Unter Unternehmenswachstum versteht man in der Betriebswirtschaftslehre die nachhaltige Steigerung der Betriebsgröße eines Unternehmens in quantitativer oder auch qualitativer Hinsicht.
Allgemeines Im Kern der für den Wachstumsprozess relevanten Entscheidungen steht dabei die Abwägung über Erweiterungsinvestitionen bei Produktionsfaktoren zur Mehrung des Unternehmenswerts. Diese Ressourcen können physischer (z. B. Sachanlagevermögen) sowie nicht-physischer Natur (z. B. immaterielles Vermögen, Human Resources, Wissensausbau und Wissenstransfer) sein. Hierin liegt für die gängigen Theorien der Unternehmensführung – insbesondere die Theorien der wertorientierten Unternehmensführung – das dominante Motiv unternehmerischen Handelns überhaupt. Betriebswirtschaftliche Kennzahl zur Messung des Unternehmenswachstums ist die Wachstumsrate, der die Umsatzerlöse zugrunde gelegt werden.
Arten Zu unterscheiden ist zwischen dem internen (organisches Wachstum) und externen (anorganisches Wachstum) Unternehmenswachstum. Das interne vollzieht sich aus eigener Kraft durch Erweiterungsinvestitionen und damit einhergehender Vergrößerung der Kapazität und Betriebsgröße, das externe durch Unternehmenskäufe oder Fusionen. Die Unternehmensführung muss für beide eine Wachstumsstrategie konzipieren, wobei sie bei hohem Marktpotenzial auf das interne, bei Marktsättigung eher auf externes Unternehmenswachstum setzen sollte, da auf Verdrängungsmärkten organisches Wachstum oft kaum noch zu erreichen ist.
Weiterhin kann eine Unterscheidung zwischen qualitativem und quantitativem Wachstum erfolgen. Von qualitativem Wachstum wird gesprochen, wenn sich das Unternehmen im Hinblick auf seine „Leistungsfähigkeit“ verbessert hat, sich also an Kriterien orientiert, welche nicht ohne Weiteres quantifiziert, sondern nur subjektiv beurteilt werden können. Qualitatives Wachstum ergänzt sich jedoch wechselseitig mit quantitativem Wachstum: Das Unternehmen muss beispielsweise die Fähigkeiten seiner Mitarbeiter optimieren, um mengenmäßiges Wachstum zu ermöglichen. Gleichzeitig erhöhen sich dadurch die Fähigkeiten der Mitarbeiter bei steigender Ausbringungsmenge (Effekt der Erfahrungskurve). Quantitatives Wachstum entspricht der Zunahme des investierten Vermögens am Ende und zu Beginn einer betrachteten Periode, gemessen entweder als absolute (Wachstum) oder relative (Wachstumsrate) Differenzgröße. Das quantitative Wachstum kann weiterhin nach Mengengrößen und Wertgrößen unterschieden werden.
Kriterien für ein nachhaltiges Wachstum sind u. a. Stetigkeit, solide Finanzierung, qualifizierte Ressourcen und Ressourcenschonung.
Unternehmenswachstum ist zu unterscheiden von dem durch die Finanzmärkte getriebenen Anstieg der Marktkapitalisierung.
Operationalisierung und Messung Traditionelle Messgrößen des Unternehmenswachstums waren bei Nichtbanken die Umsatzerlöse oder die Bilanzsumme, bei Kreditinstituten das Geschäftsvolumen, bei Versicherungen das Aufkommen an Versicherungsprämien.
Weitere häufig in der Literatur anzutreffende Operationalisierungskriterien für Wachstum und ihnen zugehörige Messgrößen sind Einsatz der Produktionsfaktoren während der Perioden (z. B. Anzahl der Beschäftigten, Verbrauch an Rohstoffen, Abschreibungen); Kapitaleinsatz (Eigenkapital, Fremdkapital, betriebsnotwendiges Kapital), Kapazität (maximal mögliches Produktionsvolumen); Leistung (Produktionsmenge, Absatzmenge, Umsatz, Wertschöpfung); Unternehmenserfolg (Gewinn, Marktkapitalisierung, Kapitalwert, Ertragswert).Siegfried G. Schoppe, Moderne Theorie der Unternehmung, 1995, S. 22
Basierend auf der Definition der Unternehmensgröße als „Höhe des investierten Vermögens“ wird das Wachstum eines Unternehmens heute meist als Zunahme des investierten Vermögens infolge von Nettoinvestitionen in bestehende oder neue Ressourcen oder Ressourcenkombinationen definiert. Unternehmenswachstum liegt folglich dann vor, wenn ein Unternehmen in neue Ressourcen (Vermögen, Mitarbeiter, Geschäftsmodelle usw.) mehr investiert als Ressourcen abgeschrieben worden sind. Nicht alle Ressourcen, die für das Wachstum erforderlich sind, können anhand von Preisen quantifiziert werden (Humankapital, Patente, Reputation).
Die Ermittlung des Wachstums des Kapitalstocks bezogen auf eine bestimmte Periode kann anhand zweier Differenzgrößen erfolgen: Zum einen lässt sich das Unternehmenswachstum als absolute Differenzgröße des investierten Vermögens zu Beginn und zum Ende einer betrachteten Periode bestimmen (absolutes Unternehmenswachstum). Zum anderen kann das Unternehmenswachstum in Relation zur Unternehmensgröße zu Beginn und zum Ende einer Periode betrachtet werden (relatives Unternehmenswachstum). Dazu dienen die von Alfred Rappaport entwickelte Kapitalwertrechnung, eine Weiterentwicklung der klassischen Investitionsrechnung, und die von Merton Miller und Franco Modigliani entwickelten Bewertungssansätze.
Im Rahmen der wertorientierten Unternehmensführung ist das Ziel immer häufiger nicht mehr das Wachstum des Kapitalstocks, sondern die Marktkapitalisierung, d. h. die Steigerung des Börsenwerts eines Unternehmens.Zur am Shareholder value orientierten Unternehmensführung siehe zuerst Alfred Rappaport, Creating Shareholder Value. The new Standard for Business Performance, Free Press, New York, 1986 (englisch)
Theorien des Unternehmenswachstums Das Wachstumsphänomen zeigt sich als ausgesprochen interdisziplinäres Forschungsfeld: Unter anderem wird der Themenkomplex von der Ökonomie, der Soziologie, der Wirtschaftspsychologie sowie der Organisations- und Entscheidungstheorie analysiert.
Die große Bandbreite wachstumstheoretischer Ansätze in der Ökonomie und der daraus abgeleiteten recht heterogenen Managementansätze sorgt auch heute für eine Unschärfe in der Definition des Unternehmenswachstumsbegriffs. Im FolgendenIn Anlehnung an Jordi Canals, Managing corporate growth, 2000, S. 20; sowie an Theresia Theurl, Theorie der Unternehmung, 2007, S. 107 ff. wird ein Überblick über die verschiedenen Zugänge gegeben.
In der Ökonomie gelten Wachstumstheorien als wichtige Elemente einer modernen Theorie der Unternehmung. Ihr Fundament bildet das neoklassische Modell mit der Unterstellung eines vollständigen Wettbewerbs. Es sieht das Unternehmenswachstum als eine Bewegung hin zur optimalen Unternehmensgröße im Minimum der langfristigen Durchschnittskosten. Die hieraus hervorgegangenen Theorien ergänzen die von der Neoklassik definierte Produktionsfunktion. Der entsprechende Verlauf der Produktionsfunktion beruht auf der Annahme weitgehender Substituierbarkeit sämtlicher Produktionsfaktoren. Substitutionalität stellt jedoch für die industrielle Produktion eher den Ausnahmefall dar; hier herrschen vielmehr weitgehend limitationale Zusammenhange vor. Auch entstehen Kosten für wachstumsrelevante Potenzialfaktoren (z. B. Löhne für gerade nicht benötigte Spezialisten oder Kosten für Forschung), die nicht in das Produkt eingehen.
Die handlungsorientierten betriebswirtschaftlichen Theorien sehen in Unternehmenswachstum vor allem eine Gestaltungsaufgabe des Managements. Unternehmenswachstum oder das Erreichen einer optimalen Betriebsgröße ist jedoch nicht das Ziel des dispositiven Handelns, sondern eine Folge. Vier Sichtweisen auf Prozesse des Unternehmenswachstums sind prägend: Die mikroökonomische Sichtweise, die das Problem der Optimierung der Transaktionskosten hervorhebt, vertreten durch unter anderem Ronald Coase (1937) und Oliver E. Williamson (1975), die ressourcenbasierte Theorie von Edith Penrose (1959), die evolutionsökonomische Sichtweise von Richard R. Nelson und Sidney G. Winter (1982) sowie der Corporate-Strategy-Ansatz von Alfred D. Chandler, Jr. (1962), Harry Igor Ansoff (1965) und anderen. Aus der Perspektive der Theorie des organisatorischen Lernens wird von Larry E. Greiner (1972) die Frage aufgeworfen, wie rasches ökonomisches Unternehmenswachstum organisatorisch bewältigt werden kann. Ergänzend hierzu werden auch evolutionsbiologische Theorien diskutiert, welche Unternehmen analog zu organischen Systemen betrachten. Diese werden jedoch als zu deskriptiv und oberflächlich kritisiert. Es existiert bis heute keine schlüssige und konsistente Gesamttheorie hinsichtlich Entstehung, Motivation und Prozess des Unternehmenswachstums.
Im Folgenden werden einige der in der Literatur häufiger diskutierten Theorien mit ihren Kernaussagen zum Unternehmenswachstum und seinen Treibern skizziert.
Bücher (1910): Gesetz der Massenproduktion: Eine Verbesserung von Produktionsverfahren rentiert sich ab bestimmten Unternehmensmindestgrößen. Bei konstanten variablen Stückkosten sinken die Gesamtstückkosten hyperbolisch.Karl Bücher: Gesetz der Massenproduktion. In: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft. 1910, S. 429–444, und: Ders.: Die Entstehung der Volkswirtschaft. Band II, 1920, S. 89–106. Clark (1917): Nachfrageinduzierte Akzeleration. Unternehmen wachsen als Ergebnis nachfrageorientierter Investitionsentscheidungen.John Maurice Clark: Business Acceleration and the Law of Demand. In: The Journal of Political Economy. 25(1917), 1917, S. 217ff. Gibrat (1931): Gesetz der Normalverteilung der Unternehmensgrößen. Die Unternehmensgrößen sind anfänglich normalverteilt, die Wachstumsraten sind unabhängig von Größe und vergangenen Wachstum. Daraus entsteht mit der Zeit eine log-normale Verteilung der Unternehmensgrößen.Robert Gibrat: Les Inégalités Économiques. 1931. Coase (1937), Williamson (1975): Mikroökonomische Sichtweise. Betrachtung von Unternehmen als Produktionsfunktion, die durch Handeln des Managements (bzw. des Entrepreneurs) auf Basis einer optimierten Ressourcenallokation die optimale Unternehmensgröße erreicht. Durch Gründung und Wachstum eines Unternehmens ist es möglich, mehr Leistungen intern zu erstellen und die im einfachen neoklassischen Modell fehlenden Transaktionskosten, also Kosten, die mit dem Bezug von Vorleistungen über den Markt verbunden sind, zu vermeiden.Ronald Harry Coase: The Nature of the Firm. In: Economica. 4(16), 1937, S. 386–405; Oliver Eaton Williamson (1975): Markets and hierarchies. Analysis and antitrust implications: a study in the economics of internal organization. Allerdings wird das Größenwachstum durch den Anstieg der internen Verwaltungs- und Organisationskosten begrenzt.Ulrich Mill, Hans-Jürgen Weißbach: Vernetzungswirtschaft, in T. Malsch, U. Mill (Hrsg.): ArBYTE. Modernisierung der Industriesoziologie, Sigma, Berlin 1992, S. 315–342. Lohmann (1949), Ruchti (1953): Lohmann-Ruchti-Effekt. Verbrauchsbedingte Abschreibungen sind die wichtigste Reinvestitionsquelle für Neuinvestitionen (Unternehmenswachstum).Martin Lohmann: Abschreibungen, was sie sind und was sie nicht sind. In: Der Wirtschaftsprüfer. 1949, S. 353ff.; Hans Ruchti (1953): Die Abschreibung. 1949, S. 91ff. Haire (1959): Biologisches Wachstumsmodell. Es gibt feste Zusammenhänge zwischen Größe, Form und Funktion von Unternehmen ebenso wie bei Lebewesen. Mit dem Unternehmenswachstum steigt die Kontrollspanne (Zahl der Untergebenen) der Vorgesetzten auf jeder Ebene; die sog. „organischen“ Kapazitäten wachsen schneller als die produktiven.Mason Haire: Biological Models and Empirical Histories of the Growth of Organizations. In: M. Haire (Hrsg.): Modern Organization Theory. 1959, S. 272–306. Leibenstein (1960): Wachstum durch Erfahrung. Wachstum bedeutet Annäherung an die optimale Betriebsgröße im Zuge des Erfahrungsprozesses.Harvey Leibenstein: Economic Theory and Organizational Analysis. 1960. Chandler (1962): Corporate Strategy and Structure. Erfolgreiche (wachsende) Unternehmen richten ihre Organisation an Produkt und Markt aus. Die Fortentwicklung der Organisation, insbesondere durch die Einführung von Divisionen, welchen Bereichsleiter vorstehen, eröffnet die Möglichkeit zur erfolgreichen Diversifizierung und Marktausweitung.Alfred D. Chandler: Strategy and structure: chapters in the history of the industrial enterprise. 1962.