Faustine ist eine literarische Figur von Johann Wolfgang von Goethe.
Elegische Figur In den Römischen Elegien (XXI./18.) schreibt Goethe:XXI. / 18. Darum macht Faustine mein Glück: sie teilet das Lager / Gern mit mir, und bewahrt Treue dem Treuen genau. Namentlich wird sie nur an dieser Stelle genannt, ihre Herkunft in der XVIII./15. Elegie angegeben.XVIII. / 15. In der Literatur spricht man von Faustina.
Eckart KleßmannEckart Kleßmann: Christiane – Goethes Geliebte und Gefährtin, Artemis Verlags-AG, Zürich, 1992, V, S. 35–48 schreibt hierzu: Ein italienischer Goethe-Forscheri.e. Roberto Zapperi s. Lit fand heraus, dass Faustina dokumentarisch nachweisbar ist.Eckart Kleßmann: Christiane – Goethes Geliebte und Gefährtin, Artemis Verlags-AG, Zürich, 1992, V, S. 36
Faustina war Tochter des Gastwirtes Agostino di Giovanni, wurde 1764 geboren, heiratete 1784, hatte einen kleinen Sohn und war verwitwet. Sie arbeitete als Kellnerin in der „Osteria alla Campana“.
Goethe bestätigte dies 1827 in einem Gespräch mit dem Maler Wilhelm Zahn. Dieser berichtete von seiner Reise nach Rom und Einkehr in die „Osteria alla Campana“. Goethe erwiderte: In dieser Osteria hatte ich meinen gewöhnlichen Verkehr. Hier traf ich die Römerin, die mich zu den Elegien begeisterte. In Begleitung ihres Oheims kam sie hierher, und unter den Augen des guten Mannes verabredeten wir unsere Zusammenkünfte, indem wir den Finger in den verschütteten Wein tauchten und die Stunde auf den Tisch schrieben.Eckart Kleßmann: Christiane – Goethes Geliebte und Gefährtin, Artemis Verlags-AG, Zürich, 1992, V, S. 36
Diese Szene wird in der XVIII./15. ElegieXVIII. / 15. ausführlich beschrieben. … Und noch schöner von heut an seid mir gegrüßet, ihr Schenken, / Osterien, wie euch schicklich der Römer benennt; / Denn ihr zeiget mir heute die Liebste, begleitet vom Oheim, / Den die Gute so oft, mich zu besitzen, betrügt. … … Lauter sprach sie, als hier die Römerin pfleget, kredenzte, / Blickte gewendet nach mir, goß und verfehlte das Glas. / Wein floß über den Tisch, und sie, mit zierlichem Finger, / Zog auf dem hölzernen Blatt Kreise der Feuchtigkeit hin. / Meinen Namen verschlang sie dem ihrigen; immer begierig / Schaut ich dem Fingerchen nach, und sie bemerkte mich wohl. / Endlich zog sie behende das Zeichen der römischen Fünfe / Und ein Strichlein davor. Schnell, und sobald ichs gesehn, / Schlang sie Kreise durch Kreise, die Lettern und Ziffern zu löschen; / Aber die köstliche Vier blieb mir ins Auge geprägt. …
Auf seiner Italienischen Reise von September 1786 bis Mai 1788 (ein dreiviertel Jahre) war Goethe auf der Hinreise vier Monate und auf der Rückreise fast ein Jahr in Rom. Faustina lernte er auf der Rückreise kennen, vermutlich erst im Januar 1788. Sein Herzog Carl August berichtete Goethe in seinen Briefen nach Rom auch von seinem Liebesleben. Goethe antwortete am 16. Februar 1788: Es scheint, daß Ihre guten Gedanken unterm 22. Jan. (1788) unmittelbar nach Rom gewirkt haben, denn ich könnte schon von einigen anmutigen Spaziergängen erzählen. So viel ist gewiß und haben Sie, als Doctor longe experimentissimus (Gelehrter mit überaus langer Erfahrung), vollkommen recht, daß eine dergleichen mäßige Bewegung das Gemüt erfrischt und den Körper in ein köstliches Gleichgewicht bringt. Wie ich solches in meinem Leben mehr als einmal erfahren, dagegen auch die Unbequemlichkeit gespürt habe, wenn ich mich von dem breiten Wege auf dem engen Pfad der Enthaltsamkeit und Sicherheit einleiten wollte.Eckart Kleßmann: Christiane – Goethes Geliebte und Gefährtin, Artemis Verlags-AG, Zürich, 1992, V, S. 37
Goethe reiste nach Ostern (Ostersonntag war der 23. März 1788) nach Weimar zurück. Seine amouröse Beziehung mit Faustina war mit drei bis vier Monaten eher kurz, hatte aber großen Einfluss auf seine persönliche Entwicklung.
Wer war Faustine?
Goethes Abreise aus Karlsbad am 3. September 1786 war unangekündigt, ohne Nennung von Ziel und Dauer. Er entfloh dem 10-jährigen Staatsdienst bei seinem Herzog Carl August und der feinen Gesellschaft in Weimar. Letztlich vereinbarte er mit seinem Arbeitgeber einen bezahlten Urlaub unbestimmter Dauer. Italien war für Goethe das Land seiner Sehnsucht. Er wollte die klassische Antike studieren, den Lebensstil kennenlernen und die freie, „reine“i. e. ohne Franzosenkrankheit Liebe erleben. Zur Vermeidung öffentlicher Aufmerksamkeit reiste er inkognito als „Johann Philipp Möller“. Sein in Weimar verbliebener Sekretär Philipp Seidel kannte sein Pseudonym und regelte auf postalische Anweisungen die Korrespondenz und den Geldverkehr.Roberto Zapperi: Das Inkognito. Goethes ganz andere Existenz im Rom. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1999, S. 7, 12, 40, 110.
Auf Einladung von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein nahm Goethe Kost und Logis in der Casa Moscatelli, Via del Corso 18 bis 20 (seit 1990 Museum Casa di Goethe) des pensionierten Kutschers Sante Collina, der ihn mit Signor Felippo anredete.Roberto Zapperi: Das Inkognito. Goethes ganz andere Existenz im Rom. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1999, S. 113/114 Dort wohnten ebenfalls die Maler Johann Georg Schütz und Friedrich Bury. Beim Eintrag in das Einwohnerregister stellte sich Goethe als „Maler Filippo Möller, 32 Jahre alt“ (6 Jahre weniger als tatsächlich) vor und wurde italienisiert als „Sig. Filippo Miller Tedesco di anni 32“ eingetragen. Auch die Namen seiner Mitbewohner waren italienisiert als „Tisben“ (Tischbein), „Zicci“ (Schütz) und „Bir“ (Bury) verzeichnet. Die Post an Goethe wurde von Philipp Seidel in einem zweiten, innerhalb eines an „Al signor Tischbein Pittore Tedesco al Corso, incontro del Palazzo Rondanini, Roma“ adressierten Außenumschlag expediert.Roberto Zapperi: Das Inkognito. Goethes ganz andere Existenz im Rom. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1999, S. 51–53 und S. 57 f.
Den Namen Osteria alla Campana / Gasthaus zur Glocke gibt es häufig. Der Dichter Wilhelm Müller stellte 1820 kreativ fest, dass diese Osteria mit der Goldenen Glocke auf dem Platz am Marcellustheater liege. Dort feierten die deutschen Künstler jährlich den Geburtstag Goethes. König Ludwig I. von Bayern ließ 1866 dort eine Gedenktafel anbringen, wo Goethe angeblich sein elegisches Liebesverhältnis begann. Eine Schenke dieses Namens ist in den amtlichen Verzeichnissen des 18. Jahrhunderts jedoch nicht vermerkt. Goethe kannte diese Überlieferung und konnte sie 1827 im Gespräch mit Zahn ins Gespräch bringen: „Kennen Sie auch die Osteria alla Campana?“ Zahn bestätigte dies eifrig, was Goethe zu der Bemerkung veranlasste: „Hier traf ich die Römerin, die mich zu den ‚Elegien‘ begeisterte“. In Wirklichkeit verbarg Goethe die Einzelheiten seines Inkognito eifersüchtig vor der Öffentlichkeit. Er bestätigte Zahns Auffassung, um ihn und seine Landsleute auf eine falsche Fährte zu bringen, um den wahren Schauplatz seiner Liebe zu verbergen.Roberto Zapperi: Das Inkognito. Goethes ganz andere Existenz im Rom. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1999, S. 135–138.
Die Gaststätte Vinzenz/Vincenzo des Gastwirtes Vinzenz Roesler und seiner Frau in der Via Condotti war bei den deutschen Künstlern besonders beliebt. Das Ehepaar hatte zwei Töchter, Maria Constanza Teresa (20) und Maria Elisabetta Gertrude (14), sowie vier jüngere Söhne. Goethe fielen die beiden Mädchen auf, die am Tisch servierten. Er bat Tischbein, Zeichnungen der Mädchen anzufertigen. Goethes Ausgabenbuch GSA 25/W 2544 ist zu entnehmen, dass er im Januar 1787 „Vinzenco“ sehr eifrig besuchte. Seine Ausgaben waren üppig, was auf mehrere bewirtete Teilnehmer schließen lässt. Er hatte wohl ein besonderes Interesse an diesen Besuchen.Roberto Zapperi: Das Inkognito. Goethes ganz andere Existenz im Rom. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1999, S. 140 f. und S. 146–150
Constanza Releir (Constanza Roesler) unterzeichnete einen undatierten, nicht adressierten Brief GSA 25/W 2568 St. 1, der sich in Goethes spärlichem privatem Nachlass befindet. Der Brief ist in gutem Italienisch und mit der gleichmäßigen Schrift eines professionellen Schreibers verfasst. Öffentliche Schulen für das Volk, getrennt nach Knaben und Mädchen, wurden in Rom vom Vatikan unterhalten. Knaben wurden in Lesen, Schreiben, Rechnen und Grammatik unterrichtet. Mädchen lernten vor allem Häkeln, Stricken und Nähen. Lesen wurde wenig, Schreiben fast gar nicht unterrichtet. Man befürchtete, dass Mädchen das Schreiben vor allem für Liebesbriefe nutzen würden.Roberto Zapperi: Das Inkognito. Goethes ganz andere Existenz im Rom. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1999, S. 222 f. Eine Serviererin wie Constanza konnte aufgrund ihrer schlechten Schulbildung nicht einen solch eleganten Brief schreiben.Roberto Zapperi: Das Inkognito. Goethes ganz andere Existenz im Rom. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1999, S. 152, 154.
„Carissimo Amico! / Ieri sera mi fu dato un ventaglio alla / moda; poi mi fu ritolto, desidero / da voi di trovarmene subito un / altro per far vedere a questo, che / si trovano altri ventagli, e forse / piu bello di quello. Scusare l‘ / ardire, e resto / Io Constanza Releir“
„Teuerster Freund! / Gestern Abend wurde mir ein eleganter Fächer gegeben; / dann wurde er mir wieder abgenommen, / ich wünsche mir von Euch, dass Ihr sofort einen neuen für mich findet, / um jenem zu zeigen, dass es auch andere und vielleicht noch schönere Fächer gibt. / Verzeiht meine Kühnheit, / ich verbleibe Constanza Releir“
Der Fächer war zu damaliger Zeit ein Liebespfand und damit Heiratsantrag. Constanzas bisheriger Werber hatte wohl seine Bewerbung zurückgezogen und sie erwartete von Goethe einen neuen Fächer und damit Heiratsantrag. Der Brief wurde vermutlich Januar oder Februar 1787 vor Goethes Abreise nach Neapel geschrieben, als sich sein Werben endgültig als erfolglos herausstellte. Am 17. Februar 1787, eine Woche vor seiner Abreise nach Neapel, kaufte Goethe einen Ring für einen Scudo und 70 Baiocchi, der wohl ein nachträgliches Abschiedsgeschenk war. Constanza wurde am 19. August 1787 an Antonio Gentile, einen Kellner aus Albano, verheiratet. Die Mitgift betrug 300 Scudi (je zur Hälfte bar und Hausrat). Constanza ist nicht die „Faustine“ der Römischen Elegien.Roberto Zapperi: Das Inkognito. Goethes ganz andere Existenz im Rom. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1999, S. 155 und S. 158 f.Safranski, Rüdiger: GOETHE – Kunstwerk des Lebens – Biographie, Carl Hanser Verlag, München, 2013, S. 330