mini|Trogener Kadetten marschieren mit ihrer Korps-Fahne. Linolschnitt des ehemaligen Zeichnungslehrers Otto Schmid Die Geschichte des Kadettenkorps Trogen zeigt ein exemplarisches Abbild des früheren gymnasialen Kadetten-Alltags in der Schweiz und dokumentiert eine Unterrichtsform, die durch militärische Übungen und Patriotismus Gehorsam schulte, der Vorbereitung auf die Rekrutenschule diente und gleichzeitig auch eine Vorstufe des Turnunterrichtes war. Das Korps der Kantonsschule Trogen (KST) wurde 1857 geschaffen, regelmässige soldatische Übungen fanden 1870 Eingang in den Unterricht. Einmal in der Woche wurden die Schüler von Armee-Offizieren und Lehrern der Kantonsschule in Disziplin und Ausdauer geschult, indem man Marschübungen durchführte, Schiesstage veranstaltete oder Gefechts- und Nachtübungen absolvierte; befreit davon waren lediglich Schüler aus dem Ausland.Martin Adank: Lehrplan der Kantonsschule Trogen – Kadettenübungen, 1951, Schularchiv Kantonsschule Trogen, KST.011-1-17. Jeweils nach dem Ende der beiden Weltkriege gerieten die Kadetten in Kritik und Stimmen, welche ihre Auflösung forderten, wurden laut. Im Zuge der weltweiten Friedensbewegungen von 1968 wurde das Kadettenkorps der KST fünf Jahre später aufgelöst.
Geschichte des Kadettenkorps Ursprung
mini|hochkant|Schweizer Kadetten auf einer Exkursion 1869 Vom 18. bis Anfang des 20. Jahrhunderts dienten in der Schweiz die Kadettenkorps vor allem dazu, männliche Jugendliche auf ihre Pflichten als Staatsbürger einer Demokratie vorzubereiten, wobei dem damaligen Zeitgeist entsprechend der Dienstpflicht in der Milizarmee besondere Bedeutung zukam. In diesem Sinne unterhielt auch der Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi zur physischen Ertüchtigung der Schüler an seinem Institut in Yverdon ein Kadettenkorps. Das Kadettenwesen wurde in der schweizerischen Öffentlichkeit des 19. Jahrhunderts breit unterstützt, unter anderem auch infolge der zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen in den Nachbarländern. Die Kadetten fanden dementsprechend Eingang an Mittelschulen und Gymnasien, womit gleichzeitig die klassische schulische Vorbereitung auf das Berufsleben und auf die Rekrutenschule vereint wurden. Besondere Kadetteninternate für Offiziersausbildung, sogenannte Kadettenanstalten, gab es in der Schweiz, im Gegensatz zu Deutschland und Österreich-Ungarn, nie.
Der Ursprung des Kadettenwesens an der Kantonsschule Trogen hing mit der Gefährdung der Schweizerischen Eidgenossenschaft im Neuenburgerhandel des Jahres 1857 zusammen: Die Drohungen des Königs von Preussen, Friedrich Wilhelm IV., der nach einem Putsch der Royalisten im ehemals preussischen Neuenburg seine Souveränitätsrechte, lange nach der Aufnahme dieses Territoriums in den schweizerischen Staatsverband, geltend machen wollte, erregte in der Schweiz eine patriotische Hochstimmung. Diese führte nicht nur zur Mobilisation eidgenössischer Truppen, sondern auch zur Bildung von freiwilligen Korps und Kadettenkompanien. Trotz der aussenpolitischen Gefahr begannen in Trogen erst nach 1870, bezeichnenderweise wieder nach einer europäischen Krise (Deutsch-Französischer Krieg), regelmässige militärische Kadettenübungen der an der Schule.Walter Schläpfer: Aus der Geschichte des Trogener Kadettenkorps. In: KVT-Mitteilungen Nr. 68, Eigenverlag, Trogen 1988, S. 72.
Zweck mini|Hans Ess, ehemaliger Lehrer an der Kantonsschule Trogen (1951–1988), erzählt von den Kadetten Mit dem Kadettenwesen an der Kantonsschule Trogen konnten vor allem drei Dinge miteinander verbunden werden: Die Vorbereitung auf den späteren Wehrdienst, die körperliche Ertüchtigung und das Trainieren von Unterordnung und Disziplin, was bei der Führung einer hohen Schülerzahl vieles vereinfachte. In einem Merkblatt von 1951 ist unter „Ziele der Kadettenübungen“ dazu auch folgendes zu lesen: «Weckung der Wehrfreudigkeit, Bereitschaft, spezifisch schweizerische oder allgemein kulturelle Werte unbedingt zu verteidigen. Disziplinierte Haltung in jeder Situation. Fertigkeit im Umgang mit der Schusswaffe.» Martin Adank: Lehrplan der Kantonsschule Trogen – Kadettenübungen, 1951, Schularchiv Kantonsschule Trogen, KST.011-1-17. Die Schulleitung glaubte fest an die erzieherische Wirkung einer Ordnung, die den Jugendlichen zwang, während eines Nachmittags in der Woche in militärischem Drill die Gegend zu durchwandern, den Körper zu trainieren, Strapazen zu erleiden und sich nicht immer angenehmen Anordnungen zu unterziehen.Walter Schläpfer: Aus der Geschichte des Trogener Kadettenkorps. In: KVT-Mitteilungen Nr. 68, Eigenverlag, Trogen 1988, S. 72–73. Auch in der Bevölkerung war der Respekt vor dieser Einrichtung gross. So konnte man in den 1880er-Jahren in der Appenzeller Landes-Zeitung lesen: «Hoch lebe der Kadettenstand, früh übt er für das Vaterland!›» Walter Schläpfer: Aus der Geschichte des Trogener Kadettenkorps. In: KVT-Mitteilungen Nr. 68, Eigenverlag, Trogen 1988, S. 72. 1921 unterstrich Rektor Ernst Wildi in der Festschrift zur 100-Jahr-Feier der Kantonsschule den Sinn der Kadetten ausführlich: «Wir bezwecken mit den Übungen die Erziehung zu Pünktlichkeit, zu williger Unterordnung unter die Befehle Anderer, zu Ausdauer und Fähigkeit im Ertragen von Anstrengungen und die Stärkung der Willenskraft. Der angehende Staatsbürger soll lernen, seine persönlichen Neigungen und Wünsche dem Interesse des Ganzen unterzuordnen; er muss entgegen seiner Launen hinaus in Sonnenbrand, über Stock und Stein seine Beweglichkeit zeigen, durstig marschieren lernen und auf dem Schiessplatz Augen und Nerven im Zaum behalten. Auch liegen in exakter Arbeit, in pflichtgetreuer Pflege der anvertrauten Waffe, im saubern Anzug, im kameradschaftlichen Zusammenarbeiten entschieden erzieherisch wertvolle Momente. Es herrscht heute die Neigung zu egoistischer Überwertung der Persönlichkeit. Alles, was nach strammer Disziplin riecht und persönliche Opfer verlangt, ist verpönt. Man will frei sein, Herr und Meister des eigenen Willens. Die Früchte einer derartigen Geistesrichtung werden erst nach Jahren klar zu Tage treten; denn jung gewohnt, ist alt getan. Darum sehen wir eine Institution, welche Zucht und Ordnung erstrebt, nicht als veraltet an.»Ernst Wildi: Die Appenzell a. Rh. Kantonsschule in Trogen zum hundertjährigen Bestand, Eigenverlag, Trogen 1921, S. 143.
Methode mini|Die Kantonsschule Trogen um 1910: Knabenkonvikt (links) und «Altes Schulhaus» (rechts) Damit die Kadetten die formulierten Ziele erreichten, fand in der Regel am Mittwochnachmittag der Kadettenunterricht statt. Geübt wurden Kompanieschule (Exerzieren, Salutieren), Gewehrkenntnis, Patrouillen- und Relaisdienst (Nachrichtenübermittlung), Marschübungen, Gefechts- und Schiessübungen. Über die Anfänge des Unterrichts an der KST berichtet Ernst Wildi: «Nachdem im Jahre 1853 eine erste Anregung, militärische Übungen einzuführen […] von der Aufsichtskommission mit Mehrheit abgewiesen worden war, brachte eine vaterländische Welle anno 1857 den Waffendienst an der Kantonsschule zu Ehren. Aber nach einiger Zeit scheint das Interesse für das Exerzieren abgeflaut zu sein; denn wir finden keine Belege, die uns in der folgenden Epoche in die militärischen Übungen Einsicht gewähren würden. Erst im Jahre 1869 verlangte der patriotisch gesinnte Dekan Heim energisch, dass die militärischen Übungen an der Kantonsschule fortgesetzt und regelmässig betrieben werden möchten, wobei Herr Kommandant Hohl in Trogen beauftragt wurde, eine Persönlichkeit zu suchen, die sich eigne, das Exerzieren in gehöriger Weise zu leiten. Diese fand sich in der Person des damaligen Leutnants J.W. Rutz, der sich dem Kadettenwesen mit Begeisterung zur Verfügung stellte. Im Sommer 1870 begannen also wieder regelmässige Übungen, welche auf den Samstagnachmittag fielen, wobei allerdings die Grenzbesetzung im Deutsch-Französischen Krieg bald wieder zur Arbeitseinstellung zwang, weil die leitenden Männer unter die Waffen gerufen wurden.»Ernst Wildi: Die Appenzell a. Rh. Kantonsschule in Trogen zum hundertjährigen Bestand, Eigenverlag, Trogen 1921, S. 142.
Kritik mini|Schüler der Kantonsschule Trogen, kurz nach der Rekrutierung zum ersten Mal mit Uniform und Gewehr, 1926 Das Kadettenwesen sah sich im 20. Jahrhundert zunehmender Kritik ausgesetzt, da sich die Gesellschaft und ihre Werte wandelten; dazu kam, dass die Kadettenkorps durch die neu aufkommende Turnbewegung, bei welcher auch Mädchen teilnehmen konnten, verdrängt wurden. Die Bedeutung des Sports manifestierte sich spätestens in den 1960er-Jahren in dem Projekt, den Kadettenverband in Schweizerischer Verband für Schulsport umzubenennen.Louis W. Burgener in: 50 Jahre Eidg. Kadettenverband. Eidg. Kadettenverband, 1936–1986, 1986, S. 8. Auch an der Kantonsschule Trogen spürte man vermehrt Widerstand gegen den Kadettenunterricht. Dies zeigte sich auch in den häufigen Dispensationen von Schülern. Rektor Wildi beobachtete diese Entwicklung und schrieb 1923 an den Regierungsrat: «Einige Dispensationsgesuche vom Kadettendienst, bei welchem hausärztliche Zeugnisse vorlagen, welche mit meinen Beobachtungen aus der freien Zeit, z. B. auf dem Footballplatz nicht übereinstimmten, wies ich an Herrn Dr. Ritzmann, und die Leute wurden dann zum Dienst verpflichtet. […] Wir spüren in diesen Dispensationsgesuchen eine Welle der Zeit, und ich frage mich oft, ob wir nicht das Exerzieren durch Sportnachmittage ersetzen müssen, wobei vielleicht für die körperliche Ausbildung der Jungens mehr herausschauen wird. […] Gewiss haben wir in Trogen ausserordentlich viel gesundheitlich zarte Jünglinge, die eben gerade dieses Zustandes wegen nach Trogen kommen, und gewiss gab es schon vor 20 Jahren viele Individualisten und Drückeberger, denen das in Reih- und Gliedstehen, das Marschieren im Sonnenbrand etc. nicht behagte. Heute hängt man eben ein ethisches oder pazifistisches Mäntelchen um, und bei diesen und jenen Eltern spricht wirklich innere Überzeugung oder politisches Glaubensbekenntnis mit.»Ernst Wildi: Brief an den Regierungsrat vom 7. Mai 1923. Schularchiv Kantonsschule Trogen, KST.011-1-04. Am meisten geriet der Kadettendienst, wie auch das Militärwesen, jeweils nach Beendigung der beiden Weltkriege unter kritischen Beschuss. So wurde beispielsweise nach dem Zweiten Weltkrieg das formelle Exerzieren stark eingeschränkt. 1949 schrieb der Kadetteninstruktor Martin Adank im Jahresbericht der Schule: «Die militärische Ausbildung besteht nur noch aus ganz wenigen Appellübungen und in der für das Scharfschiessen notwendigen Schiessvorbereitung.» Das Schiessen wurde zwar weiterhin sehr ernsthaft betrieben, und auch die Erziehung zu Genauigkeit und Konzentration wurde für wichtig erachtet, trotzdem drängten sich Änderungen auf. So waren zum Beispiel die Gliederung in eine Kompanie und die Kaderhierarchie fragwürdig geworden. Im Gegensatz zu anderen Orten, wie etwa Herisau, sprach man in Trogen jedoch noch nicht von Abschaffung: «1949 beschloss die Lehrerschaft unter dem neugewählten Rektor Walter Schlegel die Beibehaltung des Kadettenwesens.»Walter Schläpfer: Aus der Geschichte des Trogener Kadettenkorps. In: KVT-Mitteilungen Nr. 68, Eigenverlag, Trogen 1988, S. 75.
Rechtfertigung mini|hochkant|Ernst Wildi, der amtslängste Rektor der Kantonsschule Trogen (1904–1937)