Als Thomasorganisten werden die Hauptkirchenmusiker (Organisten) der evangelisch-lutherischen Thomaskirche in Leipzig bezeichnet; das Amt hat eine lange Geschichte. Wiewohl sich unter den Thomasorganisten herausragende Musiker befinden, stehen die Organisten in der öffentlichen Wahrnehmung hinter den Thomaskantoren und dem Thomanerchor zurück.Martin Petzoldt (Hrsg.): Thomaskirche Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2012, S. 73.
Der Bachforscher Martin Petzoldt befasste sich als Erster näher mit dem Leben und Wirken der Thomasorganisten. Sechs der Funktionsträger waren den Akten nach früher oder später auch Thomaskantoren: Georg Rhau, Johann Schelle, Johann Kuhnau, Wilhelm Rust, Karl Straube und Günther Ramin.
Eine enge personelle Bindung besteht seit dem 19. Jahrhundert zu den Orgelklassen bzw. zum Kirchenmusikalischen Institut der heutigen Leipziger Musikhochschule. Das Wirken des Thomasorganisten ist seit dem 20. Jahrhundert durch eine rege Konzerttätigkeit im In- und Ausland gekennzeichnet.
Aktueller Thomasorganist ist seit 2022 Johannes Lang.
Geschichte mini|Sauer-Orgel in der Thomaskirche als eine Wirkstätte des Thomasorganisten zu Leipzig Als erster Thomasorganist wird Georg Rhau geführt (1528), wobei unklar ist, warum.Martin Petzoldt: Die Thomasorganisten zu Leipzig. In: Christian Wolff (Hrsg.): Die Orgeln der Thomaskirche zu Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2012, S. 95–137, Inhalt von Seite 95. Von einigen Organisten sind die Lebensdaten, von Franz gar der vollständige Name, unbekannt.Martin Petzoldt: Die Thomasorganisten zu Leipzig. In: Christian Wolff (Hrsg.): Die Orgeln der Thomaskirche zu Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2012, S. 95–137, Inhalt von Seiten 95 ff. Sowohl Georg Rhau als auch Wolfgang OttoMartin Petzoldt: Die Thomasorganisten zu Leipzig. In: Christian Wolff (Hrsg.): Die Orgeln der Thomaskirche zu Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2012, S. 95–137, Inhalt von Seiten 96 f. identifizierten sich nachweislich mit der Reformation. 1539 erhielt der Organist nachreformatorische Thomaskantoren als Kollegen.
Ab Mitte des 16. Jahrhunderts wohnte der amtierende Thomasorganist mietfrei in einem Haus der Stadt Leipzig am Barfüßer-Kirchhof.Martin Petzoldt: Die Thomasorganisten zu Leipzig. In: Christian Wolff (Hrsg.): Die Orgeln der Thomaskirche zu Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2012, S. 95–137, Inhalt von Seite 97. Mit Georg Engelmann d. Ä. und Georg Engelmann d. J. waren das erste Mal nacheinander Vater und Sohn Thomasorganisten, was durch das Nichterscheinen (Caspar Schwartze, 1633) resp. die Absage (Gottfried Scheidt, 1634) zweier Kandidaten möglich wurde.Martin Petzoldt: Die Thomasorganisten zu Leipzig. In: Christian Wolff (Hrsg.): Die Orgeln der Thomaskirche zu Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2012, S. 95–137, Inhalt von Seite 102. Nach den Verzichten der Kandidaten Albert Schop und Johannes Bertner wurde 1663 Gerhard Preisensin Thomasorganist. Bei der Berufung von Jacob Weckmann war im Bewerbungsprozess auch der Thomaskantoren-Sohn Johann Samuel Schein im Rennen, der allerdings unterlag.Martin Petzoldt: Die Thomasorganisten zu Leipzig. In: Christian Wolff (Hrsg.): Die Orgeln der Thomaskirche zu Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2012, S. 95–137, Inhalt von Seite 103. Der Italiener Vincenzo Albrici konvertierte extra für die Organistenstelle zum Luthertum, rekonvertierte nach seiner Flucht aus Leipzig allerdings wieder zum Katholizismus.Martin Petzoldt: Die Thomasorganisten zu Leipzig. In: Christian Wolff (Hrsg.): Die Orgeln der Thomaskirche zu Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2012, S. 95–137, Inhalt von Seite 104. Zu Bachs Zeiten waren Christian Gräbner und Johann Gottlieb Görner Thomasorganisten.Martin Petzoldt: Die Thomasorganisten zu Leipzig. In: Christian Wolff (Hrsg.): Die Orgeln der Thomaskirche zu Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2012, S. 95–137, Inhalt von Seiten 108 f. Letzterem folgte sein Sohn Carl Friedrich Görner.Martin Petzoldt: Die Thomasorganisten zu Leipzig. In: Christian Wolff (Hrsg.): Die Orgeln der Thomaskirche zu Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2012, S. 95–137, Inhalt von Seite 111.
Zwischen dem 1843 gegründeten Leipziger Konservatorium (Musikhochschule) und den Organisten der Thomaskirche entstand eine enge Beziehung.Christoph Krummacher: Thomaskantoren und Thomasorganisten in ihrer Beziehung zum „Leipziger Conservatorium der Musik“. In: Stefan Altner, Martin Petzoldt (Hrsg.): 800 Jahre Thomana, Festschrift zum Jubiläum von Thomaskirche, Thomanerchor und Thomasschule. Stekovics, Wettin-Löbejün 2012, S. 256–265, Inhalt von Seite 257. So war beispielsweise Christian August Pohlenz designierter GesangslehrerChristoph Krummacher: Thomaskantoren und Thomasorganisten in ihrer Beziehung zum „Leipziger Conservatorium der Musik“. In: Stefan Altner, Martin Petzoldt (Hrsg.): 800 Jahre Thomana, Festschrift zum Jubiläum von Thomaskirche, Thomanerchor und Thomasschule. Stekovics, Wettin-Löbejün 2012, S. 256–265, Inhalt von Seite 258., und der Orgellehrer Wilhelm Rust war der erste Thomasorganist, der dem Kollegium angehörte.Christoph Krummacher: Thomaskantoren und Thomasorganisten in ihrer Beziehung zum „Leipziger Conservatorium der Musik“. In: Stefan Altner, Martin Petzoldt (Hrsg.): 800 Jahre Thomana, Festschrift zum Jubiläum von Thomaskirche, Thomanerchor und Thomasschule. Stekovics, Wettin-Löbejün 2012, S. 256–265, Inhalt von Seite 260. Karl Piutti wurde 1901 die Leitung der Organistenschule anvertraut.Christoph Krummacher: Thomaskantoren und Thomasorganisten in ihrer Beziehung zum „Leipziger Conservatorium der Musik“. In: Stefan Altner, Martin Petzoldt (Hrsg.): 800 Jahre Thomana, Festschrift zum Jubiläum von Thomaskirche, Thomanerchor und Thomasschule. Stekovics, Wettin-Löbejün 2012, S. 256–265, Inhalt von Seite 261. Thomasorganist Karl Straube bekam 1908 den Titel eines Professors verliehen.Christoph Krummacher: Thomaskantoren und Thomasorganisten in ihrer Beziehung zum „Leipziger Conservatorium der Musik“. In: Stefan Altner, Martin Petzoldt (Hrsg.): 800 Jahre Thomana, Festschrift zum Jubiläum von Thomaskirche, Thomanerchor und Thomasschule. Stekovics, Wettin-Löbejün 2012, S. 256–265, Inhalt von Seite 262. Auch Günther Ramin und Hans Heintze dozierten am Konservatorium. Nach den Brüchen in der DDR ist der aktuelle Thomasorganist (Ullrich Böhme) heute wieder Dozent, nämlich Honorarprofessor für Künstlerisches Orgelspiel am Kirchenmusikalischen Institut.Christoph Krummacher: Thomaskantoren und Thomasorganisten in ihrer Beziehung zum „Leipziger Conservatorium der Musik“. In: Stefan Altner, Martin Petzoldt (Hrsg.): 800 Jahre Thomana, Festschrift zum Jubiläum von Thomaskirche, Thomanerchor und Thomasschule. Stekovics, Wettin-Löbejün 2012, S. 256–265, Inhalt von Seite 264.
Karl Straube, einst als „Organistenmacher“ bezeichnet, setzte sich 1902 gegen Bewerber wie Gustav Wohlgemuth, Bernhard Pfannstiehl, Hans Hiller, Ernst Müller und Max Birn durch.Martin Petzoldt: Die Thomasorganisten zu Leipzig. In: Christian Wolff (Hrsg.): Die Orgeln der Thomaskirche zu Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2012, S. 95–137, Inhalt von Seiten 121 f. Ab Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Thomasorganist zunehmend in auswärtige Konzerttätigkeiten eingebunden.Martin Petzoldt: Die Thomasorganisten zu Leipzig. In: Christian Wolff (Hrsg.): Die Orgeln der Thomaskirche zu Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2012, S. 95–137, Inhalt von Seite 127. Eine gleichzeitige Besetzung der Ämter von Thomaskantor und Thomasorganist, wie es Ramin vorschwebte, ließ sich aber nicht verwirklichen.Martin Petzoldt: Die Thomasorganisten zu Leipzig. In: Christian Wolff (Hrsg.): Die Orgeln der Thomaskirche zu Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2012, S. 95–137, Inhalt von Seite 134. Ramin konzertierte während seiner Amtszeit u. a. in Skandinavien, in der Sowjetunion, in den USA, in Österreich, in Ungarn, in der Schweiz, in England und in Frankreich.Martin Petzoldt: Die Thomasorganisten zu Leipzig. In: Christian Wolff (Hrsg.): Die Orgeln der Thomaskirche zu Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2012, S. 95–137, Inhalt von Seite 128. Karl Richter, nur kurzzeitig im Amt, nahm am Internationalen Bachfest 1950 teil, unternahm mit dem Thomanerchor und dem Thomaskantor Konzertreisen in die Bundesrepublik Deutschland und in die Schweiz und beteiligte sich an Rundfunkaufnahmen in der Thomaskirche.Johannes Martin (Hrsg.): Karl Richter, Zeitdokumente, Bd. 7. Conventus Musicus, Dettelbach 2013, S. 57. Für seine Darbietung auf der Orgel anlässlich der Bach-Feierlichkeiten erhielt er den Nationalpreis der DDR III. Klasse für Kunst und Literatur.
Wahl-Prozedere Anfang des 19. Jahrhunderts sah die Wahl zum Thomasorganisten noch folgendermaßen aus:Martin Petzoldt: Die Thomasorganisten zu Leipzig. In: Christian Wolff (Hrsg.): Die Orgeln der Thomaskirche zu Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2012, S. 95–137, Inhalt von Seiten 114 f. Wahl durch den Stadtrat von Leipzig Ablegen des Examens durch Präsentation im Konsistorium Unterschreiben der Visitationsartikel Konsistorium konfirmiert Kandidaten Einweisung in das Amt durch Stadtrat
Nach einer Verwaltungsreform musste fortan die Königlich-Sächsische Kreisdirektion zustimmen und vor dem Leipziger Superintendenten ein Amtseid abgelegt werden, der bei Geißler (1843) wie folgt lautete:
Bei der Wahl Richters 1949 wurde das Kollaturrecht der Stadt nicht mehr angewandt. Die letztenMartin Petzoldt: Die Thomasorganisten zu Leipzig. In: Christian Wolff (Hrsg.): Die Orgeln der Thomaskirche zu Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2012, S. 95–137, Inhalt von Seite 137. freien Stellen für das Thomasorganistenamt wurden im Unterschied zu den Vorjahren öffentlich ausgeschrieben.
Thomasorganisten Amtsträger Die folgende Liste (nach Petzoldt) gibt einen chronologischen Überblick über die Thomasorganisten:Martin Petzoldt (Hrsg.): Thomaskirche Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2012, S. 193 f. 1528: Georg Rhau 1528: Franz 1534–1535: Nickel Weller 1536–1547: Wolfgang Otto 1556–1560: Bastian Lütze 1561–1595: Elias Nikolaus Ammerbach* 1595–1625: Andreas Düben 1625–1632: Georg Engelmann d. Ä. 1634–1659: Georg Engelmann d. J. 1663–1672: Gerhard Preisensin** 1672–1680: Jacob Weckmann 1681–1682: Vincenzo Albrici 1682–1683: Johannes Keimel / Johann Schelle*** 1682–1684: Heinrich Gottfried Kühnel 1684–1701: Johann Kuhnau 1701–1729: Christian Gräbner 1729–1778: Johann Gottlieb Görner 1778–1802: Carl Friedrich Görner**** 1802–1811: Johann Georg Hermann Voigt 1811–1812: Christian Traugott Fleischmann 1813–1821: Friedrich Schneider 1821–1843: August Pohlenz 1843–1869: Carl Friedrich August Geissler 1869–1878: Louis Papier 1878–1880: Wilhelm Rust 1880–1902: Karl Piutti 1903–1918: Karl Straube 1919–1939: Günther Ramin 1940–1949: Hans Heintze 1949–1950: Karl Richter 1953–1984: Hannes Kästner 1986–2021: Ullrich Böhme 2022– : Johannes Lang
* Ammerbach wurde während seiner Erkrankungen durch Simon Zenker (1573) und Konrad Berlich (1575) vertreten.** Preisensin war ab 1658 Substitut*** Keimel und Schelle übten das Amt alternierend aus.**** Görner war ab 1768 Substitut.
Weitere Personen Georg Engelmann d. J., später selbst Thomasorganist, spielte um 1633 „probeweise bzw. vertretungsweise“ Orgel. Papiers Vertreter an der Orgel der Thomaskirche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Franz Preitz.Martin Petzoldt: Die Thomasorganisten zu Leipzig. In: Christian Wolff (Hrsg.): Die Orgeln der Thomaskirche zu Leipzig. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2012, S. 95–137, Inhalt von Seite 117.