mini|Andor Z. Kún (1920) André von Zombori-Kún (* 30. August 1898 in Budapest; † 29. Januar 1935 in Budapest) war ein aus Österreich-Ungarn stammender Kapellmeister, Komponist, Theaterkritiker und Schriftsteller. Er veröffentlichte Sachtexte unter seinem vollen Namen, während seine künstlerischen Werke unter dem Namen André von Kún bzw. im Ungarischen auch unter Andor Z. Kún erschienen.
Leben
Kún wurde als Sohn jüdischer Eltern geboren. Sein Vater war der Kommissionär Vilmos Kohn, geb. 30. November 1866 in Breznóbánya (jetzt Slowakei). Seine Mutter war Ernesztin Kohn, geb. Eiser, geboren am 7. August 1877 in Budapest.
Am 30. September 1915 änderte er seinen Namen Kohn in Kun.Quelle: Szül. Akvi / Geburtsregister Születési anyakönyvi kivonat Állami anyakönyvek / staatliche Matrikel, Budapest IX. Kerület / Bezirk 232. oldal / Seite 1384 / IX sorsz/Nr. 1898. augusztus 30.
Kún besuchte ein Gymnasium in Budapest, wo ihn sein Lehrer Lajos Ady (1881–1940), beeinflusst hat.Diese und die folgenden Informationen aus Kúns Jugend stammen aus seinem autobiographischen Buch „Szinpad, te vagy az álmom!“ Lajos Ady betätigte sich u. a. als Schriftsteller. Schon als Jugendlicher war Kún erstmals Redakteur einer zu Hause gestalteten kleinen Wochenzeitung namens „Pesti Revü“. Er hielt sich oft im Liget, einem Vergnügungsviertel in Budapest auf. Dort gab es die „Szabad Szinpad“ (Freie Bühne), die er oft besuchte. Er schrieb Artikel für die kleine Zeitschrift „Ligeti Újsák“, hrsg. von Ernö Kaposi. 1914–1915 hielt sich Kùn in Zürich (Schweiz) auf, um dort bei Ernst Isler (1879–1944) an der Musikakademie Zürich zu studieren. Er wurde Korrespondent für „Pesti Hetilap“, um kostenlose Karten für das Theater in Zürich zu bekommen. Er schrieb auch Operettenkritiken für die Schweizerische Musikzeitung und setzte sich für das Genre der Operette ein. Ab 1915 schrieb er Artikel für den Berliner Theater-Courir. Ab 1916 lebte er wieder in Budapest. Im Ersten Weltkrieg kämpfte Kún für Österreich-Ungarn als einjährig Freiwilliger im Infanterieregiment „Alfons XIII. König von Spanien“ Nr. 38 als Mitglied einer Maschinengewehrabteilung. 1917 hielt er sich eine Zeitlang in einem Militärkrankenhaus in Koliszvár auf.Kún war entweder dort als Patient nach einer Verwundung, oder er arbeitete dort als Sanitätskadett. In der Zeitschrift „Der Militärarzt“ wird 1916 ein Sanitätskadett i.d. R. Andor Kun erwähnt (1917 als Sanitätsleutnant). Er lernte dort Sándor Tóth, den Redakteur der Zeitschrift Szinház és Taraság (Theater und Gesellschaft) kennen und schrieb für das Blatt.Vgl. Abschnitt VII in Kúns Buch „Szinpad, te vagy az álmom“, in dem er auch autobiographische Informationen gibt. Im September 1918 war er als Redakteur für die neu gegründete Regimentszeitung tätig, die den Titel Mollináry-Ujság trug. Die erste Nummer enthielt von ihm verfasste Zeit- und gelegenheitsgemäße Aufsätze.Vgl. Pester Lloyd vom 17. September 1918, S. 10. Gemäß einem in der „Deutschen Presse“ erschienen Nachruf, leistete Kún als Honved-Offizier 4 Jahre lang Kriegsdienst und half dann „sein Land von bolschewistischen Terror zu befreien.“André von Kun + In: Deutsche Presse. Zeitschrift des Reichsverbandes der deutschen Presse Jg. 25, 1935, Nr. 6 vom 9. Februar, S. 69–70. Dieser Artikel stammt wohl von Kurt Pastenaci. Die Angabe ist mit Skepsis zu betrachten, da Kun sein Alter offenbar falsch (angeblich Geburtsjahr 1896) angegeben hat. Es liegt der Gedanke nahe, dass er seinen Wehrdienst ausführlicher machen wollte als er war. 1914 kann er sich nicht freiwillig gemeldet haben, da er tatsächlich erst 16 Jahre alt war. Nach dem Ersten Weltkrieg war Kún zunächst in Budapest tätig und erlangte Ruhm als Komponist.Nachruf aus der Zeitung Pesti hírlap vom 31. Januar 1935, S. 14 (ungarisch). 1922 schrieb er zu einem Text von István Tyrnauer die Operette „Die rätselhafte Tänzerin“ (A rejtélyes táncosnő), die vom damaligen Ensemble des Burgtheaters etwa ein Jahr lang aufgeführt wurde. Die frische, kreative, neuartige Opernmusik erregte damals lebhaftes Interesse. Er schrieb auch originelle Kabarett- und Tanzlieder, teilweise zu eigenen Texten, und nicht wenige von ihnen waren so populär, dass sie sogar auf der Straße gesungen wurden.
Andor Z. Kún war ein Theaterliebhaber und gab ein Buch mit dem Titel „Bühne, du bist mein Ideal“ heraus. Außerdem gab er 1920 ein Wochenblatt mit dem Titel „Revü“ und 1923 mit dem Titel „Műsor-Revü“ (Programm-Revue) heraus, das sich vorwiegend mit Theaterereignissen beschäftigte. Ab 1917 war er als Korrespondent für die Neue Zürcher Zeitung tätig.Dies geht aus dem Briefkopf eines von ihm an Andor Gábor geschriebenen Briefes vom 8. April 1919 hervor (Magyar Tudományos Akadémia Köyvtár Ms 4491/245) Er komponierte unter dem Namen Andor Z. Kún mindestens 85 verschiedene Musikstücke, einen Friedensmarsch (Béke induló), die Musik für den Stummfilm „Beszéljen a papával“ (1922) und eine Gesangsposse. Gleichzeitig war er aber auch als Theaterkritiker tätig. Für die Zeitschrift „A Hét“ (Die Woche) schrieb er 1920 und 1921 drei Kritiken zu den Operetten San Toy, Yu-shi, Búzavirág, und A Bálkirályné.A Hét, (1920), Heft 34, S. 524–525; (1921), Heft 5, S. 76. Die Universitätsbibliothek in Szeged hat digitalisierte Versionen der Zeitschrift online gestellt: http://misc.bibl.u-szeged.hu/id/eprint/19900 Er schrieb außerdem zahlreiche Beiträge für die ungarische Zeitschrift Ország-Világ und war mit dem Herausgeber Zsigmond Falk (* 30. März 1870 bis 15. Februar 1935) befreundet. Falk war auch als Musikkritiker tätig und gab außerdem die Musikzeitschrift „Magyar Dal“ heraus. In einem mit einem Porträtfoto und einem Abdruck seiner Komposition „Drágám!“ illustrierten Artikel über Kún (vom 26. September 1920 in Ország Világ) schreibt Falk, dass sich Kún in die Garde der hervorragenden jungen Autoren einreihen würde. Er sei ein brillanter junger Komponist, der es bald mit Musikern auf der ganzen Welt zu tun haben werde. Kún habe kürzlich eine fantastische Operette in drei Aufzügen mit dem Titel „Die Nordpolfahrt“ fertiggestellt, die in Berlin aufgeführt werden solle.
Am 21. November 1922 heiratete Kún die gerade geschiedene Erzsébet Nagy, geb. am 8. August 1899 in Budapest.Quelle: Házassági anyakönyvi kivonat / Heiratsregister Állami anyakönyvek / staatliche Matrikel Budapest V. Kerület / Bezirk 287. oldal/Seite 861 sorsz/Nr. 1922. November 21. Seine Frau war christlich getauft, daher ist er dann wohl auch später zum Christentum konvertiertIm Sterberegister ist evangelisch als Religion eingetragen. (Bp.VIII Ker. Halotti 220/1935)
Um 1924 nahm er eine Stelle als Kapellmeister in Görkau (Tschechoslowakei), dem heutigen Jirkov in Tschechien an. Das deutschsprachige Theater mit 700 Zuschauerplätzen war ein Saisontheater.Quelle: Deutsches Bühnen Jahrbuch 1924, S. 241 und S. 545 Bei seiner Tätigkeit als Theaterdirigent soll Kún sich geweigert haben, die Tschechische Nationalhymne zu dirigieren. Als er noch dazu einem schlecht singenden Tenor vor einer Operettenaufführung den Dirigentenstab an den Kopf warf, wurde er fristlos entlassen.Gertrud Pastenaci: Die Gärten meines Lebens. Lebenserinnerungen einer Ostpreußin. Verlagshaus Würzburg, 2011, S. 127 und S. 118. Um 1925 war er als Musikdirektor des Victoria Theaters in Breslau, das hauptsächlich Operetten aufführte tätig. Das von ihm komponierte Märchenstück „Walpurgisnacht“ wurde 1925 unter seiner musikalischen Leitung und unter szenischer Leitung des Direktors Gustav Büttner an diesem Theater uraufgeführt.Vgl. das Titelblatt des sich an der Harvard library befindlichen Musikdruckes, den Kún im Selbstverlag herausgab. Vgl. auch Deutsches Bühnen Jahrbuch 1925, S. 799, wo unter den Neuheiten auch „Walpurgisnacht“ aufgeführt wird. Es handelt sich um eine Operetten-Variante von Shakespeares Sommernachtstraum. Kún widmete das Stück Franz Lehár. Die Handlung spielt im Märchenreich, in das sich ein Mensch verirrt. Kún knüpfte Verbindungen zu dem Berliner Apollo Musikverlag Lincke & Rühle an, dessen Direktor Obermayer 1926 nach Budapest fuhr, um ungarische Operetten einzukaufen. Der Verlag zeigte großes Interesse an Kúns Walpurgisnacht und an seinem „pensionierten Amor“ (B-listás Ámor) und wollte beide Operetten in Deutschland zur Aufführung bringen.Vgl. den Artikel in der Zeitung Az Ujság vom 25. April 1926 über den Besuch Obermayers vom Apollo Musikverlag in Budapest. Kún war wohl bis 1927 als Kapellmeister tätig.Vgl. Bühnen Jahrbuch 1927, S. 714. Im Nachruf der Zeitung Pesti Hirlap wird behauptet, dass er auch in Hannover als Theaterdirigent tätig gewesen sei. Dies ist zweifelhaft. Allenfalls mag er sich im Jahr 1928 in Hannover aufgehalten haben.
Er ging um 1929 nach Berlin und betätigte sich bei mehreren ausländischen Zeitungen als Theaterkritiker (Feuilleton und Lokaldienst). Von 1929 bis 1935 wurde er als Chefredakteur im Adressbuch Berlin regelmäßig erwähnt. Er schrieb unter anderem für die Berliner Zeitung „Der Jungdeutsche“ mehrere Artikel über ungarische Politik und Ungarns Kulturmission (1931).Andreas von Zombori-Kun: Ungarns Revisionspolitik, In: Der Jungdeutsche 8. Januar 1931, ders. Ungarn und die Zollunion, 17. April 1931; ders. Ungarns kulturmission in Südeuropa, 11. Februar 1931. In dieser Zeitung erschien außerdem ab 12. November 1931 sein Roman „Prasok“ als Zeitungsroman in mehreren Folgen. In der jungdeutschen Monatsschrift „Der Meister“ und der Monatsschrift „Nachbarschaft“ veröffentlichte er ebenfalls Artikel. Er war mit dem Chefredakteur des „Jungdeutschen“, Kurt Pastenaci befreundet. Er wohnte zunächst am Nürnberger Platz 5 und zog 1932 um an den Hohenzollerndamm 201.Adressbuch Berlin für 1931, S. 1847 und für 1932, S. 1818 (auch online einsehbar). Er trat als Schriftsteller mehrfach hervor. 1932 trug er in der Dichterstunde der Deutschen Welle eigene Arbeiten vor. Er arbeitete an der expressionistischen Zeitschrift „Der Sturm“ mit. Im „Sturm“ erschienen von ihm 1932 drei kleinere Beiträge. Nachdem Herwarth Walden ab 1932 „Den Sturm“ in die Monatsschrift „Der Durchbruch“ umgewandelt hatte, war Kún dort 1932 als Chefredakteur tätig. Ab Heft 4 übernahm er von Walden, der nach Moskau ging, die Herausgeberschaft für den „Durchbruch“, die gleichzeitig einen neuen Untertitel erhielt.„Der Sturm“ verebbt. In: Kerstin Herrnkind: Der Sturm entfacht von Herwarth Walden. Expressionismus für Einsteiger. neobooks, 2015. () Ab Heft 8 wurde „Der Durchbruch“ vom Generalsekretariat der Internationalen Anti-Tuberkulose-Liga (IATL) herausgegeben, 1933 wurde Joachim König dort Chefredakteur.Der Durchbruch. In: Thomas Dietzel, Hans-Otto Hügel: Deutsche literarische Zeitschriften 1880–1945. Ein Repertorium. Walter de Gruyter, 1988, S. 376–377. ISBN 978-3-11-097671-7 () Kún hielt sich ab 1933 öfter in der Wohnung seiner Eltern in der Horthy Miklós út 9E-Mail von Varga Banyai Bernadett vom 14. Juli 2017 (Budapest Funeral Institut). (jetzt Bartók Béla út) im XI. Bezirk Budapests auf, zumal die berufliche Perspektive für ihn als ungarischer Jude in Berlin immer schwieriger wurde. In der Kartei der Reichskulturkammer war vermerkt worden, dass er Jude sei.Quelle: Bundesarchiv Berlin B Arch (ehem. BDC) Kartei Reichskulturkammer (RKK) Kun, André von
Anfang des Jahres 1935 reiste er, wohl weil sein väterlicher Freund Zsigmond Falk im Sterben lag, wieder nach Budapest. Er starb dort am 29. Januar an Herzschwäche in einem Krankenhaus im 8. Bezirk.Vgl. das Sterberegister Budapest Bp.VIII Ker. Halotti 220/1935 Er wurde am 31. Januar 1935 um halb drei Uhr am Nachmittag auf dem Budapester Friedhof in Farkasrét beigesetzt. Kúns Vater starb ca. 1938. Kúns Mutter lebte noch bis 1944 in der Horthy Miklós Ut. 9, die sie gemeinsam mit ihrem Mann 1924 bezogen hatte. Sie wohnte dort laut dem Zensusblatt von 1941 zusammen mit einer Krankenschwester und einem Untermieter. 1944 wurde sie dann aber als Jüdin gezwungen, in eine Judenwohnung umzuziehen. Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt.
Kùn und der Nationalsozialismus