mini|hochkant=1.2|August Remy, Wilhelm von Türk, 1838, Zivil-Waisenhaus, Potsdam, Berlinerstrasse 145 Karl Christian Wilhelm von Türk (* 8. Januar 1774 in Meiningen; † 31. Juli 1846Friedhof Klein Glienicke. Private Website. Abgerufen am 4. Februar 2021. in Klein Glienicke) war ein Jurist, Pädagoge und Sozialreformer.

Leben Herkunft und Ausbildung Türk war das vierte Kind des Kammerpräsidenten und Hofmarschalls Otto Philipp von Türk und dessen Ehefrau Friederike Luise Marie Christiane von Bibra. In seiner Geburtsstadt besuchte er zunächst die Schule der dortigen Freimaurerloge. Als 1779 seine Mutter starb, kam Türk zu seinem Onkel, dem Oberjägermeister Ludwig Friedrich von Bibra, nach Hildburghausen und wurde dort zusammen mit seinen Cousins durch Hauslehrer erzogen.

Im Jahr 1791 immatrikulierte sich Türk an der Universität Jena für das Fach Jura, das sein älterer Bruder dort bereits seit einigen Semestern studierte. Der Dichter Novalis und Friedrich Magnus von Bassewitz, späterer Oberpräsident der Provinz Brandenburg und Dienstherr Türks, waren seine Kommilitonen. 1793 konnte Türk sein Studium erfolgreich beenden. Er hoffte, eine Tätigkeit im Dienste des Herzogs von Sachsen-Meiningen aufnehmen zu können. Seine Bewerbung wurde jedoch abgelehnt, weil bereits sein Vater und Bruder Regierungsämter für den Herzog von Sachsen-Meiningen ausübten. Ein Versuch, in Preußen angestellt zu werden, misslang.

Erste Tätigkeiten und Begegnung mit Pestalozzi mini|hochkant|Wilhelm von Türk als 22-jähriger Kammerjunker, 1796 am Hofe des Herzogs von Mecklenburg-Strelitz Ölgemälde von Anton Zeller

Türk kehrte zurück nach Hildburghausen. Während seines dortigen Aufenthalts machte er die Bekanntschaft des damaligen Prinzen Karl von Mecklenburg-Strelitz. Als dessen Bruder, Herzog Adolf Friedrich IV., 1794 starb, musste er selbst als Herzog Karl II. die Herrschaft übernehmen. Am 4. Juni 1794 engagierte er Türk als Auditor seiner Justizkanzlei und ernannte ihn zum Kammerjunker an seinem Hof in Neustrelitz. 1796 wurde Türk zum Kammerherrn und Justizrat befördert. 1801 übertrug der Herzog Türk zusätzlich die Aufsicht über die Schulen. Auf diese Aufgabe bereitete Türk sich durch das Studium von Fachliteratur und durch Besuche an Schulen zum Kennenlernen der gängigen Unterrichtspraxis vor. Türk korrespondierte auch mit bekannten Schulmännern und Pädagogen. Seine Aktivitäten führten ihn folgerichtig zu Johann Heinrich Pestalozzi, der um die Wende zum 19. Jahrhundert in der Schweiz weitreichende Reformpläne zur Hebung der Volksbildung entwickelte. Das Ergebnis seiner Studien war Türks erste pädagogische Schrift, Über zweckmäßige Einrichtung der öffentlichen Schul- und Unterrichtsanstalten als eines der würksamsten Beförderungsmittel einer wesentlichen Verbesserung der niederen Volksklassen mit vorzüglicher Rücksicht auf Meklenburg, die 1804 erschien.Rocksch: Wilhelm von Türk (1774–1846). Ein führender deutscher Pestalozzianer, Schul- und Sozialreformer, 2002, S. 21–22 Da er die Lehrmethoden im Vergleich zu seinen Erkenntnissen aus der pädagogischen Fachliteratur als ungenügend ansah, unternahm er ab 1804 eine längere Studienreise zu bekannten Pädagogen und ihren Unterrichtsanstalten. Die Stationen der Reise waren Dessau, Leipzig, Frankfurt am Main, Münchenbuchsee in der Schweiz, Heidelberg, Anspach, Erlangen, Meiningen, Berlin und Stettin. Türks erste Begegnung mit Pestalozzi ereignete sich auf dem Weg nach Münchenbuchsee. Pestalozzi erklärte Türk seine Methoden für verschiedene Fächer und ließ ihn auch eigenen Unterricht halten. Über seine Reiseerfahrungen berichteten 1806 zwei Schriften Türks: die Beitrage zur Kenntnis einiger deutscher Elementarschulanstalten, namentlich der zu Dessau, Leipzig, Heidelberg, Frankfurt am Main und Berlin und die Briefe aus München-Buchsee über Pestalozzi und seine Elementarbildungsmethode.Rocksch S. 26–28

mini|hochkant|Wilhelm von Türk

Nach der Rückkehr in das Herzogtum Mecklenburg-Strelitz Ende 1804 fiel es Türk schwer, sich wieder an das Leben und die Verpflichtungen am Hofe zu gewöhnen. Türks Absicht verdichtete sich, Neustrelitz zu verlassen. Im Oktober 1804 erfuhr er, dass er bei den Beförderungen am Neustrelitzer Hof übergangen worden war. Später von 1808 bis 1810 hatte Türk mit Fröbel an Pestalozzis Institut in Yverdon gewirkt.

Wechsel nach Oldenburg Ende 1805 entschied sich Türk für eine Tätigkeit in Oldenburg. Ausschlaggebend dafür war außerdem die im Sommer 1805 erfolgte Bekanntschaft zu Wilhelmine Amalie von Buch, seiner späteren Ehefrau. Sie war die Tochter des preußischen Geheimrats Adolf Friedrich von Buch aus Stolpe und dessen Gemahlin Charlotte Philippine, geb. von Arnim. Wilhelmines Bruder war der Geologe, Naturforscher und Freund Alexander von Humboldts Leopold von Buch. Das Paar verlobte sich, jedoch war klar, dass die Verpflichtungen am Neustrelitzer Hof – es wurde erwartet, dass Türk jeden Abend stundenlang am Hof Karten spielen sollte – keine Basis für ein Ehe- und Familienleben nach ihren Vorstellungen bildeten.Rocksch S. 31 1805 schied Türk daher aus dem Dienst des Herzogs von Mecklenburg-Strelitz aus und zog nach Oldenburg, wo er Anfang 1806 zum Justiz- und Konsistorialrat ernannt wurde. Im gleichen Jahr heiratete er Wilhelmine. Mit ihr hatte er zwei Töchter (eine Tochter starb kurz nach der Geburt) und zwei Söhne. Bereits Ende 1805 hatte Türk nach dem Vorbild Pestalozzis eine eigene, private Lehranstalt gegründet, die von der oldenburgischen Bürgerschicht guten Zuspruch erhielt und dazu auch zur Lehrerausbildung über Oldenburg hinaus genutzt wurde. Durch seine praktischen Versuche war Türk für die Verbreitung der Pestalozzischen Methode in Norddeutschland bahnbrechend.

1806 wurde Türk in die Literarische Gesellschaft Oldenburgs aufgenommen.

Wechsel in die Schweiz Mit seiner erfolgreichen Privatschule geriet Türk zunehmend gegenüber den Lehrern anderer, herkömmlicher Schulen in Bedrängnis. Die Konfrontationen spiegelten sich auch im Oldenburgischen Konsistorium wider, das mit der Entwicklung des Schulwesens im Herzogtum Oldenburg befasst war. Der Generalsuperintendent Anton Georg Hollmann hatte prinzipielle Vorbehalte gegenüber den Anliegen Pestalozzis und Türks. Es gelang Türk nicht, eine Mehrheit für die Anwendung der Pestalozzischen Methode in den Unterrichtsanstalten des Herzogtums im Konsistorium zu finden. Auch der einflussreiche Kanzleirat Christian Ludwig Runde zählte zu seinen Gegnern. Im November 1806 war Oldenburg von den Franzosen besetzt. Da Türk sich auch in der Öffentlichkeit eindeutig gegen die Fremdherrschaft ausgesprochen hatte, wuchs die Gefahr, in der sich Türk befand. Deshalb entschied sich Türk 1808 für ein Angebot Pestalozzis, an seinem 1805 eröffneten Institut in der Schweiz zu unterrichten, und er siedelte nach Yverdon-les-Bains über.Rocksch S. 35 Bereits 1811 verließ er Pestalozzis Institut wieder und gründete in Vevey erneut eine eigene Schule.

Laut seines Biografen Wolfgang Rocksch wurde Türks bedeutende Leistung, die Pestalozzische Methode bei Lehrern im deutschen Sprachraum bekannt zu machen, vor allem durch seine Veröffentlichungen realisiert. In den Jahren 1811–1818 veröffentlichte Türk verschiedene didaktische Werke, die auf seinen Unterrichtserfahrungen in der Schweiz basierten. In seinen Unterrichtspraktiken nutzte er weiterhin didaktische Grundsätze klassischer Pädagogen wie Johann Amos Comenius, August Hermann Francke, Jean-Jacques Rousseau, Friedrich Eberhard von Rochow. In Vevey besuchten ihn u. a. Leopold von Buch, Carl Ritter, Frédéric-César de La Harpe und Caroline von Humboldt, die Ehefrau von Wilhelm von Humboldt, zusammen mit drei ihrer Töchter. Ihr Sohn Hermann, geboren 1809, lebte von 1816 bis 1822 als Zögling in der Familie Türk.Rocksch S. 50–57 Bei dem Stichwort „Familie“ sei bemerkt, dass sich hierzu nur wenige Bezüge in den Schriften Wilhelm von Türks finden. Er hatte seiner Frau Wilhelmine versprochen, seine dienstlichen Aufgaben strikt von der privaten Sphäre zu trennen. Aber der Stammbaum ist bekannt: Nur der Sohn Adolph von Türk setzte ihn mit seiner Frau Maria Therese durch ihre sechs Kinder nach oben fort.Rocksch S. 13, 36 u. Anl. „Nachkommen“

Rückkehr nach Deutschland und Tätigkeit im preußischen Staatsdienst Der Ausgang der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 und die sich abzeichnende Niederlage Napoleons machten auf Türk einen starken Eindruck. Rückblickend schrieb er in seiner Autobiografie: „Jetzt hatte für Deutschland die Stunde der Befreiung geschlagen und – wie ich hoffte – die Stunde der Wiedergeburt.“ Türk, der mit einigen Preußischen Reformern in Kontakt stand, befürwortete wie auch andere führende deutsche Erzieher dieser Zeit, wie etwa Johann Gottlieb Fichte, das Einbringen von Pestalozzis Ideen in den Reformprozess des preußischen Erziehungswesens. Dieser und viele andere sahen in Pestalozzis Wirken den Anfang einer Erneuerung der Menschheit.

Schon unter Wilhelm von Humboldt, ab 1808 Leiter der Sektion des Cultus und des öffentlichen Unterrichts im preußischen Innenministerium, wurde die Schulreform unter Berücksichtigung von Pestalozzis Ideen in Angriff genommen. Für die Bearbeitung der Unterrichtsangelegenheiten standen ihm Georg Heinrich Ludwig Nicolovius und Johann Wilhelm Süvern zur Seite.Rocksch S. 45

Türk wusste von dem Interesse in Preußen für die Methoden Pestalozzis, und er bemühte sich in der Folge, zwischen Pestalozzi und den preußischen Reformern als Vermittler zu wirken. Anfang 1814 bot Türk in einem Schreiben an den preußischen Staatskanzler Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein seine Mitarbeit im preußischen Staatsdienst an, was offenbar von Humboldt unterstützt wurde.Rocksch S. 52–54

Folgerichtig wurde Türk im Mai 1815 als Regierungs- und Schulrat nach Frankfurt (Oder) berufen. Auf seiner Rückreise aus der Schweiz kam es in Buchen zu einem überraschenden Zusammentreffen Türks mit Johann Wolfgang von Goethe in einer Postkutsche. Goethe und Türk, so überlieferte es Sulpiz Boisserée, ein Mitreisender Goethes, in seinen Tagebuchnotizen vom 8. Oktober 1815 besprachen Erziehungsfragen.Rocksch S. 55 Türk reiste weiter nach Berlin, wo er zu Gesprächen mit Friedrich von Schuckmann, Nicolovius und Süvern empfangen wurde. Im Dezember 1815 trat Türk in sein neues Amt ein. Er bemühte sich von Anfang an besonders um einen engen Kontakt zu den Pädagogen an den Schulen und zu den lokalen Schulverwaltungen. Um sich gründlicher über die Schulsituation auch in den entfernteren Gebieten zu informieren, unternahm er 1816 eine mehrwöchige Inspektionsreise durch den Regierungsbezirk. Türk besuchte Elementar- und Höhere Schulen, Waisenhäuser und Lehrerausbildungsstätten, hospitierte im Unterricht und suchte das Gespräch mit den Lehrern und Erziehern, den Direktoren und den Vertretern der Schulbehörden.Rocksch S. 57–59

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