Herderit, veraltet u. a. auch als Allogonit oder Haplotyper Allogonit sowie als Fluorherderit bekannt, ist ein sehr selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Phosphate, Arsenate und Vanadate“. Es kristallisiert im monoklinen Kristallsystem mit der chemischen Formel CaBe[(F,OH)|PO4], ist also chemisch gesehen ein Calcium-Beryllium-Phosphat mit zusätzlichen Fluorionen. Die in den runden Klammern angegebenen Verbindungen bzw. Elemente F und OH können sich dabei in der Formel jeweils gegenseitig vertreten (Substitution, Diadochie), stehen jedoch immer im selben Mengenverhältnis zu den anderen Bestandteilen des Minerals.
Herderit findet sich vor allem in Form von kurzprismatischen, nach der a-Achse oder der c-Achse gestreckten Kristalle sowie nach {100} dicktafeligen Individuen, die mehrere Zentimeter Größe erreichen können. Herderit bildet eine lückenlose Mischkristallreihe mit seinem hydroxyldominanten Analogon Hydroxylherderit, von dem er makroskopisch nicht zu unterscheiden ist. Bei den meisten der als „Herderit“ etikettierten Mineralen handelt es sich aber tatsächlich um Hydroxylherderit. Bei allen der hier abgebildeten Minerale ist die genaue Zugehörigkeit zu Herderit bzw. Hydroxylherderit unbekannt.
Etymologie und Geschichte mini|links|Namensgeber Sigismund August Wolfgang Freiherr von Herder Als Erstbeschreiber des Herderits gilt der Wiener Mineraloge Wilhelm Karl von Haidinger, dem bei einem Besuch im Wernerschen Museum in Freiberg im Jahre 1823 eine Mineralstufe aus Ehrenfriedersdorf mit einem seiner Meinung nach neuen Mineral aufgefallen war. Die Erstbeschreibung des neuen Minerals veröffentlichte Haidinger erst im Jahre 1828 und führte zu Ehren des Geologen, Mineralogen und sächsischen Oberberghauptmanns Sigismund August Wolfgang Freiherr von Herder (1776–1838), der ihm 1825 Untersuchungsmaterial von der damals einzigen Stufe zur Verfügung gestellt hatte, den Namen Herderit ein.
Damit begann ein fast 15 Jahre währender Streit um die Priorität der Entdeckung des Herderits – eine der kuriosesten Auswüchse der an skurrilen Vorkommnissen nicht gerade armen Entdeckungsgeschichten sächsischer Minerale, der bereits ausführlich dokumentiert ist. Heute lässt sich dieser Streit so zusammenfassen: Im Jahre 1813 verschenkte Johann Friedrich August Breithaupt an Abraham Gottlob Werner eine Stufe aus Ehrenfriedersdorf in Sachsen mit einem Mineral, welche letzterer für Apatit hielt, was aber nach Meinung von Breithaupt und von Karl Gustav Adalbert von Weissenbach (damals Kustus der Wernerschen Sammlung) kein Apatit war. Es dauerte acht Jahre, bis Haidinger dieses Mineral während des o. g. Aufenthaltes in Freiberg untersuchte und das Ergebnis mit einem Etikett der Stufe beilegte. Wiederum fünf Jahre später veröffentlichte Haidinger seine Untersuchungsergebnisse als Erstbeschreibung des neuen Minerals Herderit im damals in Edinburgh erscheinenden „Philosophical Magazine“. Im Jahre 1830 beschrieb Breithaupt in seiner „Uibersicht des Mineralsystem’s“ zum ersten Mal einen „Haplotypen Allogonit-Spath“, erwähnte beiläufig den von Haidinger gewählten Namen Herderit und suggerierte so seine Priorität bei der Entdeckung dieses Minerals. 1832 veröffentlichte Breithaupt sein „Vollständige Charakteristik des Mineral-Systems“, in dem er dieses Mineral als „Haplotypen Allogonit“ bezeichnete und erklärte: „Unter diesem Namen habe ich schon seit 8 Jahren dieses von mir entdeckte Mineral in meinen öffentlichen Vorträgen berücksichtigt.“ In seinem 1841 erschienenen „Vollständigen Handbuch der Mineralogie“ wiederholte Breithaupt diese Aussage. Nachdem 1833 Ernst Friedrich Glocker aus Breithaupts Ausführungen die Priorität des Namens Allogonit gegenüber Herderit abgeleitet hatte, sah sich Haidinger um die Früchte seiner wissenschaftlichen Arbeit betrogen und veröffentlichte eine Klarstellung, die in den folgenden Sätzen gipfelte: „Ich kann daher mit Grund behaupten: 1) Dass Hr. Prof. Breithaupt diese Species für Apatit hielt, bis er das Gegenteil aus meinem Munde hörte. 2) Dass er mit den Abmessungen und anderen Eigenschaften derselben erst bekannt wurde, seitdem er sie von meiner Hand geschrieben lesen konnte. An der Aufstellung und Bestimmung der Species des Herderits hat also Hr. Prof. Breithaupt keinen Antheil.“ Breithaupt entgegnete: „Diese Bestimmung nun gehört lediglich Hrn. Haidinger, nicht mir, an; ich habe sie aber auch niemals als die meinige ausgegeben, und folglich mir kein Plagiat erlaubt. Jahre lang früher, als Hr. Haidinger seine Bestimmung bekannt gemacht, habe ich das Mineral unter dem Namen Allogonit in meinen Vorlesungen mit vorgezeigt, dabei mich nur als Entdecker, Hrn. Haidinger aber gewissenhaft als Beschreiber genannt, nach einer Etiquette, die von Hrn. Haidinger selbst dem Stücke beigelegt war.“
Damit war der Streit zwischen Haidinger und Breithaupt offensichtlich beendet – weitere Auseinandersetzungen sind nicht bekannt. Jedoch muss darauf hingewiesen werden, dass Haidinger in seinem 1845 erschienenen „Handbuch der bestimmenden Mineralogie“ den von Breithaupt gewählten Terminus „Allogonit“ als Synonym neben „seinem“ Herderit verwendet hat.
Eine zweite Stufe mit Herderit war erst 1835, im Übrigen von Breithaupt ebenfalls in Ehrenfriedersdorf, gefunden worden.
Typmaterial des Minerals (der Holotyp bzw. der Topotyp) befindet sich in der eigenständigen „Werner-Sammlung“ innerhalb der „Geowissenschaftlichen Sammlungen“ an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg in Freiberg, Sachsen, Deutschland (Katalog-Nr. 103800 am Standort „Pultvitrine 27, vordere Reihe 2“).
Status Der Status des Herderits ist kurzzeitig völlig in Frage gestellt worden, als mit Mikrosondenanalysen an 41 „Herderiten“ von 19 verschiedenen Lokalitäten kein einziger fluordominanter Herderit nachgewiesen werden konnte, sondern ausschließlich hydroxyldominante Hydroxylherderite mit Zusammensetzungen zwischen 98 und 53 Mol-% Hydroxylherderit. Einzige Ausnahme war ein grüner geschliffener Herderit aus „Brasilien“ mit 40 Mol-% Hydroxylherderit. Mittlerweile liegen weitere Analysen von z. T. sehr fluorreichen Herderiten vor, so dass der Status des Herderits als eigenständiges Mineral nicht mehr gefährdet ist. Problematisch ist aber die Tatsache, dass die Zusammensetzung des Herderit-Holotyps aus Ehrenfriedersdorf unbekannt ist, da die Definition einer Mineralspezies, wenn ein Holotyp-Exemplar vorhanden ist, an diesem Exemplar erfolgen muss. Die Holotyp-Stufe aus Ehrenfriedersdorf befindet sich aber in der Werner-Sammlung der TU Bergakademie Freiberg und gehört damit zum kulturellen Erbe. Derartig wertvolles Material wird nur sehr ungern für Analysen bereitgestellt, zudem gleich zwei formelwirksame Elemente (Beryllium und Fluor) schwierig zu analysieren sind. Die bislang einzige mit modernen Methoden an Ehrenfriedersdorfer Material (aber nicht am Holotyp-Material) durchgeführte Analyse ergab nahezu gleich große Gehalte an OH und F mit leichter Dominanz des ersteren. Die entsprechende Formel lautet CaBe[(OH)0,52F0,48|PO4]. Damit liegt auch in Ehrenfriedersdorf ein Hydroxylherderit vor, jedoch erscheint es durch die nahezu gleich großen Gehalte von OH und F möglich, dass fluordominante Kristalle oder fluordominante Bereiche in Kristallen der Holotypstufe existieren. Nur in diesem Fall, der aber analytisch belegt werden muss, würde mit dem Namen Herderit weiterhin die fluordominante Spezies bezeichnet werden. Wenn sich bei einer Analyse des Ehrenfriedersdorfer Holotypmaterials hingegen herausstellen würde, dass dieses hydroxyldominant ist, müsste der Herderit als hydroxyldominante Spezies redefiniert und Hydroxylherderit als Mineral diskreditiert werden. In einem weiteren Schritt wäre das Mineral aus den Lokalitäten, die fluordominantes Material geliefert haben, als neues Mineral – welches dann möglicherweise den Namen Fluorherderit bekommen würde – zu definieren.
Klassifikation In der veralteten 8. Auflage der Mineralsystematik nach Strunz gehörte der Herderit zur Mineralklasse der „Phosphate, Arsenate, Vanadate“ und dort zur Abteilung „Wasserfreie Phosphate, Arsenate und Vanadate mit fremden Anionen“, wo er gemeinsam mit Babefphit, Hydroxylherderit und Väyrynenit in der „Herderit-Väyrynenit-Gruppe“ mit der Systemnummer VII/B.01 steht.
In der zuletzt 2018 überarbeiteten Lapis-Systematik nach Stefan Weiß, die formal auf der alten Systematik von Karl Hugo Strunz in der 8. Auflage basiert, erhielt das Mineral die System- und Mineralnummer VII/B.01-010. Dies entspricht der Klasse der „Phosphate, Arsenate und Vanadate“ und dort der Abteilung „Wasserfreie Phosphate, mit fremden Anionen F,Cl,O,OH“, wo Herderit zusammen mit Babefphit, Bergslagit, Hydroxylherderit, Lefontit und Väyrynenit die Gruppe der „Sehr kleine Kationen (Li-Be)“ mit der Systemnummer VII/B.01 bildet.
Die von der International Mineralogical Association (IMA) zuletzt 2009 aktualisierte 9. Auflage der Strunz’schen Mineralsystematik ordnet den Herderit in die Klasse der „Phosphate, Arsenate und Vanadate“ und dort in die Abteilung „Phosphate usw. mit zusätzlichen Anionen; ohne H2O“ ein. Hier ist das Mineral in der Unterabteilung „Mit kleinen und mittelgroßen Kationen“ zu finden, wo es zusammen mit Bergslagit und Hydroxylherderit die „Herderitgruppe“ mit der Systemnummer 8.BA.10 bildet.
In der vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchlichen Systematik der Minerale nach Dana hat Herderit die System- und Mineralnummer 41.05.04.01. Das entspricht der Klasse der „Phosphate, Arsenate und Vanadate“ und dort der Abteilung „Wasserfreie Phosphate etc., mit Hydroxyl oder Halogen“. Hier findet er sich innerhalb der Unterabteilung „Wasserfreie Phosphate etc., mit Hydroxyl oder Halogen mit (AB)2(XO4)Zq“ in der „Herderitgruppe“, in der auch Hydroxylherderit, Väyrynenit und Bergslagit eingeordnet sind.
Chemismus Mittelwerte aus Mikrosondenanalysen an Herderit aus Mogok in Myanmar ergaben Gehalte von 0,29 % Na2O; 34,45 % CaO; 15,30 % BeO; 0,01 % FeO; 0,02 % Al2O3; 0,05 % SiO2; 43,16 % P2O5; 8,7 % F und 1,39 % H2O (BeO und H2O aus der Stöchiometrie berechnet). Daraus ergab sich die empirische Formel Ca1,004(Be1,000Al0,001)(P0,994Si0,001)O4[F0,748(OH)0,252], die zu CaBePO4[F0,75(OH)0,25] idealisiert wurden. Der Natriumgehalt wird auf Einschlüsse im Nanometermaßstab zurückgeführt. Die Formel des reinen Fluor-Endgliedes CaBePO4F erfordert Gehalte von 34,39 % CaO; 15,34 % BeO, 43,53 % P2O5 und 11,65 % F.
Herderit ist das fluordominante Analogon des hydroxyldominierten Hydroxylherderits, mit dem er eine kontinuierliche Mischkristallreihe bildet. Ein Fluorgehalt von 5,86 Gew.-% charakterisiert den Mittelpunkt der Mischkristallreihe. Bei Kristallen mit Fluorgehalten > 5,86Gew.-% handelt es sich danach um Herderite, ist der Wert kleiner als 5,86 Gew.-%, liegt Hydroxylherderit vor.
Die bis 1976 einzigen vollständige Analysen von Herderiten mit F > OH wurden Ende des 19. Jahrhunderts publiziert, beide an Material von Stoneham, Maine/USA. Bei späteren Untersuchungen von diesem oder ähnlichem Material aus Stoneham wurden in den 1970er Jahren allerdings durchweg Fluorgehalte von ≤ 4,52 Gew.-% ermittelt, womit bei allen Kristallen eindeutig Hydroxylherderit (mit 61 bis 72 Mol-% Hydroxylherderit) vorlag. Das Auftreten von Herderit in den verschiedenen Lokalitäten in Maine/USA ist damit sehr unwahrscheinlich.
Kristallstruktur Herderit kristallisiert monoklin in der mit den Gitterparametern a = 9,82 Å; b = 7,70 Å; c = 4,81 Å und β = 90,1° sowie vier Formeleinheiten pro Elementarzelle.