Bei der Tölzer Leonhardifahrt im oberbayerischen Bad Tölz (in örtlichem Dialekt Lehardi oder Lehards)Roland Haderlein, Claudia Petzl, Christoph Schnitzer: Bad Tölz. Stadt und Land im Porträt; CS-Verlag, 2006; Seite 57 handelt es sich um eine Wallfahrt zu Ehren des Viehpatrons, dem Heiligen Leonhard. Die erste verbürgte Leonhardifahrt in Tölz fand 1772 statt, in ihrer heutigen Form jährlich seit 1856, für gewöhnlich am 6. November. Als größte und bedeutendste Leonhardifahrt erreichte diese überregionale Bekanntheit und wurde im Juli 2016 als „Tölzer Leonhardifahrt“ als immaterielles Kulturerbe Bayerns anerkannt. Im Dezember 2016 folgte durch die Deutsche UNESCO-Kommission die Aufnahme ins bundesweite Verzeichnis.
Geschichte Ursprünge Auf dem Höhenberg in Tölz soll einst ein „heiliger Baum“ gestanden haben, der schon als Ziel eines heidnischen Umrittsbrauches diente, was heute jedoch als unwahrscheinlich gilt. Denn die Leonhardsverehrung in Tölz als Viehpatron begann erst, nachdem die Kapelle bereits erbaut war. Diese wurde ursprünglich zu Ehren der Schmerzhaften Muttergottes erbaut, während Leonhard noch schlicht als Patron der Gefangenen galt.Christoph Schnitzer: Die Tölzer Leonhardifahrt; CS-Verlag, 2005; Seite 16 mini|Leonhardikapelle und Leonhardifahrt (aus dem „Kalender für katholische Christen“ 1862) In der Kirche Mariä Himmelfahrt befand sich schon seit 1415 ein St. Leonhards- und Georgsbenefizium, gestiftet vom Herzogspaar Ernst und Elisabeth und dem Erbprinzen Albrecht. Auch von Messen zu Ehren Leonhards im 16. und 17. Jahrhundert wird berichtet.
Tölzer Zimmerleute gelobten während der Sendlinger Mordweihnacht 1705, im Falle einer glücklichen Heimkehr zum Dank eine Kapelle zu errichten.Bad Tölz; Christoph Schnitzer, Roland Haderlein, Claudia Petzl; CS-Verlag; 2006; Seite 55 Doch erst nach dem Abzug der österreichischen Besatzer und der Rückkehr des Kurfürsten Max Emanuel 1715 konnte dieses Gelöbnis erfüllt werden. Zu Ehren der Muttergottes wurde daher eine Kapelle auf dem Höhenberg errichtet. Bauherren waren die Zimmerermeister Kanzler, Meier und Lindner, unterstützt von 22 Gesellen, dem Pfarrmesner Müsner als Handwerksschreiber, sowie weiteren Tölzer Bürgern. Am 17. November 1718 wurde diese Kapelle vom Tölzer Pfarrer Nicodemus Samweber eingeweiht. Der fürstbischöfliche Segen erfolgte am 14. September 1722 durch Bischof Johannes Franz Eckher von Kapfing und Lichteneck, gleichzeitig mit der soeben fertig gestellten Kalvarienberganlage.Christoph Schnitzer: Die Tölzer Leonhardifahrt; CS-Verlag, 2005; Seite 19 Eine von Samweber angeregte Erweiterung der Kapelle wurde 1722 vom Tölzer Rat abgelehnt, da in der benachbarten Kirche genug Platz vorhanden sei und unklar wäre, welcher Kirche der größere Andrang galt.Georg Westermayer: Chronik der Burg und des Marktes Tölz; Verlag Günther Aehlig; 3. Auflage 1976; Seite 207
Von einer Verehrung als Vieh- und Rosspatron Leonhards war dabei aber noch nicht die Rede, da Leonhard damals noch nur als Patron der Gefangenen und Kranken galt. Da sich auf diesem Höhenberg eine der beiden Tölzer Richtstätten befand, erscheint aber ein Zusammenhang zur zunehmenden Leonhardsverehrung als möglich, der als Schirmherr der Gefangenen auch jener der Verurteilten ist. Einen solchen Zusammenhang zwischen früheren Hinrichtungsstätten und Leonhardsverehrung findet man auch andernorts. Die zunehmenden Viehseuchen im 18. Jahrhundert führten dann zu einer Ausweitung Leonhards als Viehpatron und der Ort diente zunehmend als Ziel von Wallfahrten und Bittgängen.
Die Nähe des Galgens zur Kapelle führte jedoch zu Protesten, wegen des „schlechten Prospekts“ und da sich ein Galgen neben der Kapelle „nicht schicken will“. Daher wurde dieser 1761 abgebrochen und weiter nördlich neu errichtet.Christoph Schnitzer: Die Tölzer Leonhardifahrt; CS-Verlag, 2005; Seite 17 Bereits 1718 befand sich in der Kapelle ein Brustbild Leonhards, das in der Mitte des 18. Jahrhunderts in der Mitte platziert wurde. Die Verehrung Leonhards und entsprechende Votivgaben stiegen stark an, während die zu Ehren Marias stark abnahmen. Im Tölzer Flurplan von 1812 ist bereits von der „Leonhardskapelle“ die Rede, obwohl Maria bis heute die Hauptpatronin des Gotteshauses ist.
Während der Säkularisation drohte der Kapelle der Abriss. Diesen verfügte bereits der Tölzer Landrichter 1804, konnte aber von Tölzer Zimmerern hinausgezögert und schließlich abgewendet werden. Da zu dieser Zeit bereits ein reger Umrittsbrauch herrschte, setzte sich vor allem der spätere Bürgermeister Anton Niggl für den Erhalt ein.
Anfänge der „wilden“ Wallfahrt Wann die erste Wallfahrt zu Ehren Leonhards in Tölz stattfand, ist nicht gesichert. Als erster verbürgter Termin gilt der 6. November 1772, der im Verkündbuch der Pfarrei Tölz festgehalten ist.Christoph Schnitzer: Die Tölzer Leonhardifahrt; CS-Verlag, 2005; Seite 22 Frühere Wallfahrten gelten zwar als wahrscheinlich, aber Votivhufheisen von 1719 oder ein Truhenwagen aus Gaißach von 1732 gelten nicht als sichere Beweise. Als wahrscheinlich gilt, dass die Viehseuche von 1743 den ersten Bittgang zur Kapelle der Schmerzhaften Muttergottes auslöste. Als Viehpatron wurde Leonhard zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht verehrt. Nach 1772 fand die Wallfahrt aber bereits regelmäßig statt, mit Ausnahme zur Zeit der Säkularisation, als die Wallfahrt verboten war. Eine Pferdesegnung fand auch noch nicht statt. 1913 zitiert der Brauchtumsforscher Georg Schierghofer: „Noch in den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts erschienen am frühesten Morgen des Leonharditages vereinzelt Reiter auf dem Berge, sprengten dreimal um die Kapelle und entfernten sich wieder, während die festliche Umfahrt erst am Vormittag stattfand.“ mini|Mädchen in Alttölzer Tracht mit Krönchen (2016) Die Beschreibung eines unbekannten Autors von 1803 schildert: „Diese Fahrt begehen die Bauern und Bäuerinnen hiesiger und benachbarter Gegend auf Wägen, welche mit buntem Papier und grellfarbigen Bändern geschmückt und von ebenauch verschiedentlich gezierten Pferden gezogen werden.“ Gleichzeitig kritisiert der Autor aber auch Fahrten „in größter Eile mit Lebensgefahr“, „tollkühne Handlungen“ und „Biertaumel“.Christoph Schnitzer: Die Tölzer Leonhardifahrt; CS-Verlag, 2005; Seite 23
Geordnete Wallfahrt ab dem 19. Jahrhundert Es ist vor allem dem Pfarrer Joseph Pfaffenberg zu verdanken, dass sich die Tölzer Leonhardifahrt zur größten und bekanntesten ihrer Art entwickelte.Gregor Dorfmeister: Bad Tölz; Löbl-Schreyer Verlag, 1988; Seite 45Peter Blath: Bad Tölz. Alltagsimpressionen. In: Die Reihe Archivbilder; Karl M. Sutton-Verlag, 2009, Seite 95 1855 kam dieser als Pfarrer nach Tölz. Sein Gefallen am religiösen Charakter der Wallfahrt trübten allerdings „plane Unordnung“, sowie „Ungeziemendes und Gefahrvolles“, wie er in einem Schreiben an den Tölzer Magistrat ausführte.Christoph Schnitzer: Die Tölzer Leonhardifahrt; CS-Verlag, 2005; Seite 26 Pfaffenberg sorgte 1856 für eine Neuordnung und ein straffes Regelkorsett. Am 4. November 1856 verkündete er bei einer Predigt: „Die St. Leonhardifahrt am nächsten Donnerstag wird heuer in nachfolgender Ordnung gehalten: Alle jene, welche an dieser altehrwürdigen Fahrt teilnehmen, versammeln sich vor 9 Uhr außerhalb des Gottesackers. Um 9 Uhr beginnt unter Voranritt eines Geistlichen mit dem Kreuzpartikel unter Gebet die Fahrt durch den Markt nach der St. Leonhardikapelle auf dem Höhenberg, dort wohnen die Teilnehmer dem Amte bei, nach welchem dem Zuge der heilige Segen gegeben wird, welcher sich sofort auf dem Wege zur Mühlfeldkirche zurückbegibt, wo der letzte Segen gegeben und der Zug geschlossen wird.“Christoph Schnitzer: Die Tölzer Leonhardifahrt; CS-Verlag, 2005; Seite 27 Diese Ordnung gilt bis heute, war seinerzeit jedoch nicht unumstritten. Auch aus Trotz, so berichtet das Tölzer Amts- und Wochenblatt, umritten noch zehn Jahre später manche Reiter eigenmächtig die Kapelle vor dem eigentlichen Umzug. Gerade „junge Burschen“ hätten die „Fahrt für sich gemacht und sich nur teilweise an den Zug gehalten“. Der Magistrat begrüßte allerdings diese Reformen und auch der größte Teil der Bauernschaft billigte diese. Gegenwind erhielt Pfaffenberg allerdings aus eigenen Reihen. Noch am 5. November 1856 forderte das erzbischöfliche Ordinariat in München Pfarrer Pfaffenberg schriftlich dazu auf, bei der Fahrt die „früher übliche Art und Weise beizubehalten“. Der Dekanatsvorstand Bachmair aus Gaißach beklagte „übermäßigen Reformeifer“. Dennoch ließ sich Pfaffenberg nicht beirren. Neun Jahre später erkundigte sich das Münchner Ordinariat, ob es „Missbräuche oder Ungehörigkeiten“ gäbe und fand sich mit der Neuordnung ab.Christoph Schnitzer: Die Tölzer Leonhardifahrt; CS-Verlag, 2005; Seite 28
Die Tölzer Leonhardifahrt fand stets am 6. November statt, es sei denn, dieses Datum fiel auf einen Sonntag, da Leonhardi nicht den regulären Gottesdienstbesuch der Wallfahrer behindern sollte. Nach der Neuordnung 1856 wurde Leonhardi dabei stets auf den Martinitag, einen Freitag, verschoben. Aufgrund des Fastengebots der Kirche brachte dies jedoch Probleme mit sich. Sowohl Teilnehmer als auch Besucher beklagten das Fleischverbot in den Wirtshäusern. 1870 beantragte der Tölzer Magistrat erstmals einen Fastendispens beim erzbischöflichen Ordinariat, was jedoch strikt abgelehnt wurde. Ab 1881 wurde daher der folgende Montag als Ausweichtermin festgelegt. Um auch der arbeitenden Bevölkerung den Besuch zu ermöglichen, wurde unter Bürgermeister Gregor Schöttl ab 1966 Leonhardi in diesem Fall auf Samstag vorverlegt, was bis 2010 galt. Dennoch bestand weiterhin das Problem, wenn Leonhardi auf einen gewöhnlichen Freitag fiel. 1885 erfolgte ein erneuter Antrag beim Bischof, auch da sich bei Tölzer Gastwirten „ein gewaltiges Murren erhob“. Dennoch scheiterte auch dieser Antrag erneut. Erst am 16. Oktober 1891 war das Ordinariat überzeugt, für die Wallfahrer und Gäste einen Fastendispens zu erlassen, was diesen gestattete, auch freitags, aber nur an Leonhardi, Fleisch zu essen.Christoph Schnitzer: Die Tölzer Leonhardifahrt; CS-Verlag, 2005; Seite 29 mini|Typische Leonhardi-Frisur, nach Biedermeiermuster, mit Haarröllchen, „Affenschaukeln“ und eingeflochtenem Asparagus. Das ovale Kranl wird nur von unverheirateten Frauen getragen. (2016) Die Besucherzahlen wuchsen fast kontinuierlich von Anfang an, Ende des 19. Jahrhunderts wurde erstmals die Zahl 10.000 erreicht.Gabriele Stangl: Leonhardifahrt in Tölz. Verlag Günter Aehlig, Bad Tölz 1977, , S. 72 ff. Nach der Eröffnung des Abschnitts Holzkirchen–Tölz der heutigen Bahnstrecke München–Lenggries fuhren von München aus Sonderzüge nach Tölz, so 16 Sonderzüge im Jahr 1894.Christoph Schnitzer: Die Tölzer Leonhardifahrt; CS-Verlag, 2005; Seite 33
1910 erwarb die Stadt Bad Tölz den Grund um die Kapelle für 6500 Mark und sicherte damit den Fortbestand der Wallfahrt. 1911 bot das Kaufhaus Oberpollinger in München erstmals Nachbildungen und Spielzeug der Tölzer Leonhardifahrt an und 1912 wurde diese erstmals kinematografisch aufgenommen und deutschlandweit in Kinos gezeigt. Kriegsbedingt fiel in den Jahren 1917 und 1918 erstmals seit 1856 wieder die Wallfahrt aus.Christoph Schnitzer: Die Tölzer Leonhardifahrt; CS-Verlag, 2005; Seite 40 Der aus Bad Heilbrunn stammende Benediktinerpater Magnus Lorenz Meiller war in den 1920er-Jahren als Missionar in Zululand, im heutigen Südafrika, tätig, und veranstaltete dort 1925 eine Leonhardifahrt nach Tölzer Vorbild, wobei mehr als 1000 Stück Vieh gesegnet wurden.Christoph Schnitzer: Die Tölzer Leonhardifahrt; CS-Verlag, 2005; Seite 46