mini|hochkant|Prospekt der Spätrenaissance (1625) in der Lübecker Aegidienkirche
Die Orgellandschaft Schleswig-Holstein umfasst den historisch gewachsenen Orgelbestand der Kulturlandschaft Schleswig-Holstein. Ihre Ursprünge reichen bis in die spätgotische Zeit zurück. Aber erst im 17. Jahrhundert entstand eine eigenständige Orgellandschaft, die den wechselnden Einflüssen benachbarter Kulturregionen (vor allem aus Hamburg, Lübeck und Dänemark) ausgesetzt war. Im 18. Jahrhundert prägte die Schnitger-Schule und ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das dänische Orgelbauunternehmen Marcussen & Søn die Orgellandschaft maßgeblich. In der Moderne traten neben die Restaurierung historischer Instrumente einige überregional bedeutende Neubauten unterschiedlicher Stilrichtungen.
Der Artikel zeichnet die Geschichte des Orgelbaus auf dem Gebiet des heutigen Schleswig-Holsteins nach und konzentriert sich auf die erhaltenen Orgeln. Weiterführende Informationen zu einzelnen Instrumenten sind in der Liste von Orgeln in Schleswig-Holstein und in der vollständigen Liste der Orgeln in Lübeck zu finden.
Gotik mini|Gotischer Hauptwerk-Prospekt von 1512 in Garding
Die ersten Orgeln in dem untersuchten Gebiet wurden im 13. Jahrhundert gebaut. Für den Lübecker Dom ist im Jahr 1259 eine Orgel nachgewiesen, für den Ratzeburger Dom ein Jahr später und für Bergedorf (seit 1868 zu Hamburg) 1282. Spätgotische Orgeln erklangen ab 1420 in Rendsburg, ab 1427 in Kloster Preetz und ab 1431 in St. Nicolai in Mölln.Jonkanski, Seidel: Orgellandschaft Schleswig-Holstein. 2012, S. 15. Die heutige Möllner Orgel geht in ihren ältesten Teilen auf die Zeit um 1500 zurück, da Christoph Julius Bünting 1766 altes Pfeifenwerk in seinen Neubau einbezog. Die beiden Orgeln der Jakobikirche Lübeck gehen in ihren ältesten Teilen auf die Spätgotik zurück: Das Hauptwerkgehäuse der Großen Orgel datiert von 1466/1504 (Peter Lasur), das der Kleinen Orgel von 1467/1515. Auch sind einige Register aus dieser Zeit erhalten. Ein gotischer Prospekt mit reich geschnitztem Ornamentwerk eines unbekannten Orgelbauers aus dem Jahr 1512 ist im Hauptwerk der Orgel in der St.-Christians-Kirche in Garding zu sehen. Das Instrument weist Beziehungen zur Orgel der Rysumer Kirche aus dem Jahr 1457/1531 auf.
Über den Orgelbau und die Funktion der Orgeln in der Gotik ist wenig bekannt. Sie erfüllten in vorreformatorischer Zeit eine wichtige Funktion innerhalb der Liturgie und übernahmen Teile der Heiligen Messe und der Stundengebete, dienten aber bis zum 17. Jahrhundert nicht zur Begleitung des Gemeindegesangs. Das Blockwerk der gotischen Orgel ermöglichte kein separates Spiel mit einzelnen Registern, sondern nur das volle Werk der einzelnen Teilwerke.
Renaissance mini|hochkant|Detail aus dem Flensburger Renaissance-Prospekt von 1609
Die Orgeln der Renaissance waren weithin durch den niederländischen Einfluss der Hamburger Orgellandschaft geprägt.Hegerfeldt: Orgeln und Prospekte. 2010, S. 3 (online, abgerufen am 9. Mai 2019; PDF-Datei; 1,81 MB). In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts werden die ersten Orgelbauer namentlich greifbar. So erweiterte der Hamburger Jacob Scherer die Orgeln in Mölln. Scherers neue Orgel für den Ratzeburger Dom (1551–1563) wurde später ersetzt. In St. Nikolai in Kappeln sind acht Register ganz oder teilweise aus dem 16. Jahrhundert erhalten, die aufgrund der Mensuren und Signaturen Jacob Scherer und seinem Schwiegersohn Dirk Hoyer zugeschrieben werden.Schlei-Bote vom 25. Oktober 2014: Das Geheimnis der alten Orgel, abgerufen am 9. Mai 2019. In Kiel ließ Scherer erstmals den Pedalumfang beim tiefen C beginnen. Hans Köster aus Lübeck errichtete 1573 für das Kloster Preetz eine Chororgel, die später um ein Rückpositiv und Pedaltürme erweitert wurde, aber im Grundbestand des Hauptwerks erhalten ist. Im selben Jahr erweiterte er die Große Orgel der Lübecker Jakobikirche um ein reich verziertes Rückpositiv.Wölfel: Die wunderbare Welt der Orgel. 2004, S. 106.
Aus der Zeit um 1600 blieben repräsentative Renaissance-Gehäuse bewahrt, so in der St.-Magnus-Kirche/Tating (Hauptwerk: 1590, Rückpositiv: 1650), in St. Pankratius/Oldenswort (Rückpositiv: 1592), in der Schlosskapelle von Schloss Gottorf von Johann von Groningen (1597), in Marne von Hans und Christian Bockelmann (1603) und in der Nikolaikirche Flensburg von Nikolaus Maaß (1604–1609). Einer der beeindruckendsten norddeutschen Prospekte im Stil der Spätrenaissance mit reichem Schnitzwerk, ausladenden Blindflügeln und bekrönenden Laternen gestaltete Michael Sommer 1624/1625 in der Aegidienkirche Lübeck für die ehemalige Orgel von Hans Scherer dem Jüngeren.Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg: Ein größerer Pfeifenbestand von 13 Registern von Anthonius Wilde findet sich in St. Nicolai in Wöhrden (1593–1595). Die älteste spielbare Orgel in Schleswig-Holstein steht in St. Martin/Tellingstedt. Hier schuf Tobias Brunner ein zweimanualiges Werk, das 1937 um ein Pedalwerk erweitert wurde, aber heute noch über drei Viertel des originalen Registerbestands verfügt.Günter Seggermann, Wolfgang Weidenbach: Denkmalorgeln zwischen Nordsee und Ostsee. Merseburger, 1992, ISBN 3-87537-233-6, S. 92. In St. Nikolai/Kotzenbüll geht ein Teil des Pfeifenwerks auf das 16./17. Jahrhundert zurück.
Gegenüber der gotischen Orgel führte die Erfindung der Springlade und der Schleiflade zu einer wesentlichen Klangdifferenzierung. Die Renaissance brachte neben technischen Neuerungen zahlreiche neue Register hervor.
Barock Eine der bedeutendsten frühbarocken Orgeln Norddeutschlands ist die kleine Orgel der Lübecker Jakobikirche. Friedrich Stellwagen ergänzte 1636–1637 das als spätgotische Schwalbennestorgel erbaute Instrument (1467/1515) um ein Rückpositiv, Brustwerk und Pedalwerk.Dietrich Wölfel: Die Geschichte einer historischen Orgel in Lübeck. Die Kleine Orgel in St. Jakobi (Stellwagenorgel). Schmidt-Römhild, Lübeck 2010, ISBN 978-3-7950-7084-7. Stellwagens erster bekannter Neubau war wohl die Orgel für die Kirche des Burgklosters in Lübeck: Das Instrument wurde 1637 fertiggestellt, und Stellwagen ist der einzige Orgelbauer, der in diesen Jahren in Lübeck nachweislich tätig war.Vgl. Wölfel: Die wunderbare Welt der Orgel. 2004, S. 159, bzw. Für die Schlosskirche Ahrensburg (Woldenhorn) errichtete er 1639/1640 seinen ersten noch teilweise erhaltenen Neubau (Gehäuse und sechs Register sind erhalten).Heike Angermann: Stellwagen-Orgel in Woldenhorn. In: Diedrich Becker, Musicus. Annäherung an einen Musiker und seine Zeit. Dissertation Universität Würzburg, Zeulenroda 2013, S. 23–25 (PDF-Datei; 2,15 MB).
Der Prospekt in St. Nikolai/Burg auf Fehmarn von Berendt Hus (1661–1665/1674–1675), dem Lehrmeister Arp Schnitgers, stand ursprünglich in der Stadtkirche Glückstadt und wurde 1940 dahin überführt. Auf einen unbekannten Orgelbauer geht das Werk in Probsteierhagen aus dem Jahr 1670 zurück. 1673 erweiterte Joachim Richborn die große Orgel der Jakobikirche Lübeck um die Pedaltürme. Ein Gehäusemittelteil von Richborn (1681–1683) ist in St. Laurentius/Tönning zu sehen.
In St. Katharinen in Gelting steht ein umgebauter Prospekt (1708) eines unbekannten Meisters. Hinrich Wiese baute die Orgeln im Herrenhaus Damp (1699) und in St. Johannis/Neukirchen (1726), Nikolai Plambeck die Orgel der Stadtkirche Preetz (1733).Jonkanski, Seidel: Orgellandschaft Schleswig-Holstein. 2012, S. 18.
Arp Schnitger mini|Einheitsgehäuse der Schnitger-Orgel in Rendsburg (1716)
Die zentrale Erscheinung im norddeutschen Orgelbau des Barock ist Arp Schnitger, dem im Jahr 1702 die Orgelbauprivilegien für Schleswig und Holstein verliehen wurden. Hinter dem Renaissance-Prospekt der Nikolaikirche in Flensburg baute Schnitger 1707–1709 eine große dreimanualige Orgel mit 42 Registern, die 1922 ersetzt wurde. Seine ähnlich große Orgel in der Stadtkirche St. Laurentii in Itzehoe (1715–1719) wurde nach seinem Tod von seinem Meistergesellen Lambert Daniel Kastens fertiggestellt. Von Schnitgers zweimanualigen Orgeln sind in Elmshorn (1684), im Eutiner Schloss (1693) und Kieler Schloss (nach 1702) die Prospekte, von der Alten Kirche auf Pellworm das Gehäuse und elf Register ganz oder teilweise und in der Christkirche (Rendsburg) (1714–1716) das Gehäuse und vier Register erhalten.Forschungsdatenbank von GOArt: Orgel in Rendsburg, abgerufen am 9. Mai 2019.
Schnitgers Orgeln weisen im Kern einen fünfteiligen Prospektaufbau mit polygonalem Mittelturm und spitzen Seitentürmen auf, der bei größeren Orgeln erweitert werden konnte. Entsprechend dem Werkprinzip sind die räumlich separat stehenden Werke wie bei seinen Vorgängern Gottfried Fritzsche und der Orgelbauerfamilie Scherer nach dem Hamburger Prospekt aufgestellt. Bei den Spätwerken in Schleswig-Holstein tendierte Schnitger dazu, die einzelnen Werke zu einem großen Einheitsprospekt zu verbinden. Das Hauptwerk wird vom vollständigen Prinzipalchor beherrscht, der um Trompeten und Flötenstimmen ergänzt wird. Das Rückpositiv in der Emporenbrüstung stellt äußerlich die verkleinerte Form des Hauptwerks dar, ist klanglich aber durch verschiedene Flöten-, mehrchörige Aliquotregister und kurzbechrige Zungenstimmen charakterisiert. Das Pedal ist ohne Pedalkoppeln konzipiert und vollständig und mit kräftigen Labial- und Lingualpfeifen ausgestattet, wie es für die Begleitung des Gemeindegesangs erforderlich war.
Schnitger-Schule mini|Busch-Orgel in Uetersen (1749)