mini|Porträt de Sades. 1760 mini|klasse=notpageimage|Signatur de Sades

Donatien AlphonseNach Alain Fleischer (La promesse de l'eau, in: La Revue Littéraire N°22, Januar 2006, ) hat sich Sade niemals Alphonse genannt, sondern Aldonze, ein alter provenzalischer Vorname. François, Comte de Sade, bekannt als Marquis de Sade, abgekürzt: „D.A.F. de Sade“,„D.A.F. d Sade“. Diese Abkürzung verwendet auch das Verlagshaus Gallimard in seiner hochangesehenen literarischen Buchreihe Bibliothèque de la Pléiade: D.A.F. de Sade (* 2. Juni 1740 in Paris im Hôtel de Condé; † 2. Dezember 1814 in Charenton-Saint-Maurice bei Paris) war ein französischer Autor und Adeliger aus dem Haus Sade. Er ist als Namensgeber des Sadismus und für seine gewaltpornographischen Romane bekannt, wovon er die meisten während jahrzehntelanger Aufenthalte in Gefängnissen und Irrenanstalten schrieb. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass die Handlung durch lange philosophische Passagen radikal-atheistischer und materialistischer Konzeption unterbrochen wird. Diese philosophischen Diskurse dienen zum einen der Rechtfertigung des grausamen Plots und zum anderen der Propagierung seiner libertären Ansichten.

Der deutsche Psychiater Richard von Krafft-Ebing prägte in seiner im Jahr 1886 publizierten Abhandlung Psychopathia sexualis nach Sade den medizinischen Fachausdruck Sadismus, der eine sexuelle Deviation beschreibt, die darin besteht, dass ein Mensch Lust oder Befriedigung erlebt, wenn er andere Menschen demütigt oder quält.

Die Leidenschaft des Marquis galt indes weniger seinen amoralischen Erzähltexten, denen er seinen zweifelhaften Ruhm verdankte, als dem Theater „als moralischer Anstalt“.Cerstin Bauer: Triumph der Tugend. Das dramatische Werk des Marquis de Sade. Romanistischer Verlag, 1994, ISBN 978-3-86143-018-6, und Rezension von Gisela Schlüter in: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen, 233. Bd., 148. Jg., 2. Halbjahresband 1996, pp. 466–469.

Er war überzeugt, ein bedeutender Dramatiker zu sein. Er glaubte, dass seinen 21 Stücken, in denen die Tugend triumphiertRezension von Martine de Rougemont zu Cerstin Bauer: Triumph der Tugend. Das dramatische Werk des Marquis de Sade. In: Dix-huitième Siècle, n°27, 1995. L’Antiquité. S. 645 – auf Persée. – ganz im Gegensatz zu seinen Romanen, in denen das Laster den Sieg davonträgt –, noch eine große Zukunft bevorstünde. Ein Wunsch, der bisher unerfüllt geblieben ist.Dietmar Rieger: Rezension zu Triumph der Tugend. Das dramatische Werk des Marquis de Sade von Cerstin Bauer. In: Romanische Forschungen, 107. Bd., H. 1/2 (1995), S. 228–230 - auf JSTOR

Leben Herkunft und Vornamen mini|hochkant|Jean-Baptiste-François-Joseph de Sade, Vater von Donatien Alphonse François de Sade, auf einem Gemälde von Jean-Marc Nattier

Die Sades waren ein altes, wenn auch nicht mehr reiches Adelsgeschlecht der Provence, das ursprünglich den Grafentitel (französisch comte) führte. Der Großvater Gaspard-François de Sade verwendete als erstes Familienmitglied den höheren Titel Marquis und nannte sich Marquis de Sade oder auch (nach dem zweiten Herrschaftssitz der Familie) Marquis de Mazan.Gilbert Lély: Leben und Werk des Marquis de Sade. Albatros, 2001, S. 15. Obwohl Sades Vater den Titel Comte bevorzugte, nannte Donatien sich selbst meist Marquis de Sade.

Donatien de Sade wurde im Pariser Stadtpalast der Condés geboren, einer Seitenlinie des Königshauses der Bourbonen, mit der seine Mutter Marie-Eléonore de Maillé de Carman verwandt war. Sein Vater Jean-Baptiste-François-Joseph de Sade, ein Feldmarschall und wichtiger Botschafter, hatte durch allzu offene Kritik seinen Ruf am Königshof ruiniert, war aber auch als Liebhaber bekannt und verfasste eine Reihe von Romanen und Theaterstücken, die er jedoch nie veröffentlichte.Maurice Lever: Marquis de Sade. Europa-Verlag, München 1995, S. 58–61. Unter Donatiens Tanten waren zwei Äbtissinnen und zwei Nonnen.Gilbert Lely: Leben und Werk des Marquis de Sade. Albatros, 2001, S. 18–20.

Die korrekte Form von Sades Vornamen steht nicht völlig fest, da er verschiedentlich andere Vornamen angab:Gilbert Lely: Leben und Werk des Marquis de Sade. Albatros, 2001, S. 21 f.

Seine Mutter hatte den Taufnamen Louis Alphonse Donatien vorgesehen. So nannte er sich auch bei einem Verhör im Jahr 1768. Getauft wurde er auf Donatien Alphonse François. In seinem Ehevertrag heißt er Louis Aldonse Donatien. Bei seiner Flucht vor der Polizei nach Italien im Jahr 1772, in Begleitung seiner Schwägerin und Geliebten Anne-Prospère Launay, reiste Donatien Alphonse François unter dem Deckmantel Comte de Mazan,Alle Wege führen nach Rom. Die ewige Stadt und ihre Besucher. Übersetzung Ingeborg Walter. C. H. Beck, München 2013, ISBN 978-3-406-64451-1, Kapitel 12, S. 138–139 ein Pseudonym, das bereits sein Vater bei Hofe und in Paris benutzt hatte. Während der Revolutionszeit nannte er sich ohne Adelsprädikat schlicht Louis Sade.Stéphanie Genand: Sade. Gallimard (Folio biographies), Paris 2018, ISBN 978-2-07-269402-8, S. 234. 1794 gab er den Namen François Aldonse Donatien Louis an.

Kindheit und Jugend Seine frühe Kindheit verbrachte Sade im Pariser Stadtpalast der Condés unter Aufsicht von Charles de Bourbon-Condé, comte de Charolais, einem bekannten Libertin und Pair von Frankreich, den er später oft in seinen Schriften erwähnt.Iwan Bloch: Der Marquis de Sade und seine Zeit. Heyne, 1978, S. 273f. Später wuchs er teils bei seinem Onkel Jacques-François-Paul-Aldonce de Sade auf Schloss Saumane, teils in Paris auf, wo er von seinem zehnten bis vierzehnten Lebensjahr das Collège Louis-le-Grand besuchte. Das von Jesuiten geleitete und nur Jungen aus sehr reichen und adeligen Familien zugängliche Kolleg bot nicht nur eine exklusive Ausbildung, sondern gestaltete auch mehrmals im Jahr Schauspielaufführungen des barocken Jesuitentheaters, in dem „die katholische Religion, ihre Dogmen und ihre Märtyrer“ – teilweise in blutigen Szenarien – verherrlicht wurden. Auch Schauspieler aus den Pariser Theatern wirkten an den Ausführungen mit. Hier hat de Sade seine ersten Eindrücke künstlerischer Darstellungen erhalten, die sein späteres Werk prägen würden. Anschließend durchlief er eine Offiziersschule für junge Hochadelige. Der etwa zwölfjährige de Sade sei ein solch hübscher Junge gewesen, dass die Damen auf der Straße stehenblieben, um ihn anzustarren.Francine du Plessix Gray: At home with the Marquis de Sade. Chatto & Windus, London 1998, S. 21. Mit 14 wurde er Offiziersanwärter bei den Chevau-léger de la garde du roi und nahm zwei Jahre später als Offizier im Karabinierregiment am Siebenjährigen Krieg (1756–1763) teil. 1759 wechselte er in das Kavallerieregiment Royal Bourgogne. Im Krieg wurde er mehrfach befördert und errang eine Auszeichnung für Tapferkeit vor dem Feind.

Hochzeit und erste Skandale mini|hochkant|Renée Pélagie Cordier de Launay de Montreuil, Ehefrau de Sades.

Inzwischen hatte der Vater von Donatien de Sade eine gute Partie für seinen Sohn ausgehandelt. Die auserwählte Braut war die zweiundzwanzigjährige Renée-Pélagie Cordier de Montreuil, Tochter des Pariser Steuergerichtspräsidenten und dessen resoluter Frau, Marie-Madeleine, genannt La Présidente. Die Montreuils wollten mittels einer ansehnlichen Mitgift ihre Tochter Renée-Pélagie mit einem Spross aus einer prestigereichen altadeligen Familie verheiraten. Da Donatien de Sade dieses Kriterium erfüllte, schien er den Montreuils der ideale Schwiegersohn zu sein. Um die finanziellen Verhältnisse seiner Familie aufzubessern, setzte Vater Sade am 15. Mai 1763 die Unterschrift unter den Ehevertrag seines Sohnes.

Sein durch die Heirat erworbener Reichtum ermöglichte es Donatien de Sade, ein ausschweifendes Leben zu führen, das bald selbst den Rahmen dessen sprengen sollte, was man damals bei adeligen Libertins hinzunehmen bereit war. Wie zu jener Zeit unter Angehörigen seines Standes üblich, unterhielt Sade Beziehungen zu Schauspielerinnen und Kurtisanen, wobei seinerzeit jene beiden Professionen kaum je wirklich voneinander abzugrenzen waren. Kurtisanen und Schauspielerinnen galten als „Aristokratie der Prostitution“Maurice Lever: Marquis de Sade. Europa-Verlag, München 1995, S. 124ff. und diese Frauen scheint Sade auch stets entsprechend der damals herrschenden Etikette behandelt zu haben.

Er bediente sich aber auch Frauen aus dem einfachen Volk, die er ganz und gar nicht so schicklich behandelte wie die Vertreterinnen der Aristokratie der Prostitution. Noch im Jahr seiner Hochzeit mit Renée Pélagie kam es in Paris zum ersten von vielen weiteren Skandalen, als Sade von einer gewissen Jeanne Testard neben Sex offenbar auch gotteslästerliche Handlungen forderte. Sade wurde von Inspektor Louis Marais zum ersten Mal kurzzeitig verhaftet, wodurch er auf einen Mann traf, der für die nächsten fünfundzwanzig Jahre zu einer Art Nemesis für ihn werden sollte. Marais’ Polizeibericht über den Vorfall ist auch die einzige zuverlässige Beschreibung des jungen Ehemanns und Aristokraten. Sade sei, schrieb Inspektor Marais, „von durchschnittlicher Größe“ gewesen, habe „blaue Augen und dunkelblondes Haar“ gehabt, sein Gesicht war „oval und hübsch“ und seine Figur schlank.Maurice Lever: Marquis de Sade. Europa-Verlag, München 1995, S. 130ff.Francine du Plessix Gray: At home with the Marquis de Sade. Chatto & Windus, London 1998, S. 209.

Sade wiederholte Orgien in Paris und auf seinem Landsitz in Lacoste (auch La Coste), zu denen er Angehörige beiderlei Geschlechts entweder einlud und entlohnte oder aufgrund seiner Stellung einfach zur Teilnahme zwang.Francine du Plessix Gray: At home with the Marquis de Sade. Chatto & Windus, London 1998, S. 89–93.

mini|hochkant|Anne-Prospère Cordier de Launay de Montreuil, Schwägerin und Geliebte des Marquis de Sade Im Jahr 1769 begann er eine Liebesaffäre mit seiner Schwägerin, Anne-Prospère Cordier de Launay de Montreuil, der jüngeren Schwester seiner Frau. Dies geht aus dem leidenschaftlichen Liebesbrief der siebzehnjährigen Kanonissin vom 15. Dezember 1769 hervor, den sie mit ihrem Blut signiert hat. Der Romanist Maurice Lever veröffentlichte diesen Brief im Jahre 2005.Maurice Lever: Je jure au Marquis de Sade, mon amant, de n’être jamais qu’à lui… Fayard Paris 2005, p. 30-31. Die Familie de Sade hatte ihm Einsichtnahme in die Korrespondenz ihres berühmt-berüchtigten Vorfahren gewährt:

Flucht und Festungshaft Aufgrund der Vorwürfe einer gewissen Rose Keller, sie sei von ihm unter Vorspiegelung falscher Tatsachen entführt, festgesetzt und durch Auspeitschungen schwer misshandelt worden, wurde Sade im Jahr 1768 ein weiteres Mal verhaftet. Nachdem er der Frau eine Entschädigung gezahlt hatte, nahm sie von einer Klage Abstand.

Im Jahr 1772 beschwerten sich zwei Prostituierte aus Marseille, sie seien von Sade mit Kantharidinbonbons, einem angeblichen Aphrodisiakum, vergiftet und so zu Gruppensex und Analverkehr gefügig gemacht worden. Sade wurde deshalb angeklagt und in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Dem Prozess und der Vollstreckung der Strafe entzog sich der Marquis für ein Jahr (Juli 1775 bis Juli 1776) durch Flucht nach Italien. Das Tagebuch dieser Reise zeigt ihn als differenzierten Kunstkenner „mit stupender Bildung und einem ganz speziellen Einfühlungsvermögen.“ Hier fand er Anschauungsmaterial und eine Rechtfertigung für seine These, dass das Böse sich als eine der zentralen menschlichen Eigenschaften unter allen Umständen durchsetzen müsse und deshalb nicht unterdrückt werden dürfe: