgstedt 2012.
Inhalt Der Inhalt ist nach Szyrockis Neudruck von 1963 wiedergegeben.
Widmung
Der Titelseite (Bild) folgen
die Widmung (hier ohne Zeilenumbrüche)
Der Woledlen / Gestrengen / Ehr= vnd Tugentsamen Frawen Frawen auf Schönborn und Zissendorff. So wol auch Denen Ehrbaren / vnd Vieltugend= samen Frawen Wolehrwürdigen vnd Hochge= lahrten Herren vielgeliebten Ehefrawen. Wolehrwürdigen Herren vielgeliebten Ehefrawen. d e s e h r e n= festen Herrn vielgeliebten Haußfrawen. seinen sonders hochgeehrten Frawen / Mutter / Muhmen vnd Schwester. und die Widmungsverse Ihr Blumen unser zeit / die Tugendt hoch gezieret / Die GOttesfurcht bestralt / die Ehr und Zucht regieret / Nembt willig von Mir an / das zwar geringe Pfand / Doch das ein danckbar Hertz selbst legt in Ewre Hand / Ihr seids durch die Ich bin gewünschter Ruh’ gewehret / Wenn mich das grause Glück mit seinem Pfeil versehret / Vnnd grimmig auff mich plitzt: Ihr seids / der trawte Hold Mir Hülff und Rettung both / da ich versincken wolt: Ihr seids / durch welcher Gunst ich jtzt so ruhig bleibe: Vnd ohne Noth die Noth der schweren Zeit vertreibe; Ihr seids der hoher Ruhm soll jmmer mit mir gehn / So lang der Seelen Fewr mir wird im Hertzen stehn. Ich will in kurtzem mich noch gar viel höher schwingen; Vnd Ewrer Tugend Lob / mitNach Manheimer; bei Szyrocki Druckfehler „mir“. freyem Munde singen. Schawt vnter des diß an / Wenn Weyrauch nicht ist dar; So strewt man Gerst mit Saltz / der Juno auffs Altar Ihr Gestr. vnd E. E. Dienstwilligster A N D R E A S G R Y P H I U S.
Eva von Schönborn geb. PezeltSzyrocki 1963, S. 245. war die Frau von Gryphius’ Gönner Georg Schönborner. Maria Eder geb. Rißmann war die zweite Frau von Gryphius’ Stiefvater Michael Eder. Eder heiratete sie, nachdem Gryphius’ Mutter Anna 1628 gestorben war – Andreas war seitdem Vollwaise. Maria und Michael Eder hatten sechs Kinder, die alle entweder tot zur Welt kamen oder kurz nach der Geburt starben. Maria Eder betrachtete Andreas als ihr eigenes Kind. Sie starb am 2. Februar 1637, als die Lissaer Sonette sich im Druck befanden. Andreas fügte der Sammlung aus diesem Anlass ein deutsches und ein lateinisches Gedicht hinzu (siehe unten). Maria Gryphius geb. Richter war die Frau von Gryphius’ Halbbruder Paul. Anna Greyff,Neben „Greif“ der vor und neben der Latinisierung zu „Gryphius“ gebrauchte Familienname. die den „ehrenfesten Herrn George Carsens“ heiratete, war eine Halbschwester des Dichters.Manheimer 1904, S. 212.
„Was der Dichter den vier Frauen verdankte, war vor allem materielle Unterstützung, die er entweder unmittelbar von ihnen oder auch von ihren Ehemännern bezog.“Szyrocki 1959, S. 89. In den Schlussversen „Ich will in kurtzem mich noch gar viel höher schwingen; / Vnd Ewrer Tugend Lob / mit freyem Munde singen“ deutet Gryphius große dichterische Plänen an, vielleicht die Sonn- und Feiertags-Sonette, an denen er arbeitete, oder die Vermehrung der „Lissaer Sonette“ auf eine Zahl von 50, im „Ersten Buch“ der Ausgabe B realisiert.
Die 31 Sonette Alle Sonette außer einem sind in dem 1624 von Opitz im „Buch von der Deutschen Poeterey“ für Sonette empfohlenen Versmaß des Alexandriners geschrieben mit dem ebenfalls von Opitz empfohlenen Reimschema „ABBA ABBA“ für die Quartette und „CCD EED“ für die Terzette. Die Verse mit den „A“- und „D“-Reimen sind dreizehnsilbig, die Reime weiblich, die Verse mit den „B“-, „C“- und „E“-Reimen sind zwölfsilbig, die Reime männlich. Nur das Sonett [II.] „Vber des HERREN JEsu Gefängnüß.“ weicht geringfügig ab, indem die beiden ersten Verse des zweiten Terzetts den „B“-Reim aufgreifen, Reimschema also ABBA ABBA CCD BBD. Die Gedichte sind im Original nicht nummeriert. Die Nummerierung in Klammern folgt Manheimer und Szyrocki. Die Gliederung in Gruppen folgt BorgstedtBorgstedt 2016, S. 95–96. und stimmt weitgehend mit ManheimerManheimer 1904, S. 230. überein. Geistliche Sonette [I.] An GOTT den Heiligen Geist mini|„An GOTT den Heiligen Geist“ im Lissaer Druck [II.] Vber des HERREN JEsu Gefängnüß. Das Sonett mit dem leicht abweichenden Reimschema ABBA ABBA CCD BBD (siehe oben). [III.] An den am Creutz auffgehenckten Heyland. Das Sonett ist die Nachdichtung eines neulateinischen Gedichtes des polnischen Jesuiten Maciej Sarbiewski. [IV.] Vber des HERREN JEsu todten Leichnamb. Das Sonett ist die Nachdichtung eines neulateinischen Gedichtes des deutschen Jesuiten Jakob Bidermann [v.] Gedencket an des Loths Weib. Lucae 17. v. 32.