miniatur|Ägyptisches Mumienporträt aus dem 2. Jahrhundert nach Chr. (Louvre)
Mumienporträt (auch Fayumporträt) ist die moderne Bezeichnung für Porträts, die in Ägypten auf Holztafeln in die Mumienumhüllung eingewickelt oder seltener auf die Umhüllungen von Mumien gemalt wurden.
Mumienporträts wurden in allen Teilen Ägyptens, mit einer besonderen Konzentration im Fayyum-Becken (zum Beispiel Hawara) und in Antinoopolis, gefunden. Sie datieren in die römische Zeit, Römische Provinz Aegyptus, wobei dieser Brauch anscheinend im späten letzten vorchristlichen oder frühen 1. nachchristlichen Jahrhundert begann. Das Ende ihrer Herstellung ist umstritten. Die neuere Forschung tendiert in dieser Frage zur Mitte des 3. Jahrhunderts.
Die Mumienporträts zeigen meist eine Person im Brust- oder Kopfbildnis in Frontalansicht. Der Hintergrund des Bildes ist stets einfarbig gehalten. In ihrer künstlerischen Tradition sind diese Bildwerke eindeutig römischen Ursprungs. Technisch lassen sich zwei Gruppen unterscheiden: Bilder in Enkaustik (Wachsmalerei) und in Tempera, wobei die Ersteren im Schnitt von höherer Qualität sind.
Forschungsgeschichte mini|hochkant|links|Nicht authentische Darstellung der Mumienfindung durch Pietro Della Valle
Heute sind etwa 900 Mumienporträts bekannt.Corpus aller bekannten Exemplare: Klaus Parlasca: Ritratti di mummie. (= Repertorio d'arte dell'Egitto greco-romano. Band B, Nr. 1-4), Rom 1969–2003; ein weiteres in der Zwischenzeit aufgetauchtes Exemplar: Petrie Museum UC 79360, B. T. Trope, S. Quirke, P. Lacovara: Excavating Egypt. Atlanta 2005, ISBN 1-928917-06-2, S. 101. Der Großteil der Bilder wurde in den Nekropolen des Fayyum gefunden. Vielfach sind die Bilder dank des ägyptischen Klimas noch sehr gut erhalten, selbst die Farben wirken meist noch frisch.
Erstmals wurden Mumienporträts vom italienischen Forschungsreisenden Pietro della Valle 1615 während seines Aufenthaltes in der Oase Sakkara-Memphis entdeckt und beschrieben. Zwei der Mumien brachte er nach Europa mit, heute befinden sie sich in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.Barbara Borg: „Der zierlichste Anblick der Welt …“. Ägyptische Porträtmumien. Mainz 1998, S. 10 f. Danach verstärkte sich zwar im Laufe der Zeit das Interesse am alten Ägypten immer mehr, doch drangen neue Mumienporträts erst wieder zu Beginn des 19. Jahrhunderts in das Bewusstsein der Europäer. Es ist heute unklar, woher die ersten dieser Funde stammten, möglicherweise wieder aus Sakkara oder aus Theben. 1827 kamen durch Léon de Laborde zwei angeblich in Memphis gefundene Porträts nach Europa, von denen sich eines heute im Louvre und das andere im British Museum befindet. Schon 1820 erwarb der preußische Freiherr Heinrich Menu von Minutoli mehrere Mumienporträts, doch gingen sie mit anderen ägyptischen Artefakten 1822 beim Untergang der „Gottfried“ auf der Nordsee verloren. Ippolito Rosellini brachte von der Expedition, die Jean-François Champollion 1828/29 in Ägypten durchführte, ein Porträt von einem unbekannten Fundort nach Florenz mit, das den beiden Porträts, die Laborde fand, so sehr ähnelte, dass sie auch aus Memphis stammen müssen. Über den britischen Generalkonsul in Ägypten, Henry Salt, gelangten in den 1820er-Jahren mehrere Bilder nach Paris und London. Einige der auf ihnen dargestellten Personen galten lange Zeit als die Familie des auch aus schriftlichen Quellen bekannten thebanischen Archonten Pollios Soter, was sich jedoch als falsch herausstellte.
mini|hochkant|Einziger mit Nachricht belegter Porträtfund Gayets aus Antinoopolis. Im Winter 1905/06 gefunden und 1907 nach Berlin verkauft
In der Folge dauerte es wieder eine längere Zeit, bis erneute Funde von Mumienporträts bekannt wurden. Die erste derartige Nachricht aus dem Jahr 1887 ist zunächst für die Wissenschaft auch von eher fataler Natur. Daniel Marie Fouquet erhielt eine Information über den Fund mehrerer Porträtmumien in einer Grotte. Wenige Tage später machte er sich auf den Weg, um sie sich anzusehen, kam jedoch zu spät, da die Entdecker fast alle Holzbilder in den drei kalten Wüstennächten zuvor verfeuert hatten. Die letzten zwei der rund 50 Porträts erwarb er. Es ist unklar, wo ihr Fundort zu lokalisieren ist; möglicherweise handelte es sich um Philadelphia. Dort fand wenig später der Wiener Kunsthändler Theodor Graf weitere Bilder und versuchte nun, diese Funde möglichst gewinnträchtig zu verwerten. Er gewann den bekannten Leipziger Ägyptologen Georg Ebers für die Publikation seiner Funde. Anhand von Präsentationsmappen warb er für die Stücke in ganz Europa. Obwohl über den Fundkontext nicht viel bekannt war, ging er so weit, die gefundenen Porträts anhand anderer Kunstwerke, vor allem Münzporträts, bekannten ptolemäischen Herrschern und ihren Angehörigen zuzuschreiben. Keine dieser Zuweisungen war wirklich stimmig und schlüssig, doch brachte sie ihm viel Aufmerksamkeit, zumal auch Personen wie Rudolf Virchow diese Deutungen unterstützten. Damit waren Mumienporträts auf einmal in aller Munde.Barbara Borg: „Der zierlichste Anblick der Welt …“. Ägyptische Porträtmumien. Mainz 1998, S. 13 f., 34 ff. Zu Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Bildnisse wegen ihrer ganz eigenen, besonderen Ästhetik zu begehrten Sammelstücken und über den internationalen Kunsthandel weit verbreitet.
Auch die wissenschaftliche Erforschung kam nun voran. Ebenfalls 1887 begann Flinders Petrie mit seinen Grabungen in Hawara, wo er unter anderem eine kaiserzeitliche Nekropole entdeckte, aus der im ersten Jahr 81 Porträtmumien geborgen wurden. Bei einer Ausstellung in London wurden die Porträts zum Publikumsmagneten. Im folgenden Jahr grub er am selben Ort erfolgreich weiter, bekam aber Konkurrenz durch einen deutschen und einen ägyptischen Kunsthändler. Im Winter 1910/11 kehrte Petrie nochmals an den Ort zurück und grub weitere 70 Porträtmumien aus, die sich jedoch in einem recht schlechten Zustand befanden.Petrie: Roman Portraits and Memphis IV. London 1911, S. 1. Die Ausgrabungen von Flinders Petrie stellen bis heute, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die einzigen Beispiele von Mumienporträts dar, die bei einer systematischen Ausgrabung gefunden und deren Ergebnisse publiziert wurden. Obwohl diese Publikationen aus heutiger Sicht viele Fragen offen lassen, sind sie doch immer noch die wichtigste Quelle für die Fundumstände der Mumienporträts. Im MärzDeutsches Archäologisches Institut (Hrsg.): Antike Denkmäler. Band 2. Berlin 1908 (Digitalisat). 1892 entdeckte der deutsche Archäologe Richard von Kaufmann das sogenannte Grab der Aline, in dem sich einige der heute bekanntesten Mumienporträts fanden. Weitere wichtige Fundplätze wurden Antinoopolis und Achmim. In Antinoopolis gruben französische Archäologen wie Albert Gayet. Wie bei vielen anderen Forschern dieser Zeit ließen seine Methoden stark zu wünschen übrig. So ist seine Grabungsdokumentation mangelhaft, und viele Fundkontexte sind heute nicht mehr erschließbar. Zum anderen befragte er als Anhänger okkulter Wissenschaften Wahrsager nach Informationen über seine Funde.
Heute finden sich Mumienporträts in nahezu allen bedeutenden archäologischen Museen der Welt.Nicola Hoesch: Mumienporträts. In: Der Neue Pauly. Band 8, 2000, S. 464. Durch die häufig unsachgemäße Bergung sind die Fundumstände nicht mehr oder nur noch unzureichend zu rekonstruieren, was den kulturhistorisch-archäologischen Wert mindert. In der Forschung sind deswegen neben ihrem kulturhistorischen Wert auch die Forschungsergebnisse zum Teil umstritten.
Materialien und Fertigung mini|hochkant|Porträtmumie, 1911 von Flinders Petrie in einer Grabkammer gefunden. Mumienporträt im Originalzustand auf der Mumie
Erhaltene Mumienporträts sind zum überwiegenden Teil auf Holztafeln gemalt worden. Daneben gab es Mumienporträts, die direkt auf die Mumienleinwand oder die Leichentücher aufgebracht wurden. Die Holzplatten wurden aus hochwertigen, in dünne, rechteckige Stücke geschnittenen, importierten Hartholzsorten (Eiche, Linde, Maulbeerfeige, Zeder, Zypresse, Feige, Zitrone)Henning Wrede: Mumienporträts. In: Lexikon der Ägyptologie. Band IV, Wiesbaden 1982, S. 218. gefertigt und anschließend poliert. Manchmal wurden die Tafeln zusätzlich mit einem Gipsgemisch grundiert. Bei einigen Bildern sind Vorzeichnungen erkennbar. Vereinzelt lässt sich auch eine mehrfache oder beidseitige Verwendung der Hölzer nachweisen.Solche Bilder sind möglicherweise Anzeichen für eine Fertigung der Bilder zu Lebzeiten der Abgebildeten. Die Bilder wurden in einem „Bildfenster“ in die Mumienumhüllung eingefasst.
Zwei Maltechniken sind zu unterscheiden, zum einen die Enkaustik, zum anderen die Eitemperatechnik. Es gibt auch Mischformen oder Abweichungen von den gängigen Maltechniken. Die Bilder in Enkaustik-Technik wirken durch ein Nebeneinander von leuchtenden und satten Farben „impressionistisch“, Bilder in Tempera-Form wegen der zarten Abstufung ihrer kreidigen Farbtöne hingegen gedämpfter. Manchmal wurde Blattgold für den Schmuck und die Bekränzungen der Dargestellten verwendet. Akzentuierung und Differenzierung von Licht und Schatten hingen mit der Lokalisierung der Lichtquelle zusammen. Vor allem bei frühen, qualitativ hochwertigen Porträtbeispielen wurde dazu das Kolorit des Hintergrundes eingesetzt.
Kulturgeschichtlicher Kontext In ptolemäischer Zeit folgten die Bestattungssitten der Ägypter weitestgehend alten Traditionen. Die Leichen der Oberschicht wurden mumifiziert, sie erhielten einen dekorierten Sarg und über den Kopf der Mumie wurde eine Mumienmaske gelegt. Die in das Land kommenden Griechen folgten ihren eigenen Sitten. Aus Alexandria und anderen Orten gibt es genügend Belege, dass die Leichen nach griechischer Sitte verbrannt wurden. Dies spiegelt ganz allgemein die Situation im hellenistischen Ägypten wider, wo sich die Herrscher vor den Ägyptern als Pharaonen ausgaben, ansonsten aber in einer vollkommen hellenistischen Welt lebten, die nur wenig einheimische Elemente aufnahm. Erst in späterer Zeit ließen sich auch die ptolemäischen Pharaonen, etwa Kleopatra mumifizieren. Die Ägypter integrierten sich dagegen nur langsam in die griechisch-hellenistische Kultur, die seit den Eroberungen Alexanders des Großen nahezu den gesamten östlichen Mittelmeerraum dominierte. Dies änderte sich grundlegend mit dem Ankommen der Römer. Innerhalb weniger Generationen verschwand in der Alltagskultur jeglicher ägyptischer Einfluss. Städte wie Karanis oder Oxyrhynchos sind weitestgehend griechisch-römische Orte. Es bestehen deutliche Anzeichen dafür, dass sich eine Vermischung verschiedener Ethnien innerhalb der Führungsschicht des Reiches manifestiert hatte.Barbara Borg: „Der zierlichste Anblick der Welt …“. Ägyptische Porträtmumien. Mainz 1998, S. 40–56S. Walker, M. Bierbrier: Ancient Faces, Mummy Portraits from Roman Egypt. London 1997, S. 17–20.
mini|links|hochkant|Mann aus dem zweiten Jahrhundert nach Chr.