336x336px|mini|A Song Without Words (Gemälde von George Hamilton Barrable um 1888)
Als Bildungsbürgertum oder Bildungsbürger wird eine einflussreiche Gesellschaftsschicht bezeichnet (Bildungsschicht, heute auch Bildungselite), die humanistische Bildung, Literatur, Wissenschaft und Engagement in Staat und Gemeinwesen für sehr wichtig erachtet und pflegt. Das europäische Bildungsbürgertum entstand Mitte des 18. Jahrhunderts vor allem unter evangelischen Pfarrern, Professoren, Ärzten, reichen Kaufleuten und leitenden Beamten.
Bedeutung Die gesellschaftliche Relevanz, die dem Bildungsbürgertum als Deutungselite kultureller Erscheinungen zukam, beruhte in großem Maße auf der dominanten Stellung sowohl in Universitäten und Schulen, wie auch in der Produktion und Verbreitung öffentlicher Meinungen (durch Presse und Literatur). Dabei baute das Bildungsbürgertum auch Bildungs- und Sprachbarrieren auf, die es zu einer elitären Schicht werden ließen, zu der Ungebildete nur schwer Zutritt gewannen. Mitunter aus dieser Milieubeschreibung heraus stammt Pierre Bourdieus im 20. Jahrhundert entwickeltes Konzept des kulturellen Kapitals. Andererseits übernahmen Bildungsbürger oft auch Verantwortung für die Gemeinschaft, ihre Erziehung und Kultur. Das Bildungsbürgertum ist nur eine von vielen Spielarten des Bürgertums, die sich mit anderen überschneidet, sodass es nicht isoliert (etwa von beruflichen, wirtschaftlichen oder politischen Aspekten) betrachtet werden kann.
Kultur mini|Das Städelsche Kunstinstitut in Frankfurt am Main wurde maßgebend durch die Initiative und das Engagement des bildungsaffinen Bürgertums der Stadt getragen. Somit ist es ein historisches Beispiel für die Bedeutung der Bildung, die in der sozialen Schicht des Bürgertums eine immer größere Rolle zu spielen beginnt|299x299px Entscheidendes Merkmal des Bildungsbürgertums, auch in seiner Eigenwahrnehmung, ist der Umgang mit Kultur. Traditionsgemäß richtete sich die Bildung nach spezifischen Kanons, die vom Bildungsbürgertum geprägt und rezipiert wurden. Diese reichen von der Literatur über Musik (Hausmusik, Kirchenmusik, Orchestermusik, Oper) und Theater bis hin zu späteren Entwicklungen wie dem Film. Vor allem auch der gesellschaftliche Austausch in Theatern, Opernhäusern, Konzertsälen oder Museen in den Großstädten wurde zum prägenden Moment des Milieus; diese Institutionen verdanken ihre Gründung und ihren finanziellen Unterhalt oft mäzenatischen Initiativen von Bildungsbürgern. Ab dem 18. und 19. Jahrhundert setzten sie sich für den Bau von Kulturbauten ein, die – oft im klassizistischen Stil tempelartig gestaltet – zu erweiterten öffentlichen Salons des sozialen und politischen Lebens wurden, so die Museumsinsel in Berlin (1830), die Wiener Staatsoper (1869) oder in Frankfurt am Main das Städelsche Kunstinstitut (1833). Auch in kleineren regionalen Zentren entstanden Privattheater oder Stadttheater, deren Orchester auch Opern- und Konzertaufführungen in die Provinzen brachten.
Entwicklung 18. Jahrhundert In Deutschland entwickelte sich das Bildungsbürgertum aus frühen Anfängen (seit der Reformation vor allem im Evangelischen Pfarrhaus, das die Klöster als älteste Bildungszentren ergänzte und ablöste und schließlich zur „Brutstätte der Dichter und Denker“ wurdesiehe hierzu: Heinz Schlaffer: Die kurze Geschichte der deutschen Literatur. Hanser, München; Wien 2002, ISBN 978-3-7306-0021-4) zunächst um die Berufsgruppen der Professoren (auch die meisten Universitäten lösten sich von der Katholischen Kirche) und der zahlreicher werdenden Staatsbeamten. Im frühen Bildungsbürgertum waren akademische und freie Berufe besonders stark vertreten, neben den Pastoren und Professoren die Lehrer, Apotheker, Ärzte, Rechtsanwälte, Richter, Kaufleute, Musiker, Künstler, Ingenieure und leitenden Beamten.
Ursache für die Herausbildung einer breiteren sozialen Schicht im 18. Jahrhundert, vor allem aus dem Berufsbeamtentum, war der spätabsolutistische Verwaltungsstaat, der für seine Reformtätigkeit eine große Zahl gut ausgebildeter Staatsdiener benötigte, die das alte System der vormodernen Ständeordnung nicht hervorzubringen vermochte. Im Rahmen dieser Politik richtete der Staat Bildungsanstalten ein, deren Zahl besonders in den größeren deutschen Staaten im Verhältnis zum übrigen Europa beachtlich war. Die jeweiligen Staaten sicherten sich die Loyalität des entstehenden Beamtentums durch Verleihung von Steuerprivilegien, Befreiung vom Kriegsdienst und Bevorzugung vor Gericht. Auf diese Weise entstand eine neue außerständisch-bürgerliche Schicht, die sich weder politisch noch wirtschaftlich, sondern administrativ-kulturell definierte und somit entscheidend zur Entwicklung einer gesamtdeutschen Nationalidee beitrug. Ein Beispiel für ein solches gebildetes Staatsbeamten-Patriziat sind etwa die „Hübschen Familien“ aus Kurhannover.
19. Jahrhundert mini|Wilhelm von Humboldt (1767–1835)|228x228px Obwohl Universitäten in Europa bereits seit dem frühen Mittelalter (u. a. in Bologna, Oxford, Paris, Heidelberg oder Basel) bestanden, wuchs die gesellschaftliche Bedeutung der Akademie im Zuge der Industrialisierung, als für das Wirtschaftswachstum und die neue Organisation der westlichen Staatsstruktur das Zurückgreifen auf wissenschaftlich gut instruierte Bürger unerlässlich wurde. Ab dem 19. Jahrhundert entstanden überall in Europa neue Universitätsstandorte, etwa die heutige Humboldt-Universität zu Berlin im Jahr 1810, sowie auch technisch-spezialisierte Hochschulen (wie etwa die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich). Angehörige bildungsbürgerlicher Familien erhielten oft privilegierten Zugang zu Gymnasien und Universitäten. mini|Die Institution der Universität (im Bild: Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg) wurde zum zentralen Bezugspunkt der neuen bürgerlichen Schicht ab dem 19. Jahrhundert Die geistesgeschichtlich große Zeit der deutschen Klassik und Romantik, deren Produkte zugleich verpflichtende Bildungsinhalte wurden, kulminierte in der Redewendung vom „Volk der Dichter und Denker“. Das bedeutendste geistige Produkt – und zugleich die eigentliche Programmatik – des Bildungsbürgertums schuf zu Beginn des 19. Jahrhunderts Wilhelm von Humboldt mit seinem humboldtschen Bildungsideal. Dieses entwickelte sich um die beiden Zentralbegriffe der bürgerlichen Aufklärung: den Begriff des autonomen Individuums und den Begriff des Weltbürgertums. Die Universität sollte ein Ort sein, an dem autonome Individuen und „Weltbürger“ hervorgebracht werden bzw. sich selbst hervorbringen. Die universitäre Bildung sollte keine berufsbezogene, sondern eine von wirtschaftlichen Interessen unabhängige Ausbildung sein. Damit wies das humboldtsche Bildungsideal über das eigentliche Bildungsbürgertum hinaus auf eine „menschliche Gesellschaft der Gleichen“, was dem Abgrenzungsbestreben mancher Bildungsbürger zuwiderlief. Aus wirtschaftsliberaler Sicht wurde (und wird) dagegen die Ansicht vertreten, dass Menschen sich auf ihre persönliche Arbeit konzentrieren sollten, um zu verhindern, dass sie aufgrund von zu breitgefächerten Möglichkeiten ihre Arbeit vernachlässigten.Bernard Mandeville: An ESSAY on CHARITY, and Charity-Schools. In: Ders.: The Fable of the Bees or Private Vices. Publick Benefits, Vol. 1 Indianapolis 1988, S. 282 ff.
Das Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts zeichnete sich nach dem deutschen Germanisten Klaus Vondung durch folgende Eigenschaften aus: akademische Ausbildung „In-Group-Verhalten“, hervorgebracht durch ähnliche Bildungswege; über dieses Verhalten grenzte sich die Schicht von anderen sozialen Teilgruppen ab hohe Selbstrekrutierung gesellschaftliches Prestige ist wichtiger als wirtschaftliche Prosperität überwiegend protestantische Konfession gilt als „kulturelle Elite“ besetzt Berufe, die die bürgerlichen Ordnungsentwürfe weitervermitteln und so sozial dominant werden lassen
Nach Arnold Zweig zeichnete sich die neue soziale Schicht des Bildungsbürgertums ab dem 18. Jahrhundert folgendermaßen aus: „von den deutschen Klassikern erzogen, die auf liberale und großzügige Art die neue Einheit der Nation mit Büchern, Gedanken, Kunstwerken und Weltanschauungen zu verwirklichen suchte.“ Mit dem Beginn der Industrialisierung in Deutschland (ab Mitte des 19. Jahrhunderts) gewann das – nur teilweise aus dem Bürgertum oder gar Bildungsbürgertum hervorgehende, überwiegend aber von erfolgreichen Handwerkern begründete – Wirtschaftsbürgertum (die „Bourgeoisie“) an Einfluss. Bildungsstreben und Streben nach wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Erfolg bedingten einander nicht, konnten sich aber ergänzen und fördern.
Damit nahm die Entwicklung des deutschen Bürgertums einen späteren Verlauf als in den Nachbarstaaten England und Frankreich – das Bürgertum dieser Länder hatte die Teilhabe an wirtschaftlicher und nachfolgend politischer Macht schon früher erlangt: beginnend bereits im Spätmittelalter mit dem immer mächtiger werdenden englischen House of Commons, in dem sich schließlich die beiden Parteien der Whigs und Tories gegenübersaßen, wobei erstere überwiegend die städtischen, bürgerlichen und kaufmännischen Eliten (sowie religiöse Minderheiten) und letztere die ländliche, konservative (und anglikanische) Gentry repräsentierten. In Frankreich wurde der Aufstieg des Bürgertums lange durch die Hugenottenkriege und den nachfolgenden Absolutismus gebremst, doch im 18. Jahrhundert, seit der Régence, wurden auch dort die Kaufleute, Privatbankiers und Industriellen tonangebend und gelangten infolge der Französischen Revolution von 1789 (und endgültig unter dem „Bürgerkönig“) an die Schalthebel der politischen Macht.
Somit wiederholte sich auf nationalen Ebenen, was schon seit dem Spätmittelalter in vielen europäischen Stadtstaaten (den Handelsrepubliken), z. B. den Reichsstädten, Hansestädten, der Republik Venedig, der Republik Genua, Florenz, der Republik der Vereinigten Niederlande oder in den Schweizer Stadtkantonen (die vom Patriziat der Alten Eidgenossenschaft beherrscht wurden, also in Basel, Bern, Genf oder Zürich) zur Entstehung bürgerlicher Patriziate kaufmännischer Prägung geführt hatte. Diese Patrizier hatten sich allerdings inzwischen längst aristokratisiert, man spricht daher von „Städtearistokratien“ an der Spitze sogenannter „Aristokratischer Republiken“. Seit dem 17. Jahrhundert war, besonders in den Hansestädten, ein Großbürgertum entstanden, das bisweilen auch als „Bürgeradel“ bezeichnet wird. Anders als die älteren Patrizier strebte es nicht mehr primär dem Adel nach, indem es ländliche Grundherrschaften erwarb, sondern betonte bürgerliche Werte wie das Leistungsideal (kaufmännischer oder wissenschaftlicher Prägung) sowie eine gewisse Dezenz in der Zurschaustellung von Reichtum. Diese älteren bürgerlichen Führungsschichten wurden in ihren lokalen Wirkungskreisen seit Ende des 18. Jahrhunderts aber im Zuge von Revolutionen und Industrialisierung häufig ebenfalls durch neue Wirtschaftseliten abgelöst.