Das P-26 (Projekt 26) war eine geheime Kaderorganisation zur Aufrechterhaltung des Widerstandswillens in der Schweiz im Fall einer Besetzung. Sie wurde 1979/1981 als Nachfolgerin des Spezialdienstes in der Untergruppe Nachrichtendienst und Abwehr (UNA) eingesetzt und wurde 1990 – immer noch im Aufbau begriffen – nach der Bekanntmachung durch eine Parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) durch den Bundesrat aufgelöst.Stellungnahme des Bundesrates zum Bericht der PUK EMD vom 23. November 1990. Für die P-26-Mitglieder war in Friedenszeiten keine Bewaffnung vorgesehen, und die Rekrutierten kannten sich nicht zellübergreifend. Vorgesehen war, dass sie ausschliesslich auf Befehl einer allenfalls im Ausland verbleibenden Exilregierung aktiv geworden wären, um als Nachrichtenquelle und letztes Mittel der Einflussnahme zu dienen.Philipp Hauenstein: Schweiz – Widerstandsorganisationen 1940–1991, auf globaldefence.net. Ein Kampfauftrag war nicht vorgesehen, sondern der Armee vorbehalten.Titus J. Meier: P-26 oder die Mär von der Schweizer Geheimarmee In: NZZ am Sonntag. 15. Juli 2018. mini|Urkunde Veronika

Vorgeschichte Von 1940 bis 1990 hatte die Armeeleitung fünfzig Jahre lang nicht nur die Verteidigung der Schweiz gegen eine nationalsozialistische Aggression und gegen einen Angriff gemäss der sowjetischen MilitärdoktrinIn 48 Stunden am Rhein? Spiegel, 28. Januar 1980. vorbereitet, sondern auch eine Niederlage ihrer Armee bedacht. Dazu sollte auch das von Albert Bachmann gestaltete Zivilverteidigungsbuch dienen, das 1969 vom Bundesrat an die Schweizer Bevölkerung abgegeben wurde und das wegen seiner Tendenz, die «Zivilgesellschaft zu militarisieren», in linken und pazifistischen Kreisen auf Ablehnung stiess. Unter strenger Geheimhaltung wurden bis 1990 logistische Strukturen aufgebaut, um ggf. nach einer feindlichen Besetzung des Landes den Widerstand organisieren zu können.

Die erste geheime Widerstandsorganisation Aktion Nationaler Widerstand (ANW) wurde am 7. September 1940 in einer Zeit höchster Bedrohung gegründet. Zur Gründungsversammlung im Bahnhofbuffet 2. Klasse in Zürich hatten der Nachrichtenhauptmann Hans Hausamann, der Nachrichtenkorporal und spätere Botschafter August Lindt und der Präsident der Schweizer Sozialdemokraten, Hans Oprecht eingeladen. Mit dabei waren auch der spätere SP-Bundesrat Max Weber und der für seinen unbeugsamen Widerstand gegen die Nazis bekannte Redaktor Albert Oeri sowie auch bekannte Theologen wie Leonhard Ragaz und Karl Barth und der Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler. Das Zusammenstehen aller Bundesratsparteien endete nicht mit dem Zweiten Weltkrieg, immer waren bekannte Exponenten aller vier Bundesratsparteien in den Widerstandsvorbereitungen engagiert, so etwa der 2016 verstorbene CVP-Bundesrat Alphons Egli mit dem Decknamen «Blasius». Sie alle standen 1990 bei Androhung von Zuchthausstrafen in der Pflicht absoluter Geheimhaltung. Im Auftrag von Hans Hausamann baute der Funkerkorporal, Bürgenstock-Hotelier und Funkamateur Fritz Frey 50 Geheimsender «Tg 105», von denen bis Kriegsende 21 Geräte bei geworbenen Funkern platziert und regelmässig in Betrieb genommen wurden. Der letzte dieser Funker der ANW wurde 2009 von Bundesrat Ueli Maurer im Bundeshaus aus der Geheimhaltung entlassen und verdankt. Für Rekrutierung und Betrieb des geheimen «G-Netzes» war Major Hagen freigestellt worden.

Von 1948 bis 1965/66 gab es Widerstandsvorbereitungen innerhalb des Territorialdienstes der Armee.

1968 ging die Verantwortung für die Vorbereitungen auf den neu gebildeten Spezialdienst der Untergruppe Nachrichtendienst und Abwehr (UNA) über. Von 1969 bis 1975 leitete Heinrich Amstutz (1924–2012) den Spezialdienst. Während seiner Zeit war von 1971 bis 1976 der spätere Bundesrat Alphons Egli als Milizoffizier im Armeestabsteil 420.3 Stabsmitglied des Spezialdienstes eingeteilt gewesen.

Ab 1976 leitete Albert Bachmann (Deckname «Tom») den Spezialdienst. Heinrich Eichenberger (Deckname «Felix») war Chef der Feldorganisation. Nach der Affäre Schilling/Bachmann im Jahr 1979, die Schilling eine bedingte Haftstrafe einbrachte und für Bachmann mit der Entlassung endete,Matter: P-26. Die Geheimarmee, die keine war. 2012 wurde der Spezialdienst reorganisiert und die beiden Bereiche Widerstandsvorbereitungen für den Besetzungsfall und ausserordentlicher Nachrichtendienst organisatorisch und personell entflochten.

mini|Efrem Cattelan (1990) Per 1. Oktober 1979 übernahm Efrem Cattelan, Oberst im Generalstab, den Spezialdienst von Oberst Bachmann und führte nach einer Einarbeitungszeit die von Bachmann geschaffenen Bereiche der Rekrutierung, der Ausbildung und der Logistik weiter. Nachdem in der Folge der Untersuchung des Falles Schilling durch eine Kommission des Parlamentes der Deckname «Spezialdienst» öffentlich geworden war, erhielt die Widerstandsorganisation per 1. Januar 1981 den neuen Decknamen Projekt 26 (P-26). Die Bezeichnung, die Generalstabschef Hans Senn als letzte Amtshandlung genehmigte, bezieht sich – wie auch die Parlamentariergruppe 426 (siehe weiter unten ausführlich) – auf den Artikel 426 der Gesamtverteidigungskonzeption von 1973, die im Artikel mit dieser Nummer die Widerstandsvorbereitungen beschreibt.Titus J. Meier: P-26 oder die Mär von der Schweizer Geheimarmee. In: NZZ am Sonntag vom 15. Juli 2018.

Rechtliche Grundlage Der Ursprung des Projekts 26 lag im sicherheitspolitischen Bericht des Schweizer Bundesrats von 1973:

Die Arbeitsgruppe Bachmann der Geschäftsprüfungskommission (GPK) unter dem Vorsitz des späteren Vorstehers des Eidgenössischen Militärdepartements (EMD, ab 1998 VBS), Jean-Pascal Delamuraz, kam 1981 in ihrem Bericht zum Spezialdienst unter Bachmann zu folgendem Fazit:

1973 und 1981 hatte das Parlament von den Vorbereitungen des Projekts 26 zustimmend Kenntnis genommen und dabei die Rechtmässigkeit der Organisation bestätigt. Sie war als Teil der Gesamtverteidigung verfassungskonform und wurde ausschliesslich mit staatlichen Mitteln finanziert. Die Einzelheiten der Widerstandsvorbereitungen mussten jedoch streng geheim bleiben, sollten die Strukturen der Organisation nicht gleich zu Beginn einer Besetzung verraten und vom Feind vernichtet werden., auf ETH Zürich, abgerufen am 14. Juni 2012.

Über die effektiven Dimensionen der Organisation P-26 konnte das Parlament nicht Bescheid wissen; in groben Zügen war jedoch 1980/81 die Geschäftsprüfungskommission informiert worden, die für sich die Oberaufsicht über die geheimen Dienste beanspruchte. Sie übte diese auch während einigen Jahren aus, doch scheint sie sich ab etwa 1984 nicht mehr darum gekümmert zu haben. Zwar fehlte für die Organisation eine Gesetzesgrundlage, doch stand sie auf verfassungsmässiger Basis.

Auftrag Im Falle einer Besetzung der Schweiz durch eine fremde Macht hätte das P-26 die Kaderleute (ausgerüstet mit den nötigen Mitteln) für einen kontinuierlichen Widerstand gegen den Aggressor bereitgestellt. Es sollte nicht dem Zufall oder dem Gegner überlassen werden, wie die Eidgenossenschaft zurück zur Unabhängigkeit findet. Im Gegensatz zu Widerstandsorganisationen im Zweiten Weltkrieg hatten die vier sich von 1940 bis 1990 folgenden Widerstandsstrukturen nie einen militärischen oder gar Kampfauftrag, es war von Anbeginn der politische Auftrag, die Moral der Bevölkerung unter einer totalitären Besatzungsmacht zu stützen und dem Exil-Bundesrat als einzige verbleibende Nachrichtenquelle und einziges operatives Instrument zu dienen.

Unter den strategischen Fällen eines Angriffes der Streitmächte des Warschauer Pakts gab es den Fall der «Teilbesetzung», bei der nur das panzergängige Mittelland besetzt worden wäre. In diesem Falle wären die zuletzt 40 Widerstandsregionen mit je zwei getrennten Zellen vom Inland-Führungsstab geführt worden. Dies könne entweder in der Anlage «Schweizerhof» in Gstaad und über die zugehörige Sendeanlage auf dem Flugplatz Saanen, beziehungsweise aus dem Ersatz-Kommandoposten auf dem Brünig, mit chiffriertem Kurzwellenfunk erfolgen. Die täglich eintreffenden Lagemeldungen der 80 Senderstandorte wären laufend durch den Führungsstab in einen täglichen Lagebericht des besetzten Gebietes verarbeitet und dem Bundesrat in seiner Führungsanlage K20 in Kandersteg über Kabel- und Richtstrahlverbindungen übermittelt worden. Diese Lageberichte wären dem im Reduit befindlichen Bundesrat die wichtigste Grundlage gewesen, um die Lage in der teilbesetzten Schweiz zu beurteilen.

Auch bei einer Vollbesetzung der Schweiz wäre es der Hauptauftrag der während 50 Jahren bestehenden vier aufeinanderfolgenden Kaderorganisationen für den Widerstand im feindbesetzten Gebiet gewesen, dem vorgesehenen Exil-Bundesrat, der nach der Vorstellung der Generalstabsabteilung in London, Irland oder Kanada (Ottawa) operiert hätte, als letzte Nachrichtenquelle und letztes Instrument der Einflussnahme in einer durch die Wehrmacht oder durch die Sowjetunion besetzten Schweiz zu dienen. Der Exil-Bundesrat wäre die Ultima Ratio der Selbstbehauptung gewesen. «Endziel des Widerstandes», heisst es im Auftrag des Generalstabschefs für das Projekt 26, «ist die Wiederherstellung der schweizerischen Souveränität in rechtsstaatlicher Freiheit in den heutigen Grenzen.»

Bedrohungslage mini|Infotafel: Sowjetische Generalstabskarte von 1988 mit Objektcharakteristik (im roten Rechteck) für die Brücke Rüdlingen (Baumaterial: ЖБ [= Железобетон / Stahlbeton]; Brückenlänge: 110 m; Fahrbahnbreite: 5 m; Tragfähigkeit: 30 t)

Funde aus den Archiven des KGBs zeigen auf, dass es noch bis zum Sommer 1988 Pläne für einen militärischen Vorstoss des Warschauer Pakts über den «neutralen Korridor» (Österreich und Schweiz) gab. Auf den Landkarten, die der sowjetische Generalstab nachführte, fanden sich Angaben zu den Belastungsgrenzen von schweizerischen Brücken. Beim Polizeieinsatz wegen der Besetzung der polnischen Botschaft in Bern wurden bereits 1982 Spionageunterlagen des Ostblocks gefunden. Nach dem Ende des Kalten Krieges 1989 wurde in Belfaux ein Versteck für Waffen und Ausrüstung aufgedeckt, das durch Sprengsätze geschützt war und vermutlich 1966 von sowjetischen Agenten angelegt worden war.Carolin Foehr: Was der KGB in Belfaux verbarg. Freiburger Nachrichten, 8. Oktober 2009.Andrew/Mitrokhin: The Sword and the Shield, 1999, Seite 371.

Der ranghöchste Überläufer des Sowjetblockes, der tschechoslowakische Generalmajor Jan Šejna, flüchtete 1968 in die Vereinigten Staaten und berichtete in seinem Buch «We will bury you», dass sowjetische Kriegspläne zur Besetzung der Schweiz auch den Einsatz von Luftlandetruppen vorsahen. Im Falle eines Kriegs gegen Deutschland war vorgesehen, die Schweiz zu besetzen, um zu verhindern, dass sich die besiegten «Faschisten» hätten in die Schweiz zurückziehen können. Die Planung sah auch vor, die Schweizer Neutralität mit Einheiten des Warschauer Pakts «zu schützen», falls der Westen versucht hätte, gegen Militäraktionen des Warschauer Pakts in Österreich oder Jugoslawien vorzugehen.Zitiert in: Stefanie Frey: Switzerland’s Defence and Security Policy during the Cold War (1945–1973). Verlag Merker im Effingerhof, Lenzburg 2002. ISBN 3-85648-123-0.

Die Schweizer Militärs waren überzeugt, dass eine sowjetische Offensive Richtung Westen praktisch aus dem Stand, das heisst ohne erkennbare Vorbereitungen, ausgelöst werden könnte.Terror-Rezepte für jedermann. In: NZZ, 26. Juli 2013. Der Berner Major Hans von Dach verfasste 1957 das Buch Der totale Widerstand, um die Schweiz auf eine sowjetische Invasion vorzubereiten.

Szenarien Efrem Cattelan formulierte 1982 in der streng geheimen Grundkonzeption mögliche Entwicklungen («Szenarien»), die zu einer militärischen Besetzung der Schweiz und damit zu einem Einsatz der Widerstandsorganisation führen könnten: Durchmarsch: Dieser führt zu einer Teilbesetzung des Landes. Das Ziel dieser Aktion gilt primär nicht der Eroberung der Schweiz.