Günter Helmes (* 19. Juli 1954 in Birlenbach) ist ein deutscher Literaturwissenschaftler, Medienwissenschaftler, Literaturkritiker und Verleger, der sich unter Pseudonymen auch als Casualcarminist und Autor bei Wikipedia betätigt. Von 2003 bis zu seiner Pensionierung im August 2018 war er Universitätsprofessor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Medienwissenschaft und deren Didaktik an der Europa-Universität Flensburg.
Leben Nach der Volksschule in Birlenbach (1961–1965) besuchte Günter Helmes das Fürst-Johann-Moritz-Gymnasium in Weidenau (Siegen). Dort legte er 1973 das Abitur ab. Im gleichen Jahr begann er ein Lehramtsstudium Deutsch, Philosophie, Geschichte und Erziehungswissenschaften an der Gesamthochschule Siegen, ferner studierte er in Iowa City, an der Ruhruniversität Bochum und in Madison (Wisconsin), unter anderem bei Jens Malte Fischer, Moltke S. Gram, Jost Hermand, Johannes Janota, Jürgen Kühnel, Karl Prümm, Helmut Scheuer, Jochen Schulte-Sasse, Klaus Vondung und Christoph Wulf. 1980 legte er in Siegen die Erste Philologische Staatsprüfung für das Lehramt an Gymnasien ab. 1985 wurde er mit einer von Helmut Kreuzer (Siegen) betreuten und von der Studienstiftung des deutschen Volkes geförderten Arbeit über das publizistische Werk des Wiener Expressionisten und Literaturmanagers Robert Müller (1887–1924) promoviert. Dabei handelte es sich um die erste Monographie über den lange Zeit vergessenen Autor, der zusammen mit Kurt Hiller (Berlin) den Aktivismus repräsentierte und der heute zum engsten Kreise der – deutschsprachigen – Moderne gerechnet wird.Vgl. jüngst auch Frank Krause: Literarischer Expressionismus. Göttingen: V & R 2015, Aufbaumodul 3: Spatial und material turns, S. 223–279. ISBN 978-3-8470-0363-2.
Von 1984 bis 1986 war Günter Helmes Lektor des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) am University College London, danach bis 1994 Wissenschaftlicher Mitarbeiter/Assistent an der Universität Paderborn. In diese Zeit fallen Gastdozenturen an der University of Auckland und an der TU Dresden. In Paderborn habilitierte er sich 1994 mit einer Studie zur Poetik des deutschsprachigen Romans des Naturalismus, aus der Aufsatzpublikationen hervorgingen, sowie weiteren Forschungsarbeiten. Die Umhabilitation an die Universität Siegen erfolgte 1998 unter dem Dekanat von Burkhard Schaeder. 2001 wurde er in Siegen zum außerplanmäßigen Professor ernannt.
Nach der Habilitation nahm Günter Helmes Vertretungsprofessuren, Gastdozenturen und Forschungsassistenzturen an Universitäten in Guangzhou/VR China und Szeged/Ungarn sowie an den Universitäten in Halle (Saale), Kassel und Siegen wahr. Daneben baute er seit 1996 den Carl Böschen Verlag auf (eingestellt 2014), der Belletristik (u. a. Kay Hoff, Theodor Weißenborn und Camilla Collett) sowie literatur-, medien- und kulturwissenschaftliche Studien verlegte.
An der Europa-Universität Flensburg kümmerte sich Günter Helmes u. a. als langjähriges Mitglied des Akademischen Senats vor allem um die Stärkung der lehramtsbezogenen Studienfächer, die Integration der Medienwissenschaft in germanistische und andere Studiengänge, den Aus- und Aufbau der Germanistik und außerschulischer Masterstudiengänge sowie um internationale Kontakte. Er initiierte, z. T. zusammen mit weiteren Kollegen, Kooperationen mit Universitäten in Adana, Fès, Istanbul, Moskau, Pensa, Valencia, Winneba und Wrocław und lehrte an einigen dieser Universitäten im Rahmen von Kurzzeitdozenturen.
Über dieses Engagement in der universitären Selbstverwaltung hinaus war es Günter Helmes auch in Flensburg ein besonderes Anliegen, der universitären Lehre jenen hohen Stellenwert beizumessen, der ihr insbesondere an anglo-amerikanischen Universitäten ganz selbstverständlich, in der bundesrepublikanischen akademischen Welt jedoch eher selten zukommt.
Lehre und Forschung von Günter Helmes sind Ausdruck vielfältiger, fachübergreifender Interessen. Sie richten sich auf unterschiedliche Zeiträume und Kulturen, auf die sog. E- wie auf die U-Kultur, auf unterschiedliche Medien und auf die Erwachsenenwelt ebenso wie auf diejenige der Kinder und Jugendlichen. Dabei spielen Fragen nach Eigenart und Besonderheit ebenso eine Rolle wie diejenigen nach Beeinflussung, Interaktion, Austausch und Mischung. Diese Interessen münden in dem Selbstverständnis, einen auf individuelle wie gesellschaftliche Praxis bezogenen Beitrag zum kollektiven Gedächtnis und Handeln leisten zu wollen.
Günter Helmes ist (Mit-)Herausgeber der Werke Richard Beer-Hofmanns, Robert Müllers, Gerson Sterns und Theodor Weißenborns. Darüber hinaus hat er Werke von Hermann Bahr, Gabriele Reuter und Johannes Schlaf und eine Anthologie mit 50 deutschsprachigen Don-Juan-Texten herausgegeben sowie zahlreiche Sammelbände und Aufsätze zur Geschichte und Theorie von Literatur, Medien und Kultur insbesondere des 18. bis 21. Jahrhunderts (mit) vorgelegt. Zusammen mit Stefan Greif (Universität Kassel), gibt er im Hamburger Igel-Verlag die Schriftenreihe SchriftBilder. Studien zur Medien- und Kulturwissenschaft heraus, zusammen mit dem Heimatverein BirlenbachHeimatverein Birlenbach Os Dorfbläddche.
Günter Helmes ist Vater dreier Töchter sowie Großvater von sechs Enkelkindern. Er lebt in Schärding am Inn.
Monographien Robert Müller: Themen und Tendenzen seiner publizistischen Schriften. Lang, Frankfurt/M. 1986. ISBN 3-8204-9762-5. Neuausgabe: Igel Verlag, Hamburg 2011, ISBN 978-3-86815-536-5. Studien zur Poetik des naturalistischen Romans (unveröffentlicht). Das soll Herder sein? Bildnisse von Johann Gottfried Herder als Manifestationen (re-)präsentations- und erinnerungskultureller Praktiken zwischen spätem 18. und frühem 20. Jahrhundert. Igel Verlag, Hamburg 2020, ISBN 978-3-86815-743-7. Die Geschichte hinter dem Bild. Titanic. 15. April 1912. Landeszentrale für politische Bildung – Thüringen, Erfurt 2021. Novellenkunst. Karen Blixens Meisternovelle „Babettes Fest“. Mit einer Nachbemerkung zu Gabriel Axels gleichnamigem Film. Hamburg 2021. Lebensbilder auf Zelluloid. Über deutschsprachige biographische Spielfilme der 1950er Jahre. Hamburg 2021.
Sammelbände (Auswahl) Expressionismus, Aktivismus, Exotismus. Studien zum literarischen Werk Robert Müllers (1887-1924) (mit Helmut Kreuzer). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1981, ISBN 3-525-20750-6. Dieter Wellershoff. Studien zu seinem Werk (mit Keith Bullivant, Manfred Durzak und Hartmut Steinecke). Kiepenheuer & Witsch, Köln 1990, ISBN 3-462-02049-8. Richard Beer-Hofmann. Studien zu seinem Werk (mit Norbert Otto Eke). Königshausen & Neumann, Würzburg 1993, ISBN 3-88479-573-2. Weltbürger – Textwelten. Helmut Kreuzer zum Dank (mit Leslie Bodi, Egon Schwarz und Friedrich Voit). Peter Lang, Frankfurt/M. 1995, ISBN 3-631-48201-9. Kindermedien – Medienkinder. Ästhetische, pädagogische und ökonomische Aspekte der Jugendkultur (mit Dirk Ulf Stötzel). Carl Böschen, Siegen 1997, ISBN 3-932212-08-8. Literatur und Leben. Anthropologische Aspekte in der Kultur der Moderne. Helmut Scheuer zum 60. Geburtstag (mit Ariane Martin, Birgit Nübel und Georg-Michael Schulz). Gunter Narr, Tübingen 2002, ISBN 3-8233-5883-9. Texte zur Medientheorie (mit Werner Köster). Reclam, Stuttgart 2002, ISBN 3-15-018239-5. B. Traven: Frühe Romane und mediale Adaptionen. Carl Böschen, Siegen 2003, ISBN 3-932212-58-4. Das „Fernsehtheater Moritzburg“: Institution und Spielplan (mit Steffi Schültzke). Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2003, ISBN 3-936522-99-5. Angeschwemmt – Fortgeschrieben. Robinsonaden in den Künsten des 20. und 21. Jahrhunderts (mit Ada Bieber und Stefan Greif). Königshausen & Neumann, Würzburg 2010, ISBN 978-3-8260-3261-5. „Schicht um Schicht behutsam freilegen.“ Die Regiearbeiten von Rainer Wolffhardt. Igel Verlag, Hamburg 2012 [= SchriftBilder. Studien zur Medien- und Kulturwissenschaft, Bd. 1], ISBN 978-3-86815-553-2. Gescheit, gescheiter, gescheitert? Das zeitgenössische Bild von Schule und Lehrer in Literatur und Medien (mit Günter Rinke). Hamburg 2016 [= SchriftBilder. Studien zur Medien- und Kulturwissenschaft, Bd. 8], ISBN 978-3-86815-713-0. Vielfalt und Diversität in Film und Fernsehen (mit Julia Ricart Brede). Waxmann, Münster 2017, ISBN 978-3-8309-3019-8. Biographische Filme der DEFA. Zwischen Rekonstruktion, Dramaturgie und Weltanschauung (mit Michael Grisko). Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2020. ISBN 978-3-96023-353-4. „Auferstanden aus Ruinen“. Planen, Bauen und Wohnen in Spiel- und Dokumentarfilmen der DDR. (mit Michael Grisko). wbg Academic in Herder, Freiburg 2024, ISBN 978-3-534-64140-6.
Editionen literarischer Texte (Auswahl) Robert Müller: Gesammelte Werke in Einzelausgaben (14 Bde., Paderborn 1990ff.). Davon selbst: Tropen. Der Mythos der Reise. Urkunden eines deutschen Ingenieurs. Herausgegeben von Robert Müller Anno 1915. Paderborn 1990. Auch: Stuttgart 1993. Wieder: Hamburg 2010; Camera obscura. Paderborn 1991; Flibustier. Paderborn 1992; Kritische Schriften. Bd. I [1912-1916] (mit Jürgen Berners). Paderborn 1993. Wieder: Hamburg 2011; Paralipomena (mit Thomas Schwarz). Hamburg 2019. Richard Beer-Hofmann: Gesammelte Werke in Einzelausgaben, (7 Bde., Paderborn 1993ff.; mit Andreas Thomasberger und Michael Matthias Schardt). Davon selbst: Richard Beer-Hofmann: Novellen (Camelias. Das Kind). Paderborn 1993. Theodor Weißenborn: Werke (6 Bde.; Siegen 2002ff.). Gerson Stern: Werke (3 Bde., Siegen 1999ff.; mit Friedrich Voit). Don Juan. 50 deutschsprachige Variationen eines europäischen Mythos (mit Petra Hennecke). Paderborn 1994. Wieder: Hamburg 2011. Hermann Bahr: Die gute Schule. Seelenstände. Berlin 1997. Gabriele Reuter: Ellen von der Weiden. Berlin 1997. Johannes Schlaf: Junge Leute. Berlin 1997.
Aufsätze (Auswahl) Von ‚Formindalls’ und anderen ‚Hominiden’. Überlegungen zu Arno Schmidts Die Gelehrtenrepublik. In: Arno Schmidt. Das Frühwerk II, hrsg. von Michael Matthias Schardt. Aachen 1988, S. 216–255. Spinoza in der schönen Literatur. Bilder zwischen Vormärz und Weimarer Republik. In: Studia Spinozana, Vol. 5, 1990, S. 119–149. „Du bist ein Fuchs, Bettinchen!“ Bettine von Arnims Briefwechsel mit Hermann von Pückler-Muskau und Julius Döring und Dieter Kühns Bettines letzte Liebschaften. In: Dieter Kühn. Materialien, hrsg. v. Helmut Scheuer und Werner Klüppelholz. Frankfurt/M. 1992, S. 191–209. Auf Geibel komm raus! Der junge Arno Holz zwischen Tradition und Innovation. In: Arno Holz. Text + Kritik. Bd. 121. München 1994, S. 12–19. „Was geht mit mir vor? Wo bin ich? Was will ich?“ Eine Typologie deutschsprachiger Don-Juan-Texte zwischen Nikolaus Lenau und Max Frisch. In: Don Juan und Femme fatale, hrsg. von Helmut Kreuzer. München 1995, S. 59–97. „Qual und Leiden ließen meine Flügel neu sprießen.“ Über Entwürfe und Skizzen zu Richard Beer-Hofmanns Die Historie von König David. In: Richard Beer-Hofmann. Zwischen Ästhetizismus und Judentum, hrsg. von Dieter Borchmeyer. Paderborn 1996, S. 119–133. Soziale Romane des Naturalismus. In: Hansers Sozialgeschichte der Literatur. Bd. 7: Naturalismus, hrsg. von Jörg-Gothard Mix. München 2000, S. 104–115. Ausbrüche, Einbrüche, Aufbrüche: Autorinnen der zwanziger Jahre. In: Nora verläßt ihr Puppenheim. Autorinnen des 20. Jahrhunderts und ihr Beitrag zur ästhetischen Innovation, hrsg. von Waltraud Wende. Stuttgart und Weimar 2000, S. 88–102. „Wenn ich nur zu Eis gefrieren könnte“ oder: Die Familie als Ort der Gewalt. Das Jugendbuch Tanz in die Hölle von Tor Fretheim. In: Der Deutschunterricht (2000), H. 6, S. 77–87. Bunte Steine als „Supplement der Gesetze“? Eine Relektüre Adalbert Stifters. In: Literatur und Leben. Anthropologische Aspekte in der Kultur der Moderne. Helmut Scheuer zum 60. Geburtstag, hrsg. von Günter Helmes u. a. Tübingen 2002, S. 55–70. Wolfdietrich Schnurre: Das Begräbnis und Das Manöver. Interpretationen. In: Klassische deutsche Kurzgeschichten, hrsg. von Werner Bellmann. Stuttgart 2004, S. 13–22 u. 146–150.