Die Karpaten-Öl AG war ein deutsches Mineralölunternehmen während des Zweiten Weltkriegs in der historischen Region Galizien im Süden Polens und Westen der heutigen Ukraine, die aus der Beskiden-Erdöl-Gewinnungsgesellschaft mbH hervorging.

Schreibweise Die frühere deutsche Schreibweise der Karpaten war Karpathen. Spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Verwendung des „th“ amtswegig nicht mehr im Gebrauch.Karl Hinrichsen: Briefe aus Galizien 1913. Cuvillier Verlag, 2005, S. 125. Dementsprechend ist im Bundesarchiv als amtliche Firmierung Karpaten-Öl AG, Lemberg sowie im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek Karpaten Öl AG und Karpaten-Öl Aktiengesellschaft vermerkt.Karpaten-Öl AG, Lemberg Deutsche Digitale Bibliothek, abgerufen am 8. September Juli 2025.Datensatz Karpaten Öl Katalog der Deutschen Nationalbibliothek, abgerufen am 8. September Juli 2025. Dessen ungeachtet ist die Schreibweise des Firmennamens in der Literatur unterschiedlich, selbst das Unternehmen verwendete in Dokumenten, Stellenzeigen oder Briefen mehrfach die Schreibweise Karpathen-Öl AG.Verschiedene Unterlagen der Karpathen-Öl-AG, Lemberg EHRI-Portal, abgerufen am 11. September 2025.

Vorgeschichte mini|Bohrtürme in Galizien, 1881 mini|Ölfeld in Tustanowice, 1908 mini|Ölförderung in Boryslaw, um 1925 mini|Öltanks in Boryslaw, 1933

Als Kronland gehörte Galizien ab 1772 zur Habsburgermonarchie bzw. ab 1867 zu Österreich-Ungarn. Nach der Entdeckung großer Erdölfelder entwickelte sich der Landesteil in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem wichtigen Zentrum der Erdölförderung. 1883 wurde mit der Einführung neuer Bohrmethoden und dem Bau der k.k. privilegierten Dniester-Bahn zur Erschließung des Ölgebiets die Grundlage der österreichischen Erdölindustrie geschaffen.Siegmund Bergmann: Galizien, seine kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung. Buchdruckerei Industrie Wien, 1912, S. 93 f.

Beherrschendes Merkmal der Landschaft Galiziens ist der westliche Teil der Karpaten, die Beskiden. Wiederholte Meeresbildungen führten in diesem Bereich zu mannigfaltigen Ablagerungen, so dass sich hier reiche Bodenschätze finden, darunter Erdöl, Erdgas, Braun- und Steinkohle, Erze, Uran. Die reichsten Ölfelder befanden sich in der Umgebung von Boryslaw und Drohobycz.

Geprägt wurde die galizische Erdölindustrie durch zahlreiche, meist jüdische Kleinunternehmer. Aber auch der Großteil der Arbeiterschaft war jüdisch. Es herrschten katastrophale Zustände. Die Arbeitszeiten betrugen sechs Tage pro Woche zu je zwölf Stunden, bei äußerst geringem Lohn. Es verging selten ein Tag, an dem sich nicht ein oder mehrere Unglücksfälle ereigneten. Die Ursachen waren Gasaustritte, Explosion oder es fielen Arbeiter in alte, aufgelassene, nicht verschlossene Schächte.Andreas Vormaier: Erdöl für Österreich-Ungarn. Ölrausch und Rohstofffluch. WM Magazin, 27. Februar 2025. Wien Museum, abgerufen am 10. September 2025.

Saul Raphael Landau schrieb über die Lage der jüdischen Arbeiterschaft auf den galizischen Ölfeldern eine schockierende Sozialreportage. So erwies sich auf dem Ersten Zionistenkongress (1897) die Gruppe der Ausreisewilligen aus Boryslaw von allen anwesenden Gruppen als die größte: 756 Familien mit über 4000 Personen erklärten ihre Bereitschaft, unverzüglich nach Palästina auszuwandern.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts fand ein beschleunigter Strukturwandel in der galizischen Erdölindustrie statt. Der ungezügelte Konkurrenzkapitalismus der Kleinunternehmungen wich größeren Erdölfirmen, die gut versorgt mit internationalem Kapital sowie mit Hilfe moderner Technik die Erdölförderung effizienter und damit auch weniger arbeitskräfteintensiv gestalteten. An der Prospektion, Exploration, Förderung und Verarbeitung beteiligten sich neben österreichisch-ungarischen Ölgesellschaften zunehmend deutsche, französische und englische Unternehmen.

Zu einer bedeutenden Ölgesellschaft entwickelte sich die 1895 gegründete Galizische Karpathen-Petroleum-AG, vormals Bergheim & McGarvey mit Rohölraffinerien unter anderem in Glinik-Maryampolski (Bezirk Gorlice) und Preßburg. 1904 gründeten österreichische Investoren die Aktiengesellschaft für österreichische und ungarische Mineralölprodukte (OLEX). Diese errichtete in ganz Europa Vertriebsgesellschaften für das in Galizien geförderte Öl. Einer der größten Kapitalanleger war zu dieser Zeit die Disconto-Gesellschaft mit Sitz in Berlin.Antje Hagen: Deutsche Direktinvestitionen in Grossbritannien, 1871–1918. Franz Steiner Verlag, 1997, S. 265. Galizien rangierte 1910 nach Russland als zweitgrößtes Erdölproduktionsgebiet in Europa.

1913 standen in dem Landesteil 357 Ölunternehmen in Betrieb, die zusammen 6812 Personen beschäftigten.Robert Dressler: Die Entwicklung der galizischen Erdölindustrie. Universitat Bern, 1933, S. 50, 61 f. Im September 1914 besetzten Truppen der Zaristischen Armee die galizischen Ölfelder. Als die Russen acht Monate später das Gebiet wieder räumen mussten, zerstörten sie einen Teil der Förderanlagen und verbrannten 350.000 Tonnen Mineralöl – so viel, wie Deutschland damals in einem ganzen Jahr einführte.Der Spiegel vom 23. Dezember 1973: Weltmacht Öl Der Spiegel, abgerufen am 7. September 2025.

Nach dem Ersten Weltkrieg erklärte das Umfeld um Józef Piłsudski ganz Galizien mit seiner wertvollen Erdölindustrie zum Bestandteil des neuen polnischen Staates. Demgegenüber beanspruchten die Ukrainer den östlichen Teil Galiziens. Aus dem Konflikt um den Besitz der Erdölquellen entwickelte sich 1918/19 der Polnisch-Ukrainische Krieg, dem 1920 der Polnisch-Sowjetische Krieg folgte.

Letztlich konnten die Polen vor allem den Franzosen glaubhaft machen, dass Investitionen unter einer polnischen Regierung nicht verlorengehen würden. Die polnische Seite versprach von Anbeginn, Frankreich Sonderkonditionen in der Erdölgewinnung und -raffinierung einzuräumen. Zudem traute der Quai d’Orsay den Ukrainern keine effektive wirtschaftliche Ausbeutung der Rohstoffquellen zu und befürchtete, die Ukrainer könnten Erdöl an Deutschland und Österreich liefern.Caroline Milow: Die ukrainische Frage 1917–1923 im Spannungsfeld der europäischen Diplomatie. Otto Harrassowitz Verlag, 2002, S. 448.

Am 16. Juli 1920 sprachen die Siegermächte ganz Galizien Polen zu. Gleichzeitig erfolgte auf Grundlage des Vertrags von Saint-Germain die Enteignung der österreichisch-ungarischen und deutschen Erdölunternehmen. Anschließend ging die Produktion schlagartig zurück, was auf eine schlechte polnische Verwaltung sowie auf Streitigkeiten zwischen England und Frankreich zurückgeführt wurde. So forderte Frankreich für seine Unterstützung 85 % der Erdölquellen, während England anfangs versuchte, dies zu seinen Gunsten zu verhindern, sich dann aber einigte und freie Hand für den Anglo-iranischen Vertrag erhielt, der den Iran mit seinen reichen Ölquellen quasi zu einem britischen Protektorat verwandeln sollte.Alfred Hettner (Hrsg.): Geographische Zeitschrift. Band 29. G.B. Teubner, 1923, S. 191 f.

Während 1913 im letzten Vorkriegsjahr in Galizien rund 1700 produzierende Bohrlöcher 1.173.665 Tonnen Rohöl förderten, ging 1922 die Zahl der Sonden auf 1526 und die Produktion auf 712.430 Tonnen zurück. 1923 betrug die Gesamtzahl der Beschäftigten auf den galizischen Ölfeldern 13.623. Insgesamt arbeiteten zu dieser Zeit in dem Gebiet 33 Raffinerien; die größte war die ehemalige k. k. Mineralölfabrik in Drohobycz mit einer jährlichen Verarbeitungskapazität von 400.000 Tonnen.Karl Oswald Viktor Engler: Das Erdöl. Die Erdölwirtschaft 1919–1924. S. Hirzel, 1925, S. 253–264.

Entsprechend den polnischen Zusagen befanden sich die Ölfelder und Anlagen bis zur Weltwirtschaftskrise maßgeblich im Besitz französischer Firmen. Sämtliche ehemaligen großen Gesellschaften, wie die Galizische Karpathen-Petroleum-AG, die k. k. Mineralölfabrik Drohobycz, die Schodnica-AG Wien oder die Galizische Naphta-Aktiengesellschaft „Galicia“, fielen 1920 an die französische Société des Petroles de Dabrowa SA (Paris/Lille). Einzig dem österreichischen Fanto-Konzern gelang es, über eine in Genf neu gegründete Holding (namens Société Réunies des Petroles Fanto S.A.) zwei größere galizische Ölfelder mit dazugehörigen Bohrtürmen zu behalten.

Im Zuge der Weltwirtschaftskrise zog Frankreich ab 1929 massiv Kapital aus Galizien ab. Damit verschärfte sich die wirtschaftliche und politische Instabilität der Zweiten Polnischen Republik. Der polnische Staat übernahm in den Erdölgebieten ein Terrain von 300.000 Hektar, das jedoch infolge von Missmanagement ertragslos blieb. 1935 schätzten Wirtschaftsexperten die Erdölreserven in Galizien auf 160 Millionen Tonnen.Roman Gorecki: Polens wirtschaftliche Entwicklung. Bank Gospodarstwa Krajoweg (Landeswirtschaftsbank), 1935, S. 15. Staatliche Bohrversuche erwiesen sich jedoch im Allgemeinen als Fehlschläge und auch die polnische Privatindustrie war nur eingeschränkt produktiv; sie litt unter den Spekulationen der Grundeigentümer.

So gab es spätestens ab Mitte der 1930er-Jahre in Galizien wieder zahlreiche Kleinunternehmer, die ihren Besitz in manchmal nur 25 bis 40 Quadratmeter große Parzellen aufteilten, die einzeln oder gruppenweise verkauft bzw. verpachtet wurden. Zur Deckung der hohen Kosten der Bohranlagen taten sich meist mehrere finanzschwache Kleinunternehmer zusammen. Auf diese Weise kam es zu einer enormen Zersplitterung und zu einer ungeheuren Zahl von Besitzstreitigkeiten. Die Bindung der Erdölförderung an den Grundbesitz – und die dadurch entfallende übergreifende staatliche Koordination und Kontrolle – waren die wesentliche Ursache der ineffizienten Mineralölindustrie in Zwischenkriegspolen.

Zweiter Weltkrieg mini|Galizien im heutigen Europa mini|Sowjetischer (links) und deutscher Öltransportzug auf dem galizischen Verladebahnhof Przemysl, 1940 mini|Briefmarken-Ausgabe für das Generalgouvernement Motiv Bohrtürme, 1944

Entsprechend dem geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt verlief nach der deutschen Besetzung Westpolens und der sowjetischen Besetzung Ostpolens die deutsch-sowjetische Demarkationslinie durch die galizischen Erdölgebiete.Rainer Karlsch: Ein vergessenes Großunternehmen. Die Geschichte der Karpaten Öl AG. In: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1 (2004), Walter de Gruyter, 2004, S. 95–138.

Infolge des schnellen Vormarschs gelangten die Ölquellen nahezu unversehrt unter deutsche und sowjetische Kontrolle. Ribbentrop hatte während der Verhandlungen zum deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag vergeblich versucht, das gesamte galizische Ölrevier für Deutschland auszuhandeln. Vorerst fiel jedoch nur Westgalizien in deutsche Hände, mit wenig mehr als einem Viertel des 1938 in ganz Galizien erzeugten Öls (500.000 Tonnen).Dietrich Eichholtz: Krieg um Öl. Ein Erdölimperium als deutsches Kriegsziel (1938–1943). Leipziger Universitätsverlag, 2006, S. 19.

Auf deutscher Seite wurden in Westgalizien 24 Raffinerien und 540 kleine Erdölunternehmen, die auf einer Gesamtfläche von 20.000 Quadratmetern operierten, vereinigt und in zwei neu am 20. Oktober 1939 gegründete Unternehmen überführt, die Beskiden-Erdöl-Gewinnungsgesellschaft mbH und die Beskiden-Erdöl-Verarbeitungsgesellschaft mbH, jeweils mit Sitz in Berlin.Johannes Bähr: Die Dresdner Bank in der Wirtschaft des Dritten Reichs. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2006, S. 367.Neues Wiener Tagblatt vom 28. Juni 1942: Die Brücke nach dem Osten, S. 3. ANNO, abgerufen am 7. September 2025.