mini|hochkant=1.2|Brunnen mit der Statue der Jungfrau mit den Tränenschalen von Josef Zeitler an der Rückseite der Feierhalle, Baujahr 1914
Der Waldfriedhof Stuttgart wurde 1913 kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs nach den Plänen des Stuttgarter Stadtbaudirektors Albert Pantle angelegt. Am 21. September 1914 fand die erste Bestattung statt, beerdigt wurde Ernst Hory, eines der ersten Opfer des Ersten Weltkriegs. Auf dem Friedhof, der im Stuttgarter Stadtbezirk Degerloch liegt, sind zahlreiche Prominente bestattet. Der Name des Friedhofs verweist darauf, dass er mitten im Mischwaldbestand des Degerlocher Walds errichtet wurde.#Mammut 2011, S. 64.
Der Friedhof besteht aus zwei Teilen:
dem älteren und größeren westlichen Hauptteil und dem jüngeren, östlich gelegenen Waldfriedhof-Viereichenhau.
Mit 30,7 Hektar ist er der flächenmäßig größte und mit seinen 15.000 Grabstellen der drittgrößte Stuttgarter Friedhof. Er ist in die Abteilungen 1-35 (Hauptteil) und 50-75 (Viereichenhau) aufgeteilt.#Mammut 2011, S. 62.
Auf dem Friedhofsgelände befinden sich eine Feierhalle, ein Verwaltungsgebäude, ein Leichenhaus und drei Ehrenmale für die Gefallenen der beiden Weltkriege. Dem Friedhof benachbart ist der weiter östlich gelegene Dornhaldenfriedhof, der 1974 angelegt wurde.
Eine Standseilbahn aus dem Jahre 1929 verbindet den Südheimer Platz mit dem 100 Meter höher gelegenen Friedhof.
Friedhof David Koch, der Stuttgarter Pfarrer und Herausgeber des Christlichen Kunstblatts für Kirche, Schule und Haus setzte sich 1917 in einem kritischen Bericht mit dem Stuttgarter Waldfriedhof auseinander, in dem er auch auf die allgemeine Anlage des Friedhofs einging:#Koch 1917.3, S. 210.
Gebäude Die Friedhofsgebäude beim Haupteingang wurden 1914 nach den Plänen des Stuttgarter Stadtbaudirektors Albert Pantle erbaut, der auch auf dem Friedhof beerdigt ist (siehe hier). Neben zahlreichen öffentlichen Bauten, darunter viele Schulen, verdankt Stuttgart Albert Pantle auch weitere Friedhofsbauten auf dem Bergfriedhof und dem Friedhof Untertürkheim.
Der Gebäudekomplex besteht aus den folgenden Bauten (siehe Detailplan des Waldfriedhofs):
Feierhalle, auch als Aussegnungshalle oder Kapelle bezeichnet, Hausnummer 2 im Detailplan Leichenhalle und Verwaltungsgebäude, Hausnummer 3 Betriebsgebäude, Hausnummer 4 Wohnhaus (ehemaliges Aufseherhaus), Hausnummer 1 Gerätehaus, Hausnummer 5, zwischen Abteilung 30b und 4d
Der Haupteingang befindet sich zwischen dem Wohnhaus und der Feierhalle. Er wird durch ein Gittertor und zwei seitliche Gittertüren verschlossen. Das Gittertor wird von zwei Pfosten mit den Reliefs von Trauernden flankiert (Künstler unbekannt). Ein Nebeneingang führt durch den Verbindungsbau zwischen Feierhalle und Verwaltungsgebäude in den Friedhof. Gegenüber von diesem Eingang befindet sich der westliche Eingang des Waldfriedhofs-Viereichenhau, der östliche Eingang mündet in die Heinestraße ein.
Das zentrale Gebäude ist die walmdachgedeckte Feierhalle, die die ansonsten einstöckigen Gebäude um Stockwerkshöhe überragt. Der Portikus an der Vorderseite ruht auf zwei Granitsäulen (Rosa Sardo) und schließt mit einem geschweiften Bronzedach ab. Durch eine zweiflügelige Messingpforte gelangt man in eine Basilika-artige Halle mit einer flachen, kassettierten Holzdecke. Hinter der Pforte schreitet man unter der Orgelempore hindurch, die durch ein rundes Buntglasfenster belichtet wird (Künstler unbekannt).
mini|hochkant=1.5|Feierhalle, 1921
Die Orgel wurde 1956 von der Orgelbaufirma Walcker-Orgelbau erbaut, die damals ihren Sitz in dem nahen Ludwigsburg hatte. Den klanglichen Entwurf und die Gestaltung des Orgelprospekts (Schauseite der Orgel) besorgte Walter Supper.
Am anderen Ende der Halle liegt die Apsis, in die eine große Rundbogennische mit einem Mosaik des auferstandenen Jesus von Rudolf Yelin eingelassen ist.#Fegers 1983, S. 23.
An die beiden Langseiten und die Rückseite der Feierhalle lehnt sich ein einstöckiger, durchlaufender Anbau mit breiten, in die Fassade eingezogenen offenen Säulenvorhallen. Zwischen den Säulenpaaren der rückseitigen Säulenvorhalle steht ein Brunnen mit der ägyptisierenden schwarzen Kupferskulptur „Die Jungfrau mit den Tränenschalen“ von Josef Zeitler aus dem Jahr 1914 (siehe Titelbild). Von den beiden Schalen, die die Skulptur in die Höhe hält, rieselt das Wasser tropfenweise in das runde Brunnenbecken. Eine Inschrift neben dem Brunnen besagt: „Jeder Tropfen gilt zugleich einem erlöschenden Menschenleben“.
Der Haupteingang und die unverputzten Teile der Feierhalle sind aus Cannstatter Travertin, einem gelbbraunen bis ockerfarbenen, sehr witterungsbeständigen Stein.#Travertinpark 2014, S. 3.
Kriegsgräber und Ehrenmale mini|hochkant=1.2|Große Wiese mit dem Kruzifix von Max Natter
Hinter der Feierhalle beginnt die Große Wiese, ein fußballfeldgroßes, rasenbedecktes Terrain (etwa 130 m × 65 m), das U-förmig von Bäumen gesäumt wird (siehe Detailplan des Waldfriedhofs) und dessen Gesamtanlage von Martin Elsaesser stammt. Im Zentrum des hinteren Viertels der großen Wiese steht ein hohes, steinernes Kruzifix, das von Max Natter entworfen, von Richard Schönfeld ausgeführt und 1916 im Ersten Weltkrieg aufgestellt wurde.#Merz 1919, #Wais 1954.1, S. 57.
Links von der Großen Wiese, zwischen Abteilung 1 und 20, führen zwei Hauptwege zu den drei Kriegsgräberfeldern des Waldfriedhofs:
Fliegeropferfeld für die Opfer des Zweiten Weltkriegs mit einem Ehrenmal für die Opfer des Fliegerangriffs vom 5. September 1918 Gräberfeld mit dem Ehrenmal für die gefallenen Teilnehmer des Ersten Weltkriegs Gräberfeld mit dem Ehrenmal für die Gefallenen und Opfer des Zweiten Weltkriegs
Fliegeropferfeld Das Gräberfeld der Fliegeropfer des Zweiten Weltkrieges belegt die Abteilungen 2b und 2c (siehe Detailplan des Waldfriedhofs). Es beginnt hinter der Großen Wiese mit dem Hochkreuz von Max Natter und liegt vor dem Ehrenmal für die gefallenen Teilnehmer des Ersten Weltkriegs.
Hier wurden 482 von den 4562 Luftkriegsopfern begraben, die bei Luftangriffen auf Stuttgart 1943 bis 1945 ihr Leben verloren. Während sich die Anzahl der Luftkriegsopfer bis 1942 auf 45 belief, forderten allein die Luftangriffe im Jahr 1943 fast 1000 Opfer, so dass sich die Stadt für die Anlage des Fliegeropferfelds entschied.#Koch 2012, S. 86, Wikipedia-Artikel Luftangriffe auf Stuttgart. – In #Koch 2012 wird irrtümlich das Gräberfeld den Luftkriegsopfern des Ersten Weltkriegs zugerechnet.
An die Opfer des Luftkriegs erinnern einfache Kalksteinstelen mit eingraviertem Kreuz und dem Namen und dem Geburts- und Todesjahr des Verstorbenen. Zwei Grabmäler sind Hausgemeinschaften gewidmet, die bei einem Luftangriff ausgelöscht wurden. In diesem Fall steht auf der Stele die Adresse des Hauses, die Daten der verstorbenen Hausgenossen sind auf einem Liegestein verzeichnet.
mini|hochkant=1.2|Ehrenmal für die Opfer des Fliegerangriffs vom 5. September 1918 mini|hochkant=1.2|Plan des Ehrenhains für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs
Ehrenmal für die Opfer des Fliegerangriffs vom 5. September 1918 In der hinteren Ecke der Abteilung 2b befindet sich ein Ehrenmal, das den Opfern des Fliegerangriffs vom 5. September 1918 gewidmet ist. Eine hohe Stele trägt ein Rundmedaillon mit dem Relief eines stürzenden Flugzeugs und darunter die Inschrift:
Vor der Stele liegen in zwei Reihen zehn Liegeplattengräber der Opfer des Fliegerangriffs.
Ehrenmal für die gefallenen Teilnehmer des Ersten Weltkriegs Das von Kriegsgräbern fächerförmig umgebene Ehrenmal in Abteilung 3 wurde 1923 als Ehrenhain (oder Heldenhain) mit einem kirchenähnlichen Grundriss nach den Plänen von Paul Bonatz angelegt, der auf dem Waldfriedhof auch seine letzte Ruhestätte fand.Skizze des Ehrenmals von Paul Bonatz: #Genres 1990, S. 153. Der baumgesäumte Ehrenhain hat die Form eines Rechtecks, das an einem Ende mit einem Halbkreis abschließt (etwa 46 × 20 Meter). Die umgebenden etwa 1300 Kriegsgräber tragen einfache, einheitliche Grabkreuze aus rotem Sandstein.#Koch 2012, S. 86.
Der rechteckige Teil des Ehrenhains endet auf einem leicht erhöhten Podest mit dem Altarbereich, der von drei schulterhohen Mauern U-förmig umschlossen wird und an beiden Seiten über eine dreistufige Treppe betreten werden kann. Die Mauern säumen fünf Gedenktafeln mit niedrigen Steinbänken, vor der hinteren Mauer wurde ein bronzenes Hochkreuz aufgerichtet. Am vorderen Rand des Altarbereichs steht ein Altartisch (Mensa). Er trägt auf der Frontseite ein großes Relief des Eisernen Kreuzes und die Jahreszahlen 1914 und 1918, und die Seitenwände tragen die drei Hirschstangen des württembergischen Wappens. Die Stirnflächen der Altarplatte säumt die umlaufende Inschrift: „Zum Gedächtnis / den achttausendfünfhundert Gefallenen / als Gelöbnis der Treue / die Bürger der Stadt Stuttgart“. Von den 8.500 Gefallenen wurden nur etwa 1.300 in dem Ehrenhain beerdigt.
An den Altarbereich schließen sich (ähnlich Seitenaltären) zwei rasenbedeckte Bezirke an, mit einem Gedenkobelisken in der Mitte und einer von einem Zugang unterbrochenen Begrenzungsmauer mit je zwei Gedenktafeln.
mini|hochkant=1|Grabkreuze mit Verdachung, 1924 mini|hochkant=0.7|Grabkreuze in Form von Eisernen Kreuzen, 1924
Vor dem Altarbereich verläuft der Hauptweg, der weiterführt zum Ehrenmal für die Gefallenen und Opfer des Zweiten Weltkriegs. Das apsisartige Halbrund gegenüber dem Altarbereich wird von einer niedrigen Mauer begrenzt, vor der sich vier Gedenkobelisken reihen. Der nicht eingezäunte Zwischenraum zwischen Altarbereich und Halbrund wird an den Seiten von je vier großen Gedenkstelen flankiert. Im Zentrum des Halbrunds steht die Großplastik „Mutter Heimat“. Die Pietà-artige Muschelkalkskulptur wurde von Fritz von Graevenitz 1932 begonnen und von den Nazis als „untragbare christliche Pietà“ gebrandmarkt. Sie wurde 1953 vollendet und 1957 am jetzigen Standort aufgestellt.#Buck 2005, S. 57, #Hesse 1983, #Koch 2012, S. 86.
Altartisch, Gedenktafeln, Gedenkobelisken und Gedenkstelen sind aus Cannstatter Travertin, einem gelbbraunen bis ockerfarbenen, sehr witterungsbeständigen Stein.#Travertinpark 2014, S. 3. Die Mauern der Umzäunung bestehen aus gelbem und rotem Sandstein.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Friedhof im März 1943 stark zerstört.#Koch 2012, S. 86. Die beiden historischen Fotos von 1924 zeigen Grabkreuze mit Verdachung bzw. in Form von Eisernen Kreuzen vom Ehrenfeld für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, die ebenfalls der Zerstörung zum Opfer fielen.
Ehrenmal für die Gefallenen und Opfer des Zweiten Weltkriegs Wenn man das Ehrenmal für die gefallenen Teilnehmer des Ersten Weltkriegs durchquert, trifft man in Abteilung 32 (siehe Detailplan des Waldfriedhofs) unmittelbar auf das Ehrenmal für die Gefallenen und Opfer des Zweiten Weltkriegs. Der quer liegende, rasenbedeckte Ehrenhain hat die gleiche Grundrissform wie das Ehrenmal des Ersten Weltkriegs: ein Rechteck, das mit einem Halbkreis abschließt (etwa 48 × 20 Meter). Der Hain ist von einer J-förmigen, niedrigen Natursteinmauer umgeben, an die sich die Gräberfelder anschließen. An der linken Langseite setzt sich der Rasen des Ehrenhains fort. Auf diesem freien Feld liegen keine Gräber, vielleicht ein symbolischer Platz für die vielen in fremder Erde liegenden Gefallenen.
Statt einen weiteren „heiligen Tempelbezirk“ wie für die Opfer des Ersten Weltkriegs zu errichten, entschied man sich für ein unspektakuläres Gedenkzeichen ohne Pathos, das in seiner Schlichtheit der Sprachlosigkeit vor dem unfassbaren Grauens des Zweiten Weltkriegs entspricht. Im Halbkreisbereich steht azentrisch ein niedriger, tischartiger Quader aus rotem Sandstein, der Ähnlichkeit mit dem Altartisch des Bonatzschen Ehrenmals hat. Der Gedenkstein wurde von Eva Zippel entworfen und 1979#Koch 2012, S. 86. von Jörg Failmezger ausgeführt. Er trägt an den vier Stirnflächen die lapidare, blockhafte Inschrift:
Prominentengräber