mini|Stolperstein in Berlin-Charlottenburg (2006) mini|Länder mit verlegten Stolpersteinen (Stand 2024) mini|Gunter Demnig mit Stolpersteinen (2023)
Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das im Jahr 1992 begann. Mit im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln, sogenannten Stolpersteinen, soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die (siehe v. a. Artikel Holocaust) in der Zeit des Nationalsozialismus (NS-Zeit) verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Die quadratischen Tafeln aus Messing mit abgerundeten Ecken und Kanten sind mit manuell mittels Hammer und Schlagbuchstaben eingefügten Lettern beschriftet. Sie werden von einem angegossenen Betonwürfel mit einer Kantenlänge von 96 × 96 und einer Höhe von 100 Millimetern getragen. (PDF; 2,5 MB) In: stolpersteine.eu, abgerufen am 7. März 2020. Sie werden meist vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-Opfer niveaugleich in das Pflaster bzw. den Belag des jeweiligen Gehwegs eingelassen. Am 26. Mai 2023 verlegte Demnig in Nürnberg den 100.000. Stolperstein.
Stolpersteine wurden in Deutschland wie auch in 31 weiteren europäischen Ländern verlegt, 2017 wurde eine Stolperschwelle außerhalb Europas verlegt. Sie gelten als das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Die Marke Stolpersteine ist von Demnig seit 2006 beim Deutschen Patent- und Markenamt. und seit 2013 als Unionsmarke auf europäischer Ebene geschützt.
Der Weg zu den Stolpersteinen mini|hochkant|Gunter Demnig, Mai 2012 mini|Erster Stolperstein vor dem Kölner Rathaus mit dem Deportationsbefehl von Heinrich Himmler (verlegt am 16. Dezember 1992)
Zum 50. Jahrestag der Deportation von 1000 Sinti und Roma aus Köln ins Messelager am 6. Mai 1990 zeichnete Demnig mit einem Schriftspurgerät die Wege nach, auf denen die Sinti und Roma deportiert wurden. Für die Nationalsozialisten war die Kölner Deportation eine „Generalprobe“ der Judendeportationen. Am 16. Dezember 1992, dem 50. Jahrestag des Befehls Heinrich Himmlers zur Deportation der „Zigeuner“ (Auschwitz-Erlass), ließ er einen ersten mit einer Messingplatte versehenen und beschrifteten Stein vor dem Historischen Kölner Rathaus in das Pflaster ein. Auf dem Stein sind die Anfangszeilen des Erlasses zu lesen, und im Hohlkörper des Steines war der gesamte Text enthalten. Außerdem beteiligte sich Demnig mit diesem Stein an der Diskussion um das Bleiberecht aus Jugoslawien geflohener Roma. Der vor dem Kölner Rathaus verlegte Stolperstein wurde 2010 von Unbekannten herausgebrochen und entwendet. Am 21. März 2013 verlegte Gunter Demnig einen neuen Stolperstein vor dem Kölner Rathaus. Die Farbspur Mai 1940 – 1.000 Roma und Sinti wurde 1993 an 22 ausgewählten Stellen in Köln in Messing einbetoniert und von der Stadt Köln symbolisch unter Schutz gestellt.NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln (Hrsg.): Stolpersteine. Gunter Demnig und sein Projekt. Emons, Köln 2007, ISBN 978-3-89705-546-9.
In Ausdehnung auf alle verfolgten Gruppen entwickelte Demnig in den Folgejahren das Projekt „Stolpersteine“. Zunächst war es nur als theoretisches Konzept für die Veröffentlichung Größenwahn – Kunstprojekte für Europa gedacht, da Demnig für ganz Europa von sechs Millionen notwendigen Stolpersteinen ausging. Der Pfarrer der Antonitergemeinde in Köln animierte Demnig jedoch, wenigstens einige ausgewählte Steine zu verlegen, um ein Zeichen zu setzen. 1994 kam es so zu einer Ausstellung von 230 Stolpersteinen in der Antoniterkirche in Köln. Am 4. Januar 1995 verlegte Demnig probeweise und ohne Genehmigung durch Behörden die ersten Steine in Köln. Im Mai 1996 beteiligte er sich an der Ausstellung Künstler forschen nach Auschwitz in der NGBK in Berlin-Kreuzberg und verlegte in der Berliner Oranienstraße 51 Steine ebenfalls ohne behördliche Genehmigung. Erstmals mit amtlicher Genehmigung wurden am 19. Juli 1997 zwei Steine auf Einladung des Gedenkdienstgründers Andreas Maislinger in St. Georgen bei Salzburg verlegt. Pressemitteilung der Zeugen Jehovas. In: auslandsdienst.at. Österreichischer Auslandsdienst. 19. Juli 1997. Der St. Georgener Bürgermeister Friedrich Amerhauser war der erste Bürgermeister, der Gunter Demnig die Zustimmung zur Verlegung von Stolpersteinen gab.Friedrich Amerhauser. In: Salzburgwiki, 25. Mai 2024, abgerufen am 29. März 2025. Amtlich genehmigt wurden in Deutschland weitere Stolpersteine im Jahr 2000 in Köln verlegt. Daraus entwickelte sich dann eine Folge von Aktionen zu Verlegungen, die zum weltweit größten „dezentralen Mahnmal“ führten.
Intention Demnigs Intention ist unter anderem, den NS-Opfern, die in den Konzentrationslagern zu Nummern degradiert wurden, ihre Namen zurückzugeben. Das Bücken, um die Texte auf den Stolpersteinen zu lesen, soll eine symbolische Verbeugung vor den Opfern sein. Mit der Markierung der „Tatorte von Deportationen“, die häufig mitten in dichtbesiedelten Bereichen liegen, wird gleichzeitig die von einigen Zeitzeugen vorgebrachte Schutzbehauptung, nichts von den Deportationen bemerkt zu haben, infrage gestellt.
Demnig kritisierte seinerseits das Konzept zentraler Gedenkstätten für die Opfer, die seiner Meinung nach in der Öffentlichkeit nicht ausreichend sichtbar seien. An solchen Mahnorten werde einmal im Jahr von Honoratioren ein Kranz niedergelegt, „… aber andere können die Mahnmale einfach umgehen.“ Sein Ziel sei es, die Namen der Opfer zurück an die Orte ihres Lebens zu bringen. Pressemitteilung zur Preisverleihung 2005 (deutsch). Trotz des Begriffs Stolpersteine geht es Demnig nicht um tatsächliches „Stolpern“. Er zitiert auf die Frage nach dem Namen des Projektes gern einen Schüler, der nach der Stolpergefahr gefragt antwortete: „Nein, nein, man stolpert nicht und fällt hin, man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen.“ Das Interview führte Angelika Schindler, Januar 2008. In: arte.tv. 1. Juli 2008, letzte Änderung: 5. September 2008, abgerufen am 29. März 2025.
Das populäre Smartphone- und Tablet-Spiel Pokémon Go wie auch das positionsbezogene Spiel Ingress greifen auf virtuelle Portale zu, die die Stolpersteine wie andere Denkmäler als Orientierungsmarken haben. „Ich finde es einfach geschmacklos, was der Spielehersteller da macht. Irgendwo muss eine Grenze sein“, sagte der Künstler Gunter Demnig dem WDR. Wie viele seiner Stolpersteine vom Hersteller Niantic für die Spiele genutzt werden, weiß er nicht. Dagegen vorgehen könne er aber ohnehin nicht, sagte Demnig: „Ich bin da in gewisser Weise hilflos.“ In: wdr online, 18. Juli 2016, abgerufen am 7. August 2016.
Unterstützung und Finanzierung Daten für seine ersten Steine erhielt Demnig in Zusammenarbeit mit dem gemeinnützigen Verein für die Verständigung von Roma & Sinti (Rom e. V.), woraufhin sich viele die Recherche durchführende Initiativen, häufig auch Schülergruppen, gründeten. Eine wichtige Hilfe ist neben lokalen Archiven und historischen Adressbüchern die Datenbank der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Finanziert werden Stolpersteine durch private Spenden. Ein Stein kostete 2019 einschließlich seiner Verlegung 120 Euro.Webseite des Künstlers: FAQ. (PDF; 153 kB) In: stolpersteine.eu, abgerufen am 7. März 2020. Jeder Bürger kann eine Patenschaft für einen Stein übernehmen. Seit 2016 wird das Projekt von der von Gunter Demnig gegründeten gemeinnützigen Stiftung – Spuren – Gunter Demnig organisiert. Die Stiftung erhält alle Zahlungen und Spenden und beschäftigt Demnig, der ein Festgehalt erhält, und sechs weitere Mitarbeiter.
Im Jahr 2012 wurde das Projekt mit dem Marion Dönhoff Förderpreis für internationale Verständigung und Versöhnung ausgezeichnet und mit 10.000 Euro gefördert. Jurymitglied Anne Will sagte dazu, „… dass es inzwischen mehr als 37.000 dieser Steine gibt, ist eine große Leistung und ein großes Verdienst. Denn sie lassen die Deutschen ein ums andere Mal über die nationalsozialistischen Verbrechen ‚stolpern‘ und halten so die Erinnerung an die Opfer wach.“ Mitteilung des Zeitverlags, 1. Oktober 2012. Im selben Jahr erhielt Demnig den Erich-Kästner-Preis, dessen Preisgeld von 10.000 Euro den Stolpersteinen sowie dem Neuen Jüdischen Friedhof in Dresden zugutekam. Laudator Avi Primor würdigte das Projekt mit den Worten: „Die Stolpersteine sind das Gegenteil von Verdrängung. Sie liegen zu unseren Füßen, vor unseren Augen und zwingen uns zum Hinschauen. Durch Projekte wie die Stolpersteine wurde ein Dialog zwischen den Menschen in Deutschland und Israel möglich.“ In: Mitteldeutscher Rundfunk. 25. November 2012.
Das Finanzamt Köln erhob 2011 nach einer Steuerprüfung zunächst den vollen Umsatzsteuersatz von 19 Prozent für die bis dahin insgesamt 27.000 in Deutschland verlegten Stolpersteine. Die Begründung lautete, dass es sich um eine Massenproduktion handele und das Verlegen der Steine keine schöpferische Tätigkeit sei. Deshalb könne der ermäßigte Steuersatz für urheberrechtlich geschützte Kunstwerke nicht in Anspruch genommen werden.Stolpersteine keine Kunst. In: Rhein-Sieg-Rundschau. 24. Februar 2011, S. 46. Später verzichtete das Finanzamt auf die Steuernachzahlung, wollte künftig jedoch den vollen Umsatzsteuersatz erheben. Im Juni 2011 wurde schließlich entschieden, dass es bei einem ermäßigten Steuersatz von sieben Prozent bleibe. In: wdr.de.Webseite des Künstlers: Aktuell.
Herstellung und Gestaltung mini|Stolperstein vor der Verlegung
Die Stolpersteine werden in Handarbeit hergestellt, weil dies nach Demnig im Gegensatz zur maschinellen Menschenvernichtung in den Konzentrationslagern steht. Anfangs fertigte er sie selbst. Mit der Ausdehnung des Projektes lässt er sich jedoch seit 2005 von dem Bildhauer Michael Friedrichs-Friedlaender unterstützen, der je Stein 50 Euro erhält und bis Juni 2018 in seiner Werkstatt mit zwei Mitarbeitern über 60.000 Stolpersteine produziert hat.Michael Friedrichs-Friedländer aus Berlin: Stolperstein-Macher: „Ich drücke oft ein paar Tränen weg“. In: Der Tagesspiegel. 7. Juni 2018, abgerufen am 16. Januar 2023.Thorsten Schmitz: Ausgebucht. In: Süddeutsche Zeitung. 23. April 2014, S. 3. Seit 2006 werden die Stolpersteine in dessen Werkstatt im Künstlerhof Berlin-Buch angefertigt.Steffi Bey: Emotionen auf der Messingplatte. In: Neues Deutschland. 27. Januar 2011, abgerufen am 7. März 2020. Seit 2021 werden in einer Werkstatt im Garten des Goethe-Instituts in Amsterdam Stolpersteine für die Niederlande, Belgien und Luxemburg produziert.Stolpersteine gegen das Vergessen. In: goethe.de, abgerufen am 8. Dezember 2025.
Sobald neue Daten vorliegen, bestimmt Demnig den Text, der in der Regel mit „Hier wohnte …“ beginnt, gefolgt vom Namen des Opfers und dem Geburtsjahr, häufig mit Deportationsjahr und Todesort. In einigen Fällen beginnt der Text mit „Hier lebte …“, „… wirkte …“, „… lehrte …“, „… arbeitete …“ oder „… lernte …“. Je nach Anlass beginnen die Texte „Hier getauft …“, „Hier erschossen …“ oder „Hier stand …“. Die Texte werden in speziell zugeschnittene Messingplatten geschlagen, deren Ränder oben und unten leicht und rechts und links weiter überstehen und anschließend nach hinten gebogen werden. Die Platte wird mit Beton hintergossen und ist dann durch die rechts und links umgebogenen Flächen fest mit dem Betonklotz verbunden. Nachdem etliche Stolpersteine wegen Vandalismus, Bauschäden oder klimatischer Einflüsse ausgetauscht werden mussten, werden die neuen Textplatten meist in Edelstahl ausgeführt, weil härter und witterungsbeständiger.
Verlegungen
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