Jean Lecocq (latinisiert Joannes Gallus; aktiv etwa zwischen 1540 und 1560) war ein franko-flämischer Komponist der Renaissance.

Leben und Wirken Die Identität des Komponisten Jean Lecocq alias Joannes Gallus wurde lange Zeit mit der eines Komponisten mit Namen Maistre Jhan gleichgesetzt,Robert Eitner: Metre Jhan oder Jehan. In: Monatshefte für Musikgeschichte. 18, 1886, S. 85–88; digitale-sammlungen.de. weil der venezianische Verleger Gerolamo Scotto auf dem Titelblatt einer 1543 erschienenen Motettensammlung diese Gleichsetzung vornahm. Diese Gleichsetzung wird mittlerweile als irrtümlich angesehen: Maistre Jhan starb möglicherweise bereits im Oktober 1538 und ist jedenfalls spätestens 1542 nicht mehr in den Ferrareser Rechnungsbüchern nachgewiesen. Auch kommt die Gleichsetzung sonst in keiner Quelle vor. Der Verleger Tielman Susato verwendet zwar in seinem Druck der Chansons 1543 die Namensversionen Gallus (lateinisch) und Lecocq (französisch) beliebig abwechselnd für den gleichen Komponisten, aber nie den Namen Maistre Jhan.

Über das Leben von Jean Lecocq ist fast nichts bekannt; weder über die Geburt noch über seinen Tod sind Datum und Ort bisher ermittelt worden. Der Autor Lodovico Guicciardini berichtet 1565 von einem „Gian le Coick“ als einem zeitgenössischen musikalischen Meister, mit dem er wohl Johannes de Cockh meinte, der spätestens ab 1564 bis zu seinem Tod Mitte der 1570er Jahre in der kaiserlichen Kapelle in Wien gewirkt hat. Dieser Sänger ist vielleicht identisch mit dem Joannes Gallus, der mit verschiedenen Musikdrucken aus Deutschland und den Niederlanden zwischen 1542 und 1555 vertreten ist.

Bedeutung Die Gesamtheit der Werke, die Jean Lecocq / Joannes Gallus zugeschrieben werden, ist nicht sehr groß: 9 Motetten und 22 Chansons. Die Chansons sind in ihrer Schreibweise nicht so leicht und flüssig wie die vergleichbaren Werke von Claudin de Sermisy oder Clément Janequin. Bei einigen wirkt die Art, wie der Kontrapunkt eingesetzt wird, sehr konservativ. Fünf der Chansons sind kanonisch geschrieben; unter diesen ist das fünfstimmige Stück „Sy des haulx cieulx“ besonders bemerkenswert, weil hier ein Unisono-Spiegelkanon ausgeführt wurde.

Werke Motetten „Angelus Domini descendit“ zu vier Stimmen, 1538 „Domine da nobis auxilium“ zu vier Stimmen, 1542 „Ecce plenus“ zu vier Stimmen, 1546 „Exaltare tui Domine“ zu fünf Stimmen, 1554 „Laudemus omnes“ zu vier Stimmen, 1547 „Musica Dei donum optimi“ zu fünf Stimmen, 1554 „Quousque Domine“ zu fünf Stimmen, 1553 „Suscipe verbum virgo Maria“ zu fünf Stimmen, 1555 „Valde honorandus est“ zu fünf Stimmen, 1546 Chansons „Au glay berg icronette“ zu vier Stimmen, 1554 (Zuschreibung an Gallus) „Belle vostre amie est venu“ zu vier Stimmen, 1554 (Zuschreibung an Lecocq) „Douleur et pleurs“ zu vier Stimmen, 1554 (Lecocq) „Deuil et ennuy“ zu fünf Stimmen, 1545 (Lecocq) „En espoir vis“ zu vier Stimmen, 1544 (Lecocq) „Hélas amours du vient“ zu vier Stimmen, 1544 (Lecocq) „Humble et leal vers madame“ zu vier Stimmen, 1554 (Gallus) „Je ne desire“ zu vier Stimmen, 1544 (Gallus) „Las me fault il tant“ zu vier Stimmen, 1544 (Lecocq) „Le bergier et la bergiere“ zu fünf Stimmen, 1543 (Gallus) „Nostre vicaire ung jour“ zu vier Stimmen, 1544 (Lecocq) „Or suis je bien au pire“ zu sechs Stimmen, 1550 (Gallus/Lecocq) „Par faulte d’argent“ zu fünf Stimmen, 1544 (Gallus) „Pour la dame“ zu fünf Stimmen, 1550 (Gallus) „Pour une seulle“ zu vier Stimmen, 1544 (Gallus) „Puis que fortune“ zu vier Stimmen, 1544 (Lecocq) „Sans avoir aultre“ zu fünf Stimmen, 1543 (Gallus) „Si alcunement désirez“ zu vier Stimmen, 1544 (Lecocq) „Sy des haulx cieulx“ zu fünf Stimmen, 1545 (Lecocq) „Si par souffrir“ zu fünf Stimmen, 1545 (Lecocq) „Si tu voulois accorder“ zu vier Stimmen, 1544 (Lecocq) „Si variable oncques“ zu vier Stimmen, 1544 (Lecocq)

Literatur Franz Xaver Haberl: Die römische »Schola cantorum« und die päpstlichen Kapellsänger bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts. In: Vierteljahresschrift für Musikwissenschaft Nr. 3, 1887, S. 187–296, hier S. 258. Albert Smijers: Die kaiserliche Hofmusikkapelle von 1543–1619. In: Studien zur Musikwissenschaft Nr. 7, 1920, S. 102–142, hier S. 128, separat veröffentlicht Wien 1922. Renato Casadio: La cappella musicale della cattedrale di Ravenna nel secolo XVI. In: Note d’archivio per la storia musicale Nr. 16, 1939, S. 136–185, 226–237, 258–273, hier S. 138.

Ute Meissner: Der Antwerpener Notendrucker Tylman Susato: Eine bibliographische Studie zur niederländischen Chansonpublikation in der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts. Merseburger, Berlin 1967 (zugleich Dissertation an der Freien Universität Berlin). Marc Honegger, Günther Massenkeil (Hrsg.): Das große Lexikon der Musik. Band 5: Köth – Mystischer Akkord. Herder, Freiburg im Breisgau u. a. 1981, ISBN 3-451-18055-3. The New Grove Dictionary of Music and Musicians, herausgegeben von Stanley Sadie, 2nd Edition, Band 9, McMillan Publishers, London 2001, ISBN 0-333-60800-3. Auch online: .

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Einzelnachweise

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