German Educational Reconstruction Committee (abgekürzt: G.E.R. oder auch GER) war ein von deutschen Emigranten in Großbritannien in enger Zusammenarbeit mit der Labour Party gegründetes Projekt, das sich mit der Planung und Vorbereitung einer Neuordnung des Bildungs- und Erziehungssystems im Nachkriegsdeutschland beschäftigte. Die Gründung erfolgte 1943 in London, 1958 wurde die Organisation offiziell aufgehoben.

Reeducation oder Reconstruction? Schon früh gab es bei den alliierten Besatzungsmächten Planungen für die Zeit nach einem Sieg über Nazi-Deutschland. Das besiegte Land sollte nach seiner militärischen Niederlage zu einer friedlichen und demokratischen Gesellschaft umgeformt werden, und die Bildungspolitik sollte ein wichtiger Baustein in diesem Prozess sein. Die entsprechenden Planungen liefen bei den Alliierten unter unterschiedlichen Namen: Bei den Amerikanern wurden sie unter dem Begriff Reeducation (oder auch Re-Education) zusammengefasst, die Briten sprachen von Reconstruction, die Franzosen von Mission Civilisatrice und die Sowjets von antifaschistisch-demokratischer Umgestaltung.

Der von den Amerikanern geprägte Begriff Reeducation hat sich bis heute als Oberbegriff gehalten und bedeutet Umerziehung. Dieses Konzept war nicht unumstritten. Vor diesem Hintergrund ist es sicher kein Zufall, dass eine von deutschen Emigranten mitgegründete und mitgetragene Organisation sich auch von der Namensgebung her mehr dem Konzept der reconstruction als der reeducation verpflichtet fühlte. Schon von ihrem eigenen Selbstverständnis her fühlten sich viele Emigranten nicht als Besiegte, sondern als die Vertreter des anderen Deutschlands oder des wahren Deutschlands. „Die Organisation setzte sich mit dem Begriff Reconstruction bewusst von der Reeducation-Vorstellung und den Vorhaben aus der amerikanischen Perspektive ab. Sie wollte damit zum Ausdruck bringen, dass das Ziel nicht als eine Umerziehung des gesamten Volkes verstanden werden sollte, sondern als ein konstruktiver Beitrag im Sinne politisch-erzieherischer Hilfeleistung beim Wiederaufbau in einer sich abzeichnenden Zeit der Rat- und Hilflosigkeit in Deutschland.“Josef Olbrich: Geschichte der Erwachsenenbildung in Deutschland. 2001, S. 322.

Was war das German Educational Reconstruction? Das umfangreiche Archivmaterial über das G.E.R. lagert heute im Archiv des „Institute of Education“ am University College London. Auf der dortigen Homepage wird die Frage, was das G.E.R. sei, folgendermaßen beantwortet: Auch wenn hier das Einwirken auf die Nachkriegsentwicklung in Deutschland in den Vordergrund gerückt wird – es gab auch noch eine andere Aufgabe, und die zielte auf die britische Bevölkerung, die Deutschen gegenüber sehr skeptisch eingestellt war. Ein deutscher Emigrant, Fritz Lustig, der 1939 nach England gekommen war, beschreibt das so: Vielen der Gründerinnen und Gründer des G.E.R. dürften derartige Erfahrungen nicht fremd gewesen sein. Viele von ihnen waren gerade erst aus Internierungslagern auf der Isle of Wight, in Kanada oder in Australien wieder nach England zurückgekommen, weil sie trotz ihrer anti-nationalsozialistischen Einstellung als Enemy Alien behandelt worden waren. Sie wollten nun „objektive Aufklärungsarbeit gegenüber einer reservierten britischen Bevölkerung und gegenüber einflussreichen öffentlichen und politischen Stellen über die Situation in Deutschland und das deutsche Volk leisten, um das Bild des Deutschen differenziert darstellen zu können.“Josef Olbrich: Geschichte der Erwachsenenbildung in Deutschland. 2001, S. 321. Dies bestätigt auch Fritz Eberhard im Hinblick auf von ihm unternommene Aufklärungsversuche der englischen Öffentlichkeit:

Um diese doppelte Zielsetzung realisieren zu können, Aufklärung der britischen Öffentlichkeit und Vorbereitung eines demokratischen Deutschlands, stellte sich das G.E.R. vier Aufgaben für seine Arbeit:Josef Olbrich: Geschichte der Erwachsenenbildung in Deutschland. 2001, S. 322. Informationen über die wirkliche geistige und erzieherische Lage Deutschlands zu sammeln und zu bewerten. Vorschläge für den Neuaufbau der deutschen Erziehung für die britische Administration und für zukünftige Mitarbeiter bzw. Träger von Einrichtungen des Bildungssystems auszuarbeiten. Sammlung aller erzieherischer Kräfte der deutschen Emigration. Aufnahme von Kontakten zu britischen und internationalen Erziehern und Jugendführern.

Die Gründung des G.E.R. Folgt man Fritz Borinski, dann verdankt sich die Gründung des G.E.R. einem glücklichen Zufall. Auf der Rückreise aus der Internierung in Australien nach England unterhielt er sich im November 1941 mit einem anderen Ex-Internierten über die Zukunft. Sein Gesprächspartner wollte Engländer werden, Soldat werden, die neue Heimat verteidigen. Borinski wollte Deutscher bleiben, glaubte an und hoffte auf die Niederlage Hitlers und wollte „den Aufbau eines freien Deutschlands mit Freunden im Exil vorbereiten“.Fritz Borinski: German Educational Reconstruction. Rückblick und Erinnerung. In: Hellmut Becker, Willi Eichler und Gustav Heckmann (Hrsg.): Erziehung und Politik. Minna Specht zu ihrem 80. Geburtstag. Verlag Öffentliches Leben, Frankfurt, 1960, S. 77–89.

Mitte 1942 erhielt Borinski, er wohnte inzwischen in London, einen Brief von Ilmari Federn,1938 war Ilmari Federn Sekretär der Organisation Universelle de Langue Internationale „Occidental“; siehe auch: Ilmari Federn im WorldCat dem Sohn von Karl Federn. Ilmari Federn hatte auf der Schiffsreise im November das Gespräch von Fritz Borinski mitangehört, seinen Eltern nach der Ankunft von diesem Gespräch erzählt, und seine Mutter wiederum „habe darüber mit der Gattin eines hohen Beamten im Board of Education gesprochen, mit der sie gut bekannt sei“. Federn stellte eine Kontaktaufnahme durch eine Mrs. Wood in Aussicht.

Diese Mrs. Wood war Phylis Wood, die Frau von Sydney H. Wood. Er war ein guter Kenner des Erziehungswesens in der Weimarer Republik und Bekannter von Carl Heinrich Becker. Woods war „seit 1938 Leiter der Abteilung für Lehrerausbildung (..). Acht Jahre lang leitete er auch die Abteilung für Nachrichtenwesen und Außenbeziehungen des Ministeriums. Am Ende des Zweiten Weltkrieges war er maßgeblich an der Gründung von Englands Emergency Training Colleges für ehemalige Soldaten und Frauen beteiligt. Seit dem Krieg vertrat er das Ministerium auf der Internationalen Bildungskonferenz in Australien.“Sydney Wood to Give Lecture On German Education Revived. In: The Cornell Daily Sun. 29. Oktober 1948, im Archiv der Cornell University. „[…] after having been the head of the teacher training division since 1938. For eight years he was also in charge of the ministry’s department of intelligence and foreign relations. At the end of World War II he was instrumental in the establishment of England’s Emergency Training Colleges for ex-servicemen and women. Since the war he has represented the ministry at the International Education Conference in Australia.“

Wood hatte bereits beim Ausbruch des Zweiten Kriegs den Vorschlag gemacht, dass der British Council in England die kulturelle Gastfreundschaft auf die Deutschen, Österreicher, Polen und Tschechen ausdehne, die hier Zuflucht gefunden hätten. Seine für die damalige Zeit eher ungewöhnliche Initiative für eine kulturelle Gastfreundschaft für Flüchtlinge wurde zunächst von der Realität eingeholt. Die deutschen Bombenangriffe auf England und die Invasion Frankreichs zwangen den British Council dazu, seine Energien vorerst den alliierten Soldaten, Seeleuten und Fliegern zu widmen. Doch bereits 1941 forderte Wood die Regierung erneut auf, Schritte zu unternehmen, um deutschen Lehrern und Sozialarbeitern in England zu helfen, sich für eine Rückkehr nach Deutschland nach dem Krieg vorzubereiten. Aber auch dieser Versuch erwies sich nicht als erfolgreich. Nachdem mehrere Vorstöße von Wood zur Unterstützung deutscher Flüchtlinge erfolglos geblieben waren, reifte bei ihm und seiner Frau Phyllis der Gedanke, aus eigener Kraft tätig werden zu müssen.

Das war die Ausgangssituation für die Einladung an Fritz Borinski, der drei Wochen später ein gemeinsames Treffen mit Werner Milch folgte. Vor allem auf Wunsch von Phyllis Wood wurde bald auch Minna Specht hinzugezogen. Die drei entwickelten einen Plan, der mit den Woods abgestimmt wurde: „Wir kamen überein: keine große, teure Organisation, keine laute Publizität, keine theoretischen Diskussionen und Konstruktionen am grünen Tisch, sondern ein kleiner Arbeitskreis vertrauenswürdiger Menschen, die in der Stille arbeiteten und zur praktischen Konsequenz bereit, d. h. des ernsten Willens sein sollten, zur gegebenen Zeit nach Deutschland zurückzugehen.“

Zu dieser Kerngruppe um Borinski, Milch und Specht stießen im Winter weitere Personen hinzu:

Walter Auerbach Werner BurmeisterWerner Burmeister ist nicht zu verwechseln mit dem SA- und NSDAP-Mitglied Werner Burmeister. Biographie des Antifaschisten in: Guthrie Moir, Beyond hatred. Lutterworth, London 1969, S. 86. Danach S. 87 – 102 Ein Bericht Burmeisters über seine Zeit als Enemy Alien in Kanada 1940 – 1941 (engl.) Fritz Eberhard Otto Kahn-Freund Magda Kelber Hilde Meisel

Sie alle waren nicht nur geflüchtete Lehrer oder Sozialarbeiter, sondern Flüchtlinge aus politischen Gründen und politischen Überzeugungen. Anders als die Mitglieder der Free German League of Culture in Great Britain, die mehrheitlich der kommunistischen Partei nahestanden, orientierten sich diese G.E.R.-Gründungsmitglieder eher an den Sozialdemokraten und kooperierten mit der Labour Party, weshalb das G.E.R. auch als Projekt der Union deutscher sozialistischer Organisationen in Großbritannien gilt. Zu dieser hatten sich neben der SOPADE, der Exilorganisation der SPD, vor allem Organisationen zusammengefunden, die sich in der Weimarer Republik von der SPD abgespalten hatten (wie die SAP) oder als linke Opposition von außen auf diese einwirken wollten (so der ISK). Aus der Union gingen viele Personen hervor, die die sozialdemokratische Nachkriegspolitik in West-Deutschland geprägt haben.

Einen entscheidenden Fortschritt für die Arbeit des noch losen Bündnisses kam im Februar 1943 durch Bertha Bracey, die £ 100,-- aus einem Quäker-Fonds zur Verfügung stellen konnte. Damit war es möglich, Borinski und Milch als Sekretäre zu beschäftigen und Minna Specht als „Research Assistant“ zu finanzieren. Das war der Startschuss für das G.E.R. als Organisation. Im April 1943 wurde dem Komitee ein Board zur Seite gestellt, dessen Vorsitzender Sydney H. Wood wurde, während Phyllis Wood als Schatzmeisterin fungierte. Weitere Board-Mitglieder waren:

Bertha Bracey Fritz Burchardt John MacMurrayÜber den Sozialphilosophen gibt es einen Artikel in der WIKIPEDIA-EN: :en:John Macmurray Karl Mannheim