Die Bezirksparteischulen (BPS) der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) hatten die Aufgabe, Nachwuchskräfte der SED ideologisch zu potenziellen Führungskräften im Partei- und Staatsapparat der DDR auszubilden. Sie waren nach der Parteihochschule „Karl Marx“ in Berlin die zweithöchsten Kaderschmieden der Staatspartei. In den 15 Bezirken der DDR bestand je eine Bezirksparteischule.

Funktion mini|Logo der SED-Bezirksparteischule in Ballenstedt (bis 1989) Die Bezirksparteischule bot die politische und fachliche Ausbildung für Leitungsfunktionen. Ohne den Besuch einer solchen Einrichtung war es unmöglich, eine Führungsposition in Staat oder Partei einzunehmen. Die Bezirksparteischulen waren somit ein wichtiges Rekrutierungsreservoir für leitende Kader. Sie lieferten das Personal für den Aufbau des Partei- und Staatsapparats, ihre Absolventen waren automatisch Nomenklatura-Kader der SED.

Das hatte für die SED den Vorteil, dass offene Stellen in wenig beliebten Orten und abgelegenen Gegenden besetzt werden konnten, indem Absolventen per „Parteiauftrag“ verpflichtet wurden, diese Stellen anzunehmen. So wurden etwa Bürgermeisterposten in kleinen Gemeinden besetzt, für die sich sonst kein Bewerber fand. Mitunter wurden die Absolventen auch unter Androhung schwerer Parteistrafen in höhere Parteiämter gedrängt.http://www.ndr.de/kultur/geschichte/chronologie/Die-SED-Parteischulen-in-der-Aera-Gorbatschow,sed150.html

Das Netz der Parteischulen erreichte alle Ebenen des Staates, vom kleinsten Kreis über die Bezirke bis zur Parteihochschule "Karl Marx" in Ost-Berlin. Selbst SED-Leitungen in größeren Betrieben unterhielten Bildungseinrichtungen, die der politischen Weiterbildung von Mitarbeitern und SED-Mitgliedern dienten, sofern sie für betriebliche Leitungsaufgaben vorgesehen waren. Denn auch der Aufstieg in Kultureinrichtungen, Zeitungen oder Betrieben hing von der Absolvierung der Parteischulen ab. Führungskräfte sollten auch gesellschaftliche Führungskräfte sein.

In den 1980er Jahren bildeten 255 SED-Kreis- und 478 Betriebsschulen die Basis des Schulungssystems. Hier wurden berufsbegleitende Kurse absolviert. An den 15 Bezirksparteischulen hingegen waren dreimonatige oder einjährige Vollzeit-Lehrgänge vorgesehen.

Für die höchsten Parteifunktionen mussten die SED-Mitglieder, aufbauend auf den Abschlüssen der untergeordneten Schulen, ein oder drei Jahre an der Parteihochschule "Karl Marx" studieren. Noch gewichtiger war nur noch ein Studium an der Parteihochschule der KPdSU in Moskau, wo Parteikader aus allen sozialistischen Ländern im ideologischen Zentrum des Sowjetblocks studierten. Wer von dort mit Diplom heimkehrte, konnte hohe staatliche Leitungsposten oder hohe Parteiämter erwarten.

Mehrstufige parteiideologische Schulung Die SED-Parteischulen waren hierarchisch organisiert. Am unteren Ende standen die Kreisparteischulen (KPS) mit Abendkursen, dann kam die Delegation zu den Bezirksparteischulen (BPS, 1 Jahr Direktstudium), und an der Spitze war die Parteihochschule Karl Marx (PHS, 1 und 3 Jahre Studium) in Berlin.

An der Bezirksparteischule in Ballenstedt beispielsweise absolvierten von 1956 bis 1989 – also in einer Zeitspanne von 33 Jahren – mehr als 16.000 SED-Parteimitglieder aus den DDR-Bezirken Halle (bis 1989) und Magdeburg (bis 1975) einjährige Lehrgänge. Während der Zeit des Studiums bekamen die Kursteilnehmer 80 Prozent ihres vorigen Nettogehalts als Stipendium, zu zahlen vom delegierenden Betrieb.

Üblicherweise konnte die nächste Stufe nur absolvieren, wer zuvor die vorhergehende Schule erfolgreich absolviert hatte. Bezirks- und Parteihochschule waren auch im Fernstudium möglich. Der Abschluss an der Parteihochschule war Diplom-Gesellschaftswissenschaftler. Rektorin der Parteihochschule war von 1950 bis 1983 die als besonders orthodox bekannte Hanna Wolf, mit sehr engen persönlichen Kontakten zum Generalsekretär.

Weitere Einrichtungen auf zentraler Ebene waren das Institut für Marxismus-Leninismus (IML) und die Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED. Alternativ war eine Delegierung zum Besuch der Parteihochschule der KPdSU in Moskau möglich. Hier studierten im Ein- oder Dreijahresstudium viele Kader aus allen sozialistischen Ländern und Volksdemokratien. Die Diskussionen waren von einer wesentlich offeneren globalen Perspektive geprägt. Aufgrund dieses Moskauaufenthaltes sprachen viele leitende Parteikader (ab 1. Kreissekretär aufwärts) exzellent Russisch. Absolvent als Diplom-Gesellschaftswissenschaftler mit Staatsexamen war zum Beispiel Egon Krenz.

Ohne den Besuch einer Parteihochschule war es in der DDR praktisch unmöglich, eine staatliche oder innerparteiliche Spitzenposition zu erreichen, da fachliche und gesellschaftliche Qualifikation für den „sozialistischen Leiter“ eine Einheit darstellten.

In den drei Bezirkshauptstädten im Norden – in Schwerin, Rostock und Neubrandenburg – wurden Ende der 1970er-Jahre aufwändig Bezirksparteischulen hochgezogen. Sie waren modern ausgestattet, die Gästezimmer boten vergleichsweise hohen Komfort – Bezirksparteischulen gehörten zu den privilegierten Einrichtungen der DDR.

Lehrer Jede Bezirksparteischule hatte 60 bis 80 Lehrer, die Nomenklaturkader der Bezirksleitung waren. Geleitet wurde die BPS von einem Schulleiter, den das Sekretariat des Zentralkomitees der SED bestätigt hatte. Die Lehrer waren folgenden Lehrstühlen zugeordnet: Marxistisch-leninistische Philosophie, politische Ökonomie, wissenschaftlicher Kommunismus, Parteiaufbau, Geschichte der Arbeiterbewegung. Die Leiter der Lehrstühle gehörten zur Schulleitung.

Die Lehrer hatten die parteiliche Qualifizierung, Parteihochschule der SED oder der KPdSU, absolviert und waren zum Teil promoviert. Außerdem hatten sie ein Hochschul- oder Universitätsstudium abgeschlossen. Viele hatten eine Ausbildung als Lehrer. Entscheidende Voraussetzung, um als Lehrer an der BPS arbeiten zu können, waren Erfahrungen im Parteiapparat. Oft waren Lehrstuhlleiter und Lehrer vor ihrem Einsatz an der BPS Mitarbeiter der Bezirksleitungen oder Sekretäre von SED-Kreisleitungen.https://web.archive.org/web/20150924031413/http://www.horch-und-guck.info/hug/fileadmin/templates/pdf/HuG-15-S.21-25.pdf

BPS-Standorte Name Benannt nach Standort SED-Bezirksleitung Notizen Bild Einzelnachweise Bezirksparteischule Wilhelm Liebknecht Wilhelm Liebknecht Ballenstedt Halle heute Schulungszentrum Großer Ziegenberg 200px|framelessAufnahme 2013 Bezirksparteischule Friedrich Engels Friedrich Engels Berlin am 19. Mai 1946 gegründet – befand sich in der Rungestraße in Berlin-Mitte – 1954 zog die Parteihochschule „Karl Marx“ ebenfalls dorthin – mehr als 35.000 Absolventen zwischen 1946 und 1986 Artikel vom 15. Juni 1976. Artikel vom 17. Mai 1986. Bezirksparteischule Michail Iwanowitsch Kalinin Michail Iwanowitsch Kalinin Cottbus Cottbus 200px|framelessAufnahme 2012 Bezirksparteischule Georg Wolff Georg Wolff Dresden Dresden erbaut 1974 bis 1975 – Internatsgebäude (siebengeschossig, 338 Internatsplätze) heute von Jugendherberge Dresden „Jugendgästehaus“ benutzt 150px|framelessInternatsgebäude,Aufnahme 2009 Ursprünglich in: deutsche-digitale-bibliothek.de. 1. Auflage, S. 49, Nr. 69-3. Bezirksparteischule Ernst Thälmann Ernst Thälmann Erfurt Erfurt 1969 bis 1972 in der Löbervorstadt erbaut – zehngeschossiges Internat, dreigeschossiges Seminargebäude, Mehrzwecksaal (550 Plätze) – saniert und erweitert für die Nutzung als Bildungs- und Wissenschaftszentrum der Bundesfinanzverwaltung – Dienstort Erfurt 200px|framelessAufnahme 2018 Seite ist noch online, leitet aber auf andere Seiten weiter. 1. Auflage, S. 60, Nr. 77. Bezirksparteischule Friedrich Engels Friedrich Engels Frankfurt (Oder) Frankfurt (Oder) befand sich zuvor in Eberswalde – Neubau im Stadtzentrum neben der Marienkirche Frankfurt (Oder) 1979 – elfgeschossiges Internatsgebäude (300 Internatsplätze), im Osten des Geländes eingeschossige Mensa mit 200 Plätzen und 120 Café-Plätzen, im Westen dreigeschossiges Schulgebäude mit dem großen und kleinen Lektionssaal (450 und 100 Plätze) – heute Teil der Europa-Universität Viadrina 200px|framelessAufnahme 2017 Artikel vom 28. April 1973.Ralf-Rüdiger Targiel: Artikel ursprünglich in: moz.de am 12. September 2016. Bezirksparteischule Rosa Luxemburg Rosa Luxemburg Bad Blankenburg Gera von 1956 bis 1989 am südlichen Stadtrand im Sanatorium Schwarzeck, das zuvor schon Parteischule „Rosa Luxemburg“ des SED-Landesvorstandes Thüringen (1948–1951) und Sonderschule des Zentralkomitees der SED (1952–1956) war – Internatsgebäude 1966–1967 ergänzt 200px|framelessAufnahme 2023 Bezirksparteischule Ernst Schneller Ernst Schneller Mittweida Karl-Marx-Stadt 1953 südlich der Stadt eröffnet, Gebäude teils im traditionellen Baustil mit Fachwerk (in diesen Küche, Frisör u. a.) – heute Nebengebäude (KfZ-Zulassung) Landratsamt Mittelsachsen und Hauptsitz Forstverwaltungen Forstbezirk Chemnitz – 2013 Abriss von maroden Gebäuden 200px|framelessAufnahme 2020 Artikel ursprünglich in: blick.de am 20. Februar 2013. Bezirksparteischule Walter Ulbricht Walter Ulbricht Leipzig Leipzig im Stadtteil Nordvorstadt 1911 bis 1912 als Intendantur des 2. Königlich-Sächsischen Armeekorps erbaut – verschiedene Nutzungen (ab 1918 Landesfinanzamt, ab 1952 Kreisparteischule), heute: Medizinische Berufsfachschule 200px|framelessAufnahme 2020 Bezirksparteischule Hermann Matern Hermann Matern Magdeburg Magdeburg 1975 im Stadtteil Neue Neustadt neben der SED-Kreisparteischule Magdeburg eröffnet – 2025 Umbau des Areals begonnen, Wohnnutzung vorgesehen 150px|framelessInternatsgebäude,Aufnahme 2019 Ursprünglich am 29. September 2016 bei YouTube veröffentlichtes Video (nicht mehr abspielbar). Artikel vom 12. September 1975. Bezirksparteischule Kurt Bürger Kurt Bürger Neubrandenburg Neubrandenburg befand sich zunächst in Burg Stargard – Neubau in Neubrandenburg 1974–1975 – Internat 15 Geschosse – nach 1990 und bis 2020 Hotel am Ring 200px|framelessInternatsgebäude (rechts),Aufnahme 2014 Bezirksparteischule Julian Marchlewski Julian Marchlewski Potsdam Potsdam befand sich 1973–1977 zunächst in Brandenburg an der Havel – 1975–1978 Neubau im Stadtteil Potsdam-Süd – 3,2 ha großes Gelände mit elfgeschossigem Internat (256 Zimmer), Mensa, „Lektionsgebäude“ – heute Seniorenstift 2. Auflage, S. 62, Nr. 80. Bezirksparteischule John Schehr John Schehr Rostock Rostock 1968 bis 1970 im Stadtteil Lütten Klein erbaut – achtgeschossiges Internat mit 376 Plätzen – sechseckiger „Lektionssaal“ für 500 Personen in dreigeschossigem Gebäude – Innenhof mit Wasserspiel – heutige Nutzung: Finanzamt Rostock und Außenstelle vom Landesamt für Finanzen Mecklenburg-Vorpommern 200px|framelessAufnahme 1973 Artikel ursprünglich in: Horch und Guck. Zeitschrift der Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“ Leipzig 4 (1995) 15, S. 21–25. 1. Auflage, S. 51, Nr. 70. Bezirksparteischule Wilhelm Pieck Wilhelm Pieck Schleusingen Suhl 1962 im Südwesten der Stadt in vorheriger Ingenieurschule für Straßenbau (erbaut 1954–1957 in traditioneller Bauweise: zwei- bis dreigeschossig, Walmdach, Dachgauben) – heutige Nutzung: Stiftung Rehabilitation Thüringer Wald Artikel vom 1. November 1975. Siehe „Juli“. 1. Auflage, S. 103, Nr. 140-6. Bezirksparteischule Willi Schröder Willi Schröder Schwerin Schwerin 1979 im Stadtteil Neu Zippendorf erbaut – Internat: sechsgeschossig, 174 Zweibettzimmer – Anbauten (mehrgeschossig): Mensa mit Speisesaal (200 Plätze) und Café (120 Plätze), „Lektionssaal“ (500 Plätze) – heute leerstehend und abrissbedroht 150px|framelessInternatsgebäude,Aufnahme 2018 Artikel ursprünglich in: svz.de am 10. Januar 2016. 1. Auflage, S. 60, Nr. 76.

Schulung ausländischer Studenten an BPS 1987