Urbanität (lateinisch: urbanitas, abgeleitet von urbanus: „städtisch“, im Weiteren von urbs: „Stadt“, im Besonderen von urbs Romæ: das antike Rom) bezeichnet eine Reihe von Zuschreibungen zur Analyse, Charakteristik oder Ontologie der Stadt, des „Städtischen“, der Stadtbewohner und ihrer Kultur, gerade auch ihrer Baukultur, Lebensführung, sozialräumlichen Strukturen, Milieus und Gemeinschaften.

Der Begriff ist ein vielschichtiger Gegenstand von Diskursen, Theorien, Kategorisierungen und Konzepten. Er bezieht sich auf ein weites Feld von Bedeutungen im Zusammenhang mit gebauter und gesellschaftlicher Stadt,Blick auf zeitgenössische „Urbanitätsdiskurse“ etwa in: Peter Dirksmeier: Urbanität als Habitus. Zur Sozialgeographie städtischen Lebens auf dem Land. transcript Verlag, Bielefeld 2009, ISBN 978-3-8376-1127-4, S. 21 ff. (online)Vgl. Andreas Feldtkeller: Die zweckentfremdete Stadt. Wider die Zerstörung des öffentlichen Raums. Campus Verlag, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-593-34921-3, S. 168, sowie Martina Baum: Urbane Orte. Ein Urbanitätskonzept und seine Anwendung zur Untersuchung transformierter Industrieareale. Dissertation Universität Karlsruhe (Fakultät für Architektur), Universitätsverlag, Karlsruhe 2008, ISBN 978-3-86644-286-3, S. 52 (online)Tanja Kronenwett: Neue Urbanität – Die neue Attraktivität des Wohnens im Zentrum, dargestellt am Beispiel Karlsruhe Südstadt. Diplomarbeit, GRIN Verlag, München 2007, ISBN 978-3-640-87106-3, S. 4 (online) insbesondere auf in Städten praktizierte Kulturtechniken und auf Ideale oder Merkmale wie Bildung, Ordnung und Unordnung, Toleranz, Freiheit, Indifferenz, soziale Distanz, Vernetzung, Diversität, Interkulturalität, Weltläufigkeit, Aufgeschlossenheit, Bürgersinn, feines Wesen, Raffinesse, Intellektualität, Kreativität, Sexualpräferenz, Höflichkeit, Eleganz und Schönheit sowie deren Ausdruck in Städtebau, Infrastruktur, Architektur, Innenarchitektur, Kunst, Kunsthandwerk, Mode, Politik, Lebensstil, Sexualpraktik, Sprache, Habitus und Umgangsformen. Seit jeher dient der Begriff der Abgrenzung des städtischen Lebens vom Leben auf dem Lande oder in Kleinstädten.Bernd Radtke: Stadtslogans zur Umsetzung der Markenidentität von Städten. Eine theoretisch-konzeptionelle und empirische Untersuchung. Dissertation Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf 2012, Springer Gabler, Springer Fachmedien, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-658-02872-5, S. 184 (PDF, online) Gegenbegriffe sind daher etwa „Rustikalität“, „Hinterwäldlertum“Abgeleitet von dem Begriff Hinterwäldler, siehe dazu weitere Erklärungen im Eintrag Hinterwäldler im Portal textlog.de (Otto Ladendorf: Historisches Schlagwörterbuch, 1906) und „Provinzialismus“. Das zugehörige Adjektiv ist urban, dessen Gegenbegriffe sind „rustikal“, „ländlich“, „provinziell“, „dörflich“, „bäurisch“ oder (bildungssprachlich) „böotisch“.

Der Vorgang der Urbanisierung bezeichnet dagegen die Verdichtung und Vergrößerung menschlicher Siedlungen. Die Urbanistik beschäftigt sich als interdisziplinäre Wissenschaft mit dem Studium von Städten.

Rhetorik Urbanität (urbanitas) war in der Rhetoriklehre der römischen Antike,Vgl. Marcus Tullius Cicero in seiner Anklage gegen C. Verres und Domitius Marsus in der Schrift de urbanitate – Reinhold Klotz: Erläuterungen zu dem zweiten Bande von M. Tullius Cicero’s Reden. S. 694 (online) des Mittelalters und der Renaissance eine zentrale Stil- und Sprachqualität. Sie meinte eine verfeinerte Eleganz des Stils, den subtilen, distanzierten Witz, den schlagenden, pikanten Ausdruck.Martin Schanz, Carl Hosius: Geschichte der römischen Literatur. Zweiter Teil: Die Zeit der Monarchie bis auf Hadrian. München 1935, C. H. Beck, unveränderter Nachdruck 1980, ISBN 3-406-01392-9, S. 175 (online) Hergeleitet von den lateinischen Begriffen homo urbanus („Städter“), urbanus homo („Schöngeist“)Carl Abel: Über einige Grundzüge der lateinischen Wortstellung. Ferd. Dümmler’s Verlagsbuchhandlung, 2. Auflage, Berlin 1871, S. 6 (online) und sermo urbanus („Stadtlatein“) verweist sie auf die literarisch verfeinerte Sprachkultur der gebildeten Schichten des antiken Roms, welche sich vom einfacheren, dialektalen Latein der Landbevölkerung, dem sermo rusticus, oder dem Vulgärlatein der Plebejer, dem sermo plebeius, unterschied.Roman Müller: Sprachbewußtsein und Sprachvariation im lateinischen Schrifttum der Antike. In: Zetemata. Monographien zur klassischen Altertumswissenschaft. Heft 111, Verlag C. H. Beck, München 2001, ISBN 3-406-48498-0, S. 219 (online)Hugo Schuchardt: Der Vokalismus des Vulgärlateins. Erster Band, Verlag von G. B. Teubner, Leipzig 1866, S. 52 (online)

Pädagogik mini|Politics in an Oyster House (Politik in einem Austerhaus), Düsseldorf 1848 – Das Gemälde von Richard Caton Woodville, das zwei verschiedene Typen von Stadtbewohnern bei einer politischen Konversation zeigt, drückt bürgerliche Streitkultur und die Entstehung einer öffentlichen Meinung als Phänomene der Urbanität des 19. Jahrhunderts aus. Der Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi stellte 1785/1786 fest, dass ein kultivierter Mensch mit Witz und Spott umgehen könne, „weil er immer in den Schranken der guten Lebensart bleibt und nie plump und baürisch wird“. Diese Eigenschaft, die in gewisser Weise an das in England geprägte Konzept des Gentleman erinnert, nannte er „Urbanitet“. Insbesondere ordnete er ihr die Fähigkeit zu, eine gepflegte Unterhaltung zu führen, ohne Einseitigkeit und Enthusiasmus in den Standpunkten und mit einer gewissen Unabhängigkeit von ökonomischen und finanziellen Verstrickungen (→ Streitkultur).Artur Buchenau, Eduard Spranger, Hans Stettbacher (Hrsg.): Pestalozzi. Sämtliche Werke. Band 9, Kritische Ausgabe, Verlag von Walter de Gruyter, Berlin 1930, S. 327Rebekka Horlacher: Bildungstheorie vor der Bildungstheorie. Die Shaftesbury-Rezeption in Deutschland und der Schweiz im 18. Jahrhundert. Dissertation Universität Zürich 2002, Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2004, ISBN 3-8260-2798-1, S. 148 (online) Daran anknüpfend verstand das beginnende 19. Jahrhundert unter Urbanität eine „feine Lebensart“ oder „Höflichkeit und Artigkeit“.Morgenblatt für die gebildeten Stände, 25. April 1812; Brockhaus Real-Encyclopädie, 1820, S. 249. – Vgl.: Zur Bedeutung von Urbanität. In: Peter Neumann: Zur Bedeutung von Urbanität in kleineren Industriestädten – untersucht am Beispiel von Hennigsdorf und Ludwigsfelde im Umland von Berlin. Münster 2002 ()

Soziologie

Urbanität wird soziologisch als kultivierte, bildungs-, reflexions- und technikorientierte Gesinnung, Attitüde bzw. Prägung bei Verhaltens- und Lebensweisen festgestellt, wie sie besonders in einer Groß- oder Weltstadt entstehen und sichtbar werden können: in kritisch-kühlem, wendigem, distanziertem Verhalten des sich in zahlreichen sozialen Rollen bewegenden und informierten Großstädters im Gegensatz zum unkundig-einspurigen „provinziellen“ Verhalten der Landbevölkerung.Vgl. Louis Wirth: Urbanism as a way of life. In: The American Journal of Sociology, 1938, 1–24; in der Nachfolge von: Georg Simmel: Die Großstädte und das Geistesleben, 1903. Soziologisch wird Urbanität daher als ein Phänomen der „Stadtkultur“ und des „städtischen Lebens“ verstanden, deren Niedergang – wie das Ende der Antike zeigt – epochale Auswirkungen haben kann.Karl Bosl: Staat und Stadt in ihrer geschichtlichen Entwicklung. In: Anton Wittmann (Hrsg.): Handbuch für Sozialkunde. Duncker & Humblot, Berlin 1956, AV1, S. 35 (online)

Geographie Urbanität beschreibt in der Sozialgeographie einerseits die durch funktionale Differenzierung gekennzeichnete Stadt, andererseits im sozialwissenschaftlichen Sinne eine durch städtische Lebensweisen geprägte Alltagswelt. Urbanität umschließt somit sowohl städtebauliche als auch funktionale, sozio-kulturelle und sozio-ökonomische Elemente einer Lebensumwelt, die als „typisch städtisch“ interpretiert werden kann.Vgl. – bezogen auf die Sozialgeographie Deutschlands – etwa: Carsten Große Starmann, Petra Klug: Demographietypen (PDF), Typ 2: Sozial heterogene Zentren der Wissensgesellschaft (PDF) und Typ 7: Urbane Zentren mit heterogener wirtschaftlicher und sozialer Dynamik (PDF) im Portal wegweiser-kommune.de (Bertelsmann Stiftung), Stand: Juli 2012

Architektur und Städtebau mini|Urbanität der Mole und Piazzetta am Markusplatz in Venedig, dargestellt in einem Gemälde von Josef Püttner, um 1862 mini|Urbanität einer Straße in Neapel, Foto von Giorgio Sommer, 19. Jahrhundert Als Zielkategorie umfasst Urbanität hier vor allem die Förderung funktionaler, baulicher, sozialer und kultureller Vielfalt und Mischung, die Ausprägung unterschiedlicher Sozialräume und Milieus (einschließlich spezifischer Räume und Milieus von Sub- und Gegenkulturen), die Wahrung und Differenzierung privater und öffentlicher Räume mit „Aufenthaltsqualität“ und „städtischer Architektur“ (→ Stadtbaukunst) sowie die Wahrnehmbarkeit der Geschichtlichkeit, Authentizität und Identität der Stadt, Stadtteile und Stadträume (→ genius loci, Atmosphäre, Wahrzeichen). Wahrgenommen wird Urbanität durch die den Eindruck von Stadt hervorrufende Anmutung eines Raums (→ Stadtbild). Sie ergibt sich aus bestimmten Mustern baulicher Strukturen – oft nicht vollständig artifiziell, sondern im Zusammenwirken mit natürlichen Faktoren wie Relief, Vegetation (Begrünung), Gewässer und Klima, zuweilen auch mit Ausblicken auf die (Stadt-) Landschaft – und aus bestimmten Mustern von Funktionen bzw. der Benutzung eines Raums durch Menschen und ihre Interaktionen. Stimmen die wahrgenommenen Muster mit dem überein, was eine Person oder eine Mehrzahl von Personen als typisch städtisch („urban“) begreift, wird dem entsprechenden Raum Urbanität zugesprochen.

Urbanität durch Dichte