mini|hochkant|Leïla Slimani (2025) Leïla Slimani (* 3. Oktober 1981 in Rabat, MarokkoAlexandra Schwartzbrod: Leïla Slimani. «Madame Bovary X» Libération, 29. September 2014.) ist eine französisch-marokkanische Schriftstellerin und Journalistin. Für ihren Roman Chanson douce wurde sie 2016 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet.
Leben und Werk Slimani ist die mittlere dreier Töchter des Ökonomen Othman Slimani und der HNO-Ärztin Béatrice-Najat Dhobb Slimani.Lauren Collins: The Killer-Nanny Novel That Conquered France, in: The New Yorker, 1. Januar 2018, abgerufen am 8. Februar 2018. Ihr Vater war zeitweise Regierungsminister und später Banker; als Slimani 20 Jahre alt war, wurde er im Zusammenhang mit einem Finanzskandal verhaftet und inhaftiert, starb jedoch vor Prozessbeginn und wurde später postum entlastet. Ihre Großmutter, Anne Ruetsch (1921–2015), stammte aus dem Elsass und übersiedelte nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrem marokkanischen Ehemann nach Meknès in Marokko.
Slimani besuchte das Lycée Descartes in Rabat, eine französische Sekundarschule mit weltweit überdurchschnittlichem Niveau. 1999 ging sie nach Paris und studierte Medien und Politik am Institut d’études politiques de Paris und an der ESCP Europe. Nach ihrem Studium besuchte sie den Cours Florent und versuchte sich kurzzeitig als Schauspielerin. In Paris empfand sie es später als beschämend, sich gegenüber Franzosen dafür rechtfertigen zu müssen, dass sie kein Arabisch sprach, und deutete diese Erfahrung als Teil einer Identität, die ihr stärker von außen zugeschrieben wurde als von ihr selbst. Schreiben beschrieb sie in diesem Zusammenhang als Möglichkeit, sich von solchen Zuschreibungen zu lösen und ihrer brüchigen, unvollkommenen Identität Nuancen hinzuzufügen.
Sie arbeitete seit 2008 als Journalistin für das Magazin Jeune Afrique, für das sie über nordafrikanische Themen berichtete.Wichtigster französischer Literaturpreis: Leïla Slimani mit Prix Goncourt ausgezeichnet Spiegel Online, 3. November 2016. Ein erster literarischer Manuskriptentwurf wurde zunächst vielfach abgelehnt, bevor sie ihren Debütroman veröffentlichte. 2014 veröffentlichte sie mit Dans le jardin de l’ogre ihren ersten Roman, der in Marokko mit dem Prix de La Mamounia ausgezeichnet wurde.Dark novel on female sex addiction wins prize in Morocco France 24, 29. September 2015. In Dans le jardin de l’ogre, auf Deutsch All das zu verlieren, nahm Slimani bereits Themen wie sexuelle Selbstbestimmung, bürgerliche Doppelleben und weibliche Transgression auf. Zwei Jahre später folgte der psychologische Thriller Chanson douce. Der Roman knüpft an reale Fälle tödlicher Gewalt durch Kinderbetreuerinnen an und erzählt nach einem schockartigen Anfang rückwärts von Klasse, Herkunft und Mutterschaftsängsten. Er entwickelte sich mit einer Auflage von mehr als 76.000 Exemplaren innerhalb von zweieinhalb Monaten bereits vor seiner Auszeichnung mit dem Prix Goncourt zu einem Bestseller. In: Luzerner Zeitung, 3. November 2016.Benoit Morenne: Leïla Slimani Wins Prix Goncourt, France’s Top Literary Award New York Times, 3. November 2016. Mit der Auszeichnung wurde Slimani als erste Marokkanerin mit dem Prix Goncourt geehrt. Innerhalb eines Jahres nach der Veröffentlichung wurden insgesamt 600.000 Exemplare verkauft. Im Jahr 2019 kam die Verfilmung des Romans in die französischen Kinos, in der Karin Viard die Hauptrolle übernahm.
In ihrem Sachbuch Sexe et Mensonges sammelte Slimani Aussagen von Frauen über deren verdeckte Sexualleben und positionierte sich zu Abtreibung und sexueller Freiheit. Im November 2017 ernannte Emmanuel Macron sie zur persönlichen Vertreterin des französischen Präsidenten für die Frankofonie; in dieser Funktion sollte sie Frankreich im Ständigen Rat der Internationalen Organisation der Frankofonie vertreten und für die französische Sprache, Mehrsprachigkeit sowie gemeinsame Werte werben.
Zwischen 2020 und 2025 erschien Slimanis autobiographisch gefärbte Trilogie Le Pays des autres über drei Generationen einer marokkanisch-französischen Familie. Der erste Band ist lose von der Geschichte ihrer Großeltern inspiriert: einem marokkanischen Soldaten, der im Zweiten Weltkrieg für Frankreich kämpft, und einer Elsässerin, die nach der Ehe mit ihm nach Marokko zieht. Band 1 hatte „Marokkos Weg nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Unabhängigkeit von Frankreich 1956 im Blick“, Band 2 von 2022 „die späten 60er Jahre bis Mitte der 70er Jahre, in der Zerrissenheit zwischen kolonialem Erbe und einer autoritären Monarchie“. Band 3, J’emporterai le feu (Trag das Feuer weiter) spielt in den 1980er bis 2000er Jahren und zeigt eine neue Generation, die zwischen Tradition und Globalisierung steht. Der Abschlussband folgt zwei Schwestern bei der Suche nach Identität, Zugehörigkeit und Aufbruch und führte Slimani nach eigenen Angaben besonders nah an die Geschichte ihres Vaters heran. Auch dieser Roman ist durch die Figur des Vaters Mehdi autobiografisch gefärbt, der wie Slimanis Vater ins Gefängnis muss; aber anders als die Autorin ist die Protagonistin Mia lesbisch, wodurch Thesen aus ihrem Buch Sexe et Mensonges (Sex und Lügen) literarisch aufgearbeitet werden.
2021 zog Slimani mit ihrer Familie nach Lissabon, um dort in Ruhe an ihrer Romantrilogie arbeiten zu können.Leïla Slimani – Die Leidenschaftliche. Der Spiegel 39/2022 Im Jahr 2025 wurde sie beim 78. Filmfestival von Cannes als Jurymitglied des Hauptwettbewerbs ausgewählt. 2026 nahm Slimani an der internationalen Literaturresidenz Writing the Prado im Museo del Prado in Madrid teil, einem vom Prado und der Loewe Foundation in Zusammenarbeit mit Granta en Español getragenen Programm. Während ihres Aufenthalts setzte sie sich besonders mit Francisco de Goyas Schwarzen Gemälden auseinander, die sie als Bilder menschlicher Enttäuschung und gesellschaftlicher Abgründe las. Ebenfalls 2026 veröffentlichte sie bei Gallimard den Essay Assaut contre la frontière, in dem sie ihr Verhältnis zum Arabischen, zu Darija und zur Erfahrung sprachlich gebrochener Identitäten untersucht. Ausgehend von einem wiederkehrenden Albtraum, in dem sie vor Gericht gezwungen wird, Arabisch statt Französisch zu sprechen, erzählt sie von einer mehrsprachigen Kindheit in Rabat zwischen Darija, Berberdialekt, Französisch und Deutsch. Erst der Umzug nach Paris mit achtzehn habe sie zur „Araberin“ gemacht, während eine spätere Rückkehr nach Marokko zeige, wie weit ihr das Marokkanische inzwischen entglitten sei; diese Erfahrung beschreibt sie als umgekehrtes Babel, in dem am Ende eine einzige Sprache steht statt vieler. Der Essay verbindet das mit einer Kritik an der Stigmatisierung des Arabischen in Frankreich seit dem 11. September 2001 und an der literarischen Reduktion nordafrikanischer Autoren auf ihre Herkunft und schließt mit einem Bekenntnis zum Roman als Mittel der Empathie sowie einer Umformulierung von Camus’ Sisyphos-Schluss: Man müsse sich vorstellen, dass man in Babel glücklich lebe. In Interviews beschreibt Slimani Literatur als Mittel gegen Dogmatismus und als Ort der Nuance, der sich einfachen Identitätszuschreibungen entzieht.
Im deutschsprachigen Raum erschien 2017 neben der deutschen Übersetzung von Chanson douce (als Dann schlaf auch du bei Luchterhand)Rezension von Carola Ebeling: Vertraue nie deiner Babysitterin zeit.de, 10. November 2017. und der Trilogie Le Pays des autres auch ihre Kurzgeschichte Dornröschen in der Anthologie L’amour toujours – toujours l’amour? Junge französische Liebesgeschichten.Übersetzt von Paula Rauhut, in: Annette Wassermann (Hrsg.): L’amour toujours – toujours l’amour? […] Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2017, ISBN 978-3-8031-2776-1, S. 141–149.
Werke La Baie de Dakhla: itinérance enchantée entre mer et désert. Malika Éditions, Casablanca 2013, ISBN 978-9954-0-3766-9. Dans le jardin de l'ogre. Éditions Gallimard, Paris 2014, ISBN 978-2-07-014623-9. Amelie Thoma (Übersetzerin): All das zu verlieren. Luchterhand, München 2019, ISBN 978-3-630-87553-8. Chanson douce. Éditions Gallimard, Paris 2016, ISBN 978-2-07-019667-8. Amelie Thoma (Übersetzerin): Dann schlaf auch du. Luchterhand, München 2017, ISBN 978-3-630-87554-5. Le diable est dans les détails. Éditions de l'Aube, La Tour-d’Aigues 2016, ISBN 978-2-8159-2144-2. Amelie Thoma (Übersetzerin): Warum so viel Hass? btb, München 2019, ISBN 978-3-442-71728-6. Sexe et Mensonges. La vie sexuelle au Maroc. Les Arènes, Paris 2017, ISBN 978-2-35204-568-7. Amelie Thoma (Übersetzerin): Sex und Lügen. Gespräche mit Frauen aus der islamischen Welt. btb, München 2018, ISBN 978-3-442-71681-4. Paroles d'honneur. Les Arènes, Paris 2017, ISBN 978-2-35204-654-7. Kerstin Behre (Übersetzerin): Hand aufs Herz. Illustriert von Laetitia Coryn. Avant, Berlin 2018, ISBN 978-3-945034-95-8. Le Pays des autres 1: La guerre, la guerre, la guerre. Éditions Gallimard, Paris 2020, ISBN 978-2-07-289312-4. Amelie Thoma (Übersetzerin): Das Land der Anderen. Luchterhand, München 2021, ISBN 978-3-630-87646-7. Le parfum des fleurs la nuit. Éditions Stock, Paris 2021, ISBN 978-2-23-408830-6. Amelie Thoma (Übersetzerin): Der Duft der Blumen bei Nacht. Luchterhand, München 2022, ISBN 978-3-630-87687-0. Le Pays des autres 2: Regardez-nous danser. Éditions Gallimard, Paris 2022, ISBN 978-2-07-297255-3. Amelie Thoma (Übersetzerin): Schaut, wie wir tanzen. Luchterhand, München 2022, ISBN 978-3-630-87647-4. Le Pays des autres 3: J’emporterai le feu. Éditions Gallimard, Paris 2025, ISBN 978-2-07-309836-8. Amelie Thoma (Übersetzerin): Trag das Feuer weiter. Luchterhand, München 2025, ISBN 978-3-630-87648-1. Assaut contre la frontière. Éditions Gallimard, Paris 2026, ISBN 978-2-07-315293-0.
Literatur Lauren Collins: The Killer-Nanny Novel that Conquered France. The New Yorker, 1. Januar 2018 Simon Kuper: „Knowing how to talk is a great power“. Interview, in: Financial Times, 21. April 2018, S. L&A 10 Silke Weber: Feministische Autorin Leïla Slimani – Eine Stimme, die lange fehlte Spiegel Online, 18. September 2018
Dokumentationen Andreas Nickel, Mathias Schellenberg: Durch die Nacht mit: Leïla Slimani und Kamel Daoud. Arte, 5. November 2017 (55 Min.) nicht mehr abrufbar, 12. Januar 2023 Barbara Wahlster: Leila Slimani auf dem blauen Sofa . ZDF, 13. Oktober 2017 (24 Min.)
Weblinks
Leïla Slimani : rencontre avec la romancière de l’ultramoderne solitude des femmes, Interview, 27. August 2016, bei Elle Aufruf zum Verbrechen – Eröffnungsrede zum 21. Internationalen Literaturfestival Berlin (2021) von Leïla Slimani (PDF) Warum Marokkos Jugend ins Wasser geht (Gastbeitrag, faz.net vom 21. August 2026). Am 30. Juli 2026 waren zehntausende Menschen nach Ceuta geschwommen, um in die Europäische Union zu migrieren
Einzelnachweise
Kategorie:Autor Kategorie:Literatur (21. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Französisch) Kategorie:Roman, Epik Kategorie:Träger des Prix Goncourt Kategorie:Journalist (Frankreich) Kategorie:Franzose Kategorie:Marokkaner Kategorie:Geboren 1981 Kategorie:Frau