Armide ist eine Oper (LWV 71, Originalbezeichnung: „Tragédie en musique“) in einem Prolog und fünf Akten von Jean-Baptiste Lully. Das Libretto von Philippe Quinault basiert auf Torquato Tassos Epos Das befreite Jerusalem. Die Uraufführung fand am 15. Februar 1686 im Théâtre du Palais-Royal der Pariser Oper statt.
Handlung
Prolog
Ein Palast
mini|links|Szene aus dem Prolog
La Gloire (die Allegorie des Ruhms) und La Sagesse (die Allegorie der Weisheit) preisen, unterstützt von ihrem jeweiligen Gefolge, einen unbenannten Helden (König Ludwig XIV.) und streiten darum, wen von ihnen dieser Held bevorzugt. Sie einigen sich schließlich darauf, dass La Gloire in Kriegszeiten der Vorrang gebühre, im Frieden aber La Sagesse. Letztere erinnert daran, dass ihr Held sie zu einem Schauspiel eingeladen habe, in dem Renaud zugunsten des Ruhmes auf seine Liebe zur Zauberin Armide verzichte.
Erster Akt
Platz in Damaskus mit einem Triumphbogen
Szene 1. Armide, die zauberkundige Prinzessin von Damaskus, wurde von ihrem Geliebten Renaud verschmäht und klagt ihr Leid ihren Gefährtinnen Phénice und Sidonie. Die beiden erinnern sie an den kürzlich errungenen Sieg über das Kreuzfahrerheer Godefrois (Gottfried von Bouillon). Doch nichts kann Armides Stimmung heben: Sie hat im Traum gesehen, wie Renaud ihr Herz durchbohrte (Armide: „Un songe affreux m’inspire une fureur nouvelle“).
Szene 2. Der alte Hidraot, Armides Onkel und König von Damaskus, erscheint mit seinem Gefolge. Er wünscht nichts mehr, als dass Armide einen würdigen Gatten finde, der nach ihm über das Reich herrschen könne. Armide erklärt, dass sie nur denjenigen heiraten werde, der zuvor Renaud im Kampf besiegt habe.
Szene 3. Das Volk von Damaskus feiert Armides Sieg mit Tanz und Gesang (Hidraot und Chor: „Armide est encor plus aimable“). Phénice und Sidonie stimmen ein: Armide habe die Gegner ohne Kriegswaffen, allein durch ihre Schönheit, bezwungen (Chor und Phénice: „Que la douceur d’un triomphe est extrême“).
Szene 4. Der Heerführer Aronte stolpert verwundet mit zerbrochenem Schwert herein und berichtet, dass die von ihm bewachten Gefangenen von einem einzigen unbesiegbaren Helden befreit wurden. Wie Armide sogleich ahnt, handelt es sich um Renaud. Alle schwören Rache (Armide, Hidraot und Chor: „Poursuivons jusqu’au trépas“).
Zweiter Akt
Landschaft, in der ein Fluss eine anmutige Insel bildet
mini|links|Szene aus dem zweiten Akt
Szene 1. Der Ritter Artémidore dankt seinem Befreier Renaud, der ihn zurück zum Kreuzfahrerlager schickt. Renaud selbst kann nicht dorthin zurückkehren, da er – von Gernaud fälschlich eines Vergehens beschuldigt – von Godefroi verbannt worden war. Renaud will nun allein neue Abenteuer suchen. Die Warnung Artémidores vor Armide tut er mit den Worten ab, dass sie ihn auch bei ihrer letzten Begegnung nicht bezirzen konnte. Beide gehen.
Szene 2. Hidraot führt Armide herbei. Er hat Dämonen beschworen, die an diesem abgelegenen Ort erscheinen sollen. Da sich noch kein Ungeheuer sehen lässt, sprechen beide gemeinsam erneut einen Zauber, um ihre Geister herbeizurufen und Renaud zu bezirzen (Hidraot und Armide: „Esprits de haine et de rage“). In einer Vision sieht Armide, wie sich Renaud dem Flussufer nähert. Sie zieht sich mit Hidraot zurück.
Szene 3. Am Ufer angekommen besingt der bezirzte Renaud die Schönheit der Natur (Renaud: „Plus j’observe ces lieux et plus je les admire“). Er wird von Müdigkeit überwältigt und schläft ein.
Szene 4. Eine Naïade, Nymphen, Hirten und Schäferinnen erscheinen – es sind in Wirklichkeit die von Armide beschworenen Dämonen in verwandelter Gestalt. Sie tanzen, besingen das friedliche Leben und die Liebe und umwinden Renaud mit Blumengirlanden („Au tems heureux où l’on sçait plaire“).
Szene 5. Armide sieht ihre Chance zur Rache gekommen und nähert sich mit einem Dolch dem schlafenden Renaud (Armide: „Enfin, il est en ma puissance“). Doch plötzlich wird sie erneut von Liebe zu ihm überwältigt. Ihr Zorn verfliegt. Aus Scham über ihr Unvermögen fordert sie ihre Dämonen auf, sich in Zephyre zu verwandeln und sie beide weit weg in die Wüste zu tragen (Armide: „Venez, secondez mes desirs“).
Dritter Akt
Eine Wüste
mini|links|Szene aus dem dritten Akt
Szene 1. Armide wird von Selbstzweifeln geplagt (Armide: „Ah! si la liberté me doit être ravie“).
Szene 2. Phénice, Sidonie bemühen sich, ihre Herrin zu trösten. Schließlich befindet sich Renaud jetzt in ihrer Gewalt und muss ihrem Liebeszauber erliegen. Doch Armide kann sich mit erzwungener Liebe nicht zufriedengeben (Armide: „De mes plus doux regards Renaud sçût se défendre“). Sie beschließt, ihre Liebe durch Hass zu ersetzen (Armide: „Quelle vengeance ai-je à prétendre“).
Szene 3. Wieder allein, ruft Armide La Haine, die Furie des Hasses, herbei, um ihre Liebe zu vertreiben (Armide: „Venez, venez, Haine implacable“).
Szene 4. La Haine erscheint mit ihrem Gefolge. Sie erfüllt gerne Armides Wunsch, die Liebe in ihrem Herzen zu vernichten (La Haine: „Je réponds à tes vœux, ta vois s’est fait entendre“). Doch als die Beschwörung (ein Furientanz) in vollem Gange ist, ruft Armide Einhalt, da sie sich anders besonnen hat. La Haine fühlt sich von ihr verhöhnt und schwört, ihr nie wieder zu Hilfe zu kommen. Amor werde sie ins Verderben führen.
Vierter Akt
Dieselbe Einöde, deren Abgründe sich öffnen; danach Verwandlung in eine liebliche Landschaft
mini|links|Szene aus dem vierten Akt
Szene 1. Ubalde und der dänische Ritter wurden von Godefroi ausgesandt, um Renaud aus den Fängen Armides zu befreien. Ubalde hat, um ihren Zauberkräften zu entgehen, von einem Magier einen diamantenen Schild und ein goldenes Zepter erhalten. Der dänische Ritter trägt einen Degen, den er Renaud übergeben soll. Nebel erhebt sich und verteilt sich in der Wüste des dritten Akts. Verschiedene Ungeheuer stellen sich den beiden entgegen (Ubalde und der dänische Ritter: „Ah! que d’objets horribles!“), doch Ubalde kann sie mit seinem Zepter vertreiben. Auch der Nebel verschwindet. Die Wüste verwandelt sich in eine liebliche Landschaft. Sie sind zuversichtlich, Renaud zu finden und für den Kreuzzug zurückgewinnen zu können.
Szene 2. Ein Dämon erscheint in der Gestalt Lucindes, der Geliebten des dänischen Ritters, und versucht diesen zu betören (Lucinde und Chor: „Voici la charmante retraite“). Der dänische Ritter kann sich von ihr nicht losreißen und ignoriert alle Warnungen Ubaldes. Doch als dieser sie mit dem goldenen Zepter berührt, verschwindet sie auf der Stelle.
Szene 3. Ubalde versichert dem dänischen Ritter, dass die Erscheinung nur ein Trugbild war (Ubalde und der dänische Ritter: „Ce que l’amour a de charmant“). Er selbst glaubt sich vor derartigen Verirrungen sicher, da er seine Geliebte verlassen hat, um sich ganz dem Ruhm zu widmen.
Szene 4. Ein Dämon in der Gestalt von Ubaldes ehemaliger Geliebter Melisse erscheint. Diesmal ignoriert Ubalde die Warnungen des dänischen Ritters. Dieser entreißt ihm den Zepter, berührt Melisse und vertreibt sie so. Die beiden Ritter beschließen, in Zukunft vorsichtiger zu sein und sich zu beeilen, den Palast Armides zu erreichen (Ubalde und der dänische Ritter: „Que deviens l’objet qui m’enflâme?“).
Fünfter Akt
Der verzauberte Palast Armides
mini|links|Jean Bérain: Die Zerstörung von Armides Palast mit Dämonen am Himmel, 1686
Szene 1. Renaud ist Armide nun völlig verfallen. Unbewaffnet, mit Blumengirlanden geschmückt, hält er sich in ihrem Palast auf. Doch Armide wird von bösen Vorahnungen geplagt. Sie macht sich auf den Weg in die Unterwelt, um dort Rat zu suchen. Während ihrer Abwesenheit sollen die Genien der Freude ihren Geliebten unterhalten.
Szene 2. Die Genien der Freude und Chöre seliger Liebender erscheinen zu einem Divertissement – einer ausgedehnten Passacaille mit gesungenen Zwischenspielen und Tänzen („Les plaisirs ont choisi pour azile“). Doch Renaud zieht die Einsamkeit vor, solange seine Geliebte nicht bei ihm ist. Die Genien und Chöre ziehen sich zurück.
mini|Charles-Antoine Coypel: Die Zerstörung von Armides Palast, 1737
Szene 3. Ubalde und der dänische Ritter haben ihr Ziel erreicht und treffen Renaud allein an. Nachdem Ubalde ihm den Diamantschild vor die Augen gehalten hat, verfliegt seine Verzauberung. Sie teilen ihm mit, dass ihr Heerführer ihn zurück zum Kampf rufe. Renaud reißt die Blumengirlanden herunter und erhält den Diamantschild von Ubalde und den Degen vom dänischen Ritter. Er ist bereit zur Abreise.
Szene 4. Bevor die drei den Palast verlassen können, kehrt Armide zurück. Sie fleht Renaud an, zu bleiben, oder sie wenigstens als Gefangene mitzunehmen. Doch Renaud ist fest entschlossen, seine Pflicht wieder aufzunehmen. Er versichert ihr lediglich, dass er ihrer ewig gedenken werde. Nun verlegt sich Armide auf Drohungen, aber auch diese bewirken nichts mehr. Nach einem letzten Ausdruck des Bedauerns verlässt Renaud mit seinen Gefährten den Zauberpalast.
Szene 5. Armide ist allein zurückgeblieben. Nach einer Klage über den Verlust Renauds erinnert sie sich an die Prophezeiung La Haines (Armide: „Le perfide Renaud me fuit“). Nun bleibt ihr nur noch die Rache. Verzweifelt befiehlt sie ihren Furien und Dämonen, den Zauberpalast niederzureißen. Anschließend entfernt sie sich in einem fliegenden Wagen.
Gestaltung
Instrumentation
Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:
zwei Flöten (Blockflöten) zwei Oboen Fagott Streicher Basso continuo
Musik
Die Oper besteht aus Rezitativen und geschlossenen Formen mit integrierten Tänzen, Orchestersätzen und Chören. Im Werk Lullys bildet sie den Endpunkt einer Tendenz zu immer ausdrucksstärkeren Rezitativen und einer immer sorgfältiger ausgearbeiteten musikalischen Struktur. Auch dem Sologesang wird zunehmend größerer Stellenwert beigemessen. Anders als in einigen späteren Vertonungen desselben Sujets steht bei Lully nicht der innere Konflikt Renauds zwischen Liebe und Pflicht im Mittelpunkt, sondern die zwischen Liebe und Hass schwankenden Gefühle Armides für Renaud. Ihre Szenen hinterlassen entsprechend auch beim Zuhörer den größten Eindruck.
Bedeutende Stücke der Oper sind:
Armides von tiefen Streichern begleitete Auftrittsszene „Un songe affreux m’inspire une fureur nouvelle“ nach einem Vorspiel im „Dämonentopos“ (erster Akt, Szene 1) Die Beschwörung der Dämonen durch Armide und Hidraot (zweiter Akt, Szene 2): variierte Wiederaufnahme des dämonischen Vorspiels vom Beginn mit straffen Rhythmen und Dissonanzen. Das Duett „Esprits de haine et de rage“ ist durch Tonrepetitionen gekennzeichnet. Renauds Szene „Plus j’observe ces lieux et plus je les admire“ (zweiter Akt, Szene 3) zu einer pastoralen Begleitung von Blockflöten und gedämpften Streichern. Johann Sebastian Bach zitierte diese Musik fast notengetreu im Begleitchor „So schlafen unsere Sünden ein“ der Tenor-Arie „Ich will bei meinem Jesu wachen“ seiner Matthäuspassion.Hellmuth Christian Wolff: J.S. Bach und Frankreich, Das Musikleben, Heft 3, 3. Jahrgang, März 1950, S. 67. Auch die Arie „Cara sposa, amante cara“ in Händels Rinaldo (erster Akt, Szene 7) ist möglicherweise von dieser Schlafszene inspiriert.Jérôme de La Gorce: Jean-Baptiste Lully, [Paris] 2002, S. 684. Insgesamt ergibt die Figur des Renaud bei Lully aber einen schwachen Helden, der ein bisschen blass wirkt.Philippe Beaussant: Lully ou Le Musicien du Soleil. Gallimard, Paris 1992, ISBN 2-07-072478-6, S. 692 u. 705. Nach einem dämonischen Orchestervorspiel bildet Armides berühmter vom Generalbass begleiteter Monolog „Enfin, il est en ma puissance“ (zweiter Akt, Szene 5) in Tonart und Klang einen starken Kontrast zu der vorangegangenen Szene Renauds. Am Beginn des dritten Akts steht mit „Ah! si la liberté me doit être ravie“ ein weiterer Monolog Armides, diesmal vom Orchester begleitet. Der nächste Monolog Armides, die Beschwörung des Hasses in „Venez, venez, Haine implacable“ (dritter Akt, Szene 3), entwickelt sich über einer wilden Basslinie.