Raul Hilberg (* 2. Juni 1926 in Wien; † 4. August 2007 in Williston, Vermont, USA) war ein amerikanischer Historiker und Holocaustforscher österreichisch-jüdischer Herkunft. Mit der mehrfach aktualisierten Fassung seiner Dissertation The Destruction of the European Jews (Die Vernichtung der europäischen Juden) schrieb er das Standardwerk zur Geschichte des Holocausts. mini|Erstausgabe (1961)
Leben Raul Hilberg wurde 1926 als Einzelkind eines Kleinhändlers geboren. Im März 1938 erlebte er in Wien den „Anschluss Österreichs“ an das nationalsozialistische Deutschland. Seine ursprünglich aus Galizien stammenden jüdischen Eltern flohen mit ihm daraufhin im April 1939 über Frankreich und Kuba in die USA.Raul Hilberg, Internationales Biographisches Archiv 50/2007 vom 15. Dezember 2007 (hu), abgerufen am 18. April 2013. Verwandte Hilbergs in Österreich und Polen, denen die Flucht nicht gelang, wurden von den Deutschen als Juden ermordet.Raul Hilberg: Unerbetene Erinnerung. Der Weg eines Holocaust-Forschers. Aus dem Amerikanischen von Hans Günter Holl. S. Fischer, Frankfurt am Main 1994, S. 19–27. In Brooklyn, New York City, besuchte er die Abraham Lincoln High School und danach das Brooklyn College. Ab 1944 diente er in der US-Armee (45. Infanterie-Division). Seine Division war an der Befreiung des KZ Dachau beteiligt. Im Braunen Haus in München als Soldat stationiert, stieß er kurz nach dem Krieg auf Teile der Privatbibliothek Adolf Hitlers. Anschließend kam Hilberg zum War Documentation Department, das mit der Recherche nach Dokumenten beauftragt war, die zur Verfolgung von Kriegsverbrechern dienen konnten.
Ab 1948 besuchte er im Brooklyn College die Vorlesungen des Emigranten Hans Rosenberg zur Geschichte des preußischen Beamtentums. Noch im selben Jahr wechselte er an die Columbia University, um beim sozialistischenAndreas Fisahn: Franz Leopold Neumann Universität Bielefeld, 2007 Juristen Franz Neumann studieren zu können. Dessen Studie über die nationalsozialistische Diktatur, Behemoth, hatte auf Hilberg einen tiefen Eindruck gemacht. Er begann 1948 mit seiner Magisterarbeit und besprach auch schon seine geplante Dissertation The Destruction of European Jewry. 1951 erhielt er eine befristete Stelle im War Documentation Project unter Leitung von Fritz T. Epstein. Bis zu seiner Promotion musste er Politikwissenschaft an verschiedenen Universitäten unterrichten, nachdem sein Doktorvater und Unterstützer Neumann infolge eines Unfalls 1954 verstorben war. 1955 erhielt er eine Professur an der University of Vermont in Burlington, Vermont, an der er bis zu seiner Emeritierung 1991 lehrte und forschte. Mit dem Tagebuch von Adam Czerniaków, dem Vorsitzenden des Ältestenrats des Warschauer Ghettos, edierte Hilberg 1979 eines der eindrucksvollsten Zeugnisse der Verfolgung. Für Claude Lanzmanns epische „Shoah“-Filmdokumentation las und kommentierte Hilberg Auszüge aus Czerniakóws Tagebuch.Im Gespräch mit Jürg Altwegg meint Lanzmann, dass Jonathan Littell seinen Bestseller Les Bienveillantes nach der Lektüre Hilbergs und mit Bezug auf seinen eigenen Film „Shoah“ konzipiert hat. Marginalienband zum Buch, ISBN 978-3-8270-0789-6, S. 15. Zuerst in der FAZ. Hilberg starb im Alter von 81 Jahren an Lungenkrebs. In erster Ehe war er mit Christine Hemenway verheiratet. Er hinterließ zwei Kinder aus dieser Ehe und seine zweite Ehefrau Gwendolyn, geborene Montgomery.
Werk Für sein 1954 fertiggestelltes Hauptwerk The Destruction of the European Jews (Die Vernichtung der europäischen Juden) wertete Hilberg zahllose Quellen aus, um die gesamte Geschichte des Holocausts zu analysieren. Erst nach sechs Jahren und fünf Verlagen wurde seine Dissertation von dem kleinen amerikanischen Verlag Quadrangle Books (Chicago) verlegt (engl. The Destruction of the European Jews, 1961). Ein wohlhabender Gönner, Frank Petschek,zu Petschek siehe Schwere moralische Schuld. In: Die Zeit, 9/1995. finanzierte eine Auflage von 5.500 Exemplaren, um diese wenigstens Bibliotheken anbieten zu können.Geschichte reicht in die Gegenwart. In: NZZ, 10. Dezember 2002 Historiker von Yad Vashem beanstandeten Hilbergs kritische Einschätzung des aktiven und passiven jüdischen Widerstandes. Hans Mommsen führt für diese Abwehr folgenden Grund an: „Zu Beginn der 50er Jahre neigten fast alle Überlebenden, auch die jüdischen Verbände in den USA, sowie die internationale historische Forschung dazu, die Erinnerung an den Holocaust herunterzuspielen, ja zu verdrängen.“Hans Mommsen: Auch bei Hannah Arendt, die 1959 ein Gutachten zu Hilbergs Dissertation verfasste, stieß seine akribische Untersuchung zunächst auf Ablehnung.Götz Aly: Logik des Grauens. In: Die Zeit, 23/2006 Der deutsche Verlag Droemer Knaur, der bereits 1963 die Rechte an Hilbergs Werk erworben hatte, entschied sich Ende 1965 gegen eine Veröffentlichung des Buchs. Eine Rolle spielte nach Götz Aly ein negatives Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte.Götz Aly, Nur mit Genehmigung des Instituts für Zeitgeschichte, Perlentaucher, 18. Oktober 2017 Der Cheflektor von Knaur, Fritz Bolle, hatte, wie Aly herausfand, außerdem eine Vergangenheit als Verwalter in einem nationalsozialistischen Zwangsarbeitslager. Auch die Verlage Rowohlt und Beck lehnten eine Publikation ab, andere schwiegen zum Thema. Die Veröffentlichung wurde „systematisch hintertrieben“, weil oder obwohl Hilbergs Register „tausende Namen von Schreibtischtätern und Exzessmördern, Unternehmen und Behörden, Konzentrationslagern und Hinrichtungsplätzen“ enthielt.Jürgen Hanreich: Das späte Urteil – Ein Münchner NS-Prozess oder das Versagen der Nachkriegsjustiz, Volk Verlag München, 2019, S. 157, ISBN 978-3-86222-294-0 Das veranlasste Heinz Höhne 1979 im Spiegel von einer „seit Jahren überfälligen Übersetzung“ zu sprechen. Im Jahr 1980 wurde eine deutsche Übersetzung von den Gutachtern des Instituts für Zeitgeschichte erneut abgelehnt.Süddeutsche Zeitung, 21./22. Oktober 2017, Seite 3.
Der Berliner Kleinverlag Olle & Wolter ließ das umfangreiche Buch übersetzen und brachte es 1982 in einer gebundenen Ausgabe auf Grundlage der Originalausgabe von 1961 heraus. Trotz guter Rezensionen erreichte das Werk wegen seines durch den großen Umfang und die geringe Auflage bedingten hohen Preises nur einen kleinen Leserkreis. Auch die ebenfalls hochpreisige Lizenzausgabe, die im selben Jahr 1982 in der Büchergilde Gutenberg erschien, konnte daran wenig ändern. Walter Pehle, Lektor für Zeitgeschichte im S. Fischer Verlag, gelang es 1990 gegen interne Widerstände, Hilbergs Hauptwerk als preiswertes Taschenbuch in drei Bänden neu aufzulegen. Mommsen urteilt, dass damit ein „Stück skandalöser Einschränkung der Publikationsfreiheit in der Bundesrepublik beendet wurde“. Im Nachruf der Frankfurter Rundschau wurde moniert, dass eine „Publikationsgeschichte von Raul Hilbergs Hauptwerk […] noch nicht geschrieben“ worden sei. in: FR, 7. August 2007. Tatsächlich geht Hilberg jedoch in Unerbetene Erinnerung ausführlich auf seine Versuche ein, zur Publikation zu gelangen, sowohl in den USA als auch in der BRD, schildert Treffen und zitiert Briefe dazu. In seinem am 18. Oktober 2017 auf der Konferenz Raul Hilberg und die Holocaust-Historiographie – Eine Tagung aus Anlass seines 10. Todestages gehaltenen Vortrag Wie das Institut für Zeitgeschichte Raul Hilbergs großes Werk über den Holocaust blockiertehttps://www.hundertvierzehn.de/artikel/wie-das-institut-für-zeitgeschichte-raul-hilbergs-großes-werk-über-den-holocaust-blockierte?j=1685959&[email protected]&l=104_HTML&u=40519208&mid=6365937&jb=4 führte der Historiker Götz Aly aus, dass zwei Gutachten des Institutes von der Publikation von Hilbergs Buch dezidiert abgeraten hätten. Erst am 22. Oktober 2012 veranstaltete Yad Vashem ein internationales Symposium anlässlich der Publikation der hebräischen Übersetzung von Hilbergs Hauptwerk.Einladung von Yad Vashem zum Symposium; Tweet vom Symposium
Hilbergs umfassende Darstellung der Shoah gilt weiterhin als Standardwerk zum Thema und wurde vom Autor ständig aktualisiert. Der Autor wies darin auf die vielen mitwirkenden Personen und nationalsozialistischen Organisationen hin, die durch Forderungen und Initiativen zur Entschlussbildung der „Endlösung“ beitrugen.René Schlott: Chronist der Vernichtung / Raul Hilbergs bahnbrechende Studie über den Holocaust erschien 1961, die Übersetzung ins Deutsche erst zwei Jahrzehnte später. Auch wegen Widerstands im Institut für Zeitgeschichte. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 1. Juni 2026, Seite 6
Hilberg setzte sich damit von intentionalistischen Historikern der NS-Forschung wie Eberhard Jäckel, Helmut Krausnick oder Klaus Hildebrand ab, die behaupteten, Hitler habe mit der „Endlösung“ seine lange vorher gefassten Pläne stringent umgesetzt. Ähnlich wie die Funktionalisten unter den Historikern, namentlich Martin Broszat, Hans Mommsen und Christopher Browning, deutete Raul Hilberg den Entschluss zum Holocaust als prozesshaften Vorgang einer kumulativen Radikalisierung, der allerdings ohne die Person Hitlers nicht denkbar wäre:
Hilberg vertrat die Meinung, dass es den Tätern durch die strikte Arbeitsteilung bei der „Endlösung“ ermöglicht worden sei, sich als „kleines Rädchen im Getriebe“ zu empfinden und sich selbst von einer persönlichen Verantwortung freizusprechen.Hilberg: Täter, Opfer, Zuschauer, S. 9. Diese Deutung ist teilweise umstritten, der Kritik nach lässt sie außer Acht, dass ein gewichtiger Anteil als Augenzeuge oder Täter unmittelbar am Tötungsprozess beteiligt war.Michael Kißener: Das Dritte Reich. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, ISBN 3-534-14726-X, S. 39.
In einem Interview anlässlich einer Tagung des Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien im Jahr 2006 schätzte Hilberg den Anteil des bis dahin erforschten Geschehens des Holocausts auf 20 Prozent.„Holocaust: „Wir wissen erst 20 Prozent“. Zur Tagung des neuen „Wiesenthal-Instituts“ war der Begründer der Holocaust-Forschung, Raul Hilberg, in Wien, 10.–11. Juni 2006.“ Standard-Interview, 9. Juni 2006Der Standard: Herr Hilberg, weiß man heute so gut wie alles über den Holocaust?Hilberg: „So gut wie 20 Prozent. Hierzulande und natürlich in Deutschland ist der Fortschritt schon größer, aber wenn man nach Tschechien geht, weiß man noch fast gar nichts. Die Akten sind noch nicht zugänglich. Wir wissen überhaupt nicht sehr viel über den Osten. Zweitens wissen wir nicht sehr viel über manche Organisationen – die Organisation Todt (Zwangsarbeit [Anm.]) reichte von den Kanalinseln bis zum Süden der Ukraine. Und über das Leben der jüdischen Gemeinden wissen wir sehr wenig. Es wurde nicht so geforscht, weil man bestimmte Dinge dass die Armen zuerst starben und dann erst die Wohlhabenden – nicht so genau wissen wollte. Und was ist vor allem mit diesen vielen, vielen Zuschauern?“
Zitate
Mitgliedschaften President’s Commission on the Holocaust (bei US-Präsident Jimmy Carter) United States Holocaust Memorial Council Amerikanische Gesellschaft für internationales Recht Jewish Studies Association
Schriften (Auswahl) mini|hochkant|Erstausgabe (1961) mini|hochkant|Perpetrators (1992) The Destruction of the European Jews. Quadrangle, Chicago 1961. Deutsche Erstausgabe: Herausgegeben von Ulf Wolter, aus dem Englischen von Christian Seeger u. a.: Die Vernichtung der europäischen Juden; die Gesamtgeschichte des Holocaust. Olle & Wolter, Berlin 1982, ISBN 3-88395-431-4. Aktuelle deutsche Ausgabe: 11., durchgesehene und erweiterte Auflage. 3 Bände in Kassette. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-596-24417-1. Neue und ergänzte Ausgabe. Mit einem Vorwort von René Schlott. Hardcover, 1472 Seiten, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2023, ISBN 978-3-10-397530-7. The Role of the German Railroads in the Destruction of the Jews. Manuskript, 1976.