Das Franziskanerkloster Wismar war ein Kloster der Franziskaner in der Hansestadt Wismar und bestand von der Mitte des 13. Jahrhunderts bis zur Reformation. Nach der Farbe des Ordenshabits der Franziskaner wird es auch als Graues Kloster bezeichnet, im Unterschied zum Schwarzen Kloster der Dominikaner. Nach seinem Patrozinium wird es auch Kloster Heilig Kreuz genannt.
In den Gebäuden wurde nach der Auflösung des Klosters 1541 eine Schule eingerichtet. Sie wurden wegen Baufälligkeit im 19. Jahrhundert durch neue Schulgebäude ersetzt.
Entstehung und Klosterbau mini|Karte von Wismar zur Zeit der Hanse mit der Lage des Grauen Klosters Gründung Ausweislich erhaltener Abschriften von mittelalterlichen Gedenktafeln aus der Klosterkirche kamen Brüder des 1210 gegründeten Bettelordens der Franziskaner (Ordo fratrum minorum „Orden der Minderbrüder“) 1251/1252 möglicherweise aus Lübeck, Rostock oder Schwerin in die damals aufstrebende junge Stadt Wismar und gründeten eine Niederlassung. Sie kamen auf Einladung des Landesfürsten und Stadtherrn von Wismar, Johann I. von Mecklenburg Theologus, der die Franziskaner der Sächsischen Franziskanerprovinz (Saxonia) in ihrem um 1240 entstandenen Kloster in Rostock kennengelernt hatte. Johann, der 1257 seinen Herrschaftssitz von Mecklenburg nach Wismar verlegte, stellte ihnen ein Grundstück zur Verfügung, wo sie ab 1256 nachweisbar Konventsgebäude und eine kleine Kirche errichteten, beginnend mit einem einfachen Haus, aus dem sich ein größerer Komplex entwickelte. Die Franziskaner unterhielten dazu zeitweise eine eigene Ziegelei. 1266 bekam das Kloster den Status eines Konvents, wofür eine Größe von mindestens 12 Brüdern Voraussetzung war.Wolfgang Huschner: Wismar, Kloster Heilig Kreuz. 3.3 Dignitäten und Ämter. In: Wolfgang Huschner u. a.: Mecklenburgisches Klosterbuch Band II., Rostock 2016, S. 1203–1228, hier S. 1208. Bereits 1287 tagte im Kloster in Wismar das Provinzkapitel der Saxonia, zu der der Konvent gehörte; dafür standen offenbar inzwischen ausreichend große Räumlichkeiten zur Verfügung. Angaben, dass die Franziskaner eine Niederlassung der Benediktiner übernommen hätten, haben keine belastbare Grundlage, sondern sind offenbar das Ergebnis einer Namensverwechslung mit dem Kloster Cismar.Ingo Ulpts: Die Bettelorden in Mecklenburg. Werl 1995, S. 49–58; Mecklenburgisches Urkundenbuch (MUB) II. (1864) Nr. 744. Als erste Franziskaner werden 1255 Thidericus als Guardian und ein Bruder Johannes von Wildeshausen genannt, um 1260 ein Bruder Hinricus.
Das Kloster St. Crucis („vom Heiligen Kreuz“) lag im Sprengel der Nikolaikirche im Norden der mittelalterlichen Hansestadt und tiefer als das Stadtzentrum an der [platea] apud fratres [minores] „bei den Minderbrüdern“, der heutigen Schulstraße, westlich der heutigen ABC-Straße ([platea] retro fratres [minores] „hinter den Minderbrüdern“) und südlich der nach 1400 als Kromekenhagen (heute Krönkenhagen) bekannten Straße, nahe der „Frischen Grube“, einem Wasserlauf. Es war umgeben von engen Gassen, in denen Müller, Weber, Gerber und andere Handwerker wohnten. Gegenüber dem Konvent lag der Stadthof der Fürstin Anastasia von Pommern, gegen Ende des 13. Jahrhunderts entstanden in enger Nachbarschaft zwei Beginenhöfe, zu denen die Franziskaner engen Kontakt hielten und die sie seelsorglich betreuten.Ingo Ulpts: Die Bettelorden in Mecklenburg. Werl 1995, S. 62–65.74.
Die geistliche Verbindung zu dem landesfürstlichen Haus und nahestehenden Adligen war in der ersten Zeit des Bestehens besonders eng. Im Franziskanerkloster fanden bereits in den ersten Jahren – vor der Fertigstellung der herrschaftlichen Burg und der Übersiedlung Johanns nach Wismar – mehrfach Verhandlungen zwischen Johann I. Theologus und dem Bischof von Ratzeburg statt, die Brüder traten neben anderen Klerikern als Zeugen auf und konnten somit auch Beziehungen zum Bischof aufbauen. Heinrich I. von Mecklenburg der Pilger brach vom Kirchhof der Franziskaner aus 1271 zum Kreuzzug auf, bei dem er in Gefangenschaft geriet und von dem er erst 30 Jahre später zurückkam und eine Kreuzreliquie mitbrachte, die er dem Franziskanerkonvent vermachte.Ingo Ulpts: Die Bettelorden in Mecklenburg. Werl 1995, S. 58f.73.
Kirchbau Die Franziskaner bauten ab 1283 eine neue, ihrem Ordensgründer Franz von Assisi gewidmete Klosterkirche und rissen dafür zunächst den Chor und dann das Schiff der alten Kirche nieder. 1291 wurde der Grundstein für das vermutlich dreischiffige Langhaus gelegt, das 1345 ein Gewölbe erhielt und wahrscheinlich drei Seitenkapellen hatte. Die neue Kirche wurde 1348 geweiht, Ende des 14. Jahrhunderts wurde ihr von einem Mitglied der Familie Plessen eine Orgel gestiftet. Im Chor sollen drei bemalte Fenster gewesen sein, die 1284 von Fürstin Anastasia gestiftet worden waren und die heilige Jungfrau, Franz von Assisi und Antonius von Padua darstellten. Nach historischen Plänen hatte die Kirche um 1500 einen langgestreckten Chor. Die Klosteranlage mit Kreuzgang schloss südlich an die Kirche an und hatte vermutlich zwei Innenhöfe, einen „Klausurhof“ an der Kirche und einen südlich gelegenen „Beihof“.Mecklenburgisches Urkundenbuch (MUB) III. (1865) Nr. 1656.Wismar, Kloster Heilig Kreuz, Wolfgang Huschner: 2. Geschichte. und Heiko Schäfer: 7. Bau- und Kunstgeschichte. In: Wolfgang Huschner u. a.: Mecklenburgisches Klosterbuch Band II., Rostock 2016, S. 1203–1228, hier S. 1205 und 1218-1222.
Grablegen Nach den Inschriftlichen Nachrichten über den Chorbau der Franciscaner-Kirche zu Wismar stellten der Ritter Helmoldus de Plessen gemeinsam mit der Fürstin Anastasia, der Ehefrau Heinrichs des Pilgers, die Mittel für den Neubau des Chors samt Inventar zur Verfügung. Die Fürstin war eine große Gönnerin des Franziskanerordens und wurde 1317 im Chor der Kirche beigesetzt, ebenso wie etliche ihrer Kinder und befreundete Adlige. Auch Helmold von Plesses viertgeborener Sohn (Helmold der Jüngere) fand nach seinem Tod am 24. Februar 1319 mutmaßlich innerhalb des Kirchengebäudes seine letzte Ruhestätte. Es waren weibliche oder nichtregierende männliche Angehörige der Fürstenfamilie, die hier beigesetzt wurden, während die Grablege der regierenden Fürsten von Mecklenburg das Doberaner Münster war.M. Naumann: Die Plessen - Stammfolge vom XIII. bis XX. Jahrhundert. Herausgegeben von Dr. Helmold von Plessen im Auftrag des Familienverbandes. 2., neu durchgesehene und erweiterte Auflage. C. A. Starke Verlag, Limburg an der Lahn 1971, S. 1. – Mecklenburgische Jahrbücher (MJB) 6 (1841) Karl Ferdinand Crain: Das Kirchenbuch des Grauen Klosters zu Wismar. S. 99–106. – Christian v. Plessen: – Ingo Ulpts: Die Bettelorden in Mecklenburg. Werl 1995, S. 73. Der 1427 von den Anhängern des Neuen Rates auf dem Marktplatz hingerichtete Bürgermeister Hinrik van Haren, der unter dem Lübecker Bürgermeister Tidemann Steen den Verlust der Wismarer Flotte vor Kopenhagen hinnehmen musste, wurde ebenfalls in der Kirche der Grauen Mönche beerdigt. Kirche und Kirchhof der Franziskaner waren bis ins 16. Jahrhundert bevorzugte Begräbnisplätze für mehrere Wismarer Rats- und Bürgerfamilien. Noch in den 1780 wurde die Kirche als Grablege genutzt.Ausweislich des Kirchenbuchs von St. Nikolai wurden in der Kirche 1779 der bekannte Verlagsbuchhändler Johann Andreas Berger (1721–1779) und im Folgejahr sein Berufskollege und früherer Geschäftspartner Jakob Boedner (1712–1780) bestattet. Im Jahr 1996 wurden anlässlich von Bau- und Restaurierungsarbeiten an der auf den Klosterfundamenten errichteten Großen Stadtschule Menschenknochen gefunden; ob es sich hierbei um die Grabstätten aus dem 14. Jahrhundert handelt, ist nicht erwiesen.Große Stadtschule "Geschwister-Scholl-Gymnasium". In: scholl-wismar.com; Ingo Ulpts: Die Bettelorden in Mecklenburg. Werl 1995, S. 194. Allerdings endeten die besonders engen Beziehungen zum mecklenburgischen Fürstenhaus mit dem Tod Fürst Heinrichs II. 1329, der nach Auseinandersetzungen mit der Stadt Wismar 1210 seine Residenz nach Sternberg verlegte; als letzte Fürstin wurde 1328 Anna von Sachsen, Heinrichs zweite Ehefrau, in der Franziskanerkirche in Wismar beigesetzt.Ingo Ulpts: Die Bettelorden in Mecklenburg. Werl 1995, S. 184.
Stellung des Klosters Der Konvent errang im Laufe des Mittelalters eine wichtige Stellung im geistlichen Leben der Stadt. Viele der Wismarer Ordensbrüder entstammten Wismarer Bürgerfamilien, darunter viele aus Handwerkerfamilien, während bei den vermögenderen Familien eine größere Nähe zum 1293 entstandenen Dominikanerkloster zu beobachten ist. Aus einigen Familien traten offenbar wiederholt Söhne ins Franziskanerkloster ein. Die schreibkundigen Brüder wurden für Rechtsangelegenheiten (Beurkundungen) als Schreiber oder Zeugen eingesetzt, das Kloster war Versammlungsort für Beratungen von Rat und Bürgergruppen. Zum Ende des 15. Jahrhunderts verfügte der Wismarer Konvent über elf Vikarien zur Bestreitung seines Lebensunterhalts. Zum Kloster gehörten Knechte und auch weibliche Bedienstete, teilweise als Terziaren. Für seelsorgliche und geistliche Tätigkeiten erhielten die Franziskaner vom Magistrat und auch einzelnen Bürgern Stiftungsgelder, Memorien und Spenden, auch in Form von regelmäßigen Naturalienbezügen. So wurden Rheinwein, Malz oder Semmeln gestiftet, auch Baumaterialien, Kleidung und Kirchenausstattung wie Kerzen, Messwein und Hostien. Ein Großspender, Gerbert von Warendorf, unterstützte den Klosterbau und das Provinzkapitel 1287 großzügig finanziell. In der Kirche unterhielten und dotierten etliche geistliche Bruderschaften Kapellen und Altäre. Enge Beziehungen bestanden zu den Schuhmachern von Wismar, die unter anderem eine „ewige Messe“ am Laurentiusaltar in der Franziskaner gestiftet hatten und für die auf dem Kirchhof eine Begräbnisstelle reserviert war. Mit der Gründung des Klosters der Dominikaner in Wismar 1293, ebenfalls ein Mendikantenorden, erwuchs den Franziskanern hinsichtlich des Spendenaufkommens eine spürbare Konkurrenz. Mehrere Vermächtnisse hatten den Charakter von Samtstiftungen, mit denen auch die Dominikaner und andere Franziskanerkonvente in Mecklenburg bedacht wurden. Gleichwohl war die wirtschaftliche Lage der Franziskaner in Wismar nicht durchgehend völlig gesichert; wiederholt mussten sie um Unterstützung bitten. Die Verwaltung der weltlichen Güter der Brüder lag, wie vom Papst gefordert, seit dem Anfang des 14. Jahrhunderts bei weltlichen „Tutoren“ oder „Prokuratoren“, die sich aus dem Kreis der Angehörigen des Wismarer Rates rekrutierten. Diese sind erstmals 1324 bezeugt.Ingo Ulpts: Die Bettelorden in Mecklenburg. Werl 1995, S. 65–68.110.184f.193f.199ff.Wolfgang Huschner: Wismar, Kloster Heilig Kreuz. 4. Besitzgeschichte und Wirtschaftsordnung. In: Wolfgang Huschner u. a.: Mecklenburgisches Klosterbuch Band II., Rostock 2016, S. 1203–1228, hier S. 1210f.
Die Wismarer Franziskaner unterhielten zeitweise drei Termineien, kleinere Stützpunkte zum Almosensammeln und als Außenposten für die Seelsorge im Umland, in Sternberg, Neubukow und Grevesmühlen, wofür ihnen Fürst Heinrich 1326 die Grundstücke überlassen hatte; im Gegenzug sollten die Franziskaner für die Fürstenfamilie „fleißig beten“. Der Terminierbezirk des Konvents in Wismar umfasste einen Umkreis von etwa 35 Kilometern um die Stadt, die Termineien lagen mit etwa 20 bis 30 Kilometern Entfernung etwa eine Tagesetappe zu Fuß vom Mutterkonvent entfernt.Ingo Ulpts: Die Bettelorden in Mecklenburg. Werl 1995, S. 184.211f.314. Für das Klarissenkloster Ribnitz übten die Wismarer Franziskaner die cura monialium, die „Sorge für die Nonnen“ aus. Sie vertraten den Nonnenkonvent als Guardian kirchen- und zivilrechtlich nach außen und waren als Beichtväter im Kloster tätig.Ingo Ulpts: Die Bettelorden in Mecklenburg. Werl 1995, S. 197.
Das Kloster im franziskanischen Armutsstreit